Vom Fabrikgelände zum Stadtquartier

Die Stadt wächst in den kommenden Jahren erheblich – in den Randlagen wie im innerstädtischen Bereich gleichermaßen. Das Rechtsrheinische birgt dabei gewaltiges Potenzial für Kölns Stadtentwicklung und zur Versorgung der Menschen mit Wohnraum und Arbeitsplätzen. Projekte, die sich wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen, bieten Plattformen für innovativen Städtebau, qualitätsvolle Architektur und ambitionierte Freiraumgestaltung. Sie eröffnen Perspektiven auf zukunftsweisende Formen des Zusammenlebens und des Nebeneinanders von Wohnen und Arbeiten. Es entstehen kreative Nachbarschaften. Die Vergangenheit soll dabei vielerorts spürbar bleiben, sichtbar in mächtigen Industriehallen, in die neues Leben einkehrt. Die Weiterentwicklung der rechten Rheinseite ist Jobmotor und kann zur Lokomotive für einen Aufschwung in der gesamten Region werden. Im Fokus steht dabei auch der Süden von Köln-Mülheim, wo in Sichtweite des Doms ein früheres Industrieareal aus dem Dornröschenschlaf erweckt wird. Mächtige Industriehallen zeugen noch heute von der Vergangenheit des Geländes, das mehr als ein Jahrhundert lang Standort weltweit agierender Industrie- und Gewerbeunternehmen war. Vom rechtsrheinischen Köln ging die Motorisierung der Welt aus: Nicolaus August Otto gründete 1864 in der Servasgasse die erste Motorenfabrik der Welt und verlagerte das Unternehmen drei Jahre später zusammen mit Eugen Langen ins Rechtsrheinische. Aus einer Reihe denkmalwerter Bauten ragt die Möhring-Halle heraus, die 1902 in Stahlskelettbauweise errichtet wurde. An anderer Stelle ist auf dem früheren Gelände der Waggonfabrik Van der Zypen & Charlier noch heute die Teststrecke der Wuppertaler Schwebebahn zu besichtigen. Die Deutz-Mülheimer-Straße entwickelte sich mit ihren industriellen Backsteinbauten Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer echten Fabrikstraße, wie es sie in Nordrhein-Westfalen kaum eine zweite mehr gibt.

Das 70 ha große Areal soll nun in den kommenden Jahren unter Beteiligung von Immobilieneigentümern und -entwicklern umgestaltet werden zu einem lebendigen, jungen Stadtquartier, das zukunftsweisende Formen des Wohnens und Arbeitens vereint, in dem die Spuren der Vergangenheit aber dennoch sichtbar bleiben. Auch hinsichtlich der Planungskultur handelt es sich um ein Pilotprojekt der Kölner Stadtentwicklung. Schon bei der Rahmenplanung für das Gebiet rund um den Mülheimer Hafen hat die Stadt die Grundstückseigentümer, Bürger und Institutionen mit ins Boot geholt. In enger Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt und unter Beteiligung der Öffentlichkeit erarbeiteten zwei interdisziplinäre Planungsteams ein städtebauliches Gerüst und ein umfassendes Entwicklungskonzept für das Gebiet. Unterschiedliche Instrumente des stadtplanerischen Repertoires wurden zielgerichtet in einem neuen Planungsformat gebündelt.

Entsprechend dem Auftrag, den der Ratsausschuss für Stadtentwicklung im Sommer 2013 auf den Weg gebracht hatte, entwickelten die Büros Bolles + Wilson (Münster) und KLA kiparlandschaftsarchitekten (Duisburg) gemeinsam mit kister scheithauergross architekten und stadtplaner (Köln) das städtebauliche Rahmenkonzept. Die Einbindung aller relevanten Akteure, darunter zahlreiche Eigentümer mit ihren individuellen Planungsabsichten, trug maßgeblich zum Erfolg des Verfahrens bei. Mit seinem Hafen verfügt das Areal über einen direkten Zugang zum Rhein. Der Hafen wird erhalten bleiben, das neue Quartier östlich davon soll durch Umformung des alten und mit Rücksichtnahme auf den erhaltenswerten Bestand entstehen. In dem Werkstattverfahren wurden daher die Chancen neuer Nachbarschaften aufgezeigt.

Das Planungskonzept für Mülheim-Süd berücksichtigt die über Jahrzehnte gewachsenen städtebaulichen Strukturen ebenso wie die Bedeutung der identitätsstiftenden Industriehallen. Die großmaßstäbliche industrielle Bebauung der Vergangenheit wird durch neue, überwiegend vier- bis fünfgeschossige Blockrandbebauungen ergänzt, die das Gebiet untergliedern und an die „losen Enden“ der Nachbarschaft wie der Stegerwaldsiedlung anknüpfen sollen. Auf diese Weise entstehen kleinräumliche Quartiere mit kürzeren Wegebeziehungen. Die blockbildende Bebauungsstruktur schirmt ab vor dem Lärm der Großstadt und ihrer Verkehrswege, schafft private Innenhöfe als Oasen der Ruhe.

Räumliche Schnittstellen – zum Beispiel an Straßenkreuzungen mit besonderen Sichtbeziehungen – werden durch einzelne höhere oder solitär stehende Gebäude akzentuiert. Das Rheinufer mit seinen teilweise als „Rheinboulevard“ gestalteten Grün- und Freiräumen soll dagegen mit einer klaren städtebaulichen Kante betont werden. Unterschiedliche Typologien von öffentlichen Freiräumen, urbane, gepflasterte Wege und Plätze, parkartige Grünanlagen mit Aufenthaltsqualität und Freizeitwert durchziehen das Viertel, das durch sechs grüne „Korridore“ in Ost-West-Richtung an den Rhein angebunden werden soll. Als Quartiersmittelpunkt ist ein zentraler Platz an den ehemaligen Gießereihallen geplant.

Damit ein lebendiger und vielfältiger Stadtteil entsteht, sollen sich die unterschiedlichen Nutzungen durchmischen. In den Neubauten könnten neben Wohnungen auch Büros entstehen. Für eine mannigfaltige gewerbliche Entwicklung bieten sich die ehemaligen Industriegebäude, aber auch die Eisenbahnbögen an. Vis-à-vis zu den Bahnbögen ist im nördlichen Teil des künftigen „Euroforums“ ein kleines Nahversorgungszentrum mit einem Super- und einem Drogeriemarkt vorgesehen. Weitere Nahversorgungsangebote sollen sich an gut erreichbaren Stellen wie der neuen Ortsmitte entwickeln. Der kulturellen Nutzung könnten über den bereits heute von Künstlern genutzten Bestand hinaus auch Freiräume in der alten Schwebebahnhalle, in der räumlich frei gestellten Möhringhalle oder in der vorderen Doppelhalle von Klöckner-Humboldt-Deutz geboten werden. Auch Einzelhandel und Gewerbe wie auch besondere Formen des Wohnens sind in den Industriehallen denkbar.

Da das Planungskonzept den Bau von bis zu 2.500 Wohneinheiten vorsieht, sind im neuen Stadtquartier auch Kindertagesstätten, Schulen und weitere soziale Einrichtungen geplant. Trotz dieser neuen Vielfältigkeit an Nutzungen soll die Identität des Mülheimer Südens als Standort von international agierenden Firmen und eines Binnenhafens mit Hafengewerbe nicht verloren gehen. Daher werden im Planungskonzept mit Rücksicht auf Entwicklungsperspektiven der ansässigen Betriebe auch Flächen für die Erweiterung und den Neubau von Gewerbe vorgesehen.

Trotz aller Individualinteressen werden die einzelnen teilräumlichen Planungen von den Akteuren nach dem Werkstattverfahren heute ganz bewusst im Kontext der Zielsetzungen für den gesamten Mülheimer Süden und den Hafen betrachtet: Alle ziehen an einem Strang. Diese Akzeptanz ist auch das Ergebnis der breiten und umfassenden Beteiligung bei der städtebaulichen Zielfindung. Diese kooperative und dialogische Vorgehensweise soll daher bei dem noch bevorstehenden Planungs- und Realisierungsprozess fortgesetzt werden – sei es zum Beispiel bei der Klärung, wie die neue Ortsmitte des Mülheimer Südens gestaltet werden kann, oder bei der Entwicklung von Konzepten für ein technologisch und energetisch innovatives Quartier im Rahmen der erfolgreichen Bewerbung beim EU-Förderprogramm „HORIZON 2020/ Grow Smarter“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.