RIKLEF RAMBOW: EINE FRAGE DER WAHRNEHMUNG

© Erik-Jan Ouwerkerk

Das Feld der Architekturpsychologie ist noch relativ jung. Könnten Sie unseren Lesern kurz erläutern, was die Aufgaben eines Architekturpsychologen sind?

Architekturpsychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie, das untersucht, wie die gebaute Umwelt im weitesten Sinne das menschliche Erleben und Verhalten beeinflusst. Hierzu können Architekturpsychologen auf das theoretische und methodische Fundament der allgemeinen Psychologie zurückgreifen, also auf gut fundierte Erkenntnisse über die menschliche Wahrnehmung, das soziale Miteinander, über Emotionen und Motivationen, Lernprozesse usw. Sie leiten aus diesen allgemeinen Theorien dann Hypothesen ab, die sie auf konkrete architektonische und städtebauliche Fragestellungen anwenden können. Erste Überlegungen dazu, welche Rolle der Raum und die Architektur für unser Empfinden und Wohlergehen spielen, gibt es übrigens schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Einen großen Schub hat das Fach dann aber in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts erhalten; primär in den angelsächsischen Ländern, also den USA, England, aber auch in Australien. Zu dieser Zeit erlebte die moderne Architektur ihre erste große Krise. Aus der Kritik an den Folgen des modernen Städtebaus heraus ergab sich eine Hinwendung zu den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, neben der Psychologie auch die Soziologie und die Humangeographie.

Praktisch beratend tätige Architekturpsychologen sind in Deutschland nach wie vor relativ rar und ihr Aufgabenspektrum ist nicht klar definiert. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Anfragen potenziell aus allen Bereichen der Planung kommen können, vom Freiraum und der Platzgestaltung über Straßen und den öffentlichen Nahverkehr bis zu Gebäuden der unterschiedlichsten Funktionen, wie z.B. Bildungsbauten, KiTas, Schulen oder Hochschulen, Gesundheitsbauten, Arbeitsumwelten, also vor allem Büroraumgestaltung etc. Wichtig ist: Architekturpsychologen haben immer beratende Funktion und stehen nicht in Konkurrenz zu Architekten oder Planern, auch wenn das eventuell manchmal so wahrgenommen wird. Es gibt nicht das architekturpsychologisch geplante ideale Gebäude, es gibt nur Planungen, die aus architekturpsychologischer Perspektive besser oder schlechter sind.

Es heisst, Architektur erzeuge bei jedem Menschen ganz unterschiedliche Eindrücke. Welche Faktoren beeinflussen diese individuelle Wahrnehmung?

Auf der Grundlage unserer jeweiligen Vorerfahrungen, unseres Wissens, unserer Einstellungen und Bedürfnisse nehmen wir Architektur individuell unterschiedlich wahr. Das ist bei Architektur nicht anders als bei allen anderen Dingen, z.B. Mode, anderen Menschen oder Kunst. Das Entscheidende ist: Bei aller individuellen Unterschiedlichkeit gibt es doch auch bestimmte Regelhaftigkeiten und Tendenzen, die sich statistisch verlässlich nachweisen lassen und es uns deshalb ermöglichen, Empfehlungen zu geben, die dazu führen, dass eine Gestaltung positiver wahrgenommen wird bzw. besser genutzt werden kann oder stärkeres Wohlgefühl erzeugt oder worum auch immer es gerade gehen mag. Auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel. Da in den meisten Fällen Gebäude von einer sehr großen Anzahl unterschiedlicher Personen genutzt und/oder wahrgenommen, ist eine  durchschnittsbezogene Betrachtungsweise sinnvoll. Extrem wichtig ist, dass man vorab genau analysiert, für wen, also für welche Personengruppe, ein Gebäude gedacht ist und dies zur Grundlage der Überlegungen macht. Eine Büroplanung für ein Berliner start-Up ist macht einen riesen Unterschied zu einem Finanzamt in einer niederbayerischen Kleinstadt.

Gibt es umgekehrt auch architektonische Strukturen, die mehrheitlich einheitliche Eindrücke erzeugen, sprich Strukturen, die positive oder negative Empfindungen auslösen?

In Bezug auf die Wahrnehmung und die ästhetische Bewertung bestimmter Formen – nehmen wir einmal die Fassadengestaltung – gibt es in der Tat einige Forschung, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt: Mittelkomplexe Fassadenbilder werden als angenehmer empfunden als sehr einfache, „monotone“ Strukturen  oder sehr unregelmäßige, z.B. spitzwinkelige, asymmetrische etc. Strukturen. Es gibt auch Befunde zu Farben und Materialien: Sehr dunkle Fassaden werden eher abgelehnt, Sichtbeton ist weniger beliebt als z.B. Ziegel, auch die Fensterflächen sollten ein bestimmtes Maß einhalten und weder zu klein noch zu groß sein etc. Auch der Kontext spielt eine große Rolle: Wie sieht z.B. die Nachbarbebauung aus, wie breit ist die Straße, d.h. von welchem Abstand oder aus welchem Winkel nehme ich sie wahr? Seitens der Architekturpsychologie gibt es eine Vielzahl an Regeln und Befunden, die auf die jeweilige Situation angewendet werden kann, um zu einer fundierten Einschätzung zu kommen. Dennoch gibt in dieser Hinsicht keine Patentrezepte!

© Marie Luisa Jünger

Verschiedene Versuche zur Wirkung von Architektur – insbesondere zu modernen Strukturen mit harten Linien und dominanten Rechtecken ,wie sie heute gebaut werden und „Trend“ sind – belegen, dass diese vom menschlichen Gehirn schwieriger verarbeitet werden können, als natürliche abwechslungsreiche Strukturen. Wenn Architektur also im wahrsten Sinne des Wortes „Kopfweh bereiten kann“, wieso setzen dann ambitionierte deutsche Stadtentwicklungsprojekte dennoch den glatten, ultrageometrischen Baustil ein?                                                                            

Kopfschmerzen dürften die allerwenigsten Menschen allein aufgrund der Wahrnehmung von Fassaden bekommen. Wesentlich stärkeren Einfluss auf unser Wohlbefinden als die ästhetische Wahrnehmung haben Aspekte der Nutzung und der physiologischen Bedingungen der Nutzung, also Aspekte wie akustische Beeinträchtigungen, Luftqualität, Temperatur, Sichtbeziehungen oder die Möglichkeiten oder Hindernisse, die uns räumliche Bedingungen auferlegen z.B. in Hinsicht auf Rückzugsmöglichkeiten oder Kontakt und Kommunikation.

Nichtsdestotrotz: Sie haben natürlich Recht, wenn Sie sagen, dass heute oftmals Gebäude und ganze neue Wohn- oder Geschäftsviertel entstehen, die wenig Begeisterung hervorrufen, weil sie als zu geometrisch, zu massig, zu wenig abwechslungsreich u.ä. beschreiben werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig und müssen von Fall zu Fall genau analysiert werden: Bei sehr großen Einheiten geht es häufig um ökonomische oder funktionale Überlegungen. Dann ist eine repetitive Struktur und der Verzicht auf gestalterische, ornamentale Elemente immer die günstigste Lösung. Rechtwinkligkeit des Baukörpers, aber auch der Straßenplanung hat funktional ebenfalls fast immer Vorteile. Das heißt, bei Neubauprojekten stehen architekturpsychologische Überlegungen fast immer in einem gewissen Gegensatz zur technisch-funktionalen Rationalität. Das Argument, dass es sich langfristig lohnt, menschliche Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen, sticht vor allem dann nicht, wenn die Besitzstrukturen diese Langfristigkeit konterkarieren, also Investoren z.B. ihre Gebäude sowieso nach Fertigstellung unmittelbar weiterverkaufen.

Wie könnte dieser Entwicklung denn Einhalt geboten werden?

Ich sehe hier die öffentliche Hand in der Pflicht: Stadtplanung kann und sollte niemals nach rein ökonomischen Kriterien vorgehen und selbstverständlich auch eine langfristige Perspektive einnehmen und das Wohl der Bürger ins Zentrum stellen. Sie kann Rahmenbedingungen setzen und z.B. über Gestaltungsbeiräte und ähnliche Instrumente viel für eine hochwertige gebaute Umwelt tun. Faktisch wissen wir aber natürlich auch, dass viele Kommunen diese Möglichkeiten aufgrund ihrer ökonomischen und personellen Ausstattung nicht oder nur eingeschränkt nutzen.

Und welche Rolle spielen in dieser Situation Architekten?

Auch hier gibt es gelegentlich Konflikte zwischen gestalterischen Zielen und den empirisch feststellbaren Präferenzen der Menschen. Es gibt Gebäude, die mit Architekturpreisen überhäuft werden und in der Bevölkerung nur auf wenig Gegenliebe stoßen. Auch das ist psychologisch gut erklärbar: Die Wahrnehmung der Architekten ist durch die langjährige Ausbildung sehr viel differenzierter als diejenige von Laien ist.  Tendenziell wird entweder sehr hohe oder sehr niedrige Komplexität (Minimalismus, Reduktion) bevorzugt. Bestimmte Formen der Ornamentik, die Laien durchaus schätzen, werden von Fachleuten als unzeitgemäß oder „Kitsch“ abgelehnt. Auch denTrend zur „Retro-Architektur“, also den Wiederaufbau oder das Nachempfinden historischer Baustile,  lehnen die meisten Architekten ab. Trotz dieser Differenzen denke ich, dass Architekten und Architekturpsychologen in der Regel an einem Strang ziehen und der wahre gemeinsame „Gegner“ die Reduktion auf eine rein ökonomische Vernunft ist.

Wenn wir unsere Gebäude hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Funktionalität planen und uns selbst als Maßstab für Gebautes außer Acht lassen, bauen wir uns dann nicht im wahrsten Sinne des Wortes krank?

Dass ein Gebäude „krank macht“, kann im Einzelfall schon einmal vorkommen, führt aber dennoch etwas in die Irre. Originär psychologischen Faktoren führen zwar zu höherem Wohlbefinden, höherer Zufriedenheit und vielleicht auch zu Produktivität und einem besseren Miteinander, nicht aber zu Gesundheit und Krankheit auf individueller Ebene. Ich befürchte, dass die derzeit entstehenden großflächigen innerstädtischen Erweiterungsgebiete, und das, was an den Rändern der Städte und Dörfer entsteht, auch langfristig keine guten lebensweltlichen Qualitäten erschafft, z.B. weil immer noch Strukturen entstehen, die auf den Autoverkehr ausgerichtet sind, Plätze und öffentliche Räume mit wenig Aufenthaltsqualität schaffen und wenig sozialen Zusammenhalt erwarten lassen. Es geht also eher um Auswirkungen auf das soziale Miteinander und auf ökologische Zusammenhänge.

Trotz der o.g. Diskrepanz gibt es auch Versuche, architekturpsychologische Erkenntnisse bei der Entwicklung neuer Gebäude, wie z.B. moderner Büros, zu berücksichtigen. Wandelt sich das Bewusstsein innerhalb der Immobilienwirtschaft in Richtung Architekturpsychologie und werden hippe Office-Welten wie die von Google und Co. den Bedarfen der Mitarbeiter/innen überhaupt gerecht?

Die Gestaltung der Arbeitswelt ist eine der großen aktuellen Herausforderungen, zu denen die Architekturpsychologie viel beitragen kann. Dennoch gibt es leider noch keinen generellen Bewusstseinswandel. Tendenziell ist es ja sogar so, dass die Büroraumnutzung immer stärker spekulativ erfolgt: Selbst große Firmen lassen sich ihre Zentralen nicht mehr „maßschneidern“, sondern mieten Flächen kurzfristig an und wechseln sie je nach Bedarf.. Das entspricht nicht dem Sinn einer sorgfältigen, individuellen Planung, die auf einer Analyse spezifischer Bedürfnisse und Anforderungen beruht. Dennoch: Auch bei der Planung flexibler Büroformen, bei Co-Working-Spaces oder den angesprochenen „hippen“ Bürowelten von Google und Co. kann die Architekturpsychologie Vieles zu beitragen. Problematisch ist, dass zu diesen neuen Arbeitswelten noch relativ wenig Forschung vorliegt. Die Hauptprotagonisten wie Google und Apple etc. lassen sich nicht in die Karten schauen. Wir sind hier also in vielen Punkten auf Spekulation angewiesen und, wie bei jedem Trend, wird natürlich Vieles gesagt und veröffentlicht, was einer Nachprüfung eher nicht standhalten würde. Fest steht: Viele der neuen Büroprojekte scheinen durch Flexibilität und die Auflösung der festen Zuordnung von Mitarbeiter und Arbeitsplatz quasi den Stein der Weisen gefunden zu haben: Platzersparnis und damit Kostensenkung auf der einen Seite und Förderung von Kreativität, Kommunikation und Zufriedenheit auf der anderen Seite. Skeptisch betrachtet, entpuppt sich manch „modernes“ Konzept bei genauerem Hinsehen als verkappte Sparmaßnahme, die unter den Mitarbeitern  keineswegs nur Begeisterung auslöst. Die Kompensation der Nachteile offener Bürostrukturen durch das Angebot geeigneter Rückzugsräume, Besprechungs- und Gemeinschaftszonen ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die eine sorgfältige Analyse der jeweiligen Anforderungen erfordert. Hier liegen vielfältige Aufgaben für die Architekturpsychologie vor. Der Faktor Mensch wird in Zeiten des Fachkräftemangels tatsächlich immer wichtiger, aber in seiner ganzen Tragweite scheint mir das noch nicht erkannt worden zu sein. Verführerische Bilder von Hängematten und Palmen sind für eine sachliche Diskussion über diese Themen eher kontraproduktiv.

© Marie Luisa Jünger

Sofern es nicht um die Realisierung von Neubauprojekten geht, gehört die Sanierung im Bestand zu den wichtigsten Aufgaben von Städten und Kommunen, um neuen Wohnraum zu schaffen. Wie kann diese aus architekturpsychologischer Sicht gelingen?

Schaffung von Wohnraum im Bestand heißt vor allem Nachverdichtung. Nachverdichtung ist potenziell immer konfliktträchtig, aber unumgänglich. Sie erfordert große Intelligenz und Fingerspitzengefühl. Das gilt einerseits auf der Prozessebene, d.h. sie darf nicht „top down“ erzwungen werden, sondern muss moderiert werden, die Betroffenen „mitnehmen“. Andererseits gilt dies jedoch auch auf der planerischen Ebene. Jede Aufstockung eines Gebäudes, jede Sanierung, jede Einfügung eines neuen Baukörpers auf einer bisherigen Freifläche bedeutet für die bereits dort Wohnenden Nachteile, sprich ein Verlust an Grün, Verschattung, den Verlust an Parkmöglichkeiten usw. Für fast alle diese Nachteile gibt es aber auch intelligente Kompensationsmöglichkeiten, die planerisch gehoben werden können. Aus architekturpsychologischer Sicht ist es wünschenswert, das möglichst früh zu erkennen und in die Planung einzubeziehen, die wiederum alle Betroffenen einbezieht. Wenn solche Kompensationsmöglichkeiten frühzeitig angeboten und diskutiert werden, kann die bekannte „Not-in-my-Backyard“-Haltung möglicherweise abgebaut werden. Solche Prozesse sind tatsächlich eine der großen Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte, wenn wir den grassierenden Flächenverbrauch verlangsamen wollen.

Das Gespräch zeigt: Das Feld der Architekturpsychologie birgt viele Chancen  und sorgt für heisse Diskussionen. Zum Abschluss: Gibt es aus Ihrer Perspektive ein architekturpsychologisches Vorzeigegebäude? Und: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Das bislang Gesagte zeigt, dass  es kein architekturpsychologisches Vorzeigegebäude in diesem Sinne geben kann.  Es gibt nur architektonisch gut gestaltete Gebäude, die mehr oder weniger die genannten architekturpsychologischen Kriterien erfüllen oder nicht. Ich wünsche mir, dass Architekturpsychologen künftig häufiger zu den Planungsaufgaben hinzugezogen werden und Architekten dabei unterstützen, ihren anspruchsvollen Job zu machen. Ich sehe die Architekturpsychologie ganz klar auf der Seite der Architektur und wünsche mir eine Stärkung von deren Position. Die Entscheidung darüber, in welchem Maße für die Menschen geplant werden kann, liegt zuallererst in Händen derjenigen, die eine Baumaßnahme finanzieren. Ich wünsche mir darüber hinaus eine Stärkung der Architekturpsychologie an den Universitäten: Wir brauchen mehr architekturpsychologische Grundlagenforschung, und wir brauchen mehr Architekturpsychologie in der Ausbildung von Architekten und Stadtplanern.

Vielen Dank für diesen sehr interessanten Einblick in die Architekturpsychologie.


PROF. DR. RIKLEF RAMBOW

ist seit 2009 Professor für Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie und leitet seit 1997 gemeinsam mit Nicola Moczek das Beratungsbüro PSY:PLAN, Institut für Architektur- und Umweltpsychologie in Berlin. Er hat Psychologie in Bielefeld studiert und promovierte an der Universität Frankfurt/Main mit einer Arbeit über Experten-Laien-Kommunikation in der Architektur. Nach mehreren Jahren der Lehre und Forschung im Bereich der Pädagogischen Psychologie beschäftigt sich Rambow seit 2001 vorwiegend mit Fragen der Wahrnehmung, Nutzung und Vermittlung von Architektur und Städtebau.

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