BURKHARD JUNG: EINE STADT STIFTET IDENTITÄT

© Susann Friedrich

Die Stadt Leipzig hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu der boomenden Metropole Ostdeutschlands entwickelt. Welche Faktoren haben zu dieser Entwicklung beigetragen?

Zu dieser Entwicklung haben viele Faktoren beigetragen. In den 1990er Jahren erlebte die Stadt einen Einwohnerverlust von rund 100.000 Menschen. Nach der Stagnation der Einwohnerzahl, die bis zur Jahrtausendwende andauerte, erlebt Leipzig seit ca. zehn Jahren ein sehr deutliches Bevölkerungswachstum. Die 100.000 Menschen, die uns verloren gegangen sind, sind längst wieder da. Ausschlaggebend hierfür war in erster Linie die Entwicklung neuer Industriearbeitsplätze. Durch die offensive Standortentscheidung von Unternehmen wie Porsche, BMW, DHL und weiteren Logistikern entwickelte sich eine Reindustrialisierung, die neue Arbeitsplätze schuf und die Menschen zurück in die Stadt lockte. Darüber hinaus haben wir versucht, an alte Stärken anzuknüpfen: Leipzig ist seit Jahrhunderten Messestandort, Drehscheibe im Ost-West-Handel und Kulturmetropole. Mit einer offensiven „Ab-in-die-Mitte-Politik“, einer klugen Stadtentwicklungsstrategie ist es gelungen, sowohl das Zentrum als auch die umliegenden Räume zu stärken, die sich zunehmend positiv entwickeln. Im damaligen Schrumpfungsprozess haben wir einen Rückbau organisiert, der uns heute zugute kommt. Umgekehrt versuchen wir natürlich auch im Wachstumsprozess Schritt zu halten: Dazu gehört, auf die eigenen Stärken zu vertrauen, sie zu nutzen, die richtigen Entscheidungen in puncto Industrialisierung zu treffen und auch die Wissenschaft und hier ansässige Institute zu stärken. Des Weiteren hat auch das geschickte Marketing zu neuen Möglichkeits- und Entwicklungsräumen geführt, die einen regelrechten Sog ausgelöst haben. Das Image der Stadt ist frisch, neu und anziehend. Und letzten Endes braucht es auch die nötige Portion Vertrauen: Das Thema „Leipzig wächst nachhaltig“ war und ist mir immer ein großes Anliegen. Ich denke, dass wir die 600.000-Einwohner-Marke wieder knacken werden. Wir haben das Wachstum nicht herbeigeredet, wir haben daran geglaubt.

Diese durchweg positive Entwicklung konnte sicherlich nur gelingen, weil die „Basis“ stimmte und die Mehrheit der beteiligten Akteure an einem Strang gezogen hat. Andernfalls wäre es vermutlich nicht so positiv verlaufen, oder?

Keineswegs. Das waren maßgebliche Faktoren. Trotz Schrumpfungsprozess, finanzieller Schwierigkeiten und der hohen Arbeitslosenquote war die Grundstimmung in Leipzig seit den 1990er-Jahren immer positiv. Dieser Wille, die Ärmel hochzukrempeln und die Stadt aktiv gestalten zu wollen, hat seinen Ursprung sicherlich auch in der Friedlichen Revolution von 1989. In Leipzig gab es immer genug „Macher“, die daran glaubten, Dinge verändern zu können. Leipzig ist groß genug, um alles haben zu können, und klein genug, um alle Akteure zu kennen.

Darüber hinaus gilt Leipzig seit jeher als „Bürgerstadt“. Wie gelingt es heute, die Bürger in wichtige Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einzubeziehen?

Die Stadt hat – wie wohl alle deutschen Metropolen – zunehmend Schwierigkeiten alle Menschen zu erreichen; v. a. diejenigen, die sich in ihrer „Nische“ eingerichtet haben. Neben den üblichen baugesetzlichen Regelungen des Beteiligungsmanagements, haben wir versucht, frühzeitig „runde Tische“ zu bilden und die Einwohner bei strategischen Planungen einzubeziehen. Hierzu gehört neben der Zusammenarbeit mit Bürgervereinen auch die aktive Kinder- und Jugendbeteiligung sowie die Entwicklung neuer Beteiligungsformate. Das sind z. B. auch das Format „Leipzig weiterdenken“, das aus dem Einwohnerverzeichnis per Losverfahren die Bürgerinnen und Bürger auswählt, die wir dann zu einem persönlichen Dialog bzw. Workshop zu Stadtentwicklungsfragen einladen.

© Stadt Leipzig

Hat sich dieses Format bewährt?

Ja, die Rücklaufquote ist sehr gut. Der Einladung zu unserer Auftaktveranstaltung sind 300 von 500 eingeladenen Bürgerinnen und Bürger nachgekommen. Erfolgreiche Bürgerbeteiligung ist ein Thema, das wir als Stadt sehr ernst nehmen und differenziert betrachten. Wir dürfen nicht etwas versprechen, das wir nicht halten können. Glücklicherweise ist die Gesamtzufriedenheit und Identifikation mit der Stadt unter den Einwohnern sehr hoch. In sämtlichen Studien, an denen wir uns seit vielen Jahren auf europäischer Ebene beteiligen, liegt die Lebenszufriedenheit in Leipzig bei weit über 70 Prozent – Tendenz steigend – und das vor dem Hintergrund, dass seit 1990 rund 50 Prozent der Bevölkerung „ausgetauscht“ wurde! Leipzig war und ist auch für Hinzugezogene identitätsstiftend – das können nicht alle Städte von sich behaupten. Es ist außerdem schön zu beobachten, dass gerade die neu Hinzugezogenen immer schon die glühendsten Leipzig-Verehrer sind: Angefangen bei Johann Sebastian Bach, der als Kantor in die Stadt kam und 27 Jahre blieb, Mendelssohn Bartholdy oder Francesco Grassi, der der Stadt gleich ein ganzes Museum stiftete, um „Danke“ zu sagen. Leipzig ist seit Jahrhunderten eine weltoffene Messe- und Universitätsstadt. Das prägt.

Wie gelingt es der Stadt, dass diese Weltoffenheit nicht in Vergessenheit gerät? Immerhin kämpft Leipzig genau wie viele andere Metropolen mit steigenden Mieten, knappem Wohnraum, fehlender sozialer Infrastruktur. Wie kann sie dem Wachstum standhalten?

Menschen haben immer Angst vor Veränderung. Durch das anhaltende, starke Wachstum werden die Räume dichter, infolgedessen wird es enger, teurer und auch sozial spannungsgeladener. Freiräume verschwinden und rufen Themen wie bezahlbaren Wohnraum und steigende Mieten hervor. Wohnen und Mobilität werden künftig unsere großen Themen sein. Nun gilt es, offen über Veränderungen und Veränderungsprozesse zu sprechen. Kommunikation ist das A und O. Nur so können Ängste abgebaut werden. Es steht außer Frage, dass es nicht schön ist, wenn die letzte Freifläche innerhalb eines Quartiers bebaut wird. Auf der anderen Seite entstehen neue Wohnungen. Und so ein Lückenschluss birgt weitere Chancen:

Es entsteht eine neue Flucht oder – metaphorisch gesprochen – bekommen die hohlen Zähne wieder eine neue Füllung, mit der es sich im Endeffekt besser lebt. Anders als viele westdeutsche Städte hat Leipzig noch genug Räume und Brachen in innerstädtischen Lagen, die den Bedarf stillen können. Das finden auch viele Einwohner interessant zu beobachten: Die Stadt verändert sich stetig, es entstehen neue Straßenbilder und die historische Gründerzeitarchitektur wird behutsam ergänzt.

Die Integration neuer Architektur in Bestandsarchitektur gilt als besondere Herausforderung. Wie verhindern Sie, dass sich die Leipziger Stadtquartiere aufgrund aktueller Trends in der Projektentwicklung nicht zu gleichförmigen Quartieren entwickeln?

Unser größter Vorteil ist, dass Leipzig das größte Gründerzeitensemble Deutschlands besitzt. Das lässt sich glücklicherweise nicht so leicht überzeichnen. Dort, wo es zu Lückenschlüssen kommt, ist sich natürlich im Rahmen von § 34 BauGB an der Bebauung im Umfeld zu orientieren. Bei der Entwicklung und dem Bau neuer Quartiere ist es letztendlich die Kunst der Planung, über städtebauliche Verträge bestimmte Standards zu sichern. Das ist in der Tat mitunter eine große Herausforderung.

© Stadt Leipzig

Gibt es ein Projekt, das aus Ihrer persönlichen Sicht besonders herausragend und zukunftsweisend ist?

Ja, die Entwicklung rund um den Lindenauer Hafen. Ich habe immer daran geglaubt, dass es richtig ist, in dieser vollkommen brachen Situation Wohnen am Wasser zu verwirklichen. Heute können Sie am Kanal in ein Boot steigen und in die Innenstadt fahren. Das ist eine wirklich tolle Entwicklung! Die ersten Ideen für diese Planungen entstanden in der Olympiabewerbungszeit. Mir schwebte vor, in dem Gebiet ein Olympisches Dorf zu errichten. Aus dieser Vision wurde nun eine andere, aber sehr attraktive Realität.

Auch die Entwicklungen am Eutritzscher Freiladebahnhof und an der Westseite des Hauptbahnhofs sehe ich als zukunftsweisend; ebenso das große Projekt am Wilhelm-Leuschner-Platz, der im Zweiten Weltkrieg von zwei Bomben getroffen wurde und seither als „Brache mitten im Herzen der Stadt“ gilt.

Trotz aller Euphorie: Wachsende Städte sehen sich seit jeher mit der Gefahr der Gentrifizierung konfrontiert. Stoßen Sie diesbezüglich auf rege Diskussionen in der Leipziger Bürgerschaft?

Natürlich gibt es auch in Leipzig aktive Gentrifizierungsgegner, mit denen wir im Dialog sind. Das Thema muss offensiv angesprochen werden. Die Wohnungsmarktentwicklung in Leipzig war notwendige Voraussetzung für neue Investitionen. Gleichzeitig ist die Angst nachvollziehbar, dass solche Entwicklungen außer Kontrolle geraten können. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass jede Baustelle ein Versprechen für die Zukunft ist. Zusätzlich ist es elementar, dass wir mit einer vernünftigen Bauleitplanung auch Freiräume erhalten, die Grünplanung voranbringen und strategische wohnungspolitische Ziele vorgeben.

Sie haben bereits davon gesprochen, dass die Ansiedlung großer Unternehmen ein Aspekt war, der die Entwicklung der Stadt maßgeblich positiv beeinflusst hat. Wie kann die Stadt auch zukünftig konkurrenzfähig bleiben?

Mit unserer sogenannten Clusterstrategie haben wir fünf Cluster identifiziert, die wir primär in unserer Wirtschaftsansiedlungspolitik bzw. Wirtschaftsförderung weiterentwickeln wollen. Zu diesen Clustern gehören die Automobil- und Zuliefererindustrie, die Logistik, die Medien- und Kreativwirtschaft, die Energie- und Umwelttechnik sowie die Gesundheitswirtschaft und Biotechnologie. Wichtig ist, den Markt kontinuierlich zu beobachten und auf Veränderungen zu reagieren. Als die Kreativen in der Stadt immer stärker wurden, haben wir das Doppelcluster „Medien- und Kreativwirtschaft“ gebildet. Mittlerweile gibt es 38.000 Arbeitsplätze in dem Bereich. Die Kopplung von Gesundheitswirtschaft und Biotechnologie empfinden wir als sinnvoll, da wir im Bereich Medizin einen biotechnologischen Schwerpunkt in Leipzig haben. Darüber hinaus gilt es nun, die Potenziale der Digitalisierung richtig zu nutzen und wichtige Wachstumspotenziale zu identifizieren. Wir können nur dann konkurrenzfähig bleiben, wenn wir uns kontinuierlich auf die richtigen Dinge fokussieren und gleichzeitg flexibel genug bleiben, um auf Marktentwicklungen und – veränderungen zu reagieren. Innerhalb der Stadtverwaltung könnte ich mir vor diesem Hintergrund vorstellen, das Dezernat Wirtschaft und Arbeit mit einem neuen Schwerpunkt zu versehen.

© Sächsisches Staatsministerium des Innern

Im Mai 2018 haben Sie gemeinsam mit Horst Seehofer den vierten Tag der Städtebauförderung eröffnet. Welche Bedeutung haben solche Programme für Städte wie Leipzig?

Die Bundespolitik hat mit dem Städtebauförderungsprogramm eine wichtige Weiche für die Stadtentwicklung gestellt. Auch Dank Programmen wie der ‚Europäischen’ oder der ‚Sozialen Stadt’ pflegen wir seit vielen Jahren sehr gute Kontakte zum Bund. Es ist kein Zufall, dass das ‚Europäische Papier für Stadtentwicklung’ den Namen ‚Leipzig Charta’ trägt. Insofern war es ein konsequenter Schritt, dass wir dieses Jahr den Tag der Städtebauförderung in Leipzig eröffnet haben. Viele gute Beispiele, die wir hier in Leipzig entwickelt haben, konnten wir miteinander teilen. Dass die Bundesebene die Stadt endlich als zentralen Lebensraum entdeckt hat, ist ein großer Durchbruch. Mittlerweile leben über 60 Prozent der Menschen in Städten. Das war vor 20 Jahren noch anders. Die Perspektive hat sich verändert. Daher ist eine Bundesregierung gut beraten, Städtebauförderung auch als eigenes Thema zu betrachten und es nicht nur Städten und Ländern zu überlassen.

Zum Abschluss: Gibt es besondere Highlights in Ihrer Amtszeit, auf die Sie besonders stolz sind?

Neben der Entwicklung des Lindenauer Hafens hänge ich besonders an der Kongresshalle am Zoo, die wir wachgeküsst haben. Außerdem bin ich stolz auf die Entwicklung unseres Lichtfestes: Mit diesem Fest ist es uns gelungen, dem Tag der Friedlichen Revolution am 9. Oktober einen Rahmen zu geben, der auch von jungen Leuten verstanden wird. Es ist ein Ort, an dem Intellektualität und Emotionalität zusammenfinden und wo mit Hilfe von Licht und Kunst nicht nur an das Jahr 1989 erinnert, sondern es auch in die Zukunft getragen wird.

Bleiben Sie Leipzig auch künftig als Oberbürgermeister erhalten?

Das lasse ich an dieser Stelle offen. Es stehen noch wichtige Entscheidungen an.

Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in die Entwicklung der Stadt Leipzig.

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BURKHARD JUNG

geb. 1958 in Siegen, war nach seinem Studium in Münster zunächst einige Jahre als Lehrer für Deutsch und ev. Religion, Schulleiter und Oberstudiendirektor tätig, bis er 1999 sein politische Laufbahn (SPD) startete und das Amt zum Beigeordneten für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule der Stadt Leipzig antrat. 2006 wurde er zum Oberbürgermeister der Stadt Leipzig gewählt. Die Wiederwahl und Fortführung der Amtszeit als Oberbürgermeister erfolgte 2013. Burkhardt Jung ist u.a. Mitglied im Aufsichtsrat der Leipziger Messe GmbH, Mitglied im Präsidium des Deutschen Städtetages, seit 2006 Aufsichtsratsvorsitzender der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH und seit 2008 Vizepräsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages. Seit 2010 ist er außerdem für zahlreiche kulturelle Einrichtungen der Stadt Leipzig zuständig.

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