ROOFING: POLARISIERENDER EXTREMSPORT

Die private Erforschung des städtischen Raums – gepaart mit Lebensgefahr, Ruhm und spektakulären Bildern –
darum geht es beim Roofing. Vor allem junge Menschen klettern ungesichert auf möglichst eindrucksvolle und markante Bauwerke.

Die Bilder sind spektakulär, die Aktionen gehen um die Welt und vor allem in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram werden die Stars der Szene gefeiert: Roofing ist ein Extremsport, der polarisiert. Wenn Jugendliche und junge Erwachsene ohne Sicherung auf hohe Gebäude, Kräne oder andere Bauwerke klettern und diese Aktionen in möglichst eindrucksvollen Fotos festhalten, werden sie von vielen dafür gefeiert – während andere sie schlicht als lebensmüde bezeichnen und die Regierungen der meisten Länder die Roofer am liebsten einsperren würden. Doch genau darum geht es beim Roofing: städtische Infrastruktur aus ungewöhnlichen Blickwinkeln zu erkunden und ein Stück öffentlichen Raum zurückzuerobern. Bekannt wurde Roofing in den vergangenen Jahren seit etwa 2011 durch einige aufsehenerregende Aktionen. So kletterten zwei russische Roofer auf die größte Schrägseilbrücke der Welt bei Wladiwostock, die sich damals noch im Bau befand. Ebenfalls bekannt wurden die Roofer Wadim Machorow und Witali Raskalow, beide aus Russland, als sie im Februar 2014 ein Video bei YouTube hochluden, das sie bei der Besteigung des Shanghai Towers zeigt. Auch heute noch hat die Roofing-Szene ihren Schwerpunkt eindeutig in Russland und der Ukraine, wo es eine besonders große Community gibt, die über zahlreiche soziale Netzwerke miteinander in Kontakt bleibt und vor allem im Sommer ihre Hauptsaison hat. Aber auch in Deutschland wird der Sport immer beliebter. Einer der bekanntestens Roofer ist Andrej Ciesielski (19), der mit 16 Jahren das erste Mal zum Roofing nach Hongkong reiste und Anfang dieses Jahres nur knapp dem ägyptischen Gefängnis entging, als er die 140 m hohe Cheops-Pyramide in Ägypten bestieg und dort für ein Foto posierte. Am Ende ließen ihn die Behörden ohne Konsequenzen laufen. Dass er bei anderen Aktionen auch schon weniger Glück hatte und was ihn am Roofing begeistert, erzählt er im Interview.Roofing (c) Andrej Ciesielski

Andrej, wann hast du mit dem Roofing angefangen
und warum?

Ich habe ungefähr vor zwei Jahren mit dem Roofing angefangen. Damals habe ich noch aktiv Fußball und Tennis gespielt, aber dann mit beidem aufgehört. Das war der Moment, in dem ich die Fotografie für mich entdeckt und nach und nach immer mehr Zeit mit Freunden verbracht habe – gemeinsam sind wir dann auf die Suche nach neuen Motiven gegangen. Irgendwann bin ich schließlich auf ein Video der beiden bekannten Roofer Vadim und Vitaliy gestoßen, in dem sie auf den Shanghai Tower klettern. Davon und von den Fotos, die sie geschossen haben, war ich so begeistert, dass ich sofort wusste: Das will ich auch machen!

Was waren deine ersten Projekte, wo bist zu zuerst gewesen?

Mein allererstes Projekt hat mich nach Hongkong geführt. Da hat wirklich alles angefangen. Zum ersten Mal war ich 2014 zusammen mit dem Russen Alexander Remnev dort. Die russische Szene ist wirklich stark vertreten. Roofing hat hier seinen Ursprung und die besten und bekanntesten Roofer kommen aus Russland. Alexander und ich sollten damals eigentlich nur Videos und Fotos für eine Reiseagentur machen, deswegen wurde uns auch alles gezahlt, inklusive Flug und Hotel. Mittlerweile bin ich schon zwölf Mal in Hongkong gewesen, es ist wirklich eine faszinierende Stadt. Einige meiner Reisen kann ich heute durch Sponsoren finanzieren, aber ich betreibe nebenbei auch noch einen YouTube-Kanal, durch den ich ebenfalls etwas verdiene und meine Projekte umsetzen kann.

Wie läuft so eine Aktion ab?

Es kommt immer darauf an, um welches Gebäude es sich handelt. Je höher das Gebäude, desto besser ist es in der Regel bewacht. Manchmal braucht man mehrere Versuche, um an sein Ziel zu kommen. Hindernisse sind Kameras, Bewegungsmelder und natürlich verschlossene Türen. Es gehört schon viel Glück dazu, oben anzukommen.

Wie bereitet ihr euch auf eure Aktionen vor? Und was macht ihr, wenn ihr schließlich oben angekommen seid?

Sollte man ein Gebäude nicht schaffen, kann man es meist erst wieder ein paar Wochen später probieren, da man sonst sofort in der Lobby erkannt wird. Deswegen sind unsere Aktionen immer sehr spontan, wobei unser Vorgehen auch oft von der Stadt abhängt. In den USA zum Beispiel sind es oft nur ein paar Minuten, bis wir entscheiden, es zu versuchen. In China oder in Hong Kong kann auch mal eine Stunde vergehen. In dieser Zeit beobachten wir vor allem und versuchen, die Lage einzuschätzen.

New York Roofing (c) Andrej CiesielskiGibt es auch Ziele, von denen du im Nachhinein enttäuscht warst, weil du sie dir spektakulärer vorgestellt hattest?

Von Dubai hatte ich ehrlich gesagt mehr erwartet. Mich interessieren nämlich nicht nur die hohen Gebäude, auch das tägliche Leben der dort lebenden Menschen. In Dubai sieht man allerdings meistens nur Shopping Malls und teure Autos.

Gibt es Dinge, die du dich nicht trauen würdest? Wo ziehst du beim Roofing die Grenze?

Ich bin im Februar auf den Jin Mao Tower in Shanghai geklettert. Schon beim Raufgehen auf den Treppen war mir richtig schwindelig. Ich war ziemlich erschöpft, da haben wir bestimmt drei Stunden damit verbracht, den Zugang zum Dach zu finden. Dazu kam noch die schlechte Luft und zu wenig Wasser. Am Ende bin ich aber trotzdem auf die Antenne geklettert, da ich wusste, dass ich die Chance nie wieder bekommen würde, auf dieses Gebäude zu kommen.

Inwiefern bist du mit der Roofing-Szene in Deutschland
beziehungsweise international vernetzt?

Ich behalte ehrlich gesagt nur die internationale Roofing-Szene im Auge. Vor allem über Instagram bekommt man mit, wer was wo macht. In Deutschland lohnt es sich für Roofer nicht wirklich, auf Dächer zu steigen. Bei uns sind die rechtlichen Konsequenzen einfach viel zu hoch.

Was begeistert dich am Roofing? Es gäbe ja auch andere Möglichkeiten, sich einen Adrenalin-Kick zu holen.

Für Außenstehende ist es bestimmt unverständlich, sich an eine Dachkante von einem 200 m hohen Gebäude zu stellen und ein Foto zu knipsen. Was mich am Roofing vor allem begeistert ist, dass man sehr viele Leute aus vielen unterschiedlichen Städten kennenlernt. Roofer werden von den meisten Leuten für verrückt gehalten, aber wir sind ganz normale Leute, die jeden Tag zur Arbeit gehen oder studieren. Natürlich steht für mich die Fotografie im Vordergrund. Roofing in der Kombination mit Fotografie ist einfach großartig.

Wie hat Roofing deinen Blick auf Städte verändert?

Langweilige Städte können von einem Dach aus ein komplett neues Gesicht bekommen. Das ist mir zum Beispiel in Kairo aufgefallen. Die Stadt sieht von oben wirklich wundervoll aus.

Wie wichtig ist es dir, dass du beim Roofing an Orte kommst, an die man normalerweise nicht kommt?

Es kommt immer drauf an, um welches Gebäude es sich handelt. Natürlich werden die Bilder besser, je höher das Gebäude ist. Aber seitdem ich in Japan zehn Tage im Gefängnis saß, bin ich sehr vorsichtig, bevor ich ein Dach betrete. Man muss wirklich auf viele Dinge achten: Kameras, Bewegungsmelder und Security. Einen wirklich gefährlichen Moment gab es dabei allerdings zum Glück noch nie – und ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Wobei Angst eine wichtige Rolle spielt. Das erste Mal habe ich meine Angst überwunden, nachdem ich mich an eine Dachkante gesetzt habe, 100 m über dem Boden. Danach habe ich sie nicht mehr gespürt. Aber man muss aufpassen, Respekt haben und darf nicht überheblich werden.

Was waren die spektakulärsten Aktionen, die du bislang gemacht hast?

Am spektakulärsten war auf jeden Fall der Central Plaza in Hongkong. Ein 365 m hohes Gebäude mit einer großen Antenne auf dem Dach. Nach vielen Versuchen habe ich die Spitze des Gebäudes mit Freunden aus München erreichen können. Wir hatten wirklich viel Glück und ich denke, dass es nie wieder möglich sein wird, auf diese Gebäude zu kommen.

Was für Ziele hast du als Roofer noch?

Das ist eine Frage, die ich mir natürlich auch schon selbst gestellt habe. Es wird weltweit immer schwieriger, auf Dächer zu kommen, da die meisten Dächer geschlossen und stärker gesichert werden. Aber gleichzeitig werden natürlich immer neue Hochhäuser gebaut – also wird es sicher immer eine Möglichkeit geben, ein neues Projekt zu verwirklichen. Das Beste für mich wäre es in Zukunft eine Genehmigungen zu bekommen, um offiziell auf die Dächer gehen zu dürfen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch.


Andrej Ciesielski (c) Andrej CiesielskiAndrej Ciesielski

ist 19 Jahre alt und wohnt in Starnberg am See in der Nähe von München. Aktuell konzentriert er sich voll auf Roofing und Fotografie – in den kommenden Jahren möchte er gerne vermehrt als Fotograf für Bildagenturen arbeiten und sich auch mit dem Bereich Journalismus beschäftigen.

Weitere Bilder von Andrej Ciesielski  gibt es online unter: www.instagram.com/andrejcie

Bilder © Andrej Ciesielski

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.