JUNG KAUFT ALT – FRISCHER WIND FÜR ALTE DORFHÄUSER

Stattdessen geht die Gemeinde mit dem kommunalen Förderprogramm „Jung kauft Alt“ gezielt gegen den drohenden Leerstand vor: Menschen, die einen Altbau in der Dorfmitte kaufen, erhalten Zuschüsse und für jedes Kind einen Bonus. Ein Modell, das die Region für Jüngere attraktiv macht. Alle Prognosen weisen für die Gemeinde Hiddenhausen eine schrumpfende und alternde Bevölkerungsentwicklung aus. Nach einer Analyse der örtlichen Altersstruktur wurde deutlich, dass in nicht allzu ferner Zeit ein beachtlicher Anteil an Altimmobilien auf den Markt kommen wird und die Ausweisung von Neubaugebieten am Dorfrand kein Königsweg mehr sein kann.

Ein neues Denken in der Bauleitplanung war gefragt, um junge Familien am Ort zu halten und deren Blick „weg vom Neubau – hin zum Altbau“ zu lenken. So berief Hiddenhausen Anfang 2007 eine Expertenrunde aus Banken, Sparkassen, Maklern, Wohnbaugesellschaften, Planern und Architekten, um Möglichkeiten zur Förderung der Altbaunutzung zu erörtern. Es wurde beschlossen, in der Gemeinde Hiddenhausen auf die Ausweisung von Neubaugebieten zu verzichten und gleichzeitig wurde das Förderprogramm „Jung kauft Alt – Junge Menschen kaufen alte Häuser“ ins Leben gerufen. Damit unterstützt die Gemeinde junge Familien bei der Nachnutzung von alten Siedlungshäusern durch Zuschüsse für Altbaugutachten und für den Erwerb von alten Wohnhäusern.

So werden knapper werdende Freiflächenressourcen nachhaltig geschont, gewachsene Quartiere wieder mit jungem Leben gefüllt, die Auslastung der vorhandenen Infrastruktur verbessert sowie Kindergärten und Schulen gestärkt. Gleichzeitig hat die Gemeinde den Leerstand bei Wohnimmobilien in den Ortskernen gestoppt und den Strukturwandel in den Dörfern frühzeitig eingeleitet, um auch in Zukunft ein lebendiges und junges Leben im Dorf zu etablieren.

Beratung schließt Informationslücken

Größtes Hemmnis bei der Vermarktung und Nachnutzung von Altbauten ist vor allem die Einschätzung des Sanierungsaufwandes. Viele Bauherren scheuen davor zurück, Fachleute einzuschalten, verlassen sich auf zweifelhafte Schätzungen oder lassen den Gedanken an die Um- oder Nachnutzung einer Altimmobilie gleich wieder fallen. Die fehlende Transparenz bei Kosten und Nutzungsmöglichkeiten, beispielsweise durch außergewöhnliche Grundrisse, stellt einen erheblichen Nachteil im Vergleich zu Neubauten dar. Hier setzt das Förderprogramm der Gemeinde an: Um die Nutzungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Umbau- und Sanierungskosten von Gebrauchtimmobilien fachkundig abschätzen zu lassen, fördert die Gemeinde die Erstellung eines Altbau-Gutachtens. Bei diesem ersten Baustein von „Jung kauft Alt“ wird die Ortsbegehung, Bestandsaufnahme, Modernisierungsempfehlung und Kostenschätzung durch Architekten und Bausachverständige bezuschusst, und zwar einmalig mit einem Sockelbetrag von 600 Euro, der je nach Kinderanzahl auf maximal bis zu 1.500 Euro anwachsen kann (300 Euro für jedes Kind).

Mit dem zweiten Baustein des Förderprogramms fördert die Gemeinde den Erwerb einer mindestens 25 Jahre alten Immobilie laufend für die Dauer von 6 Jahren. Die Geförderten erhalten einen jährlichen Grundbetrag von 600 Euro und 300 Euro für jedes zum Haushalt der Antragsteller gehörende minderjährige Kind. Der Clou dabei: bei Geburten innerhalb des Förderzeitraumes erhöht sich der Förderbetrag im Sinne eines „Altbau- Kindergeldes“ automatisch bis zu einem jährlichen Förderbetrag von 1.500 Euro. Voraussetzung für die Förderung ist der Eintrag der Antragsteller als Eigentümer im Grundbuch und die Anmeldung bei der Gemeinde mit Hauptwohnsitz, sodass damit eine langfristige Bindung an die „Scholle“ erreicht wird.

Nicht jeder Altbau lässt sich nach energetischen Standards vernünftig und wirtschaftlich sanieren. Dies hat Hiddenhausen erkannt und die Förderungen ergänzt: Wird ein Altbau abgerissen und an der gleichen Stelle ein Neubau im Dorfkern errichtet, erhalten Bauherren die gleiche Förderung wie beim Erwerb eines Altbaus, denn auch hier wird die vorhandene Infrastruktur nachgenutzt, gleichzeitig kommt junges Leben wieder zurück in die alten Dorfkerne.

Energetische Förderung

Als Beitrag zum proaktiven Klimaschutz der Gemeinde Hiddenhausen werden Altbauten, die nach Durchführung einer Sanierungsmaßnahme und Neubauten nach Abriss, die bestimmte Energieeffizienzwerte im Vergleich zu dem Referenzgebäude nach EnEV 2014 erreichen, gefördert. Dabei werden Jahresprimärenergiebedarfe gestaffelt von 115 %, 100 %, 85 %, 70 %, 55 %, 40 % und 40 %+ mit einmalig jeweils 600 € pro erreichter Effizienzklasse bezuschusst. Neubauten nach Abriss müssen mindestens die Effizienzklasse 85 % oder besser erreichen. Somit ist hier eine einmalige Förderung von maximal 4.200 € pro saniertem Gebäude möglich.

Der Erfolg ist messbar

Hiddenhausen hatte mit „Jung kauft Alt“ eine innovative und außergewöhnliche Idee, die einfach und gut ist. Einfach: die Fördersätze sind leicht merkbar, die Antragsteller brauchen nur ihren Namen und die Anschrift des zu erwerbenden Gebäudes anzugeben. Gut: die Erfolgszahlen sprechen für sich.Bis November 2019 wurden der Erwerb von insgesamt 587 Altbauten sowie die Erstellung von insgesamt 60 Altbaugutachten durch die Gemeinde Hiddenhausen gefördert. In den geförderten Haushalten leben insgesamt 731 Kinder; erfreulich ist auch die Geburt von 151 Babys in den unterstützten Haushalten während der Förderung. Ab dem Jahr 2014 bilden allein die Erstklässler, die in den geförderten Haushalten wohnen, eine Grundschul-Einstiegsklasse. Besonders bemerkenswert ist, dass die Gemeinde Hiddenhausen nicht nur junge Familien halten, sondern auch Neubürgerinnen und Neubürger gewinnen konnte, denn 59 Prozent der geförderten Haushalte werden von Zugezogenen bewohnt und davon stammen 13 Prozent der unterstützten Personen sogar aus einem anderen Landkreis. Zudem wurde seit 2011 keine Neubaufläche mehr ausgewiesen. Wegen des großen Erfolges hat der Rat der Gemeinde Hiddenhausen einstimmig beschlossen, „Jung kauft Alt“ unbefristet fortzuführen.

Vorbildwirkung

Hiddenhausen ist für sein Förderprogramm „Jung kauft Alt“ vielfach prämiert worden. Aufgrund der Erfolgszahlen, der medialen Verbreitung, der Vorstellung des Programms in Seminaren und kommunalen Gremien sowie der bundesweiten Anfragen aus anderen Kommunen konnte Hiddenhausen andere inspirieren. Das Förderprogramm „Jung kauft Alt“ hat viele Nachahmer gefunden.

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