Community Commuters

Zugehörigkeit kann in der individualisierten Gesellschaft selbst gewählt und jederzeit gewechselt werden. Neue Nachbarschaftsmodelle, aber auch neue Arbeitsformen fordern eine adäquate Architektur für diese Communities.

Die Sehnsucht nach kollektiven Erlebnissen wächst wieder. Dies überrascht, da in der jüngeren Vergangenheit gleichzeitig ein Trend zu Einpersonenhaushalten und I- und Me-Formaten gesehen werden kann sowie eine stärker werdende Individualisierung und Customization.

Individuen wollen aber wieder Teil einer Gruppe sein, einer Art Ersatz-, Zweit- oder Wahl-Familie. Der Eigenverantwortung und Freiheit mit Leistungsdruck steht eine neue Verheißung der Teilhabe durch Zugehörigkeit gegenüber. Die Herausforderung dabei scheint im „Maß der Verbindlichkeit“ zu liegen, welche erst ein tatsächliches, nachhaltiges Gefühl der geliehenen Geborgenheit gewährleisten kann. Die pure Individualität der persönlichen Freiheit wird durch ein neues Gruppengefühl ersetzt. Der Verbindlichkeit der traditionellen Familie werden neue, gezielt geschaffene Wahlfamilien als Alternativen entgegengestellt. Diese Kommunen gründen sich sowohl online als auch offline. Einzelidentitäten und die Suche nach wechselnden Gemeinschaften scheinen mittlerweile offensichtlich zwei Erscheinungsformen desselben Phänomens zu sein. Die letzte Konsequenz der Wahl temporärer Lebensentwürfe und -gemeinschaften, der zunehmenden Zahl von Patchwork-Familien und der freien Partner-Wahlverwandtschaften ist eine Selbstverständlichkeit des Temporären, die den bisher auf absoluten Verbindlichkeiten beruhenden Lebensmodellen gegenübersteht. Wer sich bei den fundamentalen Lebensrealitäten mit Standbein und Spielbein aufstellt, wird auch bei Marken- und Produkt-Identifikation das Nebeneinander von langfristigen mit temporären Identifikationen zulassen. Das gilt auch für Zielgruppen, die sich im familiären Bereich tendenziell konservativ binden. Die übliche Kategorisierung der Konsumenten nach den Sinus- und Sigma-Milieus ist daher nicht mehr ausreichend und spiegelt die Komplexität unserer Lebensformen nicht mehr wider. Man kann jetzt frei zwischen verschiedenen Kommunen hin und her springen, im Karriereweg konservativ sein, in der Freizeit eher liberal oder sogar öko-fundamentalistisch. Dies betrifft sowohl das sich verändernde Wohnumfeld und das allgemeine Kaufverhalten der Konsumenten als auch unsere Arbeitsplätze und Freizeitgestaltung. Die Veränderung der klassischen Kernfamilie und deren Familienzusammenhalt verändert auch die identitätsstiftenden Momente unseres Lebens. Besonders in den immer teurer werdenden Innenstädten und vor dem Hintergrund von Gentrifizierungsdebatten und den Abwehrreaktionen muss die Planung von Wohnungen im städtischen Umfeld überdacht werden, um dieses neue Nebeneinander zu reflektieren. Denn der „Progressive“ oder „Hedonist“ wohnt durchaus gerne im Umfeld der neuen Bürgerlichkeit oder als Leitwolf inmitten einer kreativ improvisierten „suburban landscape“. Schlagworte wie Baugemeinschaft, Hausgemeinschaft und Co-Housing, Risikogemeinschaften von Individualisten und Familien, beginnen den Wohnungsbau zu verändern. Neue Wohnwelten entstehen, die auf Kleinstwohnungen in Anlagen mit attraktiven Gemeinschaftsflächen setzen.

Darüber hinaus wird für eine wachsende Klientel die Immobilie zu einem nur temporär gewählten Kleid, in dem das Private immer kleiner zugunsten eines immer breiteren Gemeinschaftsangebotes wird. In diesem Feld können wir Trends identifizieren, die zu neuen, ungewöhnlichen, aber erfolgreichen Projekten führen können.

Selbst im unteren Segment des Wohnungsmarktes gibt es ähnliche Trends, die das veränderte Kommunenkonzept reflektieren. Junge Menschen mit niedrigem Einkommen wollen in den Zentren der Ballungsräume wohnen, um nah an all den verschiedenen Gruppen zu sein, denen sie sich zugehörig fühlen. Hohe Mietpreise machen dies zu einem Problem. Die F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt stellte deutlich höhere Mietsteigerungen in den Ballungsräumen als im Gesamtdurchschnitt fest.

In den Vereinigten Staaten wurde in den letzten Jahren ein Konzept entwickelt, das sich mit diesem Problem auseinandersetzt. Die ‚Flexible Microunit‘ ist eine kleine Wohnung, die durch intelligente Nutzung und mobile Elemente dennoch alle Notwendigkeiten für das Leben enthält. Auf 30 Quadratmetern kann man zwölf Leute zum Essen einladen, zwei Freunde übernachten lassen, arbeiten oder eine Besprechung abhalten. New Yorks ehemaliger Bürgermeister Michael Bloomberg startete kurz vor dem Ende seiner Amtszeit zahlreiche Projekte in diesem Sinne.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Menschen weniger an Orte und Familie gebunden sind als früher. Man lebt mit flexiblen, temporären Verbindungen zu unterschiedlichen Gruppierungen. Wohnungsbau im deutschsprachigen Raum kann sich neu erfinden, indem er diesen Trends folgt. Die Vorstellung eines idealen Wohnumfelds befindet sich im Umbruch: Höhere Mobilität und der daraus resultierende Wunsch nach einer maximalen Flexibilität, das Ganze gepaart mit dem Konzept der Wahlfamilie und einer Identifikation mit mehreren Communities zur gleichen Zeit, führen zu neuen Rahmenbedingungen im Wohnungsbau. Umgestaltung ohne Stress wird zum Gebot des Wohnens der kommenden Generationen. Der Trend geht zu Gruppenprojekten mit minimalem Aufwand.

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