polis.KOLUMNE: DIE EHRLICHKEIT DES WOLKENKRATZERS

Die größte Gefahr, wenn Journalisten über Städte schreiben, liegt in der Unterstellung bestimmter gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Ein Beispiel: Wir Schreiberlinge neigen zur Annahme, Städter hätten etwas gegen Hochhäuser. Sie fänden diese inhuman, brutal, irgendwie beängstigend. Entsprechend überrascht fällt das Medienecho auf eine aktuelle Umfrage unter zufällig ausgewählten Münchnerinnen und Münchnern aus. Diese haben sich, bezogen auf zwei geplante Wolkenkracher des Architekturbüros Herzog & de Meuron, ziemlich positiv geäußert. In der Berichterstattung spürt man regelrecht, wie die bereits getexteten Headlines „Münchner erteilen Protzbauten Absage“ indigniert wieder gelöscht werden mussten.

Für München stellt die Umfrage eine Chance dar. Bisher war die Metropole bekanntlich hochbauzögerlich, jeweils mit Verweis auf einen Bürgerentscheid aus dem Jahr 2004. Damals hatte sich eine – knappe – Mehrheit gegen Hochhäuser von mehr als 100 Metern ausgesprochen. Danach wurde kein höheres Gebäude mehr genehmigt.

Die bajuwarische Höhenskepsis basierte auf der Annahme, es gebe einen besonderen Geist Münchens, der eher durch eine kompakt niedrige Bauweise repräsentiert werde. Dahinter steckt der Versuch, das ökonomisch-sozial-psychologische Wesen der Stadt baulich zu spiegeln. Dieser Ansatz ist richtig. Nur entspricht die Absage ans Hohe diesem Wesen gar nicht. München ist die deutsche Stadt mit den meisten Dax-Konzernen. Die Internationalität der Bürgerinnen und Bürger ist hoch. Dies ist kein Meister Eder-Kuschelstädtchen. Das darf man der Stadt auch ansehen.

Es geht also um städtebauliche Redlichkeit. Ist diese gegeben, so führt dies, so meine These, zu mehr Identifikation der Menschen mit einer Stadt. Was nützt eine Hülle, der die reale Kultur eines Ortes nicht entspricht? Diese Frage müssen sich momentan manche Entwicklungen in Deutschland gefallen lassen, die rekonstruierte Frankfurter Altstadt etwa oder das Berliner Stadtschloss. Hinter der reichlichen Kritik steht jeweils die Erkenntnis, dass das, was da gebaut wurde, mit den kulturellen Prozessen in der Stadt einfach nichts mehr zu tun hat. Berlin leidet seit den 1990ern darunter, dass die Architektur der „kritischen Rekonstruktion“ dem Spirit der Spreemetropole keine Entsprechung lieferte; wo steht denn das „dicke B“ aus dem Seed-Song? Was im Übrigen auch ein Kriterium sein wird, an dem die neue Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt sich wird messen lassen müssen: Schafft sie es, dem Geist der Stadt ein Gesicht zu geben?

Hochhäuser werden auch dabei eine Rolle spielen. Und immer steht dahinter die Frage: Welche Gebäude sind gut für die Menschen? Eigentlich ganz einfach: Unsere gebaute Umwelt soll uns zufrieden, idealerweise glücklich machen. Dass sie das grundsätzlich kann, zeigt eine aktuelle US-Untersuchung. Dabei spielen nicht zuletzt Hochhäuser eine Rolle. „Skyscrapers and the Happiness of Cities“, so der Titel der Studie der Wirtschaftswissenschaftler Jason Barr und Jennifer Johnson. Machen also Hochhäuser glücklich? Ergebnis: Kommt drauf an. Und zwar auf die Höhe. Eine Masse an mittelhohen Gebäuden führt zu leicht negativen Effekten. Geht es hingegen richtig nach oben, so machen Hochbauten die Menschen durchaus glücklicher. Sogar der Sinn für die Gemeinschaft werde durch derlei Bauten erhöht.

Speziell den Münchnern sollte das zu denken geben. Die „nicht höher als…“-Diktion aus 2004 führte nämlich zum genau Falschen: zu kompromisslerischen Semi-Hochhäusern. Offenbar sagen sich die Städter aber: Wenn schon hoch, dann richtig.

Und noch etwas lehrt uns die Studie und die Münchner Umfrage: Menschen haben Lust auf Stadt. Das ist, in der Spätphase von Corona, eine Mut machende Erkenntnis.

 


Das Verhältnis von Architektur, Kultur und Stadt beschäftigt den Publizisten Alexander Gutzmer schon seit seiner Dissertation am Londoner Goldsmiths College. Gutzmer war zehn Jahre lang Chefredakteur der Architekturzeitschrift Baumeister und verantwortete die internationale Zeitschrift für Stadtentwicklung und Urban Design, Topos. Heute lehrt der promovierte Kulturwissenschaftler als Professor für Kommunikation und Medien an der Berliner Quadriga-Hochschule und leitet die Unternehmenskommunikation des Immobilienentwicklers Euroboden.

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