RÄUMLICH UND FUNKTIONAL

Im Gespräch mit Prof. Jörn Walter, Oberbaudirektor der Stadt Hamburg 

Wofür lohnt es sich, Stadt zu entwickeln? Was sind in der heutigen Zeit die Leitlinien?

Wir stehen im Moment vor einer Wachstumsphase in den Städten. Das haben manche von uns bereits erlebt, aber es gab durchaus auch schon Stagnationsphasen. Und natürlich muss man in solchen Phasen über die Weiterentwicklung der Stadt auch in der längerfristigen Perspektive etwas stärker nachdenken. Das betrifft das Räumliche aber auch das Inhaltliche. Was für eine Art Stadt will ich eigentlich haben? Wo kann sie sich noch verbessern? Das sind die ausschlaggebenden Fragen, die man sich in solchen Perioden stellt. Um es ein wenig zu präzisieren, stehen heute die Themen Urbanisierung und Mischung, Umwelt und Verkehr im Fokus. Wie kann sich Stadt unter diesen Gesichtspunkten weiterentwickeln? Wie entwickeln sich der soziale Zusammenhalt und das stadträumliche Bild? Wachstumsphasen sind auch immer Phasen, in denen man ein Bild vervollständigen und verschönern kann. Insofern ist es auch ein stadtgestalterisches Thema.

Sie haben das Thema Mischung angesprochen. Sind das Herausforderungen, die uns ermahnen, grundsätzlich neue Wege und Methoden zuzulassen?

Ja, unbedingt. Es gibt schon einige große Veränderungen, die man sich zugunsten der Städte zunutze machen kann. Zum Beispiel wird durch die Digitalisierung ein großer Umbruch in der Wirtschaft verursacht. Das betrifft die traditionellen Zweige, die sich neu orientieren müssen, aber auch den generellen Strukturwandel, durch den wieder viel mehr kleinere Unternehmen entstehen, die auch für die Mischung in der Stadt ganz neue Optionen eröffnen. Viele Unternehmen sind heute zudem gar nicht mehr so störend, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Und das erlaubt uns nun auch das Thema Wohnen und Arbeiten wieder sehr viel enger miteinander zu mischen. Und auch zu verknüpfen mit neuen, sich abzeichnenden oder stärker werdenden Lebensmodellen, die mit der Thematik Arbeitsteilung in der Familie oder zwischen Paaren zu tun haben. Deswegen müssen die Infrastruktureinrichtungen auch wieder näher in die Mitte der Stadt rücken. Kindergärten, Schulen etc. sollten auf kurzem Wege erreichbar sein, und zwar sowohl vom Wohnort wie vom Arbeitsplatz. Das ist ein Grund, warum viele wieder eine Lebensperspektive mitten in der Stadt sehen, nicht nur auf der grünen Wiese. Natürlich wirft das Folgethemen auf. Wie erhalten wir eine grüne Stadt? Wie machen wir sie unter Freizeitgesichtspunkten lebenswert? Das sind interessante Herausforderungen und vor allem große Chancen. Und gerade in solchen Wachstumsphasen ist es etwas leichter möglich, einen Teil davon auch mal zu realisieren. Zum ersten Mal in meiner beruflichen Laufbahn sehe ich für die nächsten Jahrzehnte eine sehr reale Perspektive für urbanere, gemischtere Städte. Das wir mit neuen Techniken, mit Carsharing-Modellen, auch mit neuen Werten der jüngeren Altersgruppen wirklich wieder zu lebensfreundlicheren Städten kommen. Das finde ich ist eine große Hoffnung, die aber jetzt nicht mehr nur eine ferne Vision darstellt, sondern sich in 20 oder 30 Jahren auf breiter Front durchsetzen kann.

Sie haben gerade die kleinteilige Strukturierung angesprochen. Muss die Immobilienwirtschaft an diesem Punkte nicht zunehmend neue Modelle lernen, damit sie kompatibel bleibt und zu einem qualitativen Partner wird?

Das würde ich unbedingt mit Ja beantworten. Wobei ich auch den Eindruck habe, dass die Immobilienwirtschaft dabei ist. Wenn man sich heute Unternehmensstrukturen anschaut, ist es nur noch selten der Fall, dass wir Großunternehmen finden, die auf einen Schlag 40-, 60- oder 80tausend Quadratmeter Bürofläche belegen. Das ist deutlich kleinteiliger geworden. Deswegen ist auch im Bürohausbau das Thema des eigentlich alten Kontorhauses wieder aktuell. Ein großes Haus, das in viele kleine Einheiten unterteilbar ist. Es gibt aber noch ein zweites, nämlich die Mischung unterschiedlicher Nutzungstypologien in einem Gebäude. Das ist noch eine wichtigere Frage, der sich die Immobilienwirtschaft in der Vergangenheit nicht gestellt hat, so mein Eindruck. Also Kombinationen von unterschiedlichen Erd- und Obergeschossnutzungen, aber auch von verschiedenen Nutzungen in einem Gebäude bis hin zum Wohnen. Auch das Thema Hotel und Büro oder kleinteiligere Mischungen aus Labor oder gewerblichen Einheiten und Bürotypen. Das sind Themen, da liegt noch ein größeres Aufgabenfeld vor uns. Es gibt Einzelentwicklungen in diese Richtung und ich habe das positive Gefühl, das hier in den letzten 15 oder 20 Jahren auch im Immobilienbereich einiges in Gang gekommen ist. Man ist doch manchmal positiv überrascht, was heute alles möglich ist. Ich glaube nicht, dass wir schon am Ende des Weges sind, aber wir bewegen uns auf jeden Fall in die richtige Richtung.

Sie engagieren sich ja in Köln zum Beispiel über Jurymitgliedschaften oder auch das Begleitgremium in der Parkstadt Süd. Was hat Sie dazu motiviert, sich ganz konsequent an den großen Verfahren in Köln zu beteiligen?

In einem gewissen Umfang habe ich das bei einzelnen Städten immer mal wieder gemacht. Aber natürlich ist das beruflich und zeitlich begrenzt. Bezogen auf Köln war es Zufall, denn ich kenne Franz Josef Höing von früher und wir haben uns immer gut verstanden. Dadurch kam anfänglich der Kontakt zustande – befördert natürlich auch durch die Tätigkeit Fritz Schumachers im Köln der zwanziger Jahre. Und dann ist es auch interessanter nicht nur an einem sondern, an mehreren Verfahren teilzunehmen, sodass man sich tiefer in eine andere Stadt hineindenken kann. Hier geht es ja wieder um große Stadtentwicklung und ich finde es sehr positiv, was Franz Josef Höing für Köln in diesem Zuge angeschoben hat. Für die Stadt Köln, die ja immerhin auch zu den vier großen Metropolen in Deutschland gehört, ist es wirklich eine sehr strategische und perspektivische Herangehensweise und bietet vor allem unglaubliche Chancen, die Stadt weiter städtebaulich und inhaltlich zu profilieren. Das sind ja teilweise traumhafte Lagen, die zur Entwicklung anstehen. Wenn Köln es schaffen würde, den grünen Ring mit der Parkstadt Süd zu vervollständigen, das wäre wirklich eine Jahrhundertleistung. Und wenn man das im Kontext mit dem Deutzer Hafen und dem Mülheimer Hafen sieht, dann könnte das für Köln ein sehr großer Entwicklungssprung werden. Das hat eine wirklich metropolitane Dimension. Man kann Köln nur wünschen, dass es viel davon umsetzen kann.

Bieten diese Entwicklungen auch die Chance, zentrale Fragen des Zusammenlebens in innerstädtischen Quartieren neu zu denken?

Ja, unbedingt. Gerade diese Standorte bieten sich in herausragendem Maße dafür an, das neu zu organisieren. Denn sie bringen eben ungeheure Lagequalitäten mit sich. Hier hat man die reale Chance, sehr unterschiedliche Gruppen anzuziehen und mit dem Bestandsgewerbe, aber auch neuen Unternehmen zu mischen und damit den abstrakten Visionen konkrete Gestalt zu geben. Das ist in den peripheren Lagen natürlich schwieriger, auch hier in Hamburg. Wenn es um die Fragen geht: Wie kann man in einer Stadt räumlich und funktional in der Zukunft leben? Was macht sie interessant? Oder wie können wir Städten neue Facetten geben? Dann sind natürlich gerade die Lagen, wie wir sie hier in Köln finden, diejenigen, die die Chance bieten, in zehn oder fünfzehn Jahren ein reales, für jedermann erfahrbares Bild zu schaffen. Und das wird dann ein Vorbild sein, das weiterträgt.

Man wird hier nicht flächenhaft abreißen sondern, andere Wege gehen. Vieles ist bereits vorhanden, was bedeutsam, prägend und identitätsbildend ist. Es sind Betriebe vorhanden, es gibt Zwischennutzer und vieles andere mehr. Man knüpft dort an etwas an, was einem die Entwicklung in die Zukunft deutlich erleichtert. Man hat ein Stück Geschichte dabei, kann aber auch Neues hinzufügen; das macht diese Orte spannend und interessant.

Würden Sie Köln empfehlen, diese führende Rolle in qualitativen Aussagen, aber auch in der Metropolenfrage in NRW deutlicher zu spielen und zu übernehmen?

Ich habe den Eindruck, dass Köln kräftig dabei ist, dies zu tun. Die Entwicklungen haben sicherlich eine ausstrahlende Wirkung auf NRW und andere Städte. Köln war in der Außenwahrnehmung immer eine Stadt, in der man gern lebte. Sie hat auch immer hervorragende Einzelarchitekturen und Architekten gehabt. Aber es fehlte von außen betrachtet das Gefühl, dass es auch eine strategische Linie in der Stadtentwicklung und Gesamtstadtgestalt gibt, die mit Beharrlichkeit verfolgt wird. Ich würde Köln aus meiner Perspektive heraus wünschen, dass sie diese Facette wieder gewinnt. Das kann der Stadt nur guttun.

Herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch.

Das Interview führte Johannes Busmann

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