DAS ERSTE EARTHSHIP DEUTSCHLANDS ALS VORREITER FÜR NACHHALTIGES WOHNEN

Inmitten von Feldern, Wiesen und Wäldern liegt das erste Earthship Deutschlands. © Gerhard Kerker

Die baden-württembergische Gemeinde Kreßberg im Kreis Schwäbisch-Hall liegt inmitten von Feldern, Wiesen und Wäldern. Bei der natürlichen Umgebung ist es keine Überraschung, dass hier das erste Earthship Deutschlands unter der Projektleitung der grund-Stiftung und Genossenschaft Schloss Tempelhof entstanden ist. Earthships zählen zu den sogenannten Reallaboren und helfen bei der Erforschung und Weiterentwicklung ökologischer Bauweisen unter Einbeziehungen möglichst geschlossener Kreisläufe. Weltweit existieren bereits mehr als 600 solcher autarken Einheiten. Das Earthship Schloss Tempelhof ist deutschlandweit Vorreiter. Neben einem alternativen Wohnraumkonzept im grünen Kreßberg verfolgt das ungewöhnliche Projekt jedoch noch ein weiteres Ziel: die Förderung des Zusammenlebens in einer interkulturellen Gemeinschaft und seine Erforschung.

Ursprünglich stammt das nachhaltige Konzept vom US-amerikanischen Architekten Michael Reynolds. Mit seinem Unternehmen Earthship Biotecture entwickelt und realisiert der Gründer die autarken Wohnprojekte weltweit. Die Leitprinzipien folgen den menschlichen Bedürfnissen nach Nahrung, Energie, sauberem Wasser, Schutz, Abfallentsorgung und Abwasseraufbereitung. Sein Expertenwissen teilt Reynolds an seiner Earthship Academy und in Praktikantenprogrammen. Zusätzlich organisiert Earthship Biotecture weltweite Projekte im Bereich Nachhaltigkeit und Armutsbekämpfung und bietet sogar Übernachtungen in ihrem Earthship in Taos, New Mexiko in den USA an.

Gemeinsam mit seinem Team von Earthship Biotecture und den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie einer Vielzahl an freiwilligen Helfern realisierte Michael Reynolds das Wohnprojekt Earthship Schloss Tempelhof in Kreßberg. Die bauphysikalische Leitung übernahm der Diplom-Architekt Ralf Müller im Rahmen seiner Masterarbeit am Lehrstuhl für Bauphysik an der Universität Stuttgart. Die durch das Projekt gewonnenen Erfahrungen dienen als Grundlage für die Realisierung weiterer Earthships hierzulande. 

Die südliche Fassade dienst dank Vollverglasung als innenliegendes Gewächshaus. © Gerhard Kerker

Für die Umsetzung in Deutschland wurde das amerikanische Konzept an die europäischen Verhältnisse und Vorgaben angepasst, dementsprechend ist das Earthship an den regionalen Wasserversorger angeschlossen. Das Ergebnis ist ein nachhaltig errichtetes Gebäude, welches recyceltes Holz, Autoreifen, Glas und weitere gebrauchte Ressourcen zu seinen architektonischen Bestandteilen zählt. Und obwohl gerade „Abfall“ eine der Hauptkomponenten ist, überzeugt der Komplex durch ein kreatives, naturinspiriertes und buntes Design.

Im Sinne des Earthship-Konzepts verfügt auch das erste deutsche Earthship über autarke Strukturen zur Selbstversorgung der Gemeinschaft. Die südliche Fassade des Komplexes dient dank Vollverglasung als innenliegendes Gewächshaus, in dem bis zu 1,50 m tiefe Beete für den Nahrungsmittelanbau genutzt werden können. Gleichzeitig filtern die Pflanzen und Mikroorganismen das Grauwasser und entziehen ihm die Nährstoffe aus den natürlichen Waschmitteln. Auch wenn das Earthship an die örtliche Wasserversorgung angeschlossen ist, wird zusätzlich Regenwasser gesammelt, z. B. durch Kies gefiltert und für die Bewässerung der Pflanzen und zum Waschen verwendet. Den benötigten Strom generiert eine Fotovoltaikanlage, während Wasser i. d. R. solar aufgeheizt wird. Für die Temperaturregulierung im Inneren sorgen die aus Autoreifen und Erde bestehenden Wände. Sie ersetzen eine Heizung im Winter, während sie im Sommer ein angenehmes Raumklima mit sich bringen. Neben dem Versorgungsgebäude inklusive vielfältiger Gemeinschaftsräume bietet das Projekt den Bewohnerinnen und Bewohnern zusätzlich Jurten und Bauwagen für die private Nutzung.

Die Gemeinschaftsräume des Earthships stehen allen Bewohnerinnen und Bewohnern zur Verfügung. © Gerhard Kerker

Das Earthship dient jedoch nicht nur als Zuhause für die dort lebende Gemeinschaft, sondern fungiert auch als erfahrbarer Lernort der dank Öffentlichkeits- und Bauseminaren über den Naturschutz und die Landschaftspflege aufklärt und die Verbreitung ökologischer Bauweisen unterstützt. Die Gemeinschaft hat den Wunsch, ihre Erfahrungen mit der alternativen Bauszene zu teilen und zum Nachmachen anzuregen. Hierzu werden Führungen durch das experimentelle Wohnprojekt angeboten. 

Zugegeben, das Wohnkonzept eignet sich sicherlich nicht für jeden als Alternative. Mit Blick auf die Zukunft unserer Erde gibt das Konzept allerdings wichtige Impulse, sowohl für nachhaltiges Bauen als auch für gemeinschaftliches Wohnen. Zwei Entwicklungen, die sich bereits in der Bau- Immobilienbranche etabliert haben. Somit ist das Earthship weit mehr als ein kreatives Bauprojekt. Es begegnet gleich mehreren aktuellen und zukünftigen Herausforderungen unserer Gesellschaft.  

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