EINE KUNST-WÄHRUNG VERÄNDERT DAS QUARTIER

„Hast du schon Chancen?“ – mit dieser ungewöhnlichen Frage wurden im Dortmunder Quartier Borsigplatz im Juni 2014 die ersten Bewohner konfrontiert. „Wat hab ich?“, „Hab ich alle vertan“ oder „Mir lassense ja keine“ waren die häufigsten Antworten. – „Wir haben Chancen für dich, 100 Chancen, kostenlos, und du kannst darüber verfügen. Man kann sich dafür zwar nichts kaufen, denn es sind ja erstmal bloß Chancen, aber wenn man sie für die Allgemeinheit einsetzt, dann sind sie 100 Euro wert. Vier Künstler wohnen jetzt hier, mit denen zusammen man sich Projekte ausdenken kann, die das Quartier verändern.“ – Dem reflexartig folgenden Argument „Künstler?“ oder „Hier ändert sich ja eh nix“ kann mit gewissem Recht begegnet werden: „Das liegt an dir. Chancen bekommst du erstmal einfach so. Nutzen musst du sie selbst.“

Das Chancen-Prinzip gilt als unter Einsteigern schwer vermittelbar. Im erfolgreichen Erstkontakt ist es häufig gelungen, den neuen Chancen- und Hoffnungsträger mit offenen Fragen ziehen zu lassen. Zugegebenermaßen ziemlich sperrig ist die Vorstellung, Scheine im Portemonnaie zu haben, mit denen man nichts kaufen, mit denen man aber trotzdem etwas machen kann. Und das ist auch schon der Kerngedanke des Chancen-Modells: Chancen sind „bares Geld“ in Form von Gutscheinen, die sich nicht für den privaten Konsum, sondern nur für öffentliche Produktionen eingesetzt werden können. Nach geltenden Maßstäben sind sie wertlos, denn ich kann sie nicht zu meinem persönlichen Vorteil einsetzen. Im sozialen Zusammenhang dagegen können sie ihre Wertigkeit entfalten. In diesem Sinne stellt die Chancen-Währung einen Beitrag zur Ökonomie des Gemeinwesens dar, und zur produktiven Subversion des vorherrschenden profitorientierten ökonomischen Denkens, in dem Medium, das dieses Denken verkörpert: dem Geld.

Das Konzept der Machbarschaft Borsig11 e.V. wurde 2014/15 mithilfe der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft umgesetzt. Vier Künstler/-innen lebten und arbeiteten hier ein Jahr lang in „Public Residence“, um gemeinsam mit ihren Nachbarn Projekte zu entwickeln, die das Quartier verändern. Als Werkzeug zur Realisierung diente die Kreativ-Währung „Chancen“, die hierfür unter den Bewohnern verteilt wurde. 100.000 Chancen standen zur Verfügung, hinterlegt mit dem Stiftungsgeld. Die Bevölkerung war eingeladen, an der Gestaltung ihrer unmittelbaren Umgebung mitzuwirken. Wer sich aktiv beteiligte, konnte weitere Chancen verdienen und seine Handlungsspielräume erweitern. Die Beteiligung der Bewohner war Voraussetzung und Ziel der Arbeit.

Tatsächlich haben sich im Laufe des Jahres über 500 Menschen beteiligt. Ohne ihre Unterstützung wäre wohl auch nichts passiert, denn sie verfügten über die Mittel, und die Künstler waren auf ihre Mithilfe angewiesen. Dabei war es nicht immer einfach, sich über gemeinsame Anliegen zu verständigen. Viel Zeit und Energie wurde vom Verein und den Künstlern für die Moderation von Interessenkonflikten aufgebracht, bevor Ideen in die Tat umgesetzt werden konnten. Gerade dadurch hat sich jedoch ein neues Bewusstsein für den öffentlichen Raum herausgebildet.

So wurden zum Beispiel Straßen umbenannt, Gärten angelegt, ein Geschmacksarchiv eingerichtet, eine Givebox und eine mobile Werkstatt installiert, ein Chancen-Café wurde eröffnet, Wünsche aus Papier gefaltet, Kindergeburtstage gefeiert, es wurde öffentlich gekocht, getanzt und Bier gebraut, Theater gespielt und diskutiert, es gab Stadtführungen zu unbekannten Berühmten und lokalen Mythen, eine freie Republik wurde gegründet, das goldene Zeitalter wurde ausgerufen und vieles mehr.

Nach dem Ende des Public-Residence-Jahrs, nach dem Abschied der Künstler haben Quartiersbewohner die Initiative ergriffen und nutzen seitdem ihre Chancen, um eigenständig mit der Kreativ-Währung am Borsigplatz weiterzuarbeiten. Circa ein Drittel des Stiftungsbudgets ist für die Nachhaltigkeit des Projekts übrig geblieben, und bis heute betreiben sie ein Kulturprogramm im „Chancen-Café“, das die künstlerisch-partizipativen Traditionen, die sich im Rahmen dieses sozialkünstlerischen Experiments etabliert haben, im soziokulturellen Kontext fortschreibt und den Stadtteil weiter verändert. „Kunst löst sich auf wie Aspirin im Wasser – und wirkt.“ (Jochen Gerz)

Welchen Wert hat also eine alternative Währung, mit der ich mir nichts kaufen, mit der ich aber etwas machen kann? Diese Frage lässt sich nur in der Praxis beantworten. Das Chancen-Modell hat mittlerweile an Plausibilität gewonnen, wurde zwischenzeitlich mit dem N.I.C.E.-Award für soziale Innovation des European Centre for Creative Economy ausgezeichnet und soll im Rahmen eines „Kreativ-Quartiers“ in der Dortmunder Nordstadt großflächig zum Einsatz kommen. Es fördert soziale Kreativität, ehrenamtliches Engagement und wird als strukturelles Instrument zur Ergänzung eines möglichen Grundeinkommens diskutiert. Die Einsicht reift, dass, wenn jeder etwas beiträgt, niemand auf der Strecke bleibt.


Bild © Knut Vahlensieck
Bild © Julian Sankari

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