POTENZIALE DES RUHRGEBIETS – STELLSCHRAUBEN ERFOLGREICHER INTEGRATION

Das Projekt „Glückauf Nachbarn – Modellquartier Integration“ ist ein Teilprojekt von „Glückauf Zukunft“, das sich auf Fragen des Strukturwandels im Ruhrgebiet im Zusammenhang mit der Beendigung des Steinkohlenbergbaus Ende 2018 bezieht. Bevor wir näher auf das Modellquartier eingehen: Wie bewerten Sie die Entwicklungen im Ruhrgebiet im Hinblick auf das, was bereits getan und erreicht worden ist – und welche Aufgaben gilt es noch zu lösen?

Hr. Noll: Die Region unterliegt einem permanenten Wandel. Das ist spannend und herausfordernd. In dem Prozess, sich von der Montanindustrie zu einer neuen Struktur und zu einer neuen Metropolregion zu entwickeln, ist das Ruhrgebiet einen großen Schritt vorangekommen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich dieser Prozess bereits seit vielen Jahren vollzieht, sprich sich der Bergbau und die Montanindustrie schon seit Jahrzehnten mehr und mehr zurückziehen und die hier ansässigen Menschen, Unternehmen und Akteure mit diesem Wandel umgehen können. Sie gestalten ihn aktiv mit. Ich denke, dass das gesamte Ruhrgebiet auf einem sehr guten Weg ist. Erst kürzlich ist von dem Regionalverband die neue Kampagne „Stadt der Städte“ gestartet worden, die genau in die richtige Richtung zeigt: Wir können und müssen anderen Regionen selbstbewusst zeigen, was wir können, welche Potenziale wir und die Region haben und was es hier gibt. Diese Haltung ist absolut notwendig, da das Ruhrgebiet außerhalb der Region in vielen Köpfen noch nicht mit den positiven Bildern bekannt ist, die es hier tatsächlich gibt.

Fr. Goldenbeld: Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets und habe den Strukturwandel daher am eigenen Leib miterlebt. Ich denke auch, dass wir mit dem Wandel gut umgehen, aber – und da sind wir wieder bei dem Thema Kampagne – die positive Außenwahrnehmung fehlt. Unsere Aufgabe wird es künftig sein, das Ruhrgebiet besser zu vermarkten und z. B. auch für junge Leute von außerhalb attraktiv zu machen.

Fr. Reicher: Ich würde die genannten Punkte gerne um die Sicht aus Planung und Wissenschaft ergänzen. Zwei Punkte sind besonders wichtig: Zum einen diskutieren wir die Polyzentralität einer Region vielfach als Modell für eine nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung. Eine polyzentrische Stadtregion wie die hiesige hat aufgrund ihrer räumlichen Struktur eine hervorragende Basis, um ein erfolgreiches Modell für nachhaltige Stadtentwicklung zu werden. Man erkennt die Vorteile sehr gut im Vergleich zu anderen Großstädten. Dort konzentrieren sich Probleme von der Wohnungsnot bis hin zu extremen Mietpreisen, weil sich alles auf ein Zentrum fokussiert. Zum anderen haben wir hier eine Stadtregion, die im Vergleich zu anderen Regionen mit etwa 260.000 Studierenden über ein wahnsinniges Kapital von jungen Menschen, Wissen und Innovation verfügt. Die Aufgabe besteht nun darin auszuloten, wie diese beiden Punkte – also das Polyzentrale und das Know-how – in Wert gesetzt werden können, um diese Region voranzubringen und zukunftsfähig zu machen. Leider merke ich in vielen Gesprächen, dass einige unsere Region für sehr innovationsfeindlich halten – trotz dieser hervorragenden Voraussetzungen. Daher müssen wir uns verstärkt mit dem Thema der Innovation beschäftigen und nach Konzepten und Wegen suchen, wie diese räumlich umgesetzt und sichtbar werden kann.

Im Rahmen von „Glückauf Zukunft“ hat die Entwicklung nun eine Deklination erfahren. Das Projekt „Glückauf Nachbarn – Modellquartier Integration“ hat eine ganz klare räumliche Konkretion auf „Nachbarschaft“ mit der Thematisierung „Integration“. Wieso haben Sie sich dieses Thema als modellhaftes Thema vorgenommen?

Hr. Noll: Wir entwickeln stillgelegte Standorte im Ruhrgebiet, wie z. B. stillgelegte Bergwerke, und versuchen, diese wieder in die Stadt zu integrieren. Dort tauchte zum ersten Mal das Stichwort Integration auf: Das Stück Stadt, das stillgelegt wurde, war oftmals die Keimzelle eines ganzen Stadtteils. Nach der Stilllegung existiert es nur noch als Wunde. Dort ein mit Akzeptanz behaftetes Nutzungskonzept zu finden und eine Standortentwicklung zu machen, die wieder in den Stadtteil integriert ist, ist genau unsere Aufgabe. Die nächste Herausforderung ist, an solchen Standorten ein Produkt zu schaffen für Menschen, die dort leben, arbeiten oder ihre Freizeit verbringen wollen. Wenn wir ein Projekt realisieren, das angenommen wird, ist es ein gutes Projekt und wir haben Integrationsleistung geschaffen. Diese Herausforderung stellt sich uns tagtäglich und gehört zu den Hauptthemen, die wir zu bearbeiten haben. Historisch gesehen ist das Thema Integration in den Gründungsgenen der RAG bzw. des Bergbaus dieser Region verhaftet: 1840 gab es hier 300.000 Menschen. Im Zuge der Industrialisierung wurden Menschen aus anderen Regionen angeworben. Die Arbeit einte alle Menschen und das geschah primär in unseren Bergarbeitersiedlungen rund um die Bergwerke. Auch das war damals eine große Herausforderung und zugleich eine unglaubliche Leistung. Integration wurde hier mit Sicherheit durch die Arbeit mitinitiiert. Das ist die Historie, der wir, die RAG, die RAG Stiftung sowie die VIVAWEST entstammen. Diesen Grundgedanken aufzugreifen und sich zu fragen, wie er heute aussieht, mündet in der Frage, was eine lebenswerte Stadt ausmacht. Es geht also primär um Quartiere und Standorte mit den besonderen Herausforderungen von Jung und Alt, Gesund und Krank, von Einheimischen und Menschen mit Migrationshintergrund – das alles gehört zum Begriff Integration.

Frau Goldenbeld, VIVAWEST hat im Ruhrgebiet unglaublich viele Wohnungsbestände. Für Sie ist das Thema Integration unausweichlich immer wieder präsent. Was erwarten Sie sich von einem solchen Modellprojekt und was war die Motivation von VIVAWEST dort anzusetzen?

Fr. Goldenbeld: Mit 120.000 Wohneinheiten und 300.000 Mietern ist VIVAWEST eines der größten Wohnungsunternehmen in Deutschland und insbesondere in NRW. Unser Interesse ist es, eine gute, lebenswerte Gemeinschaft in einem Quartier zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund finde ich es wichtig, auch wenn Quartiersentwicklung zu unserem Tagesgeschäft gehört, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Daher war für mich das Modellprojekt insofern wichtig, als dass es ausgehend von wissenschaftlichen Thesen zum Thema Integration Vorschläge für ein konkretes Quartier sowie eine Art „Baukasten“ entwickelt hat, der nun sowohl für VIVAWEST als auch für andere Unternehmen zur Verfügung steht, um auch in anderen Quartieren Integration verfolgen zu können.

Sind Quartier und Nachbarschaft vielleicht die entschiedenen Module, um wieder Zugang zu kriegen?

Fr. Reicher: Aus Perspektive der Städteplanerin kann ich nur bestätigen, dass die räumlichen Bedingungen, die ich plane und schaffe, einen ganz entscheidenden Beitrag zur Integration leisten können. Der gebaute Raum ist eine ganz zentrale Stellschraube für eine erfolgreiche Integration. Wir haben mittlerweile auch erkannt, dass der Blick auf das einzelne Gebäude oder auf einen zu großen räumlichen Kontext nicht unbedingt zum Ziel führt, sondern dass das Quartier bzw. die Nachbarschaft aufgrund der Größenordnung sehr gut geeignet ist, um Impulswirkungen zu erzeugen. In dieser Skalierung kann man einerseits viel stärker an einem Image oder einem Profil arbeiten und passgenauere Lösungen entwickeln. Andererseits bietet mir die Größenordnung die Möglichkeit, die dort ansässigen Menschen und Initiativen, die an dem Wandel interessiert sind, viel besser einzubeziehen. Daher gilt das Thema Quartier aktuell auch als ganz wichtiger Ausgangspunkt für die Stadtplanung bzw. wie in unserem Fall für einen integrativen Veränderungsprozess.

Integration nur auf das Thema Flüchtlinge zu reduzieren ist in der Öffentlichkeit leider noch immer weit verbreitet. Welche Dimensionen von Integration gibt es tatsächlich, die sich dann auch für Ihre Unternehmungen als substanziell erweisen?

Hr. Noll: Wie bereits oben beschrieben, gehört bereits die Integration eines Standortes zurück in das Stadtgefüge zum Thema Integration. Darüber hinaus ist Integration auch die Kombination verschiedener Funktionen, wie z. B. von Wohnen und Arbeiten. Auch hier geht es um die Frage, welches Nebeneinander und welcher Mix eine erfolgreiche Realisierung garantiert. Was braucht man, um urbanes Leben zu schaffen? Welche Angebote müssen vorhanden sein, damit ein lebenswertes Quartier entsteht? Das sind die zentralen Fragestellungen.

Wenn ich aktuell an eine eigenartige Subkulturtendenz denke, die sich in Teilgesellschaften formieren, von denen wir denken, dass sie seit 30 Jahren integriert sein müssten, schlagen diese im Ruhrgebiet genauso auf wie in anderen Städten. Wie kann man diese Entwicklung in den Fokus rücken, wenn wir wahrnehmen, dass diese auch das Potenzial birgt, gesellschaftliche Strukturen zu gefährden?

Hr. Noll: Das ist eine spannende, aber für mich nicht eindeutig zu beantwortende Frage. Wenn Sie sich weltweit Metropolen anschauen, gibt es an vielen Orten den ganz bewussten Entschluss zu Vierteln wie „Chinatown“. Solche Viertel können gut funktionieren und das Thema Mischen sollte keine zwanghaften Züge annehmen. Auch wir haben darüber intensiv diskutiert und uns auf ein anderes Verständnis, nämlich das des integrativen Mischansatzes verständigt.

Fr. Goldenbeld: Abgesehen davon ist es die Aufgabe von Stadtplanung und Stadtentwicklung, bestimmten Segregationstendenzen entgegenzuwirken bzw. eine Hilfestellung anzubieten, die die Anschlussfähigkeiten von bestimmen Quartieren erleichtert. Ich habe schon an vielen Stellen Diskussionen führen müssen, ob wir mit so einem Ansatz von gestalterischer Aufwertung Gentrifizierung befördern würden, und ich sehe in der Tat die Verdrängung von bestimmten, gut funktionierenden Gruppen. Allerdings sehe ich dieses Problem hier nicht so stark wie in Städten wie Köln, Düsseldorf, München oder Berlin. In unserem Fall geht es aber vielmehr darum, Anlässe und Hilfestellungen von Anschlussfähigkeit und punktueller Aufwertung umzusetzen. Nur so können wir verhindern, dass sich manche Quartiere negativ entwickeln.

Tatsächlich geht es ja auch nicht nur darum, Integration als Teilhabe an unseren gesellschaftlichen Werten zu sehen, sondern auch das Mittragen und Entwickeln unserer gesellschaftlichen Werte als substanziell notwendig anzusehen. 

Fr. Goldenbeld: So ist es. Enklaven funktionieren nur, solange sie populär sind. Wir haben das eine oder andere Beispiel hier im Ruhrgebiet, wo die Leute, die dort wohnen, sich selbst isolieren und letztendlich keine Integration kultureller, bildungs- oder lebenstechnischer Natur zu dem Rest der Bevölkerung entwickeln. Durch diese bewusste Abkapselung entstehen Probleme.

Fr. Reicher: Eines der an dem Modellquartier mitarbeitenden Teams hat in diesem Kontext ein interessantes Konzept vorgeschlagen:. ein sog. „Zwiebelmodell“. Dieses geht von  einem kleinräumigen Bereich aus, setzt hier Einzelmaßnahmen um, die aber wiederum in einem größeren Radius wirken, ähnlich den Schalen einer Zwiebel. Alle Schalen der Zwiebel hängen miteinander zusammen und können immer größere Kreise ziehen. Heißt konkret, dass nicht nur der einzelne Ort geplant und verändert wird, sondern dass auch dessen Vernetzung mit dem Umfeld betrachtet werden muss. Nur so kann die Einzelmaßnahme ihre Wirkung in einem größeren Kontext entfalten.

Kommen wir an dieser Stelle direkt auf das Projekt zu sprechen: Was sind das für Zielsetzungen oder Grundlagen, nach denen Sie jetzt einen solchen modellhaften Prozess initiiert haben, der nicht unbedingt im Fokus Ihrer Tätigkeit liegt?

Fr. Goldenbeld: Für uns ist Quartiersentwicklung Tagesgeschäft, aber ich war sehr erfreut, dass wir in diesem Projekt die Gelegenheit bekommen haben, das Thema gemeinsam mit RAG Montan Immobilien und wissenschaftlicher Unterstützung aus anderer Perspektive zu betrachten. Ich glaube, dass wir auch mit der Auswahl der Flächen für unser Modell eine gute Entscheidung getroffen haben. Duisburg-Vierlinden ist mit 2.300 Wohneinheiten das größte Quartier von VIVAWEST. Drei Viertel der Kinder haben einen Migrationshintergrund, die dort ansässige Bevölkerung altert wie in jedem Quartier im Ruhrgebiet, d. h., Vierlinden wird älter und bunter, sodass sich das Quartier entsprechend anpassen muss – sowohl was das Thema Wohnbebauung als auch das Thema Infrastruktur angeht, d. h. es geht um Vernetzung und Mobilität. In puncto Vernetzung hat man im Zuge der Konzepterstellung beispielsweise durch die Verknüpfung unterschiedlicher Grünflächen ein grünes Band über das Quartier gelegt. Darüber hinaus wurde ein „Rollator-Highway“ geschaffen – sowie weitere Wege, auf denen sich Fahrradfahrer, Fußgänger und Menschen mit Rollatoren begegnen und sich so ebenfalls besser vernetzen können. Auch die Realisierung von Begegnungsstätten war uns besonders wichtig. Vor diesem Hintergrund wurde der Begriff „Höfe“ geprägt: Hierzu zählen z. B. ungenutzte Garagenhöfe als Raum für Begegnungen, kulturelle Veranstaltungen für das Zusammenführen von Kindern und Jugendlichen oder aber auch das Zusammenführen von Leben und Arbeiten. Besonders dem letzten Punkt gilt besondere Beachtung, da er im Ruhrgebiet bisher nur relativ selten berücksichtigt wird.

Hr. Noll: Frau Goldenbeld hat die einzelnen Bausteine sehr schön dargestellt. Ich würde gerne noch einmal einen Schritt zurückgehen und erklären, was uns dazu bewegt hat, so vorzugehen, wie wir vorgegangen sind: Die Standortentwicklung, d. h. die Schaffung eines lebenswerten Quartiers, ist mehr als die rein immobilienwirtschaftliche Betrachtung eines Grundstücks, eines Objektes oder eines Gebäudes. Diese Erkenntnis hat uns dazu gebracht, in einem zweistufigen Verfahren vorzugehen, das bisher einmalig ist. Am Ende ging es darum, eine Toolbox mit vielen Lösungsbeispielen zu haben, wie man konkret vorgehen kann, sowie das Prozessuale erleben zu können – von der Organisation bis zur Werbung für das jeweilige Quartier, um Akzeptanz schaffen zu können. All dies ist letztlich nicht die Aufgabe eines Immobilienunternehmens, sondern vieler Akteure, die in dem Prozess zusammenspielen und sich engagieren müssen. Diese Vielschichtigkeit haben wir meiner Meinung nach sehr gut herausgearbeitet.

Frau Reicher, könnten Sie die Überlegungen erläutern, die diesem Verfahren zugrunde lagen?

Fr. Reicher: Bei dem Modellprojekt handelt es sich um ein einmaliges Verfahren, weil sich zunächst sechs Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen, wie z. B. den Sozial- oder den Wirtschaftswissenschaften, mit der Frage beschäftigt haben, was Integration überhaupt bedeutet und wie Integration gelebt und gestaltet werden soll. Solch ein inhaltliches Fundament zu schaffen – auch was die Komplexität angeht – ist etwas ganz Grundlegendes. Danach wurden die Standorte ausgewählt. Auch wenn ich mir anfangs nicht ganz sicher war, ob wir die „richtigen“ Standorte gewählt haben, war die Auswahl letzten Endes doch gut. Anhand der beiden Quartiere in Duisburg Vierlinden und Kamp-Lintfort Friedrich-Heinrich sind ganz unterschiedliche Fragen diskutierbar und auch das Thema der Übertragbarkeit kann in seiner Komplexität angegangen werden. Die Auswahl der verschiedenen Planungsteams basierte auf dem Wunsch, Teams mit der Aufgabe zu betrauen, die ein Querdenkerpotenzial besitzen, in gewisser Weise bereits integrativ in ihrer bisherigen Arbeit vorgegangen sind und einen unbefangenen Blick von außen haben. Daher haben wir Externe gewählt, die sich zunächst intensiv in die Gesetzmäßigkeiten und Rahmenbedingungen der jeweiligen Quartiers einarbeiten mussten. Sie haben Gespräche mit Schlüsselpersonen  geführt, das Vorgefundene intensiv analysiert und – zu unserer Überraschung – auch Dinge entdeckt, die uns noch nicht bekannt waren. Diese Teams waren außerdem in der Lage, das Know-how, , das sie beispielsweise aus Kopenhagen oder Wien mitgebracht haben, auf unsere Quartiere hier im Ruhrgebiet runterzubrechen.

Ist diese Offenheit substanziell etwas, das wir auch in Zukunft gehen müssen – auch aus unternehmerischer Perspektive?

Fr. Goldenbeld: Ich bin Ökonomin und als ich früher den Terminus Architektenwettbewerb gehört habe, hatte ich stets ein schlechtes Gefühl im Bauch – nach dem Motto „Kostet Zeit, kostet Geld und kommt nichts oder nur wenig bei raus“. Inzwischen habe ich gelernt, dass solche Wettbewerbe wirklich gute Instrumente sind, um Vielfalt und Qualität im Städtebau zu erzeugen.

Hr. Noll: Standorte in dieser Größenordnung zu entwickeln, sind fast immer offene Prozesse. Natürlich möchten wir Geld verdienen und verfolgen klare Ziele, aber der Prozess als solcher, nach 3, 10 oder 15 Jahren zu schauen, was daraus geworden ist, ist zunächst erst einmal offen. Ursache hierfür ist auch, dass es viele Mitwirkende gibt, die sich nicht einplanen lassen. Darauf müssen Sie reagieren und überlegen, wie Sie den Prozess organisieren. Von daher ist es ein Typicum unserer Arbeit, dass wir zusehends lernen und gelernt haben, dass wir uns bei solchen Standortentwicklungen Herausforderungen, wie offenen Prozessen, stellen müssen. Gleichwohl gibt es Leitplanken: Wir sind ein Unternehmen, das Geld verdienen möchte, und müssen daher darauf achten, wie wir den Anwendungsbezug herstellen können. Hier kommt es v. a. auf eine saubere Prüfung an. Auch in diesem Prozess gibt es Dinge, die wir nicht realisieren können und auch nicht wollen, aber es gibt sehr viele gute Ansätze. Diese müssen wir sauber kommunizieren und auch Begründungen liefern, wieso wir uns für bzw. gegen manche Punkte aussprechen. Manchmal entstehen in solch einem Baukastensystem auch sich widersprechende Dinge, die sich ausschließen – also muss man eine Auswahl treffen, die transparent und nachvollziehbar ist. Nur so können wir für das, was wir realisieren, auch Akzeptanz erhalten.

Ist das für Sie beide eine besondere Art von Verantwortung – die Bergbausiedlung auf der einen Seite und die RAG als RAG Montan Immobilien mit einer ganz entscheidenden Entwicklungsposition?

Fr. Goldenbeld: Auf jeden Fall. Wir haben unsere Wurzeln im Bergarbeiterwohnungsbau und darüber hinaus zahlreiche denkmalgeschützte Siedlungen aus dieser Zeit. Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist der Erhalt dieser Siedlungen nicht immer ganz einfach, doch dort stellen wir uns unserer kulturell-sozialen Verantwortung. Das bedeutet auch, dass wir mit der ein oder anderen Stadt künftig vielleicht einmal darüber diskutieren müssen, ob wir nicht die ganzen Holzzäune und -fensterläden durch moderne Kunststoffe ersetzen können, die optisch denselben Eindruck haben; im Invest im ersten Moment teurer, aber in der laufenden Instandhaltung dann deutlich kostengünstiger sind. An diesem Punkt sind wir wieder beim Miteinander: Der Erhalt solcher historisch wertvollen Siedlungen im Ruhrgebiet geht nur in Zusammenarbeit mit den Kommunen, und ich bin überzeugt, dass wir hier ein akzeptierter Partner sind.

Fr. Reicher: Es gab jedoch auch Teams, die sich nicht nur mit Bestand auseinandergesetzt haben. Die einen haben sich stärker um den Umbau des Bestandes gekümmert und die anderen haben ihren Fokus auf innovativen Neubau mit alternativen Wohn- und Arbeitsformen gelegt. Ich fand es äußerst interessant, zu sehen, wie viele unterschiedliche Lösungsansätze entwickelt wurden. Die Entscheidung, dass sich immer zwei Teams mit demselben Quartier auseinandersetzen, hat sich als sehr gut herausgestellt, weil Alternativen entstanden sind. Kooperativ miteinander zu arbeiten und in dem Prozess auch verschiedene Lösungswege zulassen zu können, ist meiner Meinung nach eine wichtige Voraussetzung für innovative Konzepte. Jetzt muss es darum gehen, diese weiterzuentwickeln sowie auf ihre Übertragbarkeit zu überprüfen. Zudem müssen wir herausfiltern, was letzten Endes die größte Impulse für die Quartiere erzeugt.

Ist aus dieser Verantwortung, die beide Unternehmen mit sich tragen, die Möglichkeit erwachsen, sich so offen mit innovativen Verfahren auseinanderzusetzen?

Hr. Noll: Credo der RAG Montan Immobilien ist es, keine verbrannte Erde zu hinterlassen. Wir müssen aus politischen und ökonomischen Gründen in einer Stadtlandschaft Bergwerke stilllegen. Den sich daraus resultierenden Herausforderungen stellen wir uns. Mit dieser Haltung sind wir schon wieder in einem offenen Prozess und das ist die Brücke zu Ihrer Frage: Ich glaube, dass wir in den vergangenen 40 Jahren alle Aufgaben sehr gut gelöst haben. Die Bilanz kann sich sehen lassen.

Haben Sie auch etwas gelernt?

Fr. Goldenbeld: In dem offenen Prozess haben wir sehr viel gelernt, zumal wir immer den Druck gespürt haben, dass das Ergebnis gut sein muss. Wenn man dann auch noch diskutiert, welche Teams so eine besondere Aufgabe angehen könnten, ist dies eine ganz besondere Herausforderung. Daneben haben wir auch gelernt auf der Gratwanderung zwischen dem, was man vorgeben muss, und dem, was man offen lassen kann, größeren Spielraum zu lassen. Die Befürchtung, dass am Ende nicht das Erwartete herauskommt, hat sich genau ins Gegenteil verkehrt: Es sind viele Erwartungen übererfüllt worden, was auch mit der intensiven Begleitung des Gesamtprozesses zu tun hat. Und obwohl es sich hier nicht um einen klassischen Wettbewerb gehandelt hat, waren die konkurrierenden Teams doch ein Ansporn, gute Lösungen im Sinne des zweiten beteiligten Büros zu generieren. Solch ein Experiment bringt vielleicht die ein oder andere schlaflose Nacht mit sich, aber letzten Endes ist der Mehrwert nicht zu übertreffen.

Hr. Noll: Die besten Lösungen entstehen immer interdisziplinär. Die RAG Stiftung, die RAG und die Evonik, die ja Träger des Gesamtprojektes „Glückauf Zukunft“ sind, haben uns vertraut und gesagt: „Schafft eine Blaupause für Herausforderungen unserer Gesellschaft auf der Quartiersebene.“ Dies zeigt meiner Meinung nach auch noch einmal die Gesamtverantwortung dieses Verbundes. Das finde ich selbst sehr faszinierend. Abgesehen davon habe ich gelernt, dass es manchmal auch wichtig ist, nicht nur das große Ganze im Blick zu haben, sondern auch kleine, neue Symbole im Sinne des Story-Tellings zu schaffen.

Frau Goldenbeld, was wünschen Sie sich, was diese Projektarbeit, wenn sie zum Ende des Jahres in eine Abschlussphase kommt, künftig bedeuten kann?

Fr. Goldenbeld: Nachdem die Planungsteams uns die Ergebnisse vorgestellt haben, müssen wir prüfen, was wir in Zukunft in welcher Art und Weise verwenden wollen. Wie Herr Professor Noll bereits sagte, betrachten wir das natürlich auch mit einer ökonomischen Brille. Dennoch haben wir nun zahlreiche einzelne Instrumente, die wir in unseren Baukasten setzen und in unterschiedlicher Zusammensetzung in den unterschiedlichsten Quartieren anwenden können. Darüber hinaus ist mir besonders wichtig, die Kommune, die Politik sowie die Menschen, die künftig in dem Quartier wohnen werden, mitzunehmen. Das gilt nicht nur für das Projekt hier im Ruhrgebiet, sondern auch für künftige Entwicklungen außerhalb.

Frau Reicher, Nachbarschaft als Nukleus – ist das die Aufgabe, um Politik zu lernen und Gesellschaft wieder einen anderen Erfahrungshorizont zu geben; aus der Nachbarschaft Demokratie und Miteinander zu artikulieren? 

Fr. Reicher: Ich würde immer die These vertreten, dass wir im Prinzip eine Allianz aus einem Bottom-up-Prozess, der in der Nachbarschaft verankert ist, und einer Top-down-Strategie brauchen. Neben der Einbindung der Menschen vor Ort in den Planungsprozess ist Leadership im Sinne von „ein Bild entwerfen, wo wir hinwollen“ genauso wichtig. Zu einem umfassenden Gesamtbild gehört der einzelne Mosaikstein, aber auch das große Ganze, nur so entsteht ein überzeugendes „Portait“ eines Quartiers und letzten Endes auch das „Zukunftsportait“ vom Ruhrgebiet. Das, was ich mir bei diesem Projekt wünsche, ist, dass jetzt fein säuberlich sortiert wird, welche unterschiedlichen Tools und Bausteine an dem jeweiligen Standort umgesetzt werden können, welche Impulswirkung im Umfeld generiert werden kann und wie sie auch über die Region hinaus Anwendung finden können. Dieses Modellprojekt muss den Beweis antreten, dass aus diesem scheinbar innovationsfeindlich Ruhrgebiet eine äußerst innovationsfreundlichen Region wird, eine Region, von der man lernt, wie Integration erfolgreich gestaltet werden kann.

Vielen Dank für dieses spannende Gespräch.

Das Interview führte Johannes Busmann

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Prof. Christa Reicher 

Christa Reicher ist seit 2002 Professorin und Leiterin des Fachgebietes Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund. Sie ist Mitinhaberin des international tätigen Planungsbüros RHA reicher haase architekten + stadtplaner mit Sitz in Aachen und Dortmund. Seit 2010 ist sie Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und seit 2014 Sprecherin des Fortschrittskollegs „Energieeffizienz im Quartier“, ein interdispziplinäres Graduiertenkolleg, in dem 12 Doktoranden zu gestalterischen, technischen und sozialen Themen zur Zukunft des Quartiers forschen. Zudem wirkt sie in verschiedenen Beiräten mit: Baukollegium Zürich (2010-2014), Baukollegium Berlin (2012-2017), Beirat der Seestadt Aspern Wien (Vorsitzende) und Mitglied des Kuratoriums Nationale Stadtentwicklungspolitik. Im Rahmen des Modellquartiers Integration hat sie als Vorsitzende des Expertenkreises sowie im Innovationsteam mitgewirkt sowie das Planungsverfahren  begleitet.

Prof. Dr. Hans-Peter Noll

geboren 1959 in Datteln (Westfalen), ist seit Sommer 2017 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein. Zuvor war er Vorsitzender der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien GmbH, Essen. Darüber hinaus ist er Honorarprofessor am Geografischen Institut der Ruhr-Universität Bochum mit den Schwerpunkten Wandel altindustrieller Regionen, Strukturwandel, Ruhrgebiet, Großbritannien und USA sowie Lehrbeauftragter an der RWTH International Academy Aachen. Außerdem ist er Mitglied im Direktorium des Instituts für Berg- und Energierecht der Ruhr-Universität Bochum sowie Vorstandsmitglied der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Dortmund.

Claudia Goldenbeld

Claudia Goldenbeld ist seit 2013 Mitglied der Geschäftsführung des in Gelsenkirchen ansässigen Wohnimmobilienkonzerns VIVAWEST, der mehr als 120.000 Wohneinheiten im Land Nordrhein-Westfalen aktiv bewirtschaftet. In den Unternehmensverbund ist sie 2011 eingetreten und war Geschäftsführerin in verschiedenen Gesellschaften der Vivawest- Dienstleistungen-Gruppe. Zuvor war sie als Leiterin des Zentralbereichs Controlling bei der Evonik Industries AG tätig. Claudia Goldenbeld ist Diplom-Ökonomin, verheiratet und hat zwei Kinder.

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