JAN KNIKKER: DIE STARKE STADT

Fast 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind wir noch immer damit beschäftigt, Kriegsschäden und die nachfolgenden Schäden durch das Auto und den Modernismus zu beheben. Das Zentrum Rotterdams wurde im Krieg vernichtet und nach Kriegsende den neusten Erkenntnissen entsprechend wiederaufgebaut: Natürlich autogerecht, mit Trennung von Arbeiten, Wohnen und Einkaufen. Die Lijnbaan, Europas erste neugebaute Fußgängerzone, wurde auf Postkarten gedruckt und der Wiederaufbau Rotterdams als gelungenes Beispiel der Moderne gefeiert. Zwanzig Jahre später waren große Teile der Innenstadt unbegehbar: Kriminalität, Drogen und Prostitution machten die Stadt unsicher. Die typologische Trennung hatte zu viele einsame Ecken in der Innenstadt verursacht. Dennoch machte Rotterdam aus seiner Not eine Tugend.

2015 wurde die Stadtplanerin Riek Bakker in den Orden des Niederländischen Löwen ernannt. Bakker erhielt die Auszeichnung aufgrund ihrer Rolle bei der städtischen Tranformation von Rotterdam: Innerhalb von 25 Jahren war die Einwohnerzahl in der Innenstadt von 20.000 auf 60.000 gestiegen, der Tourismus hatte sich mehr als verzehnfacht und die neuen Rotterdamer Top-Attraktionen wie die Erasmusbrücke und die Markthal wurden auf Postkarten gedruckt. Insgesamt brauchte die niederländische Metropole 25 Jahre, um die Funktionstrennung wieder aufzuheben und nach dem Ideal von Jan Gehl eine lebendige, vielfältige Stadtlandschaft zu schaffen. Das konnte mitunter nur funktionieren, weil Rotterdam den Mut hatte, auch Investoren mit ins Boot zu holen, die sich bereit erklärten, mitzuarbeiten: Im Zuge dessen wurde die Markthalle mit Wohnungen kombiniert und der Entwurf der Rheinbrücke übertraf die Erwartungen aller Beteiligten.

Insofern kann Rotterdam als gutes Beispiel für städtebauliche Entwicklungen in Hamburg, München oder Frankfurt vorangehen, wo noch immer monofunktionale Stadtteile errichtet werden. Gleichwohl die je nach Tageszeit stillen Nachbarschaften wie das Europaviertel oder das Bankenviertel in Frankfurt keine Problemzonen darstellen, sind sie dennoch extreme städtische Einöden. Insofern hatte Rotterdam fast schon Glück unter gesellschaftlichen Problemen zu leiden, denn letztendlich waren sie Impulsgeber für die Neuausrichtung der Stadtentwicklung.

Vor dem Hintergrund unseres Wissens um die klassische europäische Stadt mit ihrem Funktionsmix und guten öffentlichen Raum, erscheint es daher umso unglaublicher, dass in vielen Städten noch immer so viel fehlgeplant wird: Heidelbergs Bahnstadt zwingt junge Familien in Dosenarchitektur. Gegen die Monotonie des Viertels hilft auch nicht der an sich attraktiv gestaltete öffentliche Raum. Ganz anders sieht es in Berlin aus. Hier wurde die Stadt von Anfang an gemixt: Innerhalb eines Blocks gab es Luxuswohnungen, Slums, Fabriken, Läden und Restaurants. Die gesamte Gesellschaft hatte Platz. Diese gesunde Mischung gehört also doch zu unserer Tradition. Doch warum bauen wir unsere heutigen Städte und Stadtviertel nicht mehr so wie den „Prenzlauer Berg“?

Wenn wir weiterhin vermeiden, soziale Gruppen zu mischen und es nicht schaffen, 30 Prozent bezahlbare Wohnungen in allen Stadtvierteln anzubieten, schaffen wir Ghettos, die wiederum den Populismus fördern. Insofern steht Städtebau am Anfang der stabilen und solidarischen Gesellschaft. Und auch wenn dieser mehr Mühe und höhere Kosten mit sich bringt, handelt es sich hier um eine lohnende Investition in die Zukunft. Siehe Rotterdams Markthal: Ihre außergewöhnliche Architektur mit Wänden aus Wohnungen und Decken aus Penthäusern, zieht jährlich rund 8 Mio. Besucher an und erforderte im Vorfeld in puncto Akustik, Doppelnutzung von Fluchtwegen und den umliegenden Restaurantterrassen neue, bis dato noch nie realisierte flexible Lösungen. Und so schwer diese Aufgabe auch war, am Ende hat es sich für alle Beteiligten gelohnt. Ein weiteres gelungenes Beispiel ist das Luxuswohngebäude im Amsterdamer Westerdok: Hier wurden hochpreisige Wohnungen mit Sozialwohnungen und einer Kita gemischt; sprich die Mieter können hier trotz niedriger Einkommen in einem attraktiven Viertel wohnen.

Die niederländischen Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass Städte stark sind und eine Vision verfolgen. Hierzu gehören auch talentierte Stadtplaner wie Riek Bakker, die nicht verwalten, sondern in erster Linie darüber nachdenken, wie die Stadt künftig sein soll, anschließend entsprechende Pläne entwerfen und die finanzielle Kraft der Investoren strategisch einsetzen. Anstatt – wie üblich – nur den roten Teppich für die Investoren auszurollen, sollte man in einer Partnerschaft zusammen mit den Investoren die Ziele der Stadt verwirklichen. Leider sieht man heute noch oft das Gegenteil: Die Städte tun sich schwer, wenn ein Investor mit innovativen Ideen kommt. Dabei sind Flächenpläne nicht da, um Initiativen zu verhindern, sondern um flexibel eingesetzt zu werden; und in erster Linie, um dem Wohl der Stadt zu dienen. Unser Ziel sollte sein, unsere deutschen Städte so attraktiv zu gestalten, dass die Einwohner nicht mehr ständig von einer Finca auf Mallorca träumen.


JAN KNIKKER

ist seit 2008 bei MVRDV tätig. In seiner Position als Partner leitet er die Bereiche Contracts, Business Development und Public Relations. Daneben war er an zahlreichen Veröffentlichungen und Ausstellungen beteiligt. Erst kürzlich veröffentlichte er das Buch „MVRDV Buildings“. Als internationaler Speaker nimmt er regelmäßig an verschiedenen Veranstaltungen teil. Darüber hinaus schreibt er für zahlreiche Magazine, ist stellvertretender Chefredakteur von Domus 2019, Mitglied des HNI Heritage Network und leitet das Online Design Magazin Dafne.

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