Das Bikini Berlin und ich

Das Bikini Berlin ist ein städtebauliches Großprojekt zur Revitalisierung der Innenstadt im historischen Zoobogen. Es ist kein Shopping Center im klassischen Sinne, sondern eher ein Mix aus Showrooms cooler Labels, Galerie und Treffpunkt. Teil des Bikini ist das 25hours Hotel – „Urban Djungle“ ist das Designmotto. Entsprechend empfängt mich eine Hängematte auf meinem Zimmer.

Wer es schafft, sich durch die Menschenmassen raus auf die Terrasse zu kämpfen, wird belohnt: Der Blick und die Atmosphäre sind einfach atemberaubend. Diese Roof-Top-Bar und seine Besucher bilden zusammen ein Sinnbild für das, was das neue Bikini für Berlin sein will: attraktiv, weltoffen, urban und trendy. Die Masse besteht aus Touristen aller Herren Länder, denen die Location in jedem Blog und Reiseportal derzeit empfohlen wird, Geschäftsleuten im Anzug, die ihren meist ausländischen Geschäftspartnern stolz den „Perfect view over Berlin“ präsentieren, sowie der unbedingt für den Charakter dieser Location notwendigen Berliner In-Crowd, deren männliche Vertreter dieses Jahr so viele Haare wie möglich im Gesicht haben und die man am stets underdressed wirkenden Kleidungsstil erkennt.

Großstadtdschungel – die Message ist angekommen …
Als ich das Hotelzimmer betrete und das Fenster zum Zoologischen Garten hin öffne, höre ich erst einmal nichts. Dann lege ich mich in die Hängematte und dimme das Licht. Von einem Moment auf den anderen fühlt man sich wirklich wie im Dschungel: Die nachtaktiven Bewohner des Berliner Zoos schaffen eine exotische Geräuschkulisse, die man in keiner Großstadt erwartet. Ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal! Beim Frühstück, wieder auf dem Dach, diesmal im Restaurant „Neni“, mit Blick Richtung Frau Merkel, lese ich zur Vorbereitung meines anschließenden Besuches der Einzelhandelsflächen im Bikini-Komplex im Internet Folgendes: „Das Einkaufscenter Bikini Berlin ist Teil eines denkmalgeschützten Gebäudeensembles am Zoologischen Garten aus den 1950er-Jahren, zu dem auch das Kino Zoo Palast sowie ein Hotel gehören. Nach umfassender Restaurierung stehen rund 17.000 m2 Verkaufsfläche für Einzelhandel und Gastronomie zur Verfügung.“ Weiter lese ich dann, dass der Gebäuderiegel nach dem Wunsch der Macher ein „Ort jenseits konventioneller Architektur, Stadtplanung oder herkömmlicher Shoppingmalls“ sein soll: „Bikini Berlin versetzt dem Areal am Zoologischen Garten einen neuen Impuls und schlägt gleichzeitig eine Brücke zwischen historischer Bedeutung und zukunftsorientierter Ausrichtung einer Metropole.“

Auf dem Weg zum Aufzug wollte ich dann noch mal kurz den Blick auf den Zoo bei Tageslicht von der Monkey Bar aus genießen und werde Zeuge eines „Events“, das irgendwie hierhin passt. Ein Fotoshooting, das mir in seiner gesamten Szenerie unwirklich erscheint. Es bleibt unklar, ob nun das Model im Fokus der Kameras steht oder doch das Gebäude und die Szenerie. Als ich jetzt mit dem Aufzug hinunterfahre, habe ich aufgrund der Online-Lektüre den Anspruch, etwas ganz Neues erwarten zu dürfen: jenseits der 08/15-Standard-Malls, in denen die Mieter so austauschbar sind wie die Fußbodenbeläge und Werbeaktionen in den Malls, und in denen man auch als Kunde kaum noch als Individuum wahrgenommen wird.

Die Frequenzen an der Budapester Straße sprechen für sich, man muss all die potenziellen Kunden „nur noch“ ins Center lenken. Aber einzelhandelstechnisch war hier lange kein Laufweg. Marode Shops und Leerstände über Jahre hinweg, nichts, was Passanten gelockt hätte. Dass hier etwas komplett Neues entstanden ist, müssen die Kunden erst lernen. Zusammen mit weiteren architektonisch interessanten Entwicklungen wie z. B. Christoph Mäcklers „Zoofenster“ am nahen Breitscheidplatz inklusive dem neuen Waldorf Astoria ist der Bahnhof Zoo also auf dem besten Weg, sich vom Christiane F.’schen Schmuddelimage zu befreien. Ob ich das alles jetzt besser finde als noch vor ein paar Jahren, als hier noch die ICEs hielten und man am Zoo das „ungeschminkte“ Gesicht der alten und neuen Hauptstadt sehen konnte, weiß ich noch nicht.

Dann betrete ich die sogenannte „Concept Mall“ im historischen Bikini-Haus, die immobilientechnisch versucht, neue Wege zu gehen. Hier gibt es zwar auch den ein oder anderen bekannten Einzelhändler und einen „Nahversorger“. Aber im Wesentlichen findet man keine klassischen Läden, sondern Concept-, Flagshipund sogenannte Pop-up-Stores von Brands, von denen mir die meisten erst einmal nichts sagen, die aber alle trendy wirken. Es ist alles wohltuend anders, nicht zu vergleichen mit den klassischen Centern, mit denen ich beruflich sonst zu tun habe. Wie nachhaltig das Ganze ist, wird sich erst noch herausstellen. Denn auch Interimsmieter in Pop-up-Stores und Flagship-Stores müssen dem Einzelhändler irgendwie helfen, Umsätze zu generieren. Die Frage, welche in Zukunft auch wegweisend für den gesamten Einzelhandel sein wird, ist jedoch, ob diese noch vor Ort, das heißt im Store selbst, getätigt werden müssen, oder ob es genügt, wenn der Kunde diese anschließend, nach Übermittlung des zur Kundenbindung notwendigen Lebensgefühls von zu Hause am Computer oder mit dem Smartphone von sonst wo online tätigt.

Ziel der Architekten und Entwickler war es, „der in unserer Zeit weit verbreiteten Austauschbarkeit von Produkten und Orten, der Beliebigkeit vieler Malls, Büros und Hotels“ entgegenzuwirken und „die Sehnsucht der Menschen nach dem Besonderen, nach einer Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte und nach sorgloser Lebensfreude und Inspiration“ zu bedienen und „als Oase inmitten der Großstadt die Werte Respekt, Persönlichkeit, Kreativität und Leidenschaft“ zu etablieren.

Ich wünsche dem Bikini, dass es die Grätsche schafft, Vorreiter zu sein. Und wenn es irgendwo funktionieren kann, dann hier in Berlin am Zoo, wo die Grenzen zwischen Architektur und Menschen, Natur und Stadt verschmelzen.

Ich war ein Teil des Bikini Berlin – und das Bikini war ein Teil von mir.

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