EINE WELTOFFENE BÜHNE – ÜBER DIE EUROPÄISCHE IDEE UND DAS SCHÖNSTE THEATER DER WELT

 

© Sascha Kreklau

Für Sie gehört es zum Theater, einen europäischen Blick einzunehmen, um die Europäische Idee zu stärken. Was kann das Theater – grade auch vor den aktuellen politischen Fragestellungen – dahingehend leisten, dass wir uns in Europa wieder mehr als Einheit fühlen?

Ich bin der Überzeugung, dass der Reichtum Europas sichtbar gemacht werden muss. Mit Reichtum meine ich den Reichtum an Sprachen, an unterschiedlichen Landschaften und Kulturen, mit dem dieser Teil der Welt gesegnet ist. Wenn es eine Kultur gibt, die weltoffen sein kann, dann ist das die europäische Kultur. Aus diesem Grund mag ich die Europäische Idee sehr. Es ist allerdings schwierig, diese Idee auf die Bühne zu bringen, da sie durchaus viele Skeptiker hat. Ich sehe die Europäische Idee viel mehr als ein futuristisches Projekt, das nie zu einem Ende kommt, hinter dem ich jedoch voll und ganz stehe. Im Rahmen des European Balcony Projects haben wir Ende 2018 auch den Leuchtschriftzug „EUROPA“, der schon im Rahmen der Ruhrtriennale im Westpark an der Jahrhunderthalle präsent war, an der Gebäudeseite des Schauspielhauses installiert, um dahingehend ein Signal zu setzen. Das Ruhrgebiet und insbesondere auch die Stadt Bochum nehme ich als sehr weltoffen wahr, was nicht zuletzt auch auf die Historie zurückzuführen ist. Unter Tage zu arbeiten erfordert zwangsläufig auch ein hohes Maß an Solidarität. Das ist auch heute noch eine Grundeinstellung dieser Stadt, die auch auf den Straßen ablesbar ist. Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich in Amsterdam oder München im Stadtzentrum bewege oder in Bochum: Wenn ich in Bochum auf die Straße gehe, begegne ich der Welt viel mehr, als im Zentrum von München.

Sie wollen auf der Bühne unterschiedliche Kulturen miteinander verbinden. Wollen Sie damit in gewisser Weise auch den öffentlichen Raum der Stadt Bochum auf der Bühne widerspiegeln?

Ja und das gelingt insbesondere durch ein Ensemble, das sich aus unterschiedlichen Nationalitäten zusammensetzt. Mir gefällt es, dass die Menschen in Deutschland teilweise ein sehr unterschiedliches Deutsch sprechen und ihre Sprache durch verschiedene Klänge gekennzeichnet ist, die auf eine andere Herkunft hinweisen. Ich habe versucht, ein Ensemble aufzubauen, das all die Kulturen, die ich auch auf der Straße sehe, in sich trägt und vereint. Mein Ensemble war auch früher schon in gewisser Weise ein Abbild der Gesellschaft, aber es bestand dennoch vor allem aus Menschen mit weißem Hintergrund. Heute besteht mein Ensemble aus elf Kulturen, aus Menschen, die schon eine Weile in Deutschland sind oder direkt aus anderen Ländern nach Bochum kamen.

 Die ersten westlichen Dramen der antiken Polis im archaischen Griechenland und der demokratischen Stadtstaaten wurden bereits als politisches Theater im weitesten Sinne interpretiert. Welche Rolle spielen politische Fragestellungen im Theater heute – vielleicht auch zur realpolitischen Verbesserung der Gesellschaftszustände?

Politik im Theater spielt eine wichtige Rolle, denn sie stellt immer auch Fragen. Ich habe zu meinem Einstand in Bochum „Die Jüdin von Toledo“ von Lion Feuchtwanger inszeniert. Ein Stück, in dem das Thema „Glaube“ eine tragende Rolle einnimmt. Beispielsweise der Islam wird von einem Teil der Gesellschaft als rückständiger Glaube angesehen. Und ich erachte es als wichtig, dass sich ein Theater dagegen wehrt und die Zuschauer vielleicht auch versucht in Toleranz zu lehren. Das Stück spielt im Spanien des 12. Jahrhunderts und zeigt, dass der Islam in seinen Gedanken, Philosophien und seiner Musik um einiges weiter war, als der christliche Glaube zu dieser Zeit. Kultur und in diesem Fall der Glaube hat immer auch eine Herkunft und diese Herkunft heißt nicht zwangsläufig „Rache“. Menschlichkeit zu zeigen ist mir sehr wichtig.

 Sie haben grade das Thema „Glaube“ auf der Bühne angesprochen. Inwieweit muss Theater auch provokant sein, damit Menschen über ein Thema reden und die Message verstehen?

Ich selbst komme aus sehr einfachen Verhältnissen und bin der Überzeugung, dass Kunst einem eine fantastische Welt eröffnen kann. Meine Familie ist sehr christlich und calvinistisch geprägt. Als ich klein war, hat mich die Musik von Johann Sebastian Bach unglaublich berührt – ich wusste damals nicht einmal, wer dieser Mann war. Aber ich habe die Musik als sehr schön wahrgenommen, da sie sich auch von den anderen Gesängen in der Kirche abgehoben hat. Daraufhin habe ich viel anderes Schönes in der Welt entdeckt, wofür ich mein Publikum gerne interessieren möchte. Natürlich ist es auch die Aufgabe von Theater, die Menschen zu unterhalten. Aber dies kann auch über den Reichtum der Gedanken gelingen und muss nicht zwangsläufig provokativ sein.

Sie wünschen sich, dass das Schauspielhaus auch ein besonderer Ort für das Ruhrgebiet – für die Armen und Reichen – wird. Machen wir uns nichts vor, Theater erreicht oftmals nicht unbedingt die bildungsferneren, ärmeren Schichten der Stadtgesellschaft. Wie wollen Sie dieses Problem angehen und eine neue Öffnung leisten?

Machen wir uns nichts vor: Auch mich hat das Theater, die Kunst, einmal im Leben – möglicherweise im richtigen Moment – angesprochen und ich bin diese Reise eingegangen.

 Das ist aber nicht unbedingt die Regel. Wie versuchen Sie zu ändern, dass es nicht immer die gleiche Zielgruppe ist, die ins Theater geht?

Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Mit meiner Theatergruppe „Hollandia“ war ich rund zwanzig Jahre erfolgreich in der ganzen Welt unterwegs. Dabei war mein übergeordnetes Credo immer, Theater für Menschen zu machen, die normalerweise niemals ins Theater gehen würden. Dieses Credo verfolge ich noch immer. Ob die Menschen bei einer komplexen Geschichte mitkommen, hängt am Ende auch davon ab, wie ich diese Menschen mitnehme. Mit „Hollandia“ sind wir insbesondere im öffentlichen Raum und weniger auf der Bühne aufgetreten, sodass wir die Menschen schneller erreichen konnten. Das haben wir hier in Bochum im nächsten Jahr auch vor – an verschiedenen Orten der Stadt Inszenierungen durchzuführen.

Als Student sind Sie oft nach Bochum gereist, um dort das Schauspielhaus zu besuchen. Was hat Sie schon damals an dem Haus fasziniert?

Das Bochumer Schauspielhaus ist für mich das schönste Theater der Welt. Zunächst einmal steht das Gebäude zentral in der Stadt. Zu Beginn meiner Intendanz habe ich auf dem Dach des Gebäudes den Schriftzug „Schauspielhaus Bochum“ anbringen lassen. Die meisten Bochumer sind überzeugt davon, dass der Schriftzug schon immer dort geprangt hat. Ich stand eines Tages an der Ampel und mir wurde bewusst, dass dieses Gebäude auch ein Bankgebäude sein kann und dem Betrachter nicht zwangsläufig als ein Theater ins Auge springt. Aus diesem Grund war mir dieser Schriftzug wichtig. Weiterhin finde ich die Architektur und die Form des Gebäudes einzigartig. Die Kubatur erinnert an ein Schiff. Ich selbst habe 16 Jahre lang auf einem Schiff gewohnt, sodass mich diese Form schon immer berührt und begeistert hat. Die Foyers im Inneren des Schauspielhauses sind einzigartig und auf diese Weise nirgends sonst auf der Welt zu finden. Mein Lieblingsort ist der große Saal, denn dort sitzt es sich wie in einem Kino: bequem und mit einem freien Blick auf die Bühne. Wenn der Saal mit Publikum gefüllt ist, hat er einen einzigartigen Atem.

Was macht die Kombination dieses einzigartigen Hauses mit einer Stadt wie Bochum so faszinierend?

Zunächst einmal fühle ich mich selbst in Bochum zu Hause. Ich bin zwar Niederländer, könnte aber auch aus Bochum sein. Ich schätze den einfachen, unkomplizierten und direkten Umgang der Menschen miteinander. In Bochum ist deutlich spürbar, dass das Schauspielhaus den Bochumern gehört. Ich war in München bei den Kammerspielen Intendant. Wenn dort jemand mein Programm nicht mochte, hat er das Residenztheater besucht. In Bochum gibt es aber – neben der großartigen freien Szene – nur eine Bühne dieser Größe. Die Menschen hier müssen sich zu meiner Arbeit verhalten.

 Inwieweit kommunizieren Sie denn mit Ihrem Publikum?

Wenn jemand sein Abonnement kündigt, passiert es schon einmal, dass ich denjenigen persönlich anrufe, um mich nach den Gründen für die Kündigung zu erkundigen. Das spricht sich in einer Stadt wie Bochum natürlich herum. Mir ist es wichtig zu verstehen, warum jemand eine Vorstellung nicht mag. Ich denke aber auch, dass die Menschen sich über die Aufmerksamkeit, die dem Schauspielhaus zuteil wird, freuen können. Unsere Produktionen werden überregional wahrgenommen, was gut für das Theater und die Stadt ist.

2016 haben die Bochumer Symphoniker mit dem „Anneliese Brost Musikforum“ erstmalig eine Heimstätte bekommen – die der Elbphilharmonie in Hamburg klangtechnisch in nichts nachsteht. Inwieweit ergeben sich Synergien zwischen den Häusern? Sie sind auch ein Liebhaber des Genre-Mix.

Jeder Intendant möchte mit den Bochumer Symphonikern zusammenarbeiten. Am 05. Januar diesen Jahres standen wir auch bereits gemeinsam mit den Bochumer Symphonikern im „Anneliese Brost Musikforum“ auf der Bühne. Beide Institutionen feiern dieses Jahr 100. Geburtstag. Die Musik spielten die Bochumer Symphoniker und unser Ensemble stand mit auf der Bühne und hat Texte aus dem Bochumer Stadtarchiv zur Geschichte der Häuser vorgetragen. In unserem neuen Programm werden die Bochumer Symphonikern ebenfalls präsent sein.

 Sie arbeiten frei, genreübergreifend und produktionsorientiert. Damit werden Sie das traditionsreiche Schauspielhaus völlig umkrempeln. Besteht damit nicht auch die Gefahr, dass das staatlich subventionierte Theater eine Konkurrenz für die freie Theaterszene der Stadt Bochum wird? Man denke hier an feste Größen wie das „Rottstr5 Theater“ oder das „Prinz Regent Theater“.

Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Viel mehr bin ich der Überzeugung, dass der Erfolg des Schauspielhauses auch die freie Theaterszene positiv beeinflusst. Wenn jemand aufgrund einer tollen Vorstellung im Schauspielhaus wieder Lust verspürt, häufiger das Theater zu besuchen, dann wird derjenige auch in der „Rottstr5“ oder beim „Prinz Regent Theater“ vorbeischauen. Letztendlich wird durch den Erfolg des Hauses der Ruf des gesamten Kulturstandortes Bochum, auch über die Stadtgrenzen hinaus, gestärkt.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch.

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Johan Simons

geb. 1946 in Heerjansdam (Niederlande), absolvierte eine Ausbildung um Tänzer an der Rotterdamer Akademie und zum Schauspieler an der Theaterakademie in Maastricht. 1976 wurde er Direktor und Schauspieler der Haagsche Comedie. 1985 gründete er mit dem Musiker Paul Koek die Theatergroep Hollandia. Nachdem die erfolgreiche Gruppe 2005 aufgelöst wurde ging Simons als künstlerischer Direktor zum belgischen Publiekstheater, das er in NTGent umbenannte. 2009 verlieh ihm die Universität Gent den Ehrendoktortitel. Seit 2000 wird Johan Simons regelmäßig als Gastregisseur von deutschsprachigen Theatern eingeladen. Von 2010 bis 2015 leitete er als Intendant die Münchner Kammerspiele. Von 2015 bis 2017 war Johan Simons Intendant der Ruhrtriennale und kehrte zeitgleich als künstlerischer Berater an das NTGent zurück. Mit der Spielzeit 2018/2019 ist Johan Simons Intendant am Schauspielhaus Bochum. Für seine Verdienste und Tätigkeiten im Theater erhielt Simons bereits zahlreiche Auszeichnungen.

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