HOUSE FOR ESSEX

Für gewöhnlich – und in manchen Fällen sehr zum Leidwesen des Betrachters – dürfen Kunstwerke nur aus einer „sicheren“ räumlichen Distanz betrachtet werden. Dank Grayson Perry, Gewinner des Turner Preises, gibt es nun eine Ausnahme: In seinem „House for Essex“ kann Kunst im wahrsten Sinne des Wortes erlebt werden.

Seit Anfang Juni heißt Perrys architektonisches Wunder seine Urlauber in Wrabness, einem verschlafenen Örtchen an der Küste von Essex, willkommen. In der Nachmittagssonne begrüßt eine auf dem Dach thronende, silbern schillernde schwangere Dame die Gäste. Vor ihr schwebt ein reich verziertes Rad, dahinter ragt ein überdimensionales, schwarz-weiß gekacheltes Ei empor. Doch dieses Trio ist nur der krönende Abschluss des wohl ungewöhnlichsten Hauses, das jemals in England gebaut wurde. „Mir war von Beginn an klar, dass ich nur einmal in meinem Leben die Möglichkeit haben würde, ein Projekt dieser Dimension zu erbauen. Ich wollte es daher so verrückt wie möglich gestalten“, so Grayson Perry. Im Inneren des Hauses erwartet den Besucher eine wilde Mixtur aus mittelalterlicher und barocker Architektur, gepaart mit thailändischen Elementen. Wahrscheinlich würde es niemanden verwundern, wenn plötzlich der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ im Wohnzimmer sitzen würde.

Doch so verwirrend Perrys Interieur auf den ersten Blick auch wirkt, folgt es bei genauerer Betrachtung doch einer klaren narrativen Struktur: Perrys House for Essex erzählt die Lebensgeschichte der fiktiven Julie May Cope, die bei einem Unfall tödlich verunglückte. Die Ursache der Tragödie, Julies Motorroller, hängt in der Eingangshalle von der Decke; ein Element von vielen, mithilfe derer sich die Gäste Julies Geschichte erschließen können. „Das House for Essex ist mein wohl persönlichstes Kunstwerk. Inspiriert haben mich Ereignisse aus meinem eigenen Leben und Menschen, mit denen ich groß geworden bin. Es ist eine Art gebaute Autobiographie“, so Perry. Abgesehen davon ist Perrys House for Essex auch ein ironischer Schlag gegen das zeitgenössische Design: „Die heutigen Designer sind langweilig. Sie greifen sich eine große Glasfront, ummanteln sie mit Holz und setzen ihr Haus an einen Platz mit einer spektakulären Aussicht. Dieser Minimalismus ist mittlerweile mit so vielen Klischees besetzt, dass er meiner Meinung nach schon kitschig ist.“ Vielleicht ist Perrys House for Essex der Beweis, dass großes Design nicht an klare Strukturen gebunden ist. Vielleicht funktioniert es, gerade weil es so einzigartig und anders ist

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