DAS RUHRGEBIET

Im Gespr äch mit Rasmus C. Beck, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH (wmr)

Spricht man eigentlich noch vom Ruhrgebiet oder heißt es Metropole Ruhr oder Ruhrmetropole?
Ob Metropole Ruhr oder – was die Menschen eher emotional anspricht – das Revier oder das Ruhrgebiet: Unsere Region ist der einzige, urban zusammenhängende und hoch verdichtete Raum in Deutschland, in einer international bedeutenden Gewichtsklasse von über 5 Millionen Menschen. Wie man ihn letztendlich nennt, ist ganz egal. Wichtig sind die Standortqualitäten, die dahinter stehen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn man an Zukunft und Metropolen denkt und an wachsende globalisierte Wirtschaftszentren, dann wird wahrscheinlich keine dieser Städte kleiner als 5 Millionen sein. Wir sind hier also als potenzielle Zukunftsmetropole mit dabei.

Mit welchen Herausforderungen hatte die Metropole Ruhr in den vergangenen Jahren zu kämpfen?
Es gibt soziale Spreizungen, die insbesondere aus dem Strukturwandel resultieren. Wir haben beispielsweise einen Abbau von Industriearbeitsplätzen. Wir sind allerdings auch der am stärksten verdichtete Bildungs- und Hochschulraum Europas mit 266.000 Studierenden, quasi ein Magnet für junge Menschen. Und es muss gelingen, diese hier in der Region zu halten – über Lebensqualität, Kultur, Sport, Möglichkeiten zu Unternehmensgründungen und vor allem über Jobs in wettbewerbsfähigen Unternehmen.

Welche Aufgaben sehen Sie vor diesem Hintergrund für den Immobilienmarkt Ruhr?
Es muss im Ruhrgebiet eigentlich klar sein, dass die Immobilienwirtschaft eine Schlüsselfunktion für die Region inne hat. Und dies aus zweierlei Gründen: Zum einen ist unser Gebäudebestand aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren unter energetischen Gesichtspunkten mittlerweile stark ertüchtigungsbedürftig. Und zum anderen haben wir eine Marktsituation anders als in Frankfurt, Stuttgart, München, Hamburg oder Berlin, in der nicht einfach durch marktbedingte Investitionen eine wesentliche Veränderung des Gebäudebestandes möglich ist. In Frankfurt werden großflächig Büroimmobilien in Wohnimmobilien umgewandelt. Da werden ganze Quartiere neu gebaut. Im Ruhrgebiet haben wir es dagegen verschlafen, uns als Immobilienstandort mit hervorragenden B-Lagen klar zu positionieren. Wir sind aus diesem Grunde mit großen Investoren, Banken, Fonds und Versicherungen außerhalb der Region schlecht strategisch vernetzt. Es ist eine zentrale Aufgabe der Wirtschaftsförderung metropoleruhr, dies zu ändern. Denn ohne Investitionen aus der Immobilienwirtschaft werden sich unsere Städte auch nicht maßgeblich verändern.

Wir wollen, dass sich die Lebensqualität in der Region weiter positiv verändert. Menschen, die hier sind, sollen bleiben wollen, und andere, die noch keine Bindung haben, sollen das Ruhrgebiet als spannend und zukunftsorientiert empfinden. Und das geht eben nur, wenn wir als Immobilienstandort hochgradig attraktiv sind. Was wir im Ruhrgebiet oft vergessen und vielleicht aus einer Tradition des Steuerungsoptimismus heraus oft denken, ist, dass der Staat es schon richten wird. Das wird aber nicht passieren. Wir brauchen auch marktgetriebene Investitionen in den Bestand und den Neubau von Immobilien im Ruhrgebiet.

Es sind 53 S tädte und Kreise, die seit einiger Zeit in einer kulturellen G emeinschaft eingebunden sind. Aber ist die Vorstellung von Gleichheit überhaupt erstrebenswert?
Nein, denn gerade in der Immobilienwirtschaft ist eben nicht das große Ganze wichtig, sondern es sind die örtlichen Spezifika. Das Ruhrgebiet ist so groß und vielfältig, dass es sich keinen Gefallen damit tut, sich als Koloss zu präsentieren. Man muss ganz genau sagen können, für welche Segmente man in der Immobilienwirtschaft, im Gewerbe, im Bereich Dienstleistung und im Bereich Wohnen, in welchen Städten oder Quartieren wie aufgestellt ist. Marktdurchdringung und Transparenz müssen wir unbedingt herstellen. Ansonsten wird eine Bank, ein Fonds, eine Versicherung oder ein institutioneller Investor nicht die notwendige Marktdurchdringung erlangen, um hier investieren zu können. Denn die Standorte werden natürlich auch nach makroökonomischen Gesichtspunkten geprüft. Aufgrund von Arbeitslosigkeit, Bildungsquote, Bruttoinlandsprodukt und anderen Punkten haben wir, verglichen mit anderen, hier schlechte Karten. Daher müssen wir über die sehr ortsspezifischen und genau zu beschreibenden Marktqualitäten an den jeweiligen Standorten punkten.

Das heißt, Ihre Aufgabe wird es wahrscheinlich auch sein, in den B edürfnissen, die alle innerhalb der Metropole Ruhr haben, auch eine zunehmende Ausdifferenzierung von Qualitäten und Angeboten darzustellen?
Selbstverständlich. Mir geht es darum, dass wir als Immobilienstandort über die vitalen Kerne, die wir in den Städten von Duisburg bis Dortmund haben, in den verschiedenen Segmenten bei den Kunden punkten können, und zwar überregional.

Wie sehen Sie die Entwicklungen wie z.B. am Phoenix-See? Sind diese richtungsweisend für das Ruhrgebiet?
Ja, weil solche multidimensionalen langfristigen Projekte zwei Dinge zeigen: zum einen die fachliche Projektentwicklungskompetenz, die dahinter steht – da ist Phoenix ein gutes Beispiel, aber auch der Emscher Umbau. Dieser hat 4,5 Milliarden Euro gekostet, war auf den Tag genau geplant und konnte mit fast null Abweichungen, bezogen auf das Budget, realisiert werden. Es heißt immer: Wir in Deutschland können keine Großprojekte. Also im Ruhrgebiet können wir das! Zum anderen zeigt man durch so ein Projekt letztendlich auch den Willen, wirkliche Veränderungen herbeiführen zu wollen, und die Offenheit, dass diese Veränderungen auch gesellschaftlich mitgetragen werden und sich ein völlig neues Quartier, ein neues Milieu oder ein neuer Anziehungspunkt in einer Stadt entwickeln kann.

Gibt es noch andere regionale Leitprojekte?
Ja, definitiv. Schauen Sie sich z. B. an, was mit dem Thema Zollverein in Essen passiert, und zwar nicht nur kulturell. Was da entsteht, mit neuen Firmen, der Universität usw., das ist visionär. Oder nehmen Sie andere Beispiele, was auf uns im Sinne der Revitalisierung ehemaliger Montanflächen im nördlichen Ruhrgebiet zukommt. Hier müssen wir es schaffen, schnell eine Marktgängigkeit von Flächen mit Entwicklungsrestriktionen herzustellen und insbesondere die Chancen, die im Hinblick auf Logistik existieren, zu nutzen, sodass wir hier neue Wertschöpfung und Beschäftigung generieren können.

Kommen wir zu Ihren Aufgaben im Rahmen der Wirtschaftsförderung metropoleruhr. G ibt es W erkzeuge, die Sie der Immobilienwirtschaft an die Hand geben können, mit denen S ie den Z ugang zu Flächen und Regionalentwicklungen im Ruhrgebiet ermöglichen?
Ja, wir haben im Prinzip mehrere Instrumente. Das erste ist das gewerbliche Flächenmanagement Ruhr, das es uns ermöglicht, zu jeder Gewerbefläche im Ruhrgebiet sagen zu können, wem sie gehört und welche Restriktionen darauf liegen. So wissen wir insbesondere auch bei den alten Bergbauflächen genau, welche Vermarktungschancen es gibt und haben so eine hohe Markttransparenz, bezogen auf alle Flächen. Es wird in einem System vertrieben, das sich ruhrAGIS nennt. Hier kann man sich auf einer internetbasierten Plattform jede Fläche anschauen, inkl. Zuwegungen, Leitungen, Restriktionen etc. Das sind Tools, die wir auch bei der Investorenbetreuung nutzen. Wenn es konkret wird, kann man dann natürlich auch mit den Städten in Kontakt treten.

Ich komme zu den anderen zwei Dimensionen. Wir müssen natürlich auch, und das ist uns dieses Jahr geglückt, Auftritte wie die Expo Real oder die MIPIM dazu nutzen, einen zeitgemäßen geschlossenen regionalen Antritt zu wagen. Das ist uns jetzt mit einem völlig neuen Standkonzept auf der Expo Real gelungen, mit einem aufgeräumten metropolitanen Design. Wir nehmen die Expo Real sehr ernst und werden sie weiter als strategisches Instrument einsetzen.

Und der dritte Punkt ist, dass die wmr keine Stabstelle ist, die politisch arbeitet. Die wmr ist eine Projektentwicklerin, Dienstleisterin und Impulsgeberin. Wir haben Kunden aus den Kommunen wie auch Unternehmen. Diese Kunden haben einen Anspruch auf einen Mehrwert durch unser Handeln und dieser Mehrwert muss transparent und jeder Zeit darlegbar sein. Ich denke, dass diese Philosophie, die wir uns selbst in einem Leitbild gegeben haben, dazu beitragen wird, das wenn sich jemand für das Ruhrgebiet interessiert, uns auch als „one stop agency“ nutzt. Wer hier in dieser Region seinen Platz findet, und ob er sich nun in Dortmund oder in Bochum, in Herne oder in Recklinghausen niederlässt, das ist erst einmal nachgelagert. Wichtig ist, dass die Region noch wettbewerbsfähiger wird und mein Haus dabei hilft, diese Herausforderung in allen Fragen der regionalen Wirtschaftsförderung zu meistern.

Wir werden daher jetzt auch anlässlich der Expo Real einen Immobilienmarktbericht veröffentlichen, der die verschiedenen Segmente kleinteilig empirisch darstellt. Keine 90 Seiten, sondern ein 30-seitiges überschaubares Papier. Wir werden die sehr unterschiedlichen, interessanten Teile der Immobilienwirtschaft im Revier zeigen.

Was erwarten Sie sich von der polis Convention?
Die polis Convention ist für mich ein Beispiel dafür, dass wir in der Lage sind, neue Wege zu gehen. Und wenn wir ein vielversprechendes Format wie die polis Convention für uns identifiziert haben, dann müssen wir das auch nutzen. Wir teilen die gemeinsame Überzeugung mit dem Veranstalter, in der Immobilienwirtschaft und der Stadtplanung vorwärts zu gehen. Ich erhoffe mir daher durch die Convention eine zusätzliche Akzeptanz, nicht nur bei unseren Partnern aus der Region, sondern auch bei unseren Kunden dafür, dass Immobilienwirtschaft wirklich eine zentrale Bedingung dafür ist, dass sich die Lebensqualität am Standort verändert. Eine gute, funktionierende Immobilienwirtschaft schafft Lebens- bzw. Standortqualität und löst eine erhebliche Wertschöpfung auch in den sogenannten nicht verlagerbaren Dienstleistungen wie Handwerk usw. aus. Und das finde ich absolut wichtig.

Können Sie sich vorstellen, dass man mit der Convention in NRW auch endlich zu einem Träger immobilienwirtschaftlicher Fragen weit über die Region hinaus wird und dass sich dadurch das Selbstbewusstsein verändert?
Lassen Sie es mich an einem Beispiel verdeutlichen: Ich habe vor einiger Zeit 30 große Investoren deutschlandweit besucht. Davon hatten letztendlich nur zwei Ruhrgebietsbezug und nur einer hatte ein Büro hier in der Region. Das heißt, die Expo Real ist gut und schön. Wenn man es aber geschafft hat, in der Szene ein bisschen bekannt zu sein, dann ist es immer besser, die Leute auch mal in die Region kommen zu lassen. Und wenn wir es schaffen, ein Format aufzubauen, das anerkannterweise in der Szene Strahlkraft entwickelt, wäre das ein großer Erfolg. Wir brauchen eine Veranstaltung im Ruhrgebiet oder mit Ruhrgebietsbezug, die zeigt, dass wir das Thema ernst nehmen und vor allem, dass wir auch wirklich interessant sind. In diesem Kontext gehört der Konferenzort Düsseldorf für mich schlicht zum Oberzentrum Ruhrgebiet.

Herr Beck, herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Johannes Busmann

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