DIE STADT VON MORGEN NEU ERSINNEN

© Giuseppe Guarneri

Die Welt ist in Aufruhr, und vieles scheint im Wandel: demografischer Wandel, digitaler Wandel, Klimawandel, Strukturwandel. Die tiefgreifenden Veränderungen, die wir gegenwärtig erleben und die uns bevorstehen, sind groß, schüren Ängste und verunsichern. 

Doch den Kopf in den Sand zu stecken ist keine Option. Denn die Weichen für die nächsten Generationen werden in den kommenden Jahren gestellt, vor allem in den Städten dieser Welt. Bis zur Mitte des Jahrhunderts leben voraussichtlich drei Viertel der Weltbevölkerung in urbanen Räumen: an Orten, die bereits heute für vier Fünftel der Wirtschaftsleistung und drei Viertel aller CO2-Emissionen verantwortlich sind; in denen die sozialräumliche Segregation immer mehr zunimmt und die Menschen immer weniger miteinander zu tun haben. 

Binnen weniger Jahrzehnte müssen gewaltige Mengen an städtischer Infrastruktur gebaut werden: Nur eben nicht mit den bisher üblichen Baumaterialien wie Zement, Stahl und Aluminium. Denn allein durch die Verwendung dieser würde ein Drittel des CO2-Budgets verbraucht, das uns bis 2050 für die Begrenzung des globalen Temperaturanstieges auf 1,5 Grad zur Verfügung steht. Und es müsste auf eine Art und Weise gebaut werden, dass öffentliches und soziales Leben gefördert und nicht unterbunden wird. Zeit ist also ein kritischer Faktor und die Aufgaben und Herausforderungen auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft sind immens. 

Es fehlen positive Bilder und Visionen

Über die richtigen Maßnahmen, mit denen diese Aufgaben bewältigt werden und die notwendige Transformation gelingen kann, wird eifrig gestritten und debattiert. Was dabei jedoch fehlt, ist das Visionäre einer Aufbruchsstimmung, ohne das kein Wandel funktionieren wird. 

Ob auf den Titelseiten der großen Zeitungen oder Fachtagungen dieser Welt: Es mangelt an positiven Erzählungen für den transformativen Wandel; an Bildern, die Mut machen, begeistern, Orientierung bieten und die Wünsche der Menschen widerspiegeln. Während Negativschlagzeilen und Untergangsszenarien heute den Diskurs über Zukunft prägen, muss man nach positiven Visionen und Geschichten für alternative Zukünfte suchen, im Kleinen und oftmals Verborgenen. Oft stößt man auf abstrakte Orientierungs- und Kennwerte für die Stadt von morgen, die, in Expertenkreisen festgelegt, wenig Platz für Mitsprache und Ideen der Bürgerinnen und Bürger lassen. Dabei sind Vorstellungen von Zukunft nur dann wirkmächtig, wenn sie gemeinsam verhandelt und erarbeitet werden. Und wenn sie über nüchterne Zahlen hinaus einen emotionalen Wert und eine bildliche Botschaft besitzen. Nur so wecken sie Gefühle und schaffen Identifikation. 

Wie und wo finden wir also die mutigen Stadtvisionen und experimentellen Zukunftsbilder? Fragen allein genügt nicht. Selbst den visionärsten Stadtplanerinnen, Architekten, Politikerinnen oder Journalisten fällt spontan wenig ein, wenn sie nach ihren Ideen für die Stadt der Zukunft gefragt werden. Oder sie wiederholen, was der gegenwärtige Diskurs gerade postuliert. Über das reine Nachdenken erkundet man schwer seine Wünsche und Bedürfnisse und weckt selten die Fantasie. Es braucht also einen neuen Weg. 

Die Stadt der Zukunft neu entdecken

© Marco Canevacci

Ein Team des Berliner Thinktanks adelphi begab sich daher über die Ebene der Sinne auf die Suche nach den Zukunftsvorstellungen der Menschen. Im Projekt „Sense the City“ wurde gefragt: Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen, klingen, duften, schmecken oder sich anfühlen? Dadurch wurden nicht nur neue Denk-, sondern auch neue Fühlräume geschaffen.

In sieben Visionswerkstätten wurde mit insgesamt 120 Personen an Ideen für die Stadt der Zukunft getüftelt. In verschiedenen Ecken Deutschlands, von Finsterwalde bis Berlin, sowie in Italien nutzten Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen und sozialer und beruflicher Hintergründe ihre Sinne für urbane Visionen. In den Werkstätten wurden Teilnehmende auf multisensorische Stadtspaziergänge geschickt; arbeiteten mit Hör-, Material-, Duft- und Geschmacksproben sowie visuellen Stimuli; entwarfen Ideen für die Stadt der Zukunft anhand von Szenarien und entwickelten prototypische Zukunftsvisionen. 

Dieses sinnliche Vortasten, frei von gewohnten Denkmustern, weckte Kreativität, Optimismus und Weitblick und ließ neue Vorstellungen einer urbanen Zukunft entstehen, die sinnlicher, gemeinschaftlicher, natürlicher und wandelbarer als die bislang gängigen sind. 

Mehr Sinnlichkeit wagen

In den Augen der Teilnehmenden, ob Jung oder Alt, Groß- oder Kleinstädter, sind die Städte von heute oft grau, hart, laut und eher einsam als gemeinschaftlich. In ihren Zukunftsvorstellungen wimmelte es daher nur so von Stadträumen, die die menschlichen Sinne beleben. Denn nicht nur das visuelle Erscheinungsbild, sondern auch Klang, Haptik, Geschmack und Duft einer Stadt prägen unsere Wahrnehmung von Orten und beeinflussen, ob wir uns mit diesen verbunden fühlen oder Distanz halten. 

© Andrea Dieck

Die Teilnehmenden entwarfen produktive Stadtlandschaften voller essbarer Gärten, wünschten sich wachsende Stadtwälder und wilde Parklandschaften, wo die Grenzen zwischen Natur und Stadt fließend verlaufen, und sie schufen Orte des geselligen Beisammenseins für Austausch, Begegnung und gemeinsames Ideenspinnen. Sie forderten aber auch eine neue Herangehensweise in der Planung und Gestaltung von Städten und in der Ausbildungslandschaft. Denn Emotionen und sinnliche Wahrnehmung spielen bislang kaum eine Rolle, so beispielsweise die Meinung von teilnehmenden Studierenden aus Weimar und Mailand. 

Um das zu ändern, muss erst einmal das Bewusstsein für die eigene sinnliche Wahrnehmung geschärft werden. Am besten geht das durch Smellwalks, Soundwalks oder auch multisensorische Stadtspaziergänge, bei denen man sich während des Flanierens bewusst auf seine Sinne konzentriert, wie die Teilnehmenden feststellten. Also bastelten sie in ihren Zukunftsvisionen Sinnespfade, entlang derer man die Stadt und ihre Qualitäten per Hör-, Geruchs-, oder Geschmackssinn erkunden kann, und schlugen vor, zu Beginn jeder Planung Ort und Raum erst einmal multisensorisch zu erschließen. 

Erfahrungsräume schaffen

Die Stadt von morgen braucht aber auch Erfahrungsräume, wie die Teilnehmenden feststellten. Denn der Weg in die Zukunft darf kein abstrakter, rein kognitiver Vorgang sein, sondern muss erlebt werden, um Menschen zum Handeln zu bewegen. Am besten gelingt das durch realweltliche Experimente vor Ort, wie etwa beim jährlich stattfindenden Park(ing) Day, wo Parkplätze temporär verwandelt werden: in offene Wohnzimmer, Outdoor-Küchen oder grüne Oasen. Diese Experimentierräume schaffen multisensorische Zukunftsräume mit Begeisterungspotenzial und übersetzen das abstrakte Wissen über die Mobilitätswende in ein sinnlich-körperliches Erlebnis. Sie zeigen, wie die Stadt ohne Autos klingt, riecht und wie viel Gemeinschaft auf den neugewonnenen Flächen möglich ist.

© NASA Art by Rick Guidice

Für Bochum schlugen Bürgerinnen und Bürger daher zum Beispiel vor, die Innenstadt und die große Ringautobahn jeden Sonntag nur für Fußgänger, Fahrradfahrer und E-Busse zu öffnen. Die Stadtbewohner sollen spüren, was gut für das Klima ist, ist auch gut für den Menschen. Bochum braucht weniger Autos und mehr Grünflächen, Platz für Nachbarschaftsfeste und vor allem Ruhe, so die Meinung der Anwohner. Als Anreiz bekommen alle, die ihr Auto stehen lassen, ein kostenloses ÖPNV-Ticket.  

Solche temporären Interventionen können Großes bewirken und scheinbar Unmögliches gesellschaftsfähig machen. Sie bieten einen Vorgeschmack auf eine alternative Zukunft, die begeistern und einen permanenten Wandel herbeiführen kann. 

Die Stadt im Wandel braucht wandelbare Lösungen

In den Augen der Teilnehmenden benötigen die Städte der Zukunft aber noch etwas Anderes: Weniger statische Lösungen und mehr flexible, ephemere und reversible urbane Strukturen, die in ihren Funktionen und Nutzungen wandelbar sind und damit schneller und kostengünstiger auf die sich verändernden gesellschaftlichen und klimatischen Bedingungen reagieren können. 

Schließlich sind nicht alle Faktoren planbar, schon gar nicht in Zeiten von Digitalisierung, Klimawandel und Fluchtbewegungen. Außerdem ziehen Menschen unentwegt um – innerhalb und zwischen Städten. Könnten flexible Baukonstruktionen und mobile Infrastrukturlösungen hier nicht ganze neue Möglichkeitsräume schaffen? 

Eine kleine Gruppe aus Mannheim schlug daher einen mobilen, aufblasbaren Raum für temporäre Gemeinschaften vor, der nach Belieben vergrößert oder verkleinert werden kann und als Bürgerforum dienen soll. Denn Mannheim fehlt es an Orten, wo man anderen begegnen, diskutieren und sich reiben kann, so die Einschätzung. Also ließen sie den Raum in ihrer Zukunftsvision wandern, setzten ihn auf Plätze und Dächer und träumten von unzähligen Orten dieser Art in der Stadt. 

Die Transformation hat eine echte Chance

Das Projekt „Sense the City“ zeigte, wie viel Kreativität, Fantasie und Sinnlichkeit in uns steckt, sofern wir es zulassen und die richtigen Formate wählen. Wenn wir also Menschen ermutigen wollen, sich an der Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen und progressive Ideen für ein lebenswertes, enkeltaugliches Übermorgen zu entwickeln, dann geht das nicht nur rational. Wandel und Zukunft müssen auch emotional-sinnlich erfahrbar werden. Erst dadurch findet man zukunftsfähige Lösungen und motiviert zum Handeln, und erst dann hat die Transformation zur Nachhaltigkeit eine echte Chance. 

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Gastbeitrag von Franziska Schreiber, Senior Associate beim Berliner Thinktank adelphi

Biografie: Franziska Schreiber leitete jahrelang beim Berliner Thinktank adelphi den Bereich Urbane Transformation. Sie arbeitet freiberuflich als Stadtforscherin und Beraterin und befasst sich mit internationalem Urbanismus, Prozessen der Visionsentwicklung sowie mit Fragen von Teilhabe und Mitgestaltung in der Stadtentwicklung.

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