Kunst als Sprengstoff

Im Gespräch mit CHRISTIAN BOROS, Kunstsammler und Geschäftsführer der BOROS GGmbH, der Distanz Verlag GmbH sowie der BOROS Foundation GGmbH

Warum haben Sie sich als Ort für Ihre Sammlung den ehemaligen Reichstagsbunker in Berlin-Mitte ausgesucht? Das habe ich nicht. Solch ein Gebäude sucht man nicht, so etwas findet man einfach. Ich habe mir sehr viele Gebäude in Berlin angeschaut. Als ich hörte, dass man einen Bunker kaufen kann, bin ich mit der völligen Gewissheit in die Stadt gereist, mir das Objekt aus Neugierde nur einmal anzuschauen. Doch schon als ich davorstand, bin ich der Kraft dieses Gebäudes erlegen. Ich konnte mich nicht wehren, der Bunker hatte mich gefunden.

Das Objekt hat eine ziemliche Brutalität in seinem Ä ußeren und seiner ganzen Wirkung. Worin besteht für Sie der ästhetische Reiz des Ganzen? Ich habe schnell aufgegeben, mich dieser unglaublichen Kraft zu widersetzen. So ein Gebäude schreit schlichtweg nach einer neuen Nutzung. Es ist dafür gebaut worden, im Ernstfall Leben zu retten und wir können wahnsinnig froh sein, dass es diese Gefahr nicht mehr gibt. Der Bunker benötigt daher schlichtweg einen neuen Sinn. Aus zwei Gründen können Gebäude wie dieses nicht einfach aus dem Stadtraum verschwinden: Erstens stehen sie unter Denkmalschutz und zweitens ist ihre Substanz „unkaputtbar“. Man kann ein Gebäude, das in der Mitte einer großen Stadt steht, aber auch nicht ignorieren. Man muss seine Funktion neu erfinden. Solch ein Objekt ist einfach ein gebauter Imperativ.

Wie macht man sich ein solches G ebäude zu eigen? W elcher Leitgedanke steckt dahinter? Es gibt zwei Leitgedanken für den Bunker, einen architektonischen und einen inhaltlichen. Inhaltlich soll er mit Kunst gefüllt werden. Das Gebäude ist eindeutig faschistisch in seiner ganzen Ästhetik, in seiner ganzen martialischen Einschüchterungsarchitektur und in seinem gebauten Ewigkeitsanspruch. Es sollte in Germania eine integrative Funktion haben, nämlich als Mahnmal der deutschen Wehrhaftigkeit nach dem Endsieg dienen. Zu diesem Endsieg ist es ja bekanntermaßen nicht gekommen und nun steht das Gebäude sozusagen als gescheiterte Utopie da. Ich glaube, es gibt für diesen Bunker nichts Besseres, als mit Kunst gefüllt zu werden, denn Kunst ist geistige Freiheit in Form von Skulptur, Malerei, Fotografie usw. Dass in dieses Gebäude nun bildende Kunst Eintritt gefunden hat, ist in meinen Augen wirklich noch aussagekräftiger, als es zu sprengen, denn gerade Kunst hat viel größere Sprengkraft. Deswegen haben Diktatoren immer schon Angst vor Künstlern gehabt. Weil sie sich trauen, freie Meinungsäußerung zu üben. Insofern ist ein Leitgedanke, Kunst als Sprengstoff, als Dynamit, als Freiheitsidee in den Bunker zu integrieren.

Architektonisch ist der Leitgedanke bei dem Bauwerk ein anderer. Es handelt sich hier um ein absolut achsen- und spiegelsymmetrisches Gebäude, wie die Faschisten es gerne gebaut haben. Denn solche totalitären Systeme mögen auch in der Architektur kalkulierbare Ordnung. Der Bunker besitzt acht Eingänge und jeder Raum hat eine Entsprechung auf der anderen Seite des Gebäudes in allen vier Himmelsrichtungen. Mein Architekt hat das Gebäude wie ein Maulwurf von innen ausgehöhlt und aus 120 Räumen 80 gemacht, indem er Asymmetrien geschaffen hat. Es gibt auf der einen Seite zum Beispiel einen kleinen Raum mit 2,2 m Raumhöhe und daneben einen Raum mit 20 m Raumhöhe. Dafür haben wir auch den Architekturpreis Berlin gewonnen. Natürlich nicht Albert Speer oder Karl Bonatz, der Architekt, der den Bunker ursprünglich gebaut hat, sondern mein junger Architekt, der die Symmetrie des Gebäudes zerstört hat.

Ist der Bunker die richtige Kulisse für Kunst? Nein, aber Kunst ist der richtige Inhalt für den Bunker. Der Bunker und Kunst, das sind sehr kontroverse Dinge – entsteht da ein kultureller und ästhetischer C lash? Ja, das ist genau, was es ist. Es ist ein tägliches Reiben ohne eine Lösung in Sicht. Die Kunst kämpft gegen den Beton, das kann man täglich spüren. Das Gebäude ist natürlich nicht für Kunst gebaut, aber die Kunst bricht das Gebäude auf.

Ist die Geschichte auch eine Belastung? Auf jeden Fall. Denn wenn man über die Bedeutung des Wortes „Denkmal“ nachdenkt, ist das eindeutig ein Imperativ: „Denk einmal!“ Geh also durch die Stadt, dann halte inne und denk. Denk mal nach, was das bedeutet, wer das gebaut hat, warum es gebaut wurde, was es für die Vergangenheit, für die Gegenwart und vor allem auch für die Zukunft bedeutet. Es ist eine Aufforderung. Das ist die Idee eines Denkmals. Sonst muss man keine toten Steine unter Schutz stellen. Unsere Kultur hat sich lange Z eit vor allem mit dem Neubau beschäftigt. Heute gibt es eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Bestand.

Hat das nicht eine gewisse Schwerfälligkeit? Es ist wesentlich leichter, neu zu bauen, als mit dem Bestand zu arbeiten. Das hat aber nichts mit Schwerfälligkeit zu tun, sondern weist eher auf eine größere Komplexität hin. Bauen im Bestand bedeutet ein doppeltes Nachdenken – über die Vergangenheit und die Gegenwart. Die besseren Architekten sind die, die auch im Bestand arbeiten können. Sie sind mit Ihrer Agentur in Wuppertal in einem alten Textilkontor in der Hofaue ansässig, in Berlin am Halle’schen Ufer im alten Abwasserpumpwerk und Sie wohnen im Bunker an der Reinhardtstraße. Warum immer alte Architektur? Natürlich könnte man sagen, dass ich als Kreativer – das ist ja mein Beruf – immer gerne Sachen neu erfinde. Dem ist auch so. Ich bin ständig mit dem weißen Blatt konfrontiert, muss Neues schaffen. Ich merke aber, dass mich in der Architektur eher das Umerfinden von Bestehendem reizt. Das ist für mich die größte Herausforderung. Aus einem Pumpwerk, das früher die Scheiße aus der Stadt gepumpt hat, einen Ort zu schaffen, an dem kreative Kampagnen entstehen.

Ist diese Konfrontation Ihr ästhetisches Konzept? Es ist weniger ein ästhetisches als ein inhaltliches Konzept. Mich interessiert vor allem das Inhaltliche. Also nicht nur die formale Oberfläche, sondern es zu schaffen, alten, bestehenden Funktionen inhaltlich eine neue Idee zu geben. Mich interessieren nicht die Schönheit des Ziegelverbundes bei dem klassizistischen Pumpwerk oder Dekorstuckelemente an den Decken oder solche formalen, ästhetischen Dinge. Mich interessiert viel mehr, wie man dem Geist eines Ortes eine neue Funktion zuteil werden lässt. Kann ein Ort das Denken verändern? Ich bin überzeugt davon, dass meine Mitarbeiter in dem Pumpwerk oder in dem alten Textilkontor anders arbeiten als in normalen Räumen. In solchen absonderlichen Neukonfigurationen denkt man auch absonderlich. Ich bin überzeugt davon, dass es einen Transfer von Architektur zu Entscheidungsprozessen im kreativen Bereich gibt.

Ist neu dann immer langweilig? Es ist zu einfach für mich. Es hat keinen Widerstand. Wenn ich neu baue und einen Raum mit drei Metern benötige, dann baue ich einen Raum mit drei Metern. Braucht man einen Raum, der drei Meter lang ist, in der alten Substanz existiert aber nur ein Raum mit 30 Metern, habe ich erst einmal eine Diskrepanz. Dann muss ich mir überlegen, wie ich damit umgehe. Es ist viel leichter, neu zu bauen, als Substanz anzupassen. Da macht man genau das, was man braucht und kommt in einen Funktionalismus. Der greift natürlich nicht, wenn sich das Gebäude wehrt. Es verfügt über 30 Meter, man braucht aber drei Meter und das Denkmalschutzamt verbietet, eine Abtrennung oder andere bauliche Veränderungen zu tätigen. Das ist dann ein Problem.

Was ist für Sie Urbanität? Nicht-Vorhersehbarkeit. Künstliche Städte sind völlig vorhersehbar. Wirkliche Urbanität mit Geschichte heißt, dass man mitten in der Stadt beispielsweise ein Kraftwerk findet. Die werden heute in der Stadt nicht mehr gebraucht. Da stellt sich die Frage, wie die Stadt mit dem Gebäude umgeht. Kann man darin wohnen? Was ist mit Kaminen oder den großen Gasbehältern, die man heute nicht mehr benötigt? Das ist für mich Überraschung und hat Reibungsfläche. Die Geschichte hat so viele Fußabdrücke hinterlassen, mit denen man umgehen muss. Nicht kalkulierbar und gleichzeitig unglaublich inspirierend – Überraschung ist Urbanität.

Was braucht ein urbaner Raum, damit er spannend ist? Er muss genug Ecken und Kanten haben. Eine Vorstadt in Amerika wird nie urban sein, weil sie keine Ecken hat, keine Kanten und keine Fehler. Man braucht aber Fehler. Nur wenn diese im System vorhanden sind, entsteht Urbanität. Städte wie Paris, London oder Rom, das ist Urbanität. Jede neue Stadt, die größer ist als die genannten drei, China zum Beispiel, ist nicht urban und wird nie urban sein. Da ist eine Funktionslogik vorhanden, die sehr wohl Größe, nie aber Urbanität zur Folge hat.

Warum Berlin und nicht Wuppertal? Gibt Ihnen die Metropole einen besonderen Kick? Die Frage ist falsch gestellt. Ich habe eine ganz klare Entscheidung für „Berlin und Wuppertal!“ getroffen.

Ihre Kunstsammlung scheint nicht den Kategorien schön/ hässlich zu folgen. Denken Sie in solchen Begrifflichkeiten bzw. Differenzierungen? Diese Polarität zwischen schön und unschön oder schön und hässlich ist mir völlig fremd. Das Auswahlkriterium für ein Kunstwerk ist nicht ein ästhetisches, sondern immer ein inhaltliches. Ich denke auch nicht darüber nach, ob mir eine Arbeit von Olafur Eliasson gefällt oder nicht gefällt, sondern das Kriterium ist immer: Ist die Arbeit wichtig oder ist sie nicht wichtig? Und wenn sie für mich wichtig ist, sammle ich sie. Es gibt sehr viele Arbeiten in meiner Sammlung. Die meisten entsprechen keiner ästhetischen Norm, sie sind also hässlich. Ich muss sie aber trotzdem haben. Weil sie mir wichtig sind.

Man merkt, Sie beschäftigen sich sehr leidenschaftlich mit Ihrer Kunst und Ihren Architekturprojekten. Ist das bezogen auf Ihre Arbeit genauso oder ist sie nur Mittel zum Zweck? Ich kann immer nur Volldampf. Der liebe Gott hat bei mir keinen Dimmer eingebaut. Das bedeutet nur ein „on“ oder „off“ in meinem Körper. Es gibt Dinge, die interessieren mich nicht, mit denen beschäftige ich mich dann auch nicht. Aber wenn ich zu etwas Ja sage, dann immer voller Energie. Das ist auch der Grund, warum ich es nie zu einer großen Firma gebracht habe. Ich habe zu häufig Nein gesagt. Ich mache nur die Dinge, die ich gut finde, und die mache ich dann mit Volldampf. Es gibt da ein wundervolles Zitat von Joseph Beuys: „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung.“

Ist das Ihr Lebensmotto? Naja, ein Lebensmotto sucht man sich ja in der Regel aus. Es ist eher etwas, das ich einfach tun muss. Ich würde gerne einen Dimmer besitzen und auch mal Sachen weniger enthusiastisch angehen, aber ich habe keinen und kann daher nicht anders.

Worin bestand die Motivation – neben den Agenturen in Wuppertal und Berlin – im Jahr 2010 auch noch einen Kunstverlag zu gründen? Mein Lehrer Bazon Brock hat mich mal als „Zwangsbeglücker“ bezeichnet. Dinge, die ich gut finde, möchte ich immer unbedingt anderen vermitteln. Ich habe dazu einen inneren Antrieb. Die Kunstwerke, die ich jetzt seit zwanzig Jahren sammle, und das Wissen über die Künstler, die mir wichtig sind, kann ich nun auch noch in Form von Büchern in die Welt tragen.

Über Ihre Arbeit in der Agentur haben Sie mal gesagt: „Wir lassen auch das Scheitern zu und streben nicht nach Perfektion.“ Ist Perfektion schlecht? Dazu gibt es auch ein schönes Zitat von Nam June Paik: „Wenn zu perfekt, Gott böse!“

Was wollen Sie in Zukunft sein? Weiterhin glücklich.

Welches Attribut ist Ihnen am sympathischsten: charmant, kreativ oder intelligent? Das ist jetzt die schwierigste Frage von allen, die Sie gestellt haben. Sie kennen bestimmt das Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“, daher würde ich gerne antworten: Alle drei plus selbstbestimmt.

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