FIFTYFIFTY – VON DER STRASSE IN DIE WOHNUNG

© Katharina Mayer

„Lesen Sie mich von der Straße auf“, so lautete der Slogan des Pappschildes, mit dem alles begann, und bringt das Düsseldorfer fiftyfifty Magazin auf den Punkt. Das Straßenmagazin präsentiert monatlich qualitativen Journalismus, der einen kritischen Blick auf menschliche Not wirft. Verkauft wird das Magazin auf der Straße von Obdachlosen und/oder armen Menschen, eben genau diesen Menschen, um die es (in) fiftyfifty geht. In diesem Sinne gilt nomen est omen: Die eine Hälfte des Erlöses finanziert das Heft, die andere Hälfte verdienen die Verkäufer. Durch das selbstständige Verantworten des Verkaufs finden sie bereits einen ersten Einstieg zurück in die Arbeitswelt. Gleichzeitig schafft jeder Verkauf auch Kontakt zwischen Menschen aus verschiedenen Lebensumständen.

2014 startete fiftyfifty innerhalb ihrer 25-jährigen Wohnungslosenhilfe mit einem besonderen Projekt: Housing First. Der Ansatz stammt ursprünglich aus den USA und begegnet den Wohnungslosen, die auf dem regulären Wohnungsmarkt kaum Chancen haben, mit Verlässlichkeit, Akzeptanz und dem Recht auf Selbstbestimmung in Form eines unbefristeten Mietvertrages ohne Vorbedingungen. Die sichere Wohnung ist der erste Schritt in ein neues Leben abseits der Straße. Erst im Anschluss folgt auf Wunsch weitere Hilfe bei anderen Problemen. Nach eben diesem Prinzip funktioniert fiftyfifty Housing First und kann wie sein Vorbild aus Wien, dem Neunerhaus, bereits nachhaltige Erfolge verzeichnen. Durch die 50 von fiftyfifty erworbenen Wohneinheiten – davon der überwiegende Teil als Ein-Personen-Appartements in ganz normalen Wohnhäusern über die Stadt verteilt – konnten seither rund 60 Menschen von der Straße geholt werden. Durch die Einstreuung der Wohnungen in den normalen Wohnungsbestand sind Diskriminierung und Ghettoisierung ausgeschlossen. 

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Unterstützung seitens der Stadt erhoffte sich der Verein bisher vergeblich. Der Verein finanziert sich durch gespendete Kunst von namhaften Künstlern wie Gerhard Richter an die fiftyfifty Galerie. Neben den Wohnhäusern fließt der Erlös zusätzlich in den Housing-First-Fonds, der anderen Wohnungslosenhilfen in NRW die Realisierung des Housing-First-Ansatzes ermöglicht. Die Trägerschaft des Fonds teilt sich fiftyfifty mit seinem Partner, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW. Und erhält noch bis Ende November diesen Jahres Unterstützung vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW. 

Die Diplom-Sozialarbeiterin und Initiatorin des Housing First, Julia von Lindern, ist stolz auf den bisherigen Erfolg des Projekts: „Wir haben so viele positive Erfahrungen mit Menschen gemacht, die sich durch das Projekt wieder stabilisiert haben.“ Gemeinsam mit ihrem Team unterstützt sie die Wohnungslosen bei ihrem Weg aus der Not. „Es ist uns wichtig, den Menschen eine Stimme zu geben und den Kontakt zur Mitte der Gesellschaft wieder herzustellen.“

Wer glaubt, das Housing-First-Programm koste mehr als die herkömmliche Obdachlosenhilfe, der irrt. Im Verlauf seines Lebens kostet ein wohnungsloser Mensch den Staat gerne auch mal das Doppelte oder Dreifache von dem, was eine Wohnung für eben diesen kosten würde. Grund hierfür ist der bereits erwähnte Drehtüreffekt, der die Regel und nicht die Ausnahme ist. Mit rund 60.000 Euro für zwei Jahre stationäres betreutes Wohnen finanzieren die Steuerzahler dem Betroffenen daher meist nur ein zeitlich begrenztes Leben abseits der Straße, häufig findet sich dieser nach einigen Jahren dann erneut in dem staatlichen Übergangswohnen. Zum Vergleich: Ein Appartement beläuft sich auf rund 67.000 Euro und ermöglicht ein dauerhaftes Zuhause. Housing First ist dadurch nicht nur kostengünstiger, sondern bietet Obdachlosen eine echte Alternative zum Leben auf der Straße. Die Tatsache, dass fast alle der ehemals Obdachlosen noch in ihrer Wohnung leben, spricht für sich.

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Sobald die Betroffenen ihre Wohnung beziehen, können sie Stück für Stück wieder zurück in ein normales Leben finden. Weitere Hilfe erhalten sie bei dem Entzug, der Schuldenbewältigung, der Arbeitssuche und dem Aufbau eines neuen sozialen Netzes, das vielen Betroffenen nach ihrer Zeit auf der Straße fehlt. Dennoch ist es den Sozialarbeitern wichtig, dass die Betroffenen selbst über den Umfang der Hilfe entscheiden. Mit dem Projekt Housing First nimmt fiftyfifty eine Vorreiterrolle für die Wohnungslosenhilfe in Deutschland ein.

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