VIRGIL: EIN NACHTGEBET FÜR DIE OPFER VON WAFFENGEWALT

© 2019 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY. Presented by Creative Times. Photo by Laren Camarata.

Das amerikanische Problem der Waffengewalt

Im Jahr 1999 töteten zwei Jugendliche an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado elf Schüler, einen Lehrer und anschließend sich selbst. 2012 erschoss ein psychisch erkrankter Mann in der Sandy-Hook-Grundschule von Newtown (Connecticut) 20 Kinder und sechs Erwachsene, bevor er sich selbst das Leben nahm. Im Jahr 2018 kamen bei einem antisemitisch motivierten Attentat in der Synagoge Tree of Life in Pittsburgh (Pennsylvania) elf Menschen und der Schütze selbst durch eine Waffe ums Leben. Wenige Monate später eröffnete ein Attentäter in einer Bar in Thousand Oaks (Kalifornien) das Feuer, wobei wiederum zwölf Personen das Leben verloren. In diesem Jahr erlangte die Tat eines städtischen Angestellten in Virginia Beach, bei dem zwölf Angestellte und zuletzt der Täter selbst erschossen wurden, traurige Berühmtheit.

© 2019 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY. Presented by Creative Times. Photo by Laren Camarata.

Mass Shootings

In den vergangenen Jahren scheinen diese Mass Shootings stetig zuzunehmen und sorgen im Kontext der medialen Berichterstattung sowohl für nationale als auch für internationale Kritik am amerikanischen Waffengesetz. Das Ausmaß der alltäglichen Waffengewalt in den USA und die dadurch entstehende Repression der Bürger tritt allerdings vollkommen in den Hintergrund. Und das obwohl laut der Nicht-Regierungsorganisation Gun Violence Archive in den vergangenen fünf Jahren jährlich zwischen 45.000 und 62.000 Personen durch Schusswaffen in den USA zu Schaden gekommen sind. Auch wenn diese Zahlen bislang offiziell nicht bestätigt werden konnten, erzeugen sie zumindest einen ungefähren Eindruck des ausufernden Schusswaffenmissbrauchs innerhalb der USA. Diesen Missstand suchte auch die amerikanische Konzept- und Installationskünstlerin Jenny Holzer unlängst durch ihr jüngstes Projekt VIGILaufzudecken und in den Fokus des öffentlichen Diskurses zu rücken.

Jenny Holzer

Seit mehr als vier Jahrzehnten nutzt Holzer den öffentlichen Raum als Spielwiese ihrer kreativen Arbeit. Die Künstlerin ist besonders für ihre großformatigen Lichtinstallationen bekannt, die sich mit wichtigen sozialen und gesellschaftlichen Themen wie Gewalt, Feminismus, Unterdrückung und Macht befassen. Der Fokus ihrer Kunstwerke liegt, realisiert als T-Shirt, Plakat oder LED-Projektion primär auf dem Medium Text. So gelingt ihr nicht nur die direkte Konfrontation der Bürger mit den sozialen Missständen sowie das kreative Spiel mit den aktuellen Ängsten und Träumen ihrer Gesellschaft. Ihr textbasiertes Pionier-Projekt mit dem Titel Truisms (1977-79) hinterfragte auf anonymen Postern verteilt im urbanen Raum New Yorks zahlreiche gesellschaftliche Vorurteile und Sinnsprüche. Über die Jahrzehnte konzentrierte sich Holzer allerdings zunehmend auf US-politische Themen: Im Jahr 2007 ließ sie mit oil-on-linen einen irakischen Staatsbürger über die Grausamkeit des Irak-Konflikts berichten. Mit Light the Fight thematisierte sie 2018 anhand von LED-Installationen auf LKW-Konvois den Kampf gegen AIDS.

© 2019 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY. Presented by Creative Times. Photo by Laren Camarata.

Licht für eine Dunkelziffer

Ihr Projekt VIGIL realisiert sie bereits zum dritten Mal in Kooperation mit Creative Times, einer Non-Profit-Organisation, die all jenen Künstlern eine Plattform gibt, die mit ihrer Arbeit aktuelle gesellschaftliche Probleme aufgreifen. Im Laufe zweier Abende und Nächte wurden in großformatiger Leuchtschrift Texte an die beiden Gebäude des New Yorker Rockefeller Centers projiziert. Die Zitate, Gedichte und Thesen thematisieren die Erfahrungen amerikanischer Bürger, die direkt oder indirekt von Waffengewalt betroffen sind. Während die überproportionale Größe der Buchstaben den Stimmen der Betroffenen mehr Gewicht verleihen soll, steht das Licht der Projektion sinnbildlich als Mahnwache für die Opfer. Gleichsam soll es zur „Erhellung der Dunkelheit“ beitragen, in der die alltägliche Waffengewalt und dessen psychologische Auswirkungen auf die Bevölkerung bisher noch liegt.

Jenny Holzer sieht die zentrale Aufgabe ihrer Kunstwerke darin, sie als Aufruf zur Veränderung von Missständen wahrzunehmen. Durch die Auswahl ihrer Texte für VIGIL will sie all jenen Stimmen eine Plattform geben, die in der amerikanischen Gesellschaft ihres Erachtens bisher zu wenig Berücksichtigung finden. Als Quellen nutzte die Künstlerin unter anderem Bullets into Bells: Poets & Citizens Respond to Gun Violence und die durch Everytown for Gun Safety präsentierte Kampagne Moments that Survive. Außerdem publiziert sie Gedichte und Zitate von Jugendlichen mit dem Ziel, die Auswirkung des Aufwachsens in einer durch die alltägliche Bedrohung von Waffengewalt geprägten Gesellschaft herauszustellen.

Eine unbequeme Wahrheit

Aufgrund der Auswahl ihrer Texte gelingt es Jenny Holzer, die Angst, Wut und Verzweiflung der Opfer und ihrer Angehörigen für den Betrachter der Installation greifbar zu machen. Direkte Zitate und direkt geschilderte Erlebnisse verleihen den statistischen Zahlen eine persönliche Perspektive. So lässt sie beispielsweise Lashea Cretain zu Wort kommen. Sie überlebte nur knapp, nachdem ihr Ex-Mann fünfmal auf sie schoss. Durch ihr Zitat beleuchtet Holzer auch häusliche Gewalt durch Schusswaffen, ebenso wie die psychischen und physischen Folgen der alltäglichen Präsenz von Waffenmissbrauch: I have spent over twelve years living with fear, panic, anxiety, depression and PTSD unfolding itself inside my mind and body. In den Kontext des öffentlichen Raums gesetzt, thematisieren ihre Installationen gleichsam die bestehende unbequeme Problematik der Waffengewalt mitten im Alltag der New Yorker Bürger. Mittels direkter Konfrontation mit individuellen Schicksalen schafft es die Künstlerin, alle Betrachter zu sensibilisieren. Insofern sieht Holzer VIGIL als Weckruf, für einen Kampf um mehr Aufmerksamkeit für das Problem der Waffengewalt in den USA.


JENNY HOLZER

ist eine US-amerikanische Licht-und Installationskünstlerin. Seit den 1970er Jahren nutzt sie den öffentlichen Raum als Ausstellungsfläche für ihre textbasierten Arbeiten. Ihre gesellschaftskritische Kunst präsentiert sie mittlerweile in internationalen Ausstellungen.

CREATIVE TIMES

hat sich an Non-Profit-Organisation der Arbeit mit Künstlern verschrieben, die sich mit aktuellen Themen unserer Gesellschaft beschäftigen. VIRGIL ist bereits das dritte Projekt in Zusammenarbeit mit Jenny Holzer.

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