KREATIVITÄT DURCH VIELFALT

Kreativität ist wohl DER Begriff der Moderne. Dabei ist es nicht einfach, Kreativität als solche zu definieren, es gibt die verschiedensten Ansätze und Modelle. In jedem Fall aber ist Kreativität mit Vitalität und Lebendigkeit verbunden. Der Kreativforscher Mihály Csíkszentmihályi entwickelte in diesem Zusammenhang den Gedanken des Zustands des „Flows“: Wir fühlen uns selbst nicht mehr als hemmende Kraft, sondern geraten in einen Fluss, in dem wir schöpferisch tätig sind.

Was die Kreativität mancher Städte ausmacht, kann man auch mit den Perspektiven der Systemforschung als „Emergenz“ begreifen. Die spontane Entwicklung von Kooperationen, in denen immer mehr Vielfalt und immer neue Formen der Kreativität entstehen. Der kreative „Flow“ entsteht aus dem Austausch zwischen Konzepten, Materie und Beziehungen. Gute Städte funktionieren wie lebendige Organismen, in denen es eine hohe Anzahl von Rückkopplungen gibt. Natürlich gab und gibt es immer wieder tote bzw. nicht kreative Phasen der Stadt. Blicken wir auf einige Schwellenländer, China oder auch die USA. Hier sind urbane Krisen spürbar, die oft aus monokulturellen Organisationsstrukturen herrühren. Auch die europäischen Großstädte hatten vor einigen Jahrzehnten das Problem der „Toten Mitte“ – die Stadtkerne starben an einer kommerziellen Überformung, einer Übermacht des Automobils, einem Mangel an Spontaneität und Selbstorganisation. Diese sogenannten Mono-Citys haben kein inneres Vielfaltswirken, weil sie nur auf einem Rohstoff oder einem Organisationsgedanken basieren. Es fehlte die Vielfalt. In der Sowjetunion sind ganze Städte auf der Verarbeitung eines einzigen Rohstoffes gegründet worden – „Kupferstadt“ oder „Kohlestadt“ sind hier passende Begriffe. Im Ruhrgebiet war die Montanindustrie übermächtig, und in Detroit herrschte ausschließlich die Autoindustrie. Diese Mono-Städte funktionieren nicht, sie sind nicht dynamisch, Kreativität kann sich schlicht nicht entwickeln. Blicken wir hingegen auf die neuen Multi-Citys, stellen wir fest, dass das Prinzip der industriellen Stadt durch Vielfalt abgelöst wird. Dabei entstehen Mischformen aus Arbeiten, Leben, Kultur und öffentlichem Raum im Sinne der Kreativität und Vitalität.

Viele Beispiele aus Deutschland und Europa zeigen, dass sich diese kreative Stadtentwicklung- und -weiterentwicklung auf dem Vormarsch befindet. Nehmen wir Frankfurt am Main: Die Stadt hatte früher einen unlebendigen Kern, sie war abends nach 18 Uhr quasi tot, die Innenstadt gehörte den Obdachlosen und Junkies. Heute ist das Bahnhofsviertel Frankfurts ein aus allen Nähten platzendes Energiezentrum, wo immer wieder neue Bars, Projekte und neue Ökonomien entstehen. Natürlich auch Schattenökonomien. Oder denken wir an eine eher biedere Industriestadt wie Kassel: Nicht nur die Documenta, sondern auch viele kleine Veränderungen in Richtung Diversität und Kreativität haben die Stadt wieder nach oben gebracht.

In Deutschland oder Europa erleben wir derzeit eine Welle kreativer Stadtentwicklung, ganz besonders deutlich im Trend der KOPENHAGENISIERUNG – wenn der Raum der Stadt für die Begegnung der Bürger wieder geöffnet wird, durch die Ablösung des Autos durch Fahrräder und Fußgänger, ändern sich die Dinge, entsteht lebendige Kommunikation. Konzepte dafür werden heute von begnadeten Stadtplanern wie Jan Gehl geliefert oder vom Büro Bjärke Ingels, das sind die „Kraftwerke“ der urbanen Kreativisten. Wo wir aber tatsächlich ein Problem haben, ist in der Entvölkerung von Flächen, auf denen sich dann Fuchs und Hase und Wolf gewissermaßen die Pfote geben. Es gibt  natürlich immer auch Verlierer-Städte, meist Kleinstädte, oder Regionen, in denen der Wegzug nicht zu stoppen ist. Aber vielleicht ist es nur eine Frage der Betrachtung: Die gleichmäßige Besiedelung der Fläche ist kein Naturgesetz. Ein kluger Umgang könnte auch heißen, dass wir dem Fuchs, dem Hasen und dem Wolf wieder einen Raum geben, also kluge Strategien des Rückbaus entwickeln. Währenddessen erleben wir in den Großstädten das Entstehen einer neuen kreativen Klasse, die jene Mittler-Funktion in der Gesellschaft einnimmt, die früher das Bürgertum innehatte: die Vermittlung zwischen Ökonomie und Kultur. Diese kreative Klasse wirkt wie ein Katalysator für die Kreativität der Stadt und dort, wo die Kreativen fehlen, herrscht ein echtes Entwicklungsproblem.

In den „schwierigen“ Städten der Schwellenländer und der Dritten Welt hat sich hingegen das Konzept der „Urban Acupuncture“
bewährt. Man kann mit wenigen symbolischen Veränderungen eine Menge in Richtung auf eine gesundere, kreativere Stadtentwicklung bewirken. So wurden in der Kriminalitäts-Hochburg Medellin eine neue Staatsbibliothek gebaut und mit Seilbahnen die einzelnen Barrios mit dem Zentrum verbunden. Auch in „ärmeren“ Städten kann man manchmal durch gezielte Aktionen einen wichtigen Impuls in Richtung urbane Gesundung setzen.  Die Tendenz geht in Richtung Hilfe zur Selbstorganisation, geschickte Improvisation kann unglaublich viel bewirken. Wir stehen vor einem Zeitalter der kreativen Stadt, in der die alten Wunden, die der Industrialismus in die Topografie des Urbanen geschlagen hat, geheilt werden kann.


Matthias Horx

Matthias Horx gilt als einflussreicher Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nach einer Laufbahn als Journalist (bei der Hamburger ZEIT, MERIAN und TEMPO) gründete er zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut“, das heute zahlreiche Unternehmen und Institutionen berät. Er schrieb mehrere erfolgreiche Bücher, darunter „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ oder „Das Buch des Wandels“. Als Gast-Dozent lehrt er Prognostik und Früherkennung an verschiedenen Hochschulen. Matthias Horx pendelt zwischen London, Frankfurt und Wien, wo er seit 2010 mit seiner Familie das „Future Evolution House“ bewohnt.

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