EIN BIOMORPHES UFO ALS ZENTRALER BEGEGNUNGSRAUM

© Daniel Lukac

Als das Wunder von Mannheim wird die Multihalle gerne beschrieben. Doch was macht dieses architektonische Meisterwerk eigentlich so besonders? Im Rahmen der Bundesgartenschau 1975 wurde die Mehrzweckhalle inmitten einer öffentlichen Parkanlage – dem Herzogenriedpark – im Mannheimer Stadtteil Neckerstadt-Ost errichtet.

Während sich der Mannheimer Architekt Carlfried Mutschler und sein Büropartner Joachim Langner für den Entwurf des Bauwerkes verantwortlich zeigten, geht die prägnante und außergewöhnliche Holzgitter-Deckenkonstruktion auf Frei Otto zurück. Otto wurde mit seinen anspruchsvollen Konstruktionen zu einem der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der biomorphen Architektur. Schon damals war er ein Pionier des ökologischen Bauens – minimaler Aufwand an Materie, Fläche und Energie standen in seinen Arbeiten stets im Vordergrund. Ebenso verfolgte er mit seinem architektonischen Wirken immer auch die Hoffnung, Raum für eine neue, offene Gesellschaft zu schaffen. Für seine Arbeiten erhielt der 2015 verstorbene Architekt den Pritzker-Preis, die weltweit höchste Auszeichnung in der Architektur. Zu bekannten Konstruktionen zählen u. a. etwa das Zeltdach über dem Olympiapark und Stadion in München, der deutsche Pavillon im Rahmen der Weltausstellung Expo 67 in Montreal oder das Sternwellenzelt am Tanzbrunnen in Köln.

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Rund 9.500 m2 umfasst die organisch anmutende Dachfläche der Multihalle, die zu einem Großteil aus Holzlatten besteht. In einem Abstand von etwa einem halben Meter sind die 5 cm dicken Latten kreuzweise in zwei bzw. vier Latten übereinander verlegt. Durch eine darüber gespannte teilweise lichtdurchlässige Folie gelangt Tageslicht in den Innenraum. Dem Besucher wird dadurch das Gefühl vermittelt, sich nach wie vor in einem öffentlichen Park zu befinden und nicht in einem im Grunde genommen geschlossenen Raum. Durch die filigrane Anordnung der Holzlatten, den Tageslichteinfall und die amorphe Formsprache erfährt der Besucher Leichtigkeit und zugleich Einheit mit seiner Umgebung. Erde und Luft sind als Elemente der Natur auch im Inneren der Multihalle zu spüren – ganz im Sinne Ottos, dem Pionier der Leichtbauweise, dem das Verständnis von Natur innerhalb seiner baulichen Aktivitäten von großer Bedeutung war. Das gewölbte Tragwerk der Multihalle ist bis heute die größte frei geformte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt. Nachdem das Bauwerk ursprünglich lediglich temporär gedacht war, überdauerte es die Bundesgartenschau bis in die Gegenwart. Seit 1998 steht es unter Denkmalschutz.

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Die temporäre Konzeption des Bauwerks hatte allerdings zur Folge, dass sich die bauliche Substanz nicht für die Ewigkeit hielt. Bereits sechs Jahre nach Errichtung der Multihalle mussten 1981 Verdichtungsmaßnahmen an der halbtransparenten Dachhülle vorgenommen werden, die seither weiß ist und heute wieder poröse Stellen aufweist. Diese haben zur Folge, dass Wasser in die Holzkonstruktion eindringt, wodurch die Tragfähigkeit und Stabilität des Bauwerks stark beeinträchtigt werden. Aus statischen Gründen wurde 2008 ein Stützturm in der großen Halle errichtet und auch die Dachkonstruktion außerhalb der Halle wird derzeit von Stützen stabilisiert. Die eigentliche Halle musste 2011 aus Sicherheitsgründen gesperrt werden – lediglich die Wege, die unter der Bedachung verlaufen sind weiterhin begehbar.

Trotz der augenscheinlich kaum noch vorhandenen Nutzbarkeit der Halle ließen Mannheimerinnen und Mannheimer nicht von dem Bauwerk ab. Um die Lebensdauer der Multihalle weiterhin erhalten zu können, haben sich immer wieder Experten und engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammengetan und Lösungsansätze für einen zukünftigen Erhalt des Bauwerks zu erarbeiten. Im Frühjahr 2017 fanden sich dann Vertreter unterschiedlicher Disziplinen zu einem von der Architektenkammer Baden-Württemberg initiierten und gemeinsam mit der Stadt Mannheim durchgeführten Nutzungsworkshop zusammen. Gemeinsam wurde der Verein Multihalle Mannheim e. V. gegründet, der die Entwicklung des Bauwerks vorantreibt und sich darum bemüht, Partner und Unterstützer zu finden sowie Drittmittel einzuwerben. Ende 2017 kamen Studenten und Professoren sowie lokale Akteure schließlich zu einem „Urban Thinkers Camp“ zusammen und entwickelten die Multihalle als „Denkraum für Zukunftsthemen“ und setzten die Multihalle in einen stadtentwicklungspolitischen Zusammenhang. Auf der Architekturbiennale in Venedig wurde 2018 der Entstehungsprozess der Architektur, aber vor allem auch die Wiederentdeckung des Bauwerks als Symbol einer urbanen Mannheimer Zukunftsvision beleuchtet.

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Seit ihrer sogenannten „Wiederentdeckung“ zeigen sich sowohl Politik als auch Bürgerschaft für die Zukunft der Multihalle in gewisser Weise verantwortlich und denken ihre Entwicklung bzw. ihren Erhalt nicht zuletzt auch als elementaren Impuls für die Stadtentwicklung. So hatten Bürgerinnen und Bürger beispielsweise im Rahmen der Bürgertage Multihalle Ende 2018 die Möglichkeit, sich aktiv in den Prozess „Multihalle und Herzogenried freidenken“ einzubringen und ihre Ideen zur Zukunft des Quartiers aufzuarbeiten.

So wurde beispielsweise im Rahmen des europäischen Kulturerbejahres 2018 unter dem Motto „Eutopia Multihalle – Sharing Heritage“ eine vielfältige Eventreihe für alle Bürger der Stadt veranstaltet. Im Rahmen einer Sommerakademie unter dem Titel „Co-Creating Home“ beschäftigten sich außerdem rund 100 Studierende aus aller Welt mit der Frage nach der zukünftigen Form des Zusammenlebens und bauten gemeinsam modulare Wohnräume der Zukunft – alles unter dem Dach der Multihalle. So wurden der experimentelle Charakter der Holzkonstruktion und Ottos Philosophie in gewisser Weise wieder in der Gegenwart aufgegriffen. Ganz nach seiner Haltung, die er einmal 1980 verlauten ließ: „Man muss mehr denken, mehr forschen, entwickeln, erfinden und wagen …“ schufen die Studierenden sowie Bewohnerinnen und Bewohner angrenzender Stadtteile experimentelle Übernachtungsangebote, die über die klassische Unterbringung und Versorgung mit Wohnraum hinausgingen. Die Arbeiten aus der Sommerakademie sollten darüber hinaus integrative Handlungsstrategien zur Frage von Heimat und Öffentlichkeit aufzeigen. Experimentell ging es auch bei der 20. Ausgabe der sogenannten Schillertage im Juni 2019 weiter, in deren Rahmen der freie Regisseur Clemens Bechtel im Zuge einer interaktiven Ausstellung Besucherinnen und Besucher einen szenischen Parcours in der Multihalle durchlaufen ließ und sie dabei auf die Reise in eine Welt der totalen Kontrolle entführte. Mit seinem Stück wollte Bechtel einen Blick in die Zukunft des öffentlichen Raums werfen, der zunehmend zu einem Ort der Überwachung und Angst zu werden droht.

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Abgesehen von den experimentellen, forschenden, aber auch musikalischen Veranstaltungsformaten findet einmal im Monat eine klassische Führung durch das Bauwerk statt. Im Rahmen von „MULTI-KOMM!“ können Bürgerinnen und Bürger ihre Multihalle im Herzogenriedpark in Form von geführten Touren und Bürgertreffs immer wieder neu entdecken.

Im Juli 2019 fiel schließlich eine für die Multihalle zukunftsweisende Entscheidung: Mit einer Bundesförderung von 5 Mio. Euro und 9,2 Mio. Euro aus dem kommunalen Haushalt soll das architektonische Highlight mit seinem beeindruckenden Tragwerk umfassend saniert werden und damit noch lange fortbestehen. Das gemeinsame Engagement, die Multihalle als architektonisches Kulturerbe zu erhalten, vereint Menschen weit über die Stadtgrenzen hinaus und ist seit 2017 vor allem auch an dem vielseitigen Programm aus den Bereichen Architektur, Kultur und Sport zur Belebung des Bauwerks abzulesen.

Ganz im Sinne der Architekten Mutschler und Otto, deren Experimentiergeist der Stadt damals dieses architektonische Juwel bescherte, führen Bürgerschaft, Politik und Kulturinstitutionen ebenso engagiert, experimentell und zukunftsorientiert das Erbe fort, wie es einst erschaffen wurde. Mit Erfolg. Denn in das Bewusstsein der Menschen hat sich die Multihalle spätestens seit der Programmierung 2017 schon längst wieder geschlichen.

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