LEBEN UND TOD IN TOKYO

Die Initiative für Architekturforschung, arch out loud, ist für außergewöhnliche Ausschreibungen bekannt. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, Designern, Planern und Architekten einzigartige Möglichkeiten zu eröffnen, die aktuellen Herausforderungen, mit denen unsere Umwelt zu kämpfen hat, zu erkennen und weltverändernde Lösungen zu entwickeln.

In ihrem aktuellen offenen Ideenwettbewerb rief arch out loud die Bewerber dazu auf sich mit dem Thema Leben & Tod in Tokyo auseinanderzusetzen. Hintergrund für die Ausschreibung ist die Tatsache, dass nicht nur Tokyos Bevölkerung selbst sondern auch ihr Altersdurchschnitt rasant ansteigt. Für Tokyo als eine der größten Städte der Welt bedeutet das, sich mit dem Thema Grabstätten auseinanderzusetzen. Doch wie geht man mit einem derartigen Problem um, wo es den Großteil der Bevölkerung bei dem Gedanken an Grabstätten in unmittelbarer Nachbarschaft schaudert.

Arch out loud hat Designer dazu aufgefordert für den Stadtteil Shinjuku in Tokyo Vorschläge für einen vertikalen Friedhof einzureichen, der sich intensiv mit der Beziehung zwischen Leben und Tod innerhalb der Stadt auseinandersetzt. Die Designer wurden in dem Wettbewerb insbesondere vor die Herausforderung gestellt sich sowohl mit der Frage nach dem geeigneten verfügbaren Raum als auch mit der kulturellen Identität des räumlichen Kontextes zu befassen. Schließlich lässt sich ein derart „heiliges“ Projekt nicht in jeder x-beliebigen Seitenstraße verwirklich, sondern fordert Respekt und Akzeptanz von seiner Umgebung.

Schlussendlich gingen 460 Entwurfsideen aus 54 Ländern und 6 Kontinenten im Rahmen des Wettbewerbs bei arch out loud ein. Aus all diesen Visionen kürte die Jury schließlich das Projekt „DEATH IS NOT THE END. BEING FORGOTTEN IS.“ von dem chinesischen Designer Team um Wei Li He, Wu Jing Ting Zen, Zhi Ruo Ma und Kui Yu Gong zum Gewinner des Wettbewerbs.

Das Gewinnerkonzept steht unter dem Motto „Death is not the end. Being forgotten is.“ und hat sich dementsprechend zum Ziel gesetzt den Tod als etwas Unvergessliches, Feierliches in Erinnerung zu rufen. In ihrem Entwurf setzt das Team Ballons ein, um dem Tod zu gedenken. Den Sarg für den Verstorbenen bildet ein 2 Meter breiter Helium Ballon. Die Asche des Verstorbenen wird im Zentrum des Ballons in einem biologisch abbaubaren Behältnis aufbewahrt. Mit durchsichtigen Acrylfasern wird der Ballon mithilfe einer unterirdischen Winde befestigt.

Das Besondere an dem Projekt ist, dass jedes Mal wenn die Asche eines Verstorbenen in einen Ballon gelegt wird, die Winde sich anfängt zu drehen und der Ballon dadurch anfängt nach oben aufzusteigen. Der Clou ist – zu jeder Zeit, wenn Angehörige und Freunde zur Grabstätte ihres Verstorbenen kommen, stoppt die Winde und der Ballon bleibt stehen. Wenn kein Besucher kommt steigt er weiter in die Höhe. Sobald der Zeitpunkt erreicht ist, dass die Acrylfaser vollständig von der Winde ausgerollt wurde und das Ende erreicht ist, steigt der Ballon in den Himmel auf und verschwindet in der Atmosphäre. In der Atmosphäre entzündet sich der Ballon durch die oxidierte Beschichtung des inneren Gefäßes und so kommt die Asche des Verstorbenen durch Wind und Regen wieder zurück auf die Erde.

Der Gedanke hinter diesem besonderen Konzept einer vertikalen Grabstätte ist, dass eine Person, dessen Asche nach und nach in den Himmel aufsteigt allmählich vom Rest der Welt in Vergessenheit gerät. Wenn der Ballon endgültig die Verbindung zum Boden verliert und sich in der Atmosphäre auflöst bedeutet dies, dass die verstorbene Person gänzlich in der Geschichte begraben wurde. Das Aufsteigen des Ballons und die Reise des Verstorbenen in den Himmel ist ein Gedenkritual, an dem die gesamte Stadtbevölkerung teilnehmen kann. So erinnern die aufsteigenden Ballons eine Stadt nicht nur an die Verstorbenen sondern erinnern auch an das Leben.

Alle Infos zum Gewinnerprojekt und den weiteren Anerkennung sind auch online abrufbar.

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