POLIS KEYNOTES IN MÜNCHEN // URBANITÄT. DICHTE. AKZEPTANZ

„Wir schaffen das nicht mehr alleine, wir brauchen Ihre Unterstützung!“, ruft Thomas Rehn, Bereichsleiter der Lokalbaukommission der Stadt München nicht nur den Speakern und Diskussionsteilnehmern der polis Keynotes, sondern auch den rund 70 Gästen zu, die am Abend des vergangenen Mittwochs in die Kanzlei GvW Graf von Westphalen gekommen sind, um über ein hochaktuelles sowie hochspannendes Thema der Stadtentwicklung zu sprechen: das stetige Wachstum unserer Städte nämlich – besonders unserer Metropolen – verbunden mit einer zunehmenden Ablehnung neuer Bauprojekte von weiten Teilen der Bevölkerung.

Neben Thomas Rehn, der ein äußerst lebhaftes und motiviertes Einführungsstatement hielt, in dem er die Position und Ausgangslage der städtischen Seite darlegte, sprachen im Anschluss die vier polis Partner Marcus Müller, Bereichsleiter der STRABAG Real Estate GmbH in München, Hans-Joachim Lagier, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und Partner bei GvW Graf von Westphalen, Joachim Häsler, Standortleiter Bayern der INSTONE Real Estate Development GmbH & Co. KG (ehemals formart GmbH & Co.KG) sowie Heiko Trumpf, Niederlassungsleiter von Bollinger + Grohmann Ingenieure in München, der in Kooperation mit der KLEUSBERG GmbH einen Impulsvortrag zum Thema „Überbaute Urbanität“, Rest- und Parkflächenüberbauung, hielt.

Es sei derzeit „höchst populär dagegen zu sein, statt dafür“, sagt Thomas Rehn und meint damit vornehmlich neue Baumaßnahmen in den Städten. Die polis Keynotes in München knüpften an diese These an und stellten sich deshalb konsequent die Fragen nach Instrumenten und Maßnahmen für eine nachhaltigere Akzeptanzschaffung, nach Möglichkeiten der zukünftigen Gestaltung unserer Städte unter dem Credo der Zusammenarbeit statt Uneinigkeit. Wie können Kommunen, also Stadtpolitik, Immobilienwirtschaft und Architekten mit ihren Projekten überzeugen? Thomas Rehn sieht die einzig realistische und auch einzig nachhaltige Lösung in der „Allianzbildung“, wie er es nennt: Wenn sich Protest in Form von Bürgerbegehren oder Vereinsbeschwerden rührt, die Medien entsprechend reagieren und das Thema aufgreifen, dann müsse sich von Seiten aller beteiligten Akteure des Bauvorhabens – sei es nun die Stadt selbst, die Projektentwickler, Planer oder Investoren – sie müssten gemeinsam „Allianzen“ bilden, um das negative Bild mit klarer und stringenter Kommunikation in ein positives umzukehren. Denn „wir können nur wollen, was wir auch denken können“, sagte Rehn in seinem Vortrag. Es geht ihm darum, die Vorstellung einer Verdichtung der Stadt als positive Entwicklung aufzugreifen, der Bevölkerung das Wachstum ihrer Städte als etwas Gutes näherzubringen, etwas, worauf sie stolz sein und kreativ mit umzugehen wissen sollten – Wachstum als Chance für unsere Städte.

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v.l.: Fabian Ochs, Meinrad Braunmüller (KLEUSBERG GmbH), Volker Johann, Katharina Neumann (polis Redaktion), Marcus Müller, Sevgi Metzger (polis Marketing), Thomas Rehn, Joachim Häsler

Marcus Müller von STRABAG griff in seinem Impulsvortrag Rehns Ansätze auf und übertrug sie direkt auf ein aktuelles Münchener Projekt des Bauunternehmens: „Reserl“, so hat STRABAG das neue Studentenwohnhaus getauft, das gerade im Stadtteil Sendling entsteht und im Oktober an den Markt gehen soll. 272 Wohnungen finden in dem Komplex Platz, ein Altbau, den STRABAG mit dem Ziel mehr Wohnraum und damit mehr Dichte zu schaffen, umgebaut hat. Wie das geht? Mit Hilfe japanischer Architektur-Inspiration: „Wir haben uns das Gebäude gemeinsam mit dem Architekturbüro Atelier Bow-Wow angesehen und analysiert“, sagt Architekt Hannes Rössler, der das Projekt federführend begleitet hat. „Für einen Tokioer Architekten ist München eine einzige riesige Baufläche.“ Was unglaublich klingt, ist verständlich, wenn man sich den Wohnungsbau in japanischen Städten anschaut. Auf kleinstem Raum werden hier Bauvorhaben in die Tat umgesetzt, Häuser, die 1.80 Meter breit sind errichtet, Straßenkreuzungen überbaut. „Reserl“ verbindet nun diese japanischen Ansätze mit Münchener Traditionsbauweise. Das Gebäude zeigt viele Erker, in denen gewohnt werden kann, Gemeinschaftsräume für den Austausch zwischen Studenten, auch sogenannte „inhabitable staircases“, bewohnbare Treppenhäuser also, wurden mitgedacht. Im Erdgeschoss finden sich Gewerberäume. „Mit ‚Reserl’ wollen wir einen neuen Blick auf München und auf kreative Möglichkeiten der Verdichtung ermöglichen“, so Müller.

Hans-Joachim Lagier gab im Anschluss an Marcus Müller einen juristischen Rundumschlag zum Thema neues „Urbanes Gebiet“. Früher sei es so gewesen, dass die „lästigen Dinge“, wie Lagier sie in seinem Vortrag nannte, strikt getrennt vom „schönen Wohnraum“ angesiedelt wurden Spätestens seit der neuen Bauverordnung zum „Urbanen Gebiet“ wurde diese veraltete Gesetzgebung zur Gestaltung von Stadt aufgehoben und ersetzt durch die Idee der „Stadt der kurzen Wege“, so Lagier. Dabei fällt auf, dass gerade Bayern, wo der Wohnungsdruck am stärksten ist – siehe München – immer noch strengere Regeln einzuhalten sind und damit weniger Flexibilität gegeben ist, als anderswo in Deutschland: „In Bayern liegt die vorgegebene Abstandsfläche zur Grundstücksfläche bei einer ganzen Wandhöhe, also 1H. Im Bundesdurchschnitt sind es 0,5H.“ Lagier erläutert, dass sich das „Urbane Gebiet“ vom „Mischgebiet“ vor allem darin unterscheidet, dass keine gleichwertige Mischung mehr gegeben sein muss, der Planer habe also „freie Hand“ in der Gestaltung. Auch gebäudeweise kann gemischt werden. Ein mehrstöckiges Haus kann sowohl soziale Zwecke, beispielsweise eine Kita, Gewerbe und Wohnen beinhalten. Lagier zeigte einige Grafiken, auf denen die Gäste nachvollziehen konnten, „was bisher geht und dass eigentlich fast alles möglich ist.“

Joachim Häsler von INSTONE handelte das Thema Akzeptanz und Dichte wie schon Marcus Müller an einem aktuellen Münchener Projekt des Bauunternehmens ab: der „Therese“ in der Maxvorstadt. 116 Wohnungen entstehen hier inmitten der Münchener Innenstadt, eine Kita ist auch vorgesehen. Um die Verdichtung zu generieren, wurden 60 unterschiedliche Wohnungstypen geplant und ausgeführt, angefangen bei der 30m² Wohnung für Pendler, Studenten oder temporäre Nutzer, über kompakte Wohnungen mit vier Zimmern für Familien bis hin zu Maisonette-Wohnungen und luxuriösen Penthäusern auf dem Dach des Gebäudes. „Besonders wichtig war uns der Gedanke vom Quartier im Quartier, ein Ort des Austausches also, wo sich Nachbarn und Besucher treffen und verweilen können“, so Häsler. Das Thema Freiraumgestaltung war demnach ein zentrales Anliegen. Wer die Renderings betrachtet, findet viel Grün, Bäume, Pflanzen, Sitz- und Verweilmöglichkeiten. „Um ein solch großes Bauprojekt inmitten der Innenstadt durchführen und gleichzeitig alle angrenzenden Nachbarn mitnehmen und davon überzeugen zu können, braucht es eine frühzeitige kommunikative und individuelle Einbindung sowie eine möglichst schnelle und effiziente Bauausführung“ sagt Häsler. „Wir haben von Anfang an konsequent mit den – in unserem Fall – elf Nachbarn gesprochen, uns regelmäßig abgestimmt und so schließlich einen einstimmigen Beschluss erarbeitet. Worte allein zählen am Anfang eines solchen Bauvorhabens nicht, die Angst vorm Neuen dominiert. Reger Austausch und klare Ansprechpartner müssen deshalb her.“

Der letzte Impulsvortrag an diesem Abend kam von Heiko Trumpf, der in Kooperation mit polis Partner KLEUSBERG GmbH über „überbaute Urbanität“ sprach. „Für mich ist Dichte positiv belegt, für die meisten leider immer noch negativ“, sagte Trumpf zum Einstieg. „Ich denke, wenn wir Dichte richtig umsetzen, dann können wir ein positives Bild davon schaffen.“ Deshalb setzen Bollinger + Grohmann zusammen mit der KLEUSBERG GmbH auf die sogenannte Restflächenbebauung mit Hilfe der Modulbauweise. Ein Beispiel hierfür ist die Überbauung von Gleisanlagen: „Wir haben für den Frankfurter Hauptbahnhof eine Studie gemacht. Dort sieht man, dass viele Teile des weitläufigen Gleisgeländes ungenutzt sind. In unseren Konzepten wird deutlich, wie dieser Raum zukünftig genutzt werden könnte.“ So sei eine bewohnte Überbauung – Hoch- oder Einfamilienhäuser – mit zusätzlichen Verkehrswegen für Fahrräder, Garten- und Parkanlagen vorstellbar. „Da ist eine Menge drin, wir müssen es nur anpacken“, meint Trumpf. Gerade im Zusammenhang mit dem Thema Nachverdichtung und Akzeptanz sei der Blick auf neue Bautechniken unausweichlich. Die modulare Bauweise sei schneller als alle traditionellen Bauweisen (in zwei bis drei Wochen stünde ein Gebäude), es gäbe einen nur minimalen Baubetrieb, „kein Rütteln, kein Staub, kein Krach“, und trotzdem erreiche man einen hohen Qualitätsstandard. „Flüsterbaustelle“, so nennt es die KLEUSBERG GmbH. Aufgrund dessen seien nur wenig Kämpfe mit der Nachbarschaft auszutragen, die Akzeptanz steige automatisch. Einen weiteren Vorteil sehen die Firmen in den flexiblen Nutzungsmöglichkeiten der modularen Bauweise: „Man kann problemlos Wände entfernen, zwei Apartments zusammenlegen, oder rückbauen“, so Trumpf.

Die anschließende Diskussionsrunde war von lebhaften Auseinandersetzungen und anregenden Stimmen aus dem Publikum geprägt. Zusätzlich zu den Partnern, die im Vorhinein eine Keynote hielten, gesellten sich Fabian Ochs, Geschäftsführer bei Ochs Schmidhuber Architekten GmbH sowie Volker Johann, Architekt und Vertriebsingenieur bei KLEUSBERG GmbH hinzu. Auch Prof. Dr. Ulrich Hösch von der Kanzlei GvW Graf von Westphalen war vertreten. Frank Peter Unterreiner, Journalist und Herausgeber des „Immobilienbrief Stuttgart“ moderierte die Runde und stellte nicht selten provozierende Fragen, die zu spannenden Antworten führten. Ob wir die Verdichtung unserer Städte zwangsläufig mitgehen müssten? Die Frage würde sich ja gar nicht mehr stellen, da waren sich alle einig. Es gehe nur noch um das „Wie wollen wir Verdichtung gehen?“ Einigkeit bestand außerdem in der These, dass Dichte im urbanen Raum durchaus als Chance und positive Entwicklung gesehen werden könnte und sollte.

Interessant war allem voran, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Metropolregionen in Deutschland zu ergründen. So spürte der Zuhörer schnell, dass Bayern und hier insbesondere München anders ist als beispielsweise Nordrhein-Westfalen mit dem Ruhrgebiet, in dem zwischenstädtischer Austausch und der Einbezug der Region, auch stadtpolitisch und infrastrukturell, bereits viel weiter fortgeschritten is. München scheint eine Insel zu sein, die sich schwer tut Verdichtung positiv zu konnotieren, eine Insel, in denen Bürgerbegehren gegen Bauvorhaben schneller und stärker aufkommen als anderswo. „Anders als im Ruhrgebiet, wo wir Städte finden, die sich über Zuzug aus den Metropolen wie Düsseldorf oder Köln freuen, finden wir rundum München nur reiche Gemeinden, die ihren Reichtum möglichst gut schützen wollen. Sie wollen diesen Druck von München nicht aufnehmen“, meint Thomas Rehn. Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass es in der Region München an einer politischen Verbundstruktur mangelt, einer Planungshoheit, die Stadt und Umland besser verbindet gebe es nicht. Das gemeinsame Wachsen, wie es in anderen Regionen Deutschlands bereits existiert, müsse deshalb ausgebaut und gefördert werden. Am Ende waren sich darüber im Grunde alle Diskussionsteilnehmer einig.

Die Frage „Wie wird die Stadt in Zukunft wachsen?“ hat also zum einen etwas mit Stadtausdehnung in die Metropolregion zu tun. Zum anderen mit dem kreativen Ausgestalten des neuen „Urbanen Gebietes“, durch das Vielfalt generiert und etabliert werden kann. Elisabeth Endres vom Ingenieursbüro Hausladen brachte es am Ende mit ihrer Wortmeldung aus dem Publikum auf den Punkt: „Wir haben gute Architekten und Ingenieure, die die neue Richtlinie umsetzen können und das beherrschen. Wir müssen sie aber auch lassen. Unfreie Ausschreibungen, die bereits durch alle möglichen Vorgaben eingegrenzt werden, erlauben keine Kreativität dafür, wie urbanes Wohnen in Zukunft funktionieren kann. Eines ist jedoch sicher: Im Erdgeschoss darf auch mal der Bäcker sein, der morgens um sechs die Bleche zusammenschlägt, dafür riecht’s aber gut. Das gehört in eine Stadt und wer das nicht haben will, sollte vielleicht nicht in der Stadt wohnen.“


Fotos © Jörg Koch 

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