LONDON: GLETSCHEREIS IN DER STADT SOLL FOKUS AUF KLIMAWANDEL LENKEN

Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson hat 30 Blöcke Gletschereis aus den Gewässern rund um Grönland abtransportiert und in öffentlichen Räumen Londons aufgestellt: Man kann zusehen, wie sie langsam aber sicher schmelzen. Eliasson hat die temporäre Installation treffenderweise „Ice Watch genannt“ – sie dient als visuelle Erinnerung und Veranschaulichung der tickenden Zeitbombe, die der Klimawandel und seine Auswirkungen mit sich bringen.

Die Blöcke konzentrieren sich auf zwei Orte: 24 sind in einer Art kreisförmigem Hain vor der Tate Modern, die übrigen sechs vor dem Bloomberg-Hauptsitz in der City of London aufgestellt.

Eliasson will mit seiner Installation Dingen Gefühle verleihen, die normalerweise unemotional sind: Riesigen Eisblöcken. Und in einem weiteren Schritt die großen Akteure, den Staat, aber auch private Unternehmen und alle Individuen zum Handeln bewegen. Er wollte die Veränderungen des Klimas offensichtlich machen und den Leuten vor die Haustür setzen. Er arbeitete dafür mit dem Geologen Minik Rosing zusammen, um die über 100 Tonnen umherschwimmendes Gletschereis aus den Gewässern des Nuup Kangerlua-Fjords in Grönland zu transportieren. Das Eis hatte sich von seinen Schollen gelöst und wurde schmelzend im Ozean entdeckt.

Seit gestern ist die Ausstellung zu sehen – und bleibt so lange bestehen, bis sie geschmolzen ist, also je nach Wetterlage. Die Besucher können mit den Blöcken interagieren und zusehen, wie das Eis langsam vor ihnen taut. Sie können es küssen, riechen, Grönland berühren.

Die Ausstellung fällt mit dem Treffen führender Politiker weltweit auf der COP24-Konferenz zum Klimawandel in Katowice zusammen – es sollen dringende Maßnahmen gefunden und ergriffen werden, um den Klimawandel einzudämmen. Eliasson will diese benötigten Maßnahmen durch das kulturelle und künstlerische Sprachrohr vermitteln, da es der öffentliche Sektor nicht zu Genüge zu tun vermag.

Auslöser für das Projekt war ein vom Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen veröffentlichter Bericht, aus dem hervorging, dass uns – Gesellschaft, Politik und Unternehmen – nur zwölf Jahre bleiben, um die drastischsten Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen. Seit 2015 hat die Eisschmelze in Grönland den Meeresspiegel weltweit um 2,5 Millimeter erhöht, seit der Entdeckung des Treibhauseffekts im Jahr 1896 sind die globalen Temperaturen um mehr als einen Grad Celsius gestiegen – alarmierende Zahlen, gegen die laut Rosing zu wenig getan wird. Technologie und Wissenschaft seien schuld daran, dass sich das Klima der Erde destabilisiert hat, haben aber andererseits genauso die Macht, das rasante Wachstum der Veränderungen zu stoppen.

Eliasson hatte schon vor 15 Jahren die berühmte Installation „The Weather Project“ ins Tate Modern gebracht, die eine strahlende Sonne erzeugt. Ihm ist bei all seinen Projekten klar, dass er nicht die Welt verändern kann, aber möchte immerhin seinen möglichen Beitrag leisten, die Umwelt zu schützen: Indem er mit Aktionen wie dieser die Aufmerksamkeit der Bewohner auf die drohenden Gefahren durch den Klimawandel lenkt. Darauf, dass es ein leises, knackendes Geräusch gibt, wenn man sein Ohr an das Eis legt, das dadurch entsteht, dass durch das Schmelzen Druckblasen freigesetzt werden, die seit unglaublichen 10.000 Jahren im Eis stecken. Und darauf, dass der Geruch der Eisblöcke womöglich der Geruch der Luft von vor 10.000 Jahren ist, als es noch 30 Prozent weniger Kohlendioxid in der Atmosphäre gab.

Im Juli 2019 wird eine große Ausstellung von Eliassons Kunstwerken in der Tate Modern gezeigt.

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Fotos © Olafur Eliasson

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