MARC REDEPENNING: EINE FRAGE DER GERECHTIGKEIT

Vor einiger Zeit sagte Oliver Bäte, der Vorstandsvorsitzende der Allianz, gegenüber der Zeit, „Gerechtigkeit“ sei für ihn ein marxistischer Begriff. Ist die Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert noch eine sinnvolle politische und philosophische Kategorie? 

Ja, selbstverständlich. Setzt man sich mit Gerechtigkeitsverständnissen und -begriffen auseinander, wird schnell klar, dass es derer viele gibt. Die Koexistenz verschiedener Begriffsverständnisse als Phänomen einer multiperspektivischen Gesellschaft hat nun recht wenig mit den universalistischen Großnarrativen gemein, zu denen ja auch der klassische Marxismus zählt. Die Gerechtigkeit als normierende Gleichheitsgerechtigkeit zu verstehen, so wie es bei Bäte anklingt, scheint mir überdies ein zu einengendes Verständnis dieses komplexen Begriffs zu sein. Die Annahme, mit Gerechtigkeit sei ausschließlich Gleichheit und das Ausmerzen von Unterschieden gemeint, wie es dem Marxismus und dem Kommunismus häufig vorgeworfen wird, trifft nicht zu.

Der Begriff der Gerechtigkeit leidet heute vor allem unter dem Problem, voreilig normativ gedacht zu werden. Dabei ist Gerechtigkeit auch eine wichtige empirische Kategorie, die in verschiedenen Teilbereichen unserer Gesellschaft Anwendung findet und entsprechend behandelt werden sollte.

Im Ruhrgebiet stellt die A40 einen sogenannten Sozialäquator dar. Dieser Begriff spielt auf das starke Sozialgefälle innerhalb der Bevölkerung an. Wie kommt es zu solch einer wirtschaftlichen und sozialen Polarisierung innerhalb einer Region und den darin liegenden Städten?

Hier geht es um sich selbst verstärkende Prozesse. Viele räumliche Systeme tendieren dazu, sich an bestimmten Fokussen zu zentralisieren. Schauen Sie sich beispielsweise die fachärztliche Bedarfsplanung an. Fachärzte werden auf Landkreise verteilt. Trotzdem bündelt sich die Anzahl der Fachärzte an bestimmten zentralen Orten, weil sie dort Synergie- und Agglomerationseffekte nutzen können, beispielsweise aufgrund besserer Erreichbarkeit.

Ähnliche Prozesse finden wir in Städten, Gemeinden und letztendlich auch in unseren alltäglichen Lebensverhältnissen: Wir lassen uns dort nieder, wo wir viele Vorteile genießen und es unsere finanziellen Mittel erlauben. Die negativen Effekte folgen derselben Logik: Der höherwertige Einzelhandel meidet zum Beispiel in der Regel Gebiete mit fehlender Kaufkraft. Diese Gebiete erfahren dann ein „Trading Down“: Das Angebot verschlechtert sich langsam, aber stetig und wird einseitiger. Für die finanziell stärkere Bevölkerungsschicht, die dort noch wohnt, wird der Standort zunehmend unattraktiver, da die schichtbezogenen Angebote, seien es nun Biomärkte oder Theater, wegbrechen. Das führt zu Wohnstandortverlagerungen und selektiven Abwanderungen der einkommensstarken Haushalte. Diese gegenläufigen Auf- und Abwärtsspiralen sind Ursache dafür, dass sich Städte zunehmend auseinander entwickeln bzw. eine regelrechte Dialektik von urbanem Zentrum und urbaner Peripherie bilden, die unverbunden nebeneinander existieren.

Trotzdem gibt es namhafte Geographen und Ökonomen, die feststellen, die Stadt sei aufgrund ihrer stärkeren Dichte und Diversität das höherwertige Raumverhältnis. Was stellt man dieser These entgegen?

Diese These ist lediglich eine Selbstbeschreibung aus urbaner Sicht. In jüngeren Diskursen zur Stadt, aus denen diese Behauptung hervorging, befassten sich die Wissenschaftler vor allem mit einer Variante der Nachhaltigkeitsdiskussion. Hier wurde Dichte und Nähe, also das, was Urbanität ausmacht und darüber hinaus für hohe ökologische Nachhaltigkeitseffekte sorgt, natürlich sehr positiv belegt. Eine gut organisierte Stadt verfügt im Bestfall über kurze Wege, ein gut ausgelastetes Infrastruktursystem und infolgedessen über ein geringes Verkehrsaufkommen.

Spannend an der Diskussion über die Qualität von Raumverhältnissen ist aber vor allem, dass Räume in den seltensten Fällen in ihrer gemeinsamen Verflochtenheit gedacht werden. Insofern fehlt in der Diskussion zu den Vorteilen der dichten Stadt, dass auch Aspekte des ländlichen Raums zu dieser Qualität beitragen – und das beschleunigte Leben in der Stadt erst ermöglichen. Viele Annehmlichkeiten innerhalb unserer Städte sind nur möglich, weil andere lebenswichtige Funktionen für die Stadt anderorts gesichert werden. Denken Sie zum Beispiel an eine Müllverbrennungsanlage: Diese wäre im innerstädtischen Raum schlicht undenkbar.

Allerdings erkennt man auch in den Ansichten der Stadtbewohner eine gewisse Ambivalenz. Zwar wird die Stadt als Lebensort präferiert, gleichzeitig gibt es aber zahlreiche Initiativen wie  Urban Gardening oder Urban Beekeeping. Was bedeutet es, wenn die Raumsemantik der Naturnähe und der handwerklichen Produktion, die primär mit dem Land assoziiert wird, nun zunehmend auch in der Stadt aufzufinden ist?

Diese Entwicklung zeigt, dass die dichte Stadt vielleicht gar nicht zwangsläufig das ist, was die Bewohner wollen. Viele sehen die Stadt tatsächlich gar nicht als großes, übergeordnetes Raumverhältnis, sondern eher von einer dörflichen Seite: Wichtig sind kleinräumige Quartiere, in denen Stadtbewohner ihre Umwelten und ihren Aktionsraum haben. Sie sind „dörflich“ in dem Sinne, dass Nachbarschaften noch gut funktionieren und man sich untereinander kennt. Für diese Konstellation eignet sich der Begriff der Rurbanität – also die Vermischung von städtischen wie ländlichen Attributen. Im Kontext unserer zunehmend älter werdenden Gesellschaft brauchen wir in der Tat stärkere Nachbarschaftshilfen, so wie man sie dem Dorf zuschreibt. Die Ruralisierung des Urbanen ist beispielsweise eine notwendige Folge einer alternden Gesellschaft bzw. eines helfenden und fürsorgenden Umgangs mit dieser neuen Bedingung.

Urban Gardening ist aufgrund verschiedener Ursachen entstanden, wie z. B. aufgrund der zunehmenden Konzentrations- und Kommerzialisierungsprozesse in der Landwirtschaft. Urban Gardening dient jedoch auch als Instrument zur Entschleunigung in einer stetig schneller werdenden Welt – schließlich erfordert der Anbau von eigenem Gemüse, Obst und Kräutern ein gutes Maß an Handwerkskunst. Darüber hinaus interessieren sich viele Konsumenten für die Herkunft der Lebensmittel und genießen letzten Endes auch das Gemeinschaftsgefühl, das durch Urban Gardening entsteht. Allerdings ist die Gemeinschaft der Urban Gardener natürlich soziokulturell recht homogen. Obgleich die Philosophie sehr weltoffen wirkt, ist sie in Theorie und Praxis doch eher geschlossen – sprich sie verbleibt doch noch zu stark dem eigenen Milieu verhaftet.

Auch unsere Redaktion hat natürlich im Vorfeld über Distanzen nachgedacht. Für uns war klar, dass die gemeinschaftliche Nähe, wie sie mit dem Land assoziiert wird, auch für die Stadt als Gegenmittel zur Anonymität begehrenswert ist. Ist es grundsätzlich problematisch, ländliche Alleinstellungsmerkmale in die Städte zu holen?

Letztlich holen wir lediglich unsere Vorstellung vom „ländlichen Wohnen“ in unsere Städte. Wir sprechen also über kulturelle Raumsemantiken, die sich im Verlauf unserer Geschichte herausgebildet haben. In den vergangenen Jahrzehnten haben Städte sukzessive eine offene Flanke in ihrer Organisation geschlossen. Sie sind dörflicher und sicherer geworden. Innerhalb von 30 Jahren haben sich Städte durch die Einrichtung von Fußgängerzonen und Fahrradverkehr ökologisch hervorgetan, so problematisch und defizitär ihre Umsetzung bis heute ist. Städte sind darüber hinaus sauberer geworden. Und auch durch eine Forcierung von Nachbarschaftspolitiken, also aktiven Städtebauprogrammen wie der „sozialen Stadt“, wurde sehr viel getan, um auf die Idee von ‚Gemeinschaft‘ im Städtischen hinzuarbeiten und die Stadt so zu ruralisieren.

Ist die Ruralisierung der Stadt also vielmehr als planerische Notwendigkeit denn als gesellschaftlicher Trend zu verstehen?

Ja und nein. Städte wären heute ohne gesellschaftliches Engagement, d. h. ohne ehrenamtliche Arbeit und Identifikation mit bestimmten Stadtteilen, gar nicht mehr zu unterhalten. Ohne zivilgesellschaftliche Initiativen würde uns das Leben in unseren Städten viel weniger Freude bereiten. Die Ruralisierung ist also auch eine Folge der Entwicklung, in der Menschen immer stärker auf sich selbst zurückgeworfen sind. Das ist Teil einer veränderten Staatsagenda: In der neoliberalen Stadt spielt Selbstmanagement eine viel stärkere Rolle. Diese Entwicklung wird aufgefangen und gleichzeitig durch die angesprochene Form der Verdörflichung städtischer Strukturen verstärkt. Im Endeffekt kann sich der Mensch in lebensweltlicher Hinsicht immer nur mit einem Teilsystem der Stadt identifizieren, da sie zu komplex ist. Wir identifizieren uns mit unseren Nahräumen: Hier sind wir aktiv, hier erfahren und erleben wir Stadt. Die Wirkung der Quartiere und der Quartiersbildung in Städten darf nicht unterschätzt werden. In den letzten fünfzehn Jahren ist dieser Prozess noch mal wesentlich gestärkt worden.

Was dies im Umkehrschluss für ländliche Räume bedeutet, ist schwer einzuschätzen. Mit der grundlegenden und ethischen Frage, ob Städte künftig so attraktiv werden, dass das Leben im ländlichen Raum keinen Sinn mehr macht, haben wir uns noch nicht ausreichend auseinandergesetzt.

In den bisherigen Fragen klang unterschwellig ein Verständnis von Stadt und Land als binäre Oppositionen an. Wie würden wir richtigerweise die Beziehung von Stadt und Land denken?

Als eine hochgradig miteinander verflochtene Beziehung, in der beide Seiten nicht ohneeinander auskommen. Zugleich führt uns diese Frage zurück zur Ausgangsthematik der Gerechtigkeit. Wir haben die Gleichberechtigungsdiskussion bislang auf sehr technokratische Art und Weise behandelt. Wir definieren Mindeststandards, die Räume einhalten müssen. Gelingt es ihnen nicht, greifen wir ein, um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu sichern. In dieser Diskussion fehlt meines Erachtens aber eine Komplexitätsdimension. Unser vorherrschender Gerechtigkeitsbegriff basiert auf „Verteilung“. Der Zugang zu sozialen Diensten und der Grundversorgung muss in einigermaßen akzeptabler Qualität zu halbwegs günstigen Kosten gewährleistet sein. Das nennen wir „gerecht“. Steigen wir aber tiefer in die Gerechtigkeitsdiskussion, stellen wir fest, dass Verteilungsgerechtigkeit nicht die einzig relevante Dimension ist. Die Philosophin Nancy Fraser schlägt vor, Gerechtigkeit in drei Dimensionen aufzuteilen. Die zweite Dimension nennt sie die Anerkennungsgerechtigkeit, d. h. die Anerkennung von Lebensleistungen der Menschen, die jenseits der gesellschaftlichen Mitte leben. Die dritte Dimension betitelt Fraser als Beteiligungsgerechtigkeit. Hier geht es um die Frage, in welchem Maße Menschen in politische Entscheidungsfindungsprozesse eingebunden sind. Infolgedessen ist fraglich, inwieweit Problemlagen der auf dem Land wohnenden Menschen in einer Gesellschaft, die sich primär als urban und urbanisiert beschreibt, tatsächlich Gehör finden. Ich denke, wir sollten unseren Gerechtigkeitsbegriff ausweiten und die zwei weiteren Dimensionen unbedingt mitberücksichtigen.

Wie könnten und sollten Stadt und Land perspektivisch gestaltet werden, um in beiden Raumverhältnissen langfristig ein gutes Leben zu ermöglichen?

Grundsätzlich sollten wir mehr Demut gegenüber den kreativen Strukturen zeigen, welche die Leute in ländlichen Räumen fernab von medialer Aufmerksamkeit schaffen. Denn letztlich sind es kreative Projekte, die die Lebensqualität vor Ort steigern; für die ein Großteil der Bevölkerung allerdings zu wenig Zeit hat. Gleichzeitig werden wir uns damit abfinden müssen, dass sich einige Raumverhältnisse nie mehr in den Rentabilitätskategorien anderer wiederfinden werden. Nichtsdestotrotz können wir lebenswerte Umwelten schaffen und uns vergewissern, dass die Grundlagen der Infrastruktur geschaffen sind und den Menschen ein grundsätzliches Selbstwertgefühl vermittelt wird. Wer in der ländlichen Peripherie lebt, sollte definitiv niemals in der Peripherie unserer Aufmerksamkeit leben.

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Marc Redepenning

promovierte 2004 an der Universität Leipzig mit einer Arbeit zu „Systemtheorie und raumbezogene Semantik“. 2011 folgte die Habilitation an der Chemisch-Geowissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Schiller Universität Jena. Nach diversen Vertetungsprofessuren ist Redepenning seit 2012 Inhaber des Lehrstuhls Geographie I an der Otto-Friedrichs-Universität Bamberg. Dort beschäftigt er sich mit Raumsemantiken und dem Verhältnis von urbanen und ländlichen Gebieten. Seit 2015 ist Redepenning außerdem Studiendekan der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrichs-Universität Bamberg.

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(2) © Henriette Neef

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