EINE TRABANTENSTADT ERFINDET SICH NEU

© Raina Becker

Es war im April 1966, als der Rat der Stadt Wolfsburg beschloss, die Pläne zu einer Großsiedlung im Südwesten Wolfsburgs aufzunehmen. Auf Basis eines städtebaulichen Grundkonzeptes sollte ein neuer Stadtteil in mehreren Etappen gebaut werden. In Form und Funktion reihte sich Westhagen damit in die Riege der sogenannten Trabantenstädte ein, die in Deutschland zwischen 1960 und 1970 entstanden. Abgetrennt von den Innenstädten folgten sie dem Leitbild Urbanität durch Dichte. Die für Trabantenstädte charakteristischen Wohnhochhäuser beherbergten möglichst viele Einwohner*innen. Kurze Wege führten zu Geschäftszentren mit differenzierten Angeboten. Neben den variierenden Gebäudeformen trug die Vielfalt an Wohnformen zur sozialen Mischung der Bewohner*innen. Darüber hinaus verfügten die Siedlungen über gut ausgebaute ÖPNV-Anbindungen und optimale öffentliche Einrichtungen.

Bereits in den 1980er Jahren wandelte sich diese Idealvorstellung der Stadtplaner*innen ins Gegenteil: Aufgrund der drastisch einbrechenden Nachfrage und der problematischen Belegungspolitik wurden viele Siedlungen zu sozialen Brennpunkten. Wolfsburg-Westhagen setzte indes das Leitbild konsequent um und plante 4.300 Wohneinheiten für 15.000 Einwohner*innen. Wenngleich 2017 nur 9.265 Menschen in Westhagen wohnten, konnte der Stadtteil gegenüber 2008 dennoch ein Bevölkerungswachstum von 8,1 % verzeichnen. 65,8 % der Einwohner*innen haben einen Migrationshintergrund. Der Anteil der unter 18-Jährigen liegt bei 20 %. Das Durchschnittsalter liegt bei 39,9 Jahren. Damit ist Westhagen der jüngste Stadtteil Wolfsburgs. Das bunte alltägliche Bild auf den Straßen des Stadtteils spiegelt diese Kennzeichen wider: Trotz der planerischen, baulichen und sozialen Herausforderungen ist Westhagen ein Stadtteil mit viel Potenzial und engagierten Bewohner*innen. Ob in Elternvereinen, Interessengruppen, im Ortsrat Westhagen oder den Gärten der Nationen – seit vielen Jahren arbeiten die Westhagener hier ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Funktionen und füllen den Stadtteil mit Leben.

© Raina Becker

Neben dem außergewöhnlichen Engagement der Bewohner*innen konnte der Stadtteil auch durch die Aufnahme in das Städtebauförderungsprogramm Soziale Stadt – Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf sein Gesicht verändern. Das Programm wurde auf Grundlage der Erkenntnis ins Leben gerufen, dass Stadtentwicklung mehr bedeutet als Häuser, Straßen und Infrastruktur zu bauen bzw. Instand zu halten. Insbesondere schwierige Stadtteile oder soziale Brennpunkte benötigen umfangreiche und integrierte Strategien, damit sich die Lebenssituation der Bewohner*innen dauerhaft stabilisieren kann. In Wolfsburg-Westhagen werden neben den baulichen Maßnahmen im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms Soziale Stadt daher auch Handlungsfelder wie Bildung, Qualifizierung, Beschäftigung und Ökonomie, Kultur, Migration und Zusammenleben sowie Öffentlichkeitsarbeit, Image und Identifikation berücksichtigt. Zu den Schwerpunkten der städtebaulichen Umgestaltungen gehörten beispielsweise die umfangreiche Freiraumgestaltung unter dem Motto Gärten der Nationen und der soziokulturelle Bereich des Freizeit- und Bildungszentrums mit einem Café Treffpunkt am Markt sowie eines Mehrzwecksaals mit Seminarraum.

Gärten der Nationen

Die Gärten der Nationen stellen mittlerweile einen 1,25 ha großen, in thematische Felder unterteilten Freizeitpark dar, der heute als attraktiver und lebendiger Stadtraum wahrgenommen wird. Seit Anfang Mai 2014 findet sich hier, am westlichen Ende der Stadtachse, auch die Landmark: Auf einer Erhöhung stehen sieben rote Stämme, die als Blickfang bereits vom anderen Ende der Stadtachse – dem Marktplatz – aus zu sehen sind. Drumherum platzierte Bänke laden zum Verweilen im Grünen ein. Die Anlage der Gärten der Nationen wurde durch ein Gartenprojekt mit Erwachsenen und die Gestaltung von Spielskulpturen gemeinsam mit Jugendlichen begleitet.

© Raina Becker

Café Treffpunkt am Markt

Das Freizeit- und Bildungsgzentrum Westhagen (FBZ) gilt neben dem Marktplatz und Einkaufszentrum als der zentrale Ort des Stadtteils. Insbesondere der Aufwertung der vielfältigen Nutzungen innerhalb des Gebäudes kam daher von Beginn an eine besondere Bedeutung zu. Neben dem Café selbst, das heute ein Ausbildungsrestaurant ist, wurde die Vorfläche neugestaltet: Die Caféterrasse ist nun höhengleich der Cafeteria und mit zwei fließenden Treppenabsätzen mit der Platzfläche verbunden. Die Freiflächen vor der Terrasse wurden vergrößert und barrierefrei angelegt.

Diese Beispiele bereits abgeschlossener Projekte machen deutlich, dass Stadtentwicklung als andauernder Prozess verstanden werden muss. Auch wenn die Idee der Trabantenstadt Westhagen gescheitert ist, zeigen die gegenwärtigen Entwicklungen, auch der vorgesehene Neubau moderner Wohnungen im Stadtteilzentrum, wie bestehende Strukturen sinnvoll genutzt und weitergedacht werden können, um den Bedarfen der Gegenwart und Zukunft zu begegnen.Darüber beweist Westhagen: Sofern Maßnahmen im engen Schulterschluss zwischen Planer*innen und Bewohner*innen umgesetzt werden, wächst nicht nur die Akzeptanz für solche Neugestaltungen, sondern der Stadtteil selbst wird auch wieder als attraktiver Wohnort in das Bewusstsein der Wolfsburger*innen gerückt.

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