VOM GOTTESHAUS ZUM STADTLABOR

Die Zwischennutzung verwaister Räume wird in vielen Innenstädten beliebter und kreativer. Der LutherLAB e. V. erprobt in Bochum-Langendreer die Zwischennutzung der 2012 entwidmeten Lutherkirche und stößt dabei immer wieder auf die Strahlkraft eines solchen Bauwerkes. Entstanden ist ein Ort, der die Phantasie beflügelt und zum Träumen anregt.

Wie so oft im Revier spielt die Industrialisierung eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Quartieren und Stadtteilen. So blickt Bochum-Langendreer auf eine fast tausendjährige Historie aus ungestörter Ruralität – bis im 19. Jahrhundert Kohle im Stadtteil vermutet wird. In den folgenden Jahrzehnten verzehnfacht sich die Bevölkerung des bis dato bäuerlich geprägten Stadtteils. Noch in den Sechzigerjahren fördern Langendreers Zechen Rekordmengen des schwarzen Goldes. Heute ist Langendreer ein ruhiger, fast verschlafener Stadtteil im Bochumer Osten, gleichwohl kann er mit dem LutherLAB, dem Kulturzentrum Bahnhof Langendreer und der Matrix ein vielseitiges Kulturangebot vorweisen.

Im Herzen Langendreers ragt die sandsteinfarbene und imposant zwischen Bäumen platzierte Lutherkirche auf. Diese wurde 1905 erbaut und befand sich bis 2012 in Nutzung der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum. Aufgrund der hohen Instandsetzungskosten inkl. des Glockenturms von 1,5 Mio. Euro wurde die Kirche im Jahr 2012 entwidmet und stand bis 2017 leer, da kein geeigneter Investor gefunden werden konnte.

Im Jahr 2017 wird das Forschungsprojekt „UrbaneProduktion.ruhr” auf das leerstehende Gebäude im Stadtteil aufmerksam und führt nur Monate später ein fünfwöchiges Festival der urbanen Produktion in der entwidmeten Kirche durch. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Bahnhof Langendreer und dem örtlichen Quartiersmanagement. In dieser Auftaktphase kann ein starker Impuls zur Aktivierung des Stadtteils gesetzt werden, in dessen Folge die Bürger die Kirche dauerhaft nutzen wollen, was in der Gründung des Vereins „LutherLAB e. V.” im Sommer 2018 resultiert.

Nachdem sichtbar wurde, dass auf dem Grundstück an der Alten Bahnhofstraße etwas passiert, erfährt das LutherLAB größten Zuspruch aus der Bevölkerung. „Die Menschen hier finden es gut, dass endlich wieder etwas passiert”, sagt Kerstin Meyer vom LutherLAB e. V. Dabei habe die Arbeit „in den Stadtteil hinein etwas länger gedauert.“ Für den Aufbau eines starken Netzwerkes „ist unsere gute Kooperation mit dem Kulturzentrum Bahnhof Langendreer sehr hilfreich”, erklärt sie im Gespräch vor Ort. Dabei ginge es nicht nur darum, die eigenen Veranstaltungen zu unterstützen, sondern auch darum, „einen zentralen Ort zu schaffen, der auch eine Anlaufstelle für andere Initiativen werden soll.”

Den anfänglichen Impuls aufgreifend initiieren die Vereinsmitglieder eine Bücherbörse und eine Glühweinbude in der Vorweihnachtszeit 2018. Mittlerweile haben sich aus dem bürgerschaftlichen Engagement eine regelmäßige Nähwerkstatt und die sogenannte Aufstreichergruppe gebildet. Beide Gruppen beweisen, dass Produktion im urbanen Raum durchaus Früchte tragen kann. Darüber hinaus soll in den Sommermonaten Urban Gardening auf den Grünflächen des weitläufigen Grundstücks getestet werden.

Die größte Herausforderung für die Lutherlaborantinnen und -laboranten bildet der Denkmalschutz des Gebäudes, aufgrund dessen bauliche Veränderungen erst einen langwierigen Genehmigungsprozess durchlaufen müssen. Zurzeit erhält der Verein keine dauerhafte Förderung und finanziert sich vornehmlich durch Einnahmen aus Veranstaltungen und die Mitgliedsbeiträge. Die jährlichen Betriebskosten der Kirche sollen ebenfalls aus Veranstaltungseinnahmen finanziert werden. Für kleinere und größere Sonderausgaben, wie die Instandsetzung der fast funktionstüchtigen Kirchenorgel, will der Verein den Stadtteilverfügungsfonds bemühen.

„Unser Ansatz ist es, hier eine Gemeinschaft zu schaffen, die in den Stadtteil hineinreicht”, erläutert Kerstin Meyer die Vision des Vereins. Gleichzeitig möchte man ein Angebot schaffen, das ausreichend Mittel in die Vereinskasse spült, um die Lutherkirche auch dauerhaft nutzen zu können. Um diesem Ziel näherzukommen, wünscht sich der Verein eine Industrieküche sowie eine offene Werkstatt, um die Möglichkeiten im Gebäude zu erhöhen. Des Weiteren steht die Entwicklung eines vermietbaren Arbeitsbereiches auf der Empore des luftigen Gewölbes auf der Liste. Arbeiten und nachhaltige Produktion sollen somit in dem Stadtteil wieder vermehrt in Verbindung gebracht werden und einen Beitrag zur Stadt der kurzen Wege leisten.

Zunächst sagte die Bauordnung der Stadt Bochum einer Zwischennutzung bis 2019 zu. Seitens der Gemeinde stände der Nutzung des ehemaligen Gotteshauses bis 2023 nichts im Wege. Über eine Verlängerung der Zwischennutzung werden bereits Gespräche geführt.

Ansprechpartner:
LutherLAB e. V.
Alte Bahnhofstr. 166
44892 Bochum-Langendreer

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