WAS IST UTOPIA?

Die britische Architekturbewegung Archigram entwarf in den 1960er Jahren radikalste Stadtutopien. Von der „Underwater City“ über die „Walking City“ bis hin zur „Plug-In City“ konzipierte die Gruppe die Stadt als autonomen Organismus, realisiert mit Hilfe von Stahlbeinen zur Fortbewegung und austauschbaren Wohn- und Arbeitskapseln.

Utopien sind Ideen, die so wirklichkeitsfern oder fantastisch sind, dass sie kaum bis gar nicht realisierbar erscheinen. Sie sind Traum-Konzeptionen, die nicht selten auch Idealvorstellungen von etwas repräsentieren. Erste stadtutopische Ansätze gab es bereits vor 500 Jahren. Der Florentiner Bildhauer und Architekt Filarete schrieb Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem 25-bändigen Werk „Trattato d’architettura“ darüber, wie in der perfekten Stadt Architektur und Zusammenleben der Menschen zu einem harmonischen Organismus verschmilzt. Filarete war damit sozusagen der Urvater der Stadtutopie und die in der Utopie herrschende makellos gebaute Infrastruktur, bildet seither das Paradigma des Städtebaus. Bis heute entstanden und entstehen immer noch diverse fantastische Entwürfe, die eine architektonische Grundlage für eine Gesellschaft ohne Unsicherheiten oder Kriege darstellen sollen, eine Gesellschaft, in der jeder zugleich seine individuellen wie auch die gemeinschaftlichen Interessen vertritt.

Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewannen solch fantastische Stadtvisionen zunehmend an Bedeutung, immer mehr Architekten und Planer beschäftigen sich mit den Grenzen der architektonischen Machbarkeit. Ausgelöst und begleitet wurde das vor allem durch den technischen Fortschritt, der tiefgreifende Veränderungen mit sich brachte – sowohl im ökonomischen wie auch im gesellschaftlichen Bereich. Berühmte Beispiele sind unter anderem der „Plan Voisin“ für Paris von LeCorbusier (zu deutsch etwa „Plan für Nachbarschaftlichkeit“), in dem er die Probleme einer hoch verdichteten Innenstadt thematisiert. Oder die „Broadcare City“ von Frank Lloyd Wright aus dem Jahre 1932, in der er seine Vorstellung einer idealen Suburbia verwirklicht.

In Städten artikuliert sich also unsere Kultur. Sie ist ein urbanes Produkt, wird in Städten erzeugt, ausgetauscht und wahrgenommen. Auch oder vor allem durch die Art und Weise wie gebaut wird und die Gebäude angeordnet werden. All die Stadtutopien, die seit Jahrhunderten entstehen, sind deshalb auch immer politisch zu betrachten. Sie zeigen alternative und imaginäre Stadtmodelle – stets im Spiegel ihrer jeweiligen Zeit.

In den 1960er Jahren etablierte sich mit Archigram eine Architekturbewegung, deren Ansätze zu einem Meilenstein in der Geschichte der Stadtutopie werden sollten. Diese Geschichte beginnt 1960 in der Londoner Baufirma Taylor Woodrow (heute Taylor Wimpey). Die leistete sich damals eine Art Ideenlabor, in dem Architekten und Planer frei und ohne direkten Zweck oder Vorteil für das Unternehmen ihre visionären Projekte entwickeln konnten. Dort lernten sich die späteren Mitglieder von Archigram kennen: Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, David Green, Ron Herron und Mike Webb. Etwa ein Jahr später gründeten sie gemeinsam Archigram – zusammengesetzt aus „ARCHItecture“ und „teleGRAM.“ Sie veröffentlichen eine gleichnamige Zeitschrift, in der sie ihre Entwürfe oder künstlerischen Beiträge wie etwa Gedichte präsentierten.

Die Grundidee von Archigram ist die Stadt als mobile Megastruktur, die Technologie und Gesellschaft miteinander verschmelzen lässt – ein modulares System, das beliebig aus einzelnen funktionalen Kapseln zusammengesetzt werden kann. Manche dieser Entwürfe ähneln Tieren oder zumindest organischen Kreaturen, die sich auf Stelzen oder Stahlbeinen fortbewegen und so an jedem beliebigen Ort flexibel existieren können.

Als 1961 bereits eine umfangreichere Ausgabe von Archigram gedruckt wird, werden die sechs Architekten eingeladen, eine Ausstellung am Institut für Contemporary Arts in London zu präsentieren. Unter dem passenden Titel „Living City“ zeigte die Gruppe ihre Auffassung einer Stadt als lebendigen Organismus.

So gehört zu den wohl bekanntesten Projekten die von Peter Cook zwischen 1962 und 1965 entworfene „Plug-In City“ (S.14, 16 oben). In ihr zeigen sich mehrere zentrale Leitgedanken von Archigram: die funktionale Trennung von Konstruktion, die Schaffung von Wohnraum, eine modulare Bauweise, Austauschbarkeit, Standardisierung, Variabilität von Gestalt, Größe und Dichte der Stadt sowie beliebige Möglichkeiten der Erweiterung, was Höhe und Breite betrifft. Die Kernelemente der „Plug-In City“ sind vorfabrizierte stapelbare Zellen, fertige Kapseln aus Metall oder Kunststoff, sowie kommunizierende Röhrensysteme, die sich um einen zentralen Mast anordnen lassen – der Mast ist gleichzeitig Tragstruktur und Versorgungsleitung (deshalb auch „plug-in“, zu deutsch etwa „einstöpseln“). Ähnlich einer Raumkapsel ist der begrenzte Innenraum der Zellen optimal durchgeplant, sodass eine wechselseitige Anpassung vom Menschen mit seinem Wohn- bzw. Arbeitsplatz garantiert werden kann. Die Kapseln lassen sich außerdem beliebig auswechseln und arrangieren, damit sie stets auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden können. So reihen sich Wohntürme, Büros, Kultur- und Informationssilos aneinander, die sich durch riesige Kräne nach Wunsch bewegen und austauschen lassen.

„Our Utopianism, if that’s what it was, was pushing architecture to do more“, sagt Peter Cook in einem Interview mit der Architektur-Online-Plattform „archdaily.“

Besonders mit der Utopie „Plug-In City“ wollte Archigram dieses „Mehr an Architektur“ erreichen, indem sie die herrschenden traditionellen Wahrnehmungen einer städtischen Infrastruktur auf radikalste Weise hinterfragten.

Auch die „Instant City“, die vor allem auf Peter Cook, Dennis Crompton und Ron Herron zurückgeht und zwischen 1968 und 1970 entstand, vereint den zentralen Gedanken der Stadt als flexibles und mobiles Gesamtsystem (S.16 unten). Hier sind Städte nomadenmäßig in Paketform unterwegs, sie sind zudem schnell auf- und wieder abbaubar. Die „Instant City“ (zu deutsch etwa „Stadt des Augenblicks“) soll dazu dienen, das „Gefühl der Großstadt“ für Menschen, die in Provinzstädten leben, für eine bestimmte Zeit direkt erfahrbar zu machen. Die „Instant Cities“ „reisen“ quasi beliebig durchs Land und lassen sich parasitenartig nieder, um am jeweiligen Ort durch Bildungs- Unterhaltungs- und Freizeitangebote das ultimative Großstadterlebnis zu bieten. Auf diese Weise sollen durch bessere Informations- und Kommunikationsangebote neue Impulse in das Provinzleben gebracht werden.

Wie alle Stadtutopisten waren auch die Ideen von Archigram stark von den Umständen und Ereignissen ihrer Zeit geprägt. Raumfahrt und Kalter Krieg, Fortschrittsglaube und Zukunftsangst sowie wachsender Wohlstand auf der einen und zunehmende Verarmung auf der anderen Seite, prägen die freiheitlichen Ansätze der britischen Architekturbewegung. Ansätze einer städtischen Zukunft, in der Grenzen und Länder schlicht verschwinden und Städte zu einer reinen Hülle, einer Infrastruktur für einen nomadenhaften und gänzlich freiheitlichen Lebensstil werden.

Auch heute gibt es immer wieder solch innovative Ansätze von jungen Architekten, die auf die Ideen der Archigram Bewegung zurückgreifen und darauf aufbauen. Manuel Dominguez aus Spanien beispielsweise – er hat für seine 2013 eingereichte Master-Arbeit an der ETSA Madrid eine „Nomadic City“ mit dem simplen Namen „Very Large Structure“ (VLS) konstruiert. 560 Meter lang, drei Stockwerke hoch, auf denen sich alle elementaren infrastrukturellen Stadtelemente wie mechanische Ressourcen, Be- und Abfallentsorgung befinden. VLS basiert auf einem gigantischen Kran, Fortbewegung ist mit Hilfe von über 30 Gleisketten möglich. Manuels Kerngedanke: die Stadt verbraucht die lokalen Ressourcen nicht, sie restituiert das Land vielmehr, auf dem sie sich gerade befindet. VLS kann, genau wie viele Entwürfe von Archigram, seine Position verändern: Ziel ist es, an verschiedenen Orten, verschiedene und für die Stadt optimale ökologische wie ökonomische Bedingungen vorzufinden, die es der Stadt ermöglicht, ihre Energieformen gänzlich selbst herzustellen und die Umwelt nicht auszubeuten, sondern im Gegenteil: sie wieder neu zu beleben. Die Stadt als mobiles Vehikel also, bei dem Gesellschaft und Technologie miteinander verschmelzen.

Können solche Stadtutopien nun auch Wirklichkeit werden?

Das Centre Pompidou in Paris, eines der bedeutendsten Museen für moderne Kunst weltweit – gilt allgemein als Paradebeispiel für die architektonische Realisierung der Archigram-Vision – wenn auch in einer etwas abgemildeteren Form. 1973 schrieb die französische Regierung unter Präsident Georges Pompidou einen internationalen Architekturwettbewerb für den Neubau eines hypermodernen Kulturzentrums für Paris aus. 681 Architekten, Teams und Büros nahmen teil. Dabei glich kein Entwurf dem anderen – von der flachen Metallkuppel über schräge Quader bis hin zum großen Turm war alles dabei. Zur allgemeinen Überraschung entschied sich die Jury schließlich für einen Entwurf von zwei damals völlig unbekannten Architekten: Renzo Piano aus Italien und Richard Rogers aus Großbritannien. Ihr Design, ebenso überraschend wie die beiden Planer selbst: frisch, anders, herausfordernd, und vor allem spektakulär-provokativ. Denn Piano und Rogers wollten etwas Großes schaffen, etwas Visionäres, etwas zuvor nie Dagewesenes. Die Aufgabe war für sie auch eine Art Provokation – der monumentalen Präsidialarchitektur wie in Paris üblich, wollten sie unter allen Umständen entgegenwirken. Und so spiegelte sich in ihrem Entwurf die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre wieder. Die utopisch-fantastischen Ideen von Archigram, deren Mitglieder wiederum ehemalige Mitstudenten von Piano und Rogers waren übrigens, sollten also als Grundlage für das neue Museum im Herzen von Paris dienen. Es war dieser ideell-progressive, frei und funktional-maschinenhafte Charakter, der das Centre Pompidou heute kennzeichnet. Eine demontable und verwandelbare Architektur, inspiriert von Offshore-Bohrinseln, Flugzeughallen und Science-Fiction-Comics. Flexibel, spielerisch, modern und leicht sollte es sein, das neue Kulturzentrum. So knüpft das Gebäude außerdem an die angelsächsische Metallbautradition an: Was man zu sehen bekommt, ist ein reiner Metallbau. Die Gebäudefassaden sind wiederum allesamt aus Glas. Außerdem wurde die Technik sowie die gesamte Verkehrsstruktur des Museums nach außen verlegt, die gesamte Gebäudestruktur wird sichtbar zur Schau gestellt. Dieses Vorgehen schuf nicht nur eine Innenfläche, die komplett frei für die kulturellen Inhalte genutzt werden kann, sondern auch ein spektakuläres Außen. Denn neben dem metallenen Skelett und den gläsernen Fassaden, haben Piano und Rogers die vielen Rohre, Aufzüge, und Treppen nach ihrer jeweiligen Funktion hingehend farblich kodiert. Die „chenille“ meint das Markenzeichen des Centre Pompidou, das sich ebenfalls an der Außenfassade befindet: die riesige Rolltreppe, die sich über alle fünf Stockwerke raupenähnlich bis nach ganz oben zieht. Damit verwirklicht sich im Centre Pomidou die Vision der Archigram Bewegung nach der Konzeption einer alternativen hyperflexiblen Massenbauweise.

Was also ist überhaupt noch Utopie? Peter Cook sagt im besagten archdaily-Interview: „I would treat it as a dream. I don’t really think about Utopia very often. I think Utopia detaches the proposition from connection with reality.“

 


 

ERFAHRE MEHR ÜBER ARCHIGRAM

Grundlegende Literatur rund um Archigram bietet beispielsweise Peter Cooks Publikation „Archigram“ oder Dennis Cromptons „A Guide to Archigram 1961-74“, beide erschienen im Verlag Princeton Architectural Press.

Im Jahr 2016 fand im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt außerdem die Ausstellung „ZUKUNFT VON GESTERN. Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram“ statt, in der die Entwürfe von Archigram denen des tschechischen Architekten Jan Kaplický aus den 1980er Jahren entgegengestellt wurden. Der gleichnamige Katalog erarbeiteten Philipp Sturm und Peter Cachola Schmal. Auf der Webseite von Philipp Sturm kann ein Auszug kostenfrei heruntergeladen werden: www.philipp-sturm.de. Auch die Tchoban Foundation in Berlin zeigte vergangenes Jahr eine Retrospektive zu den Werken Peter Cooks, die von einem Katalog begleitet wurde: „Peter Cook. Retrospective“ kann auf der Webseite des Museums erworben werden.

Mehr zum Einfluss von Archigram auf die Architektur des Centre Pompidou in Paris bietet vor allem die Webseite des Museums selbst.Über die Schlagworte „Découvrir l’Architecture du Centre Pompidou“ in der Suchmaschine, findet sich eine eigens für die Architekturgeschichte angelegte interaktive Plattform. Sehenswert ist außerdem die Dokumentation „Architectures : le Centre Georges Pompidou“ von Richard Copans (ARTE FRANCE).

Bildmaterial

© Archigram 1964

© Archigram 1963

© Archigram 1969

 

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