DAS NIEDERLÄNDISCHE DORF GIETHOORN STILLT SEHNSÜCHTE

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Enge Gassen, viel Wasser und viele, sehr viele Brücken: das ist Venedig. Kaum eine Stadt wird stärker mit dem Bauwerk Brücke in Verbindung gebracht als die norditalienische Kanalstadt. Mit ihren mehr als 400 Brücken übt Venedig eine derartige Faszination aus, dass der Ansturm an Touristen bisweilen zu einem großen Problem für Stadt und Einheimische geworden ist. Die romantische Atmosphäre, die sich normalerweise durch die einmaligen historischen Strukturen einstellen könnte, wird schon seit einiger Zeit von einem maßlosen Ansturm von Touristen überschattet. 33 Millionen Besucher im Jahr stehen in keinem Verhältnis mehr zu einer städtebaulich dicht gewachsenen Altstadt, die gerade einmal 6,5 km2 umfasst. Vor der Corona-Pandemie belief sich die Zahl der Besucher auf 90.000 pro Tag. Das sind mehr als ein Drittel der rund 260.000 Einwohner Venedigs. Eine Folge dieser Entwicklungen ist unter anderem auch ein jahrzehntelanger Rückgang der Einwohnerzahlen. Erst kürzlich wurde daher beschlossen, dass künftig nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag am Hafenterminal von Venedig anlegen dürfen. Auf diese Weise soll die Zahl der Passagiere, die auf dem Wasserweg anreisen, pro Tag auf 5.000 limitiert werden. Seine Rolle als Sehnsuchtsort scheint Venedig mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre also kaum mehr erfüllen zu können.

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Dabei bedarf es gar keiner Reise in den italienischen Norden, um sich von einer historisch gewachsenen Stadt auf dem Wasser faszinieren zu lassen, die mit zahlreichen Brücken zusammengehalten und verknüpft wird. Eine Reise in das niederländische Dorf Giethoorn, das sich in der nordöstlichen Provinz Overijssel findet, kann einen ganz ähnlichen, wenngleich authentischeren Effekt auslösen. Im „Venedig des Nordens“ leben gerade einmal 2.800 Einwohner. Eine Straße sucht man dort vergebens. Stattdessen erstreckt sich Giethoorn entlang eines acht Kilometer langen Kanals und wird geprägt von Wasserstraßen, die von 176 Brücken überwunden werden. Gemeinsam mit dem angrenzenden Nationalpark Weerribben-Wieden, einer Sumpflandschaft, die einst ein Torf- und Schilfabbaugebiet war, ist Giethoorn eines der größten ununterbrochenen Tieflandsmoorgebiete in Nordwest-Europa. Die einzelnen Grundstücke Giethoorns reihen sich – reichlich mit Hortensien und Trauerweiden begrünt – wie kleine Inseln aneinander. Als Fortbewegungsmittel hatte sich über die Jahre zunächst die traditionelle Gieterste Punter – ein handgefertigtes, hölzernes kleines Segelschiff – bewährt, das heute jedoch vor allem durch ein modernes, elektrisch betriebenes Flüsterboot ersetzt wird. Neben den vielen Grachten und hölzernen Brücken wird das Dorfbild insbesondere auch von Reetdachhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert geprägt. Da das Wasser rundherum nur begrenzte Möglichkeiten zur Bebauung der Grundstücke zuließ, wurden viele Bauernhäuser in der Höhe ausgebaut, wodurch die charakteristischen Kameldächer entstanden.

Doch wie kam es eigentlich zu dieser außergewöhnlichen topografischen Struktur Giethoorns? Bis 1920 war die Torfgewinnung der größte Wirtschaftszweig der Region. Torf wurde agestochen, getrocknet, anschließend geschnitten und als Brennstoff genutzt. Zwischen 1776 und 1825 wurde das Dorf Opfer zweier großen Überschwemmungen, in Zuge die gefährdeten Trockenbänke weggespült wurden und um Giethoorn Seen entstanden. Da der Torf weiterhin abtransportiert werden musste, wurden Gräben gegraben und Kanäle angelegt, die seither als Verkehrswege dienen und zu der heute so berühmten Struktur des Dorfes führten.

Spätestens seit dem Spielfilm „Fanfare“ des niederländischen Regisseurs Bert Haanstra aus dem Jahre 1958 geriet Giethoorn in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Das kleine Dorf war Drehort des Films, der auf komödiantische Weise die Geschichte zweier rivalisierender Blaskapellen erzählt. Seither wird Giethoorn nicht nur von Filmkennern besucht, sondern hat sich darüber hinaus zu einem beliebten Ausflugsziel zahlreicher Touristen entwickelt. Mittlerweile kommen bis zur einer Million Touristen pro Jahr in das kleine Dorf, um es über die Grachten zu erkunden. Bleibt zu hoffen, dass die Sehnsucht der Neugierigen nicht wie im Falle Venedigs ins Unermessliche wächst.

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