FREMD UND VERTRAUT

Schon längst nicht mehr lässt sich das Besondere am Städtischen allein in der Abgrenzung zum ländlichen definieren. Die moderne urbane Stadt hat heute ganz anderen Ansprüchen gerecht zu werden als damals – ist Fremde und Vertraute zugleich. Und die Suche nach dem Besonderen der Stadt von heute ist immer auch eine Auseinandersetzung mit ihrer Bewohnerschaft.

Urbanität bezeichnet die besondere Qualität des Städtischen. Was diese Besonderheit ausmacht, ist nicht unabhängig von der jeweiligen Gesellschaft, deren Städte betrachtet werden. Im europäischen Mittelalter war die Stadt das ganz andere des Landes. Stadt stand für die politische Selbstverwaltung einer bürgerlichen Gesellschaft gegenüber dem Herrschaftssystem des Feudalismus und für den Tausch von Gütern auf Märkten gegenüber den geschlossenen Kreisläufen der Selbstversorgungswirtschaft des „Ganzen Hauses“. Heute in Europa sind die demokratische Organisation der Politik sowie die marktförmige Organisation der Ökonomie und damit das, was die mittelalterliche Stadt gegenüber dem Land als eine andere Formation von Gesellschaft ausgezeichnet hatte, ubiquitär geworden. Was dann macht heute das Besondere der Stadt aus?

„Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Karl Kraus formuliert damit den ersten Anspruch an eine moderne urbane Stadt: Die Stadt als Maschine zur Entlastung von Arbeit und Verpflichtungen. Das meint zunächst Banalitäten: Man möchte nicht im Dreck waten, sein Wasser vom Brunnen holen und selber seine Exkremente entsorgen müssen. Wer eine Ahnung von dem Schmutz und Gestank vormoderner Städte hat, der wird Kanalisation und Bürgersteig als urbane Errungenschaften schätzen. Der Großstadtbewohner erwartet ferner ein leistungsfähiges, öffentliches Verkehrsnetz, das ihm zu lange Fußwege erspart. Und wer einmal in Johannesburg gewesen ist, der weiß das Privileg zu schätzen, in einer deutschen Stadt ohne Angst bei Nacht das Haus verlassen zu können. Urbanität bedeutet zunächst einmal Sicherheit und funktionierende Infrastrukturen. Aber moderne Großstädte leisten weit mehr. Mit ihrer Fülle an öffentlich oder privat organisierten Dienstleistungen und Güterangeboten bieten sie alles, um noch das ausgefallenste Bedürfnis zu befriedigen: Nahrung jeder gewünschten Qualität bis zum Vier-Sterne-Menü, Kleidung für jeden Anlass, Vergnügungen aller Art, persönliche Dienstleistungen von der Wohnungsreinigung über Fußpflege und Friseur bis zur psychotherapeutischen Betreuung, und die Sorge für Kinder, Alte und Kranke kann man an die entsprechenden sozialen Einrichtungen abgeben. Der Städter kann sich auf seinen Beruf oder andere selbstgewählte Aktivitäten konzentrieren, weil die moderne Dienstleistungsstadt jeden, sofern er über die notwendigen Informationen und über genügend Geld verfügt, von notwendigen Arbeiten und Verpflichtungen entlastet. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass gerade berufszentriert lebende Männer und Frauen wieder verstärkt in die Städte ziehen.

Das zweite Merkmal, das heute das Besondere der Stadt ausmacht, ist die Stadt als ein Ort, an dem Fremde leben. Stadt beginnt, wo die Bewohner sich nicht mehr persönlich kennen. Auf dem Dorf gibt es nur Nachbarn und Verwandte, im öffentlichen Raum der Stadt begegnet jeder, auch der Einheimische, dem anderen als ein Fremder. Der Fremde ist der prototypische Städter. Drei Gründe sind dafür verantwortlich: Erstens beschränkt die moderne Großstadt allein schon durch ihre schiere Größe die Chancen, dass aus Fremden Vertraute oder auch nur Bekannte werden. Zweitens ist die Stadt das bevorzugte Ziel von Wanderungen, wodurch Fremdheit ständig importiert wird. Und drittens produziert die Stadt aus sich heraus die unterschiedlichsten Milieus, deren Angehörige einander ähnlich fremd sein können wie der Migrant dem Alteingesessenen: die verschiedenen Subkulturen der Jugendlichen, das ordentliche Milieu der Kleinbürger und das unordentliche der Studenten und Künstler, das Milieu der Homosexuellen, das des Bildungsbürgertums, das der Obdachlosen, das der international orientierten Arbeitseliten etc. Diese Milieus konzentrieren sich an verschiedenen Orten der Stadt, was die Stadt zu einem Mosaik kultureller Dörfer macht. Wer dieses Mosaik mit offenen Augen durchwandert, erlebt eine Vielfalt von Lebensweisen und Lebensmöglichkeiten. Ähnlich wirkt die Präsenz von Geschichte in der Stadt. Sie konfrontiert den heutigen Städter mit den vergangenen Möglichkeiten städtischen Lebens. Die Erfahrung, dass zur selben Zeit an anderen Orten der eigenen Stadt und am selben Ort zu anderen Zeiten ganz andere Lebensweisen möglich sind, relativiert die scheinbar so selbstverständliche, eigene Art des Lebens in der Stadt. Das macht Stadterfahrung zu einer Schule der Selbstreflexion.

Die ständige Begegnung mit dem Fremden, wie sie typisch ist für die urbane Stadt, ist auch eine Zumutung. Der Städter hat dagegen eine „urbane Mentalität“ entwickelt, die Georg Simmel mit den Begriffen Blasiertheit, Distanziertheit, Gleichgültigkeit und Intellektualität charakterisiert hat. Die urbane Indifferenz, mit der der gelernte Städter sich die Unannehmlichkeiten der Stadterfahrung vom Leib hält, ist aber mehr als resignierte Toleranz, die die Existenz des Fremden bloß hinnimmt. Sie ist Voraussetzung dafür, dass man nach seiner Façon leben kann, ohne gleich von Verwandten, Nachbarn und Bekannten auf den Weg der Konvention zurückgezwungen zu werden. Die Konfrontation mit Fremden und die Erfahrung von Geschichte öffnen einen Horizont möglicher Lebensentwürfe, die urbane Indifferenz des Städters und die Anonymität der großen Stadt erlauben es, diese Möglichkeiten auch zu leben. Die urbane Stadt ist ein Ort, an dem man sein Leben neu entwerfen kann.

Aber es gibt auch eine Nachtseite der Urbanität. Die stadttypischen Freiheiten bergen die Risiken der Vereinsamung und des Scheiterns. Dass die sozialen Kontrollen hier lockerer sind, erleichtert kriminell abweichende Verhaltensweisen. Die urbane Stadt gewährleistet auch jene Unübersichtlichkeit und Anonymität, in deren Schutz der brave Bürger seinen weniger reputierlichen Neigungen nachgehen kann. Zur urbanen Stadt gehört nicht nur der breite Boulevard des Flaneurs, sondern auch das Labyrinth der Gassen, in dem man sich verirren kann. Zur urbanen Stadt gehören auch das Rotlichtviertel, die halb- und illegalen Aktivitäten der Schattenwirtschaft, die Stätten geheimer Wonnen und Lüste des Bürgers. Das sind oft schmuddelige Orte, wo sich all das sammelt und wohinein all das abgedrängt wird, was in der geordneten Stadt nicht gern gesehen ist. Alfred Döblin hat sie in seinem Roman Berlin Alexanderplatz beschrieben.


Prof. em. Dr. Walter Siebel

Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg. 1989–1995 wissenschaftlicher Direktor der IBA Emscher-Park, 1991–92 Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. 1995 Fritz Schumacher Preis, 2004 Schader Preis. Mitglied in DASL, DGS, ARL und verschiedenen wissenschaftlichen Beiräten. Letzte Buchveröffentlichungen: Die europäische Stadt (2004); Stadtpolitik (2009, zus. mit H. Häußermann und D. Läpple); Polarisierte Städte (2013, zus. mit M. Kronauer); Die Kultur der Stadt (2015).

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>