PETER KURZ: VIELSEITIGKEIT STATT LANGEWEILE

© Andreas Henn

Sie sind in Mannheim zur Schule gegangen, haben dort studiert und sind bereits seit 2007 Oberbürgermeister der Stadt. Was macht Mannheim aus Ihrer Sicht besonders?

Aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit wird die Stadt nie langweilig. Die unterschiedlichen Traditionslinien Mannheims sind noch heute präsent und weisen auf eine breitgefächerte Geschichte hin. Als damalige Residenzstadt, die nach den Prinzipien der Idealstadt angelegt wurde, war Mannheim schon vor über 250 Jahren von wichtigen kulturellen Institutionen geprägt. Darüber hinaus entwickelte sich Mannheim von einer Hafen-, Handels- und Banken- bis zur Industriestadt und war Zentrum der bürgerlichen Revolution sowie verschiedener Emanzipationen. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Mannheim schließlich zur Bildungsstadt und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Wissenschaftsstandort mit einer hohen Dynamik. Auch ist Mannheim immer Handelsstadt gewesen, was sie sich bis heute sowohl im Groß- als auch im Einzelhandel bewahrt hat. Und was die Stadt ebenfalls bis heute kennzeichnet, ist die Vielfalt der Kulturen: Mannheim war von Beginn an eine Stadt mit Menschen aus vielen Kulturen (heute aus 170 Nationen), die sich jetzt zunehmend international profiliert. Das alles macht letztlich eine sehr facettenreiche und interessante Stadt aus.

Ist dieser Facettenreichtum auch in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen?

Nein, das ist noch nicht im wünschenswerten Maß der Fall. Wir haben in den letzten Jahren intensiv daran gearbeitet, diesen Facettenreichtum und die damit einhergehende Vielseitigkeit des Urbanen deutlicher nach außen zu tragen. In der Vergangenheit wurde die Stadt oftmals auf ihre Rolle als Produktions- und Industriestandort reduziert. Diese Wahrnehmung hat sich heute differenziert. Während es vor zwanzig Jahren noch eine Herausforderung war, Arbeitskräfte in der Stadt zu gewinnen, ist auch dies heute kein Thema mehr. Die Lebensqualität, über die Mannheim heute verfügt, wurde der Stadt damals nicht zugetraut.

Wie gestaltet sich denn die Atmosphäre innerhalb der Mannheimer Bürgerschaft im Hinblick auf Toleranz beim Thema Migration?

„Leben und leben lassen“ ist sicherlich ein klassischen Metropolenmotto, das besonders hier in Mannheim spürbar ist. Aber das politische Klima ist – mit Hinblick auf die globale Entwicklung – natürlich auch hier rauer geworden. Wir haben in Mannheim eine starke Segregation in hoher Dichte, die zwar Durchlässigkeiten aufweist, jedoch auch zunimmt. Insbesondere der Umgang mit den sogenannten Vielfaltsquartieren ist für uns relevant. Diese Vielfaltsquartiere sind durch einen hohen Migrationsanteil, insbesondere aus Südosteuropa, geprägt, gleichzeitig aber auch attraktiv für Studierende oder Investoren, die dort alte Gebäudesubstanzen für sich entdecken. Unsere intensive Arbeit mit und in diesen Quartieren ist durchaus erfolgreich. Wir werden als aktiver Part wahrgenommen, der Stadtteile nicht sich selbst überlässt und bereit ist, auch kleinteiliger zu intervenieren. Das ist mühsam und aufwendig, aber wahrnehmbar. Mit dem „Bündnis für Zusammenleben in Vielfalt“ haben wir eine eigene Plattform aufgebaut, die mittlerweile über 250 verschiedene Institutionen und Akteure verzeichnet. Als Basis dient eine gemeinsame Mannheimer Erklärung sowie ein zusammen erstelltes Veranstaltungsprogramm, das Themen der Begegnung und der Unterschiedlichkeit aufgreift. Ich denke, dass eine solche Plattform eine Mannheimer Besonderheit ist, die zum Thema Zusammenhalt auch wirklich etwas beiträgt.

Sie sind auch Präsident des Städtetags Baden-Württemberg. Soeben haben Sie die Komplexität angesprochen, die insbesondere die Integrationsthematik mit sich bringt. Inwieweit hat ihr Präsidentenamt Einfluss auf Ihre Arbeit als Oberbürgermeister in Mannheim? Wünschen Sie sich auf Landesebene mehr Unterstützung für Kommunen wie Mannheim?

Sobald ich Herausforderungen, Problemlagen, aber auch Strategien aus anderen Städten wahrnehme, hat das natürlich Einfluss auf mein Amt als Oberbürgermeister. Als Präsident des Städtetags Baden-Württemberg sehe ich vor allem, dass viele Fragen struktureller Art und in nahezu allen Großstädten deckungsgleich sind. Ich würde mir eine direkte Dialogebene zwischen Bund und Städten wünschen. Es existiert leider keinerlei verfassungsrechtliche Beziehung zwischen Bund und Kommunen. Es ist ein Fehler, die Erfahrungen von Städten nicht wahrzunehmen und sie zum Gegenstand der Politik auf Bundesebene zu machen. Auf der supranationalen Ebene entsteht hingegen eine deutliche Bewegung. Dort hat man erkannt, dass die großen Fragen wie Migration, Klima und Zukunft von Mobilität, Sicherheit und Zusammenleben in Vielfalt lokale Antworten brauchen.

© Andreas Henn

Kommen wir also auf die Kommunalpolitik zu sprechen. Mannheim gilt als Stadt, die gestaltet statt verwaltet. In welchen Prozessen wird das sichtbar?

Das wird natürlich insbesondere bei dem Thema Konversion sichtbar. In Form einer eigenen Gesellschaft – der MWSP – treten wir hier als Stadt selbst auf und können schnell und agil agieren, was sich sichtbar und positiv ausgewirkt hat. Nicht nur was das Tempo der Konversion, sondern auch den gestalterischen Anspruch betrifft. Das gilt ebenso für die soziale Stadterneuerung. Wir kooperieren gezielt mit Akteuren außerhalb der Verwaltung: Künstlern oder jungen Architekturbüros, die Interventionen im öffentlichen Raum durchführen. Auf diese Weise erzielen wir schnelle Reaktionen. Darüber hinaus ist unsere Digitalisierungsstrategie zu erwähnen, die wir bis in den Bildungsbereich hinein implementiert haben. Mit dem Unterstützungssystem MAUS (Mannheimer Unterstützungssystem Schule) bieten wir Schulen mit besonderen Herausforderungen die Möglichkeit von der Stadtbibliothek, der VHS oder beispielsweise dem Jugendamt, Leistung einzukaufen.

In ihrem städtischen Leitbild setzen Sie den primären Fokus auf die Umsetzung globaler Nachhaltigkeitsziele. Was können wir darunter verstehen?

Internationale Verpflichtungen haben wir seit jeher sehr ernst genommen. Mit der Integration der 17 Nachhaltigkeitsziele in unser Leitbild möchten wir eine globale Orientierung auf lokaler Ebene anwendbar machen. Gleichzeitig bringt das Leitbild aber auch unsere lokale Strategie zum Ausdruck. Über den gesamten Entwicklungsprozess des Leitbildes hinweg, ist der ungeheuer ambitionierte Anspruch des Themas Klimaneutralität sehr deutlich geworden. Insbesondere im Gebäudesektor ist der CO2-Fußabdruck extrem hoch und es muss noch einiges geschehen, wenn wir in diesem Bereich bis 2050 klimaneutral agieren möchten. Die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, bedeutet eine regelrechte Transformation der Wirtschaft und unserer Art zu leben. Jetzt, wo mit dem Leitbild das Instrumentarium endlich steht, beginnt der eigentliche Arbeitsprozess in der Realität.

2020 findet die Europäische Konferenz für Nachhaltige Städte in Mannheim statt. Das hat ja dann sicherlich noch einmal eine herausragende Bedeutung für Sie?

Ja. Die teilnehmenden Städte bekennen sich alle zu den 17 Nachhaltigkeitszielen. Hier sehen wir in beide Richtungen eine entsprechende Chance. Zum einen werden wir bei einer derart kompakten Konferenz mit rund 1.000 Teilnehmern aus hunderten europäischen Städten noch einmal ganz neue Impulse für uns erfahren. Auf der anderen Seite können wir als Gastgeber unsere Konzepte und das, was wir in der Stadt erreicht haben, präsentieren.

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Sowohl im Hinblick auf die Entwicklung des Leitbildes als auch im Hinblick auf die Veränderungsprozesse innerhalb von Mannheim setzt die Stadt auf die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Sie sind auch auf Facebook aktiv und geben sich sehr bürgernah. Wie gestaltet sich der Prozess mit der Bürgerschaft Mannheims?

Für mich gibt es zwei Zieldimensionen, die über Bürgerbeteiligung erreicht werden können: die Qualitätssicherung von Entscheidungen und die Aktivierung. Insbesondere bei Entscheidungen, die den öffentlichen Raum betreffen, kann Bürgerbeteiligung helfen, neue Akteure für die Zukunft zu gewinnen. Dennoch bieten Beteiligungsprozesse auch eine ganze Reihe von Risiken, weswegen wir auch immer wieder neue Ansätze ausprobieren. Als durchaus positiv hat sich das Losverfahren bewährt: Hier führt man durch Auslosung und nachlaufende Motivation eine größere Gruppe zusammen. Diese ist dann tatsächlich heterogener als Gruppen, die man durch reine Pressemeldungen gewinnt, in denen auf einen vierstündigen Workshop im Rahmen eines Beteiligungsverfahrens hingewiesen wird. Klassische offene Einladungen erreichen ein relativ schmales Segment von Menschen, was eine erhebliche Verzerrung bei der Wahrnehmung der „Stimme der Bürgerschaft“ zur Folge hat.

Lassen Sie uns noch über das Thema Einzelhandel sprechen. Anders als in vielen anderen Kommunen gilt die Einzelhandelssituation in Mannheim als vergleichsweise unproblematisch. Die Mannheimer Planken gelten als beliebtes Shoppingziel. Welche Faktoren tragen zu dieser Beständigkeit bei? Inwieweit haben Traditionsunternehmen wie Engelhorn Einfluss auf die Einzelhandelssituation?

Wir haben in jedem Fall einen strukturellen Vorteil, da wir das kleinste Oberzentrum einer deutschen Metropolregion sind. Die daraus resultierende, besondere zentrale Funktion haben wir in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten gezielt ausgebaut und entsprechend viel Nachfrage generiert. Die Metropolregion hat 2,4 Mio. Einwohner, von denen ein erheblicher Teil Mannheim als seine Einkaufsstadt erachtet. Dennoch muss auch hier gelten: Von nichts kommt nichts. Qualität spielt immer eine entscheidende Rolle. Wir haben unsere Ausgangssituation entsprechend genutzt. Die inhabergeführten Unternehmen wie Engelhorn geben der Stadt zudem ein individueller geprägtes Gefüge. Insofern ist die Mannheimer Einkaufssituation nicht einfach eine Ansammlung der üblichen Einzelhandelsketten – zumal auch diese, aufgrund starker Akteure wie Engelhorn, in der Situation sind, selbst investieren zu müssen. Dass Peek & Cloppenburg eines seiner ersten Weltstadthäuser in Mannheim verortet hat, ist auf diese Wettbewerbssituation zurückzuführen. Ein weiterer Vorteil für eine florierende Einkaufsstraße ist darüber hinaus die Erreichbarkeit – auch mit dem ÖPNV. Die Mannheimer Stadtbahn verläuft direkt in der Fußgängerzone. Gerade haben wir außerdem 30 Mio. Euro in Stadterneuerungsmaßnahmen mitten im Zentrum investiert. Nicht zuletzt auch mit dem Wissen, dass es sich für uns auch in der Vergangenheit immer wieder ersichtlich ausgezahlt hat, unsere Qualität als Einkaufsstadt zu wahren.

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