PARTICIPATE! KUNST ALS INSTRUMENT AKTIVER BÜRGERBETEILIGUNG

Bürgerschaftliches Engagement ist aus der Entwicklung eines gemeinsamen Lebensraums nicht mehr wegzudenken. Dennoch kommen die gängigen Verfahren, wenn es darum geht gemeinsam Zukunft zu gestalten, oft an ihre Grenzen. Partikulare Interessen treten deutlich in Erscheinung. Die Mehrheit bleibt passiv. Für einen demokratischen Beteiligungsprozess ist es jedoch entscheidend, dass alle Bürgerinnen und Bürger aktiv werden. In diesem Kontext kann Kunst ein starker Motor sein. pARTicipate! greift dort ein, wo Worten Taten folgen müssen.

Kunst kann in sozialen Prozessen ein starker Motor sein. Spätestens seit Joseph Beuys steht dies außer Frage. Seine Initiative für direkte Demokratie erscheint rückblickend als visionäres Pionierprojekt. Heute sind direktdemokratische Prozesse breit etabliert, und bürgerschaftliches Engagement erfährt eine signifikante Aufwertung. Doch wie können künstlerische Impulse ganz praktisch in Prozesse des gemeinschaftlichen Planens und Entwickelns hineinwirken?

Die Voraussetzungen für künstlerisches Arbeiten in soziopolitischen Kontexten sind günstig. Wir erleben seit einigen Jahren
einen Boom der „partizipatorischen Kunst“  – einer Kunst, die aus Betrachtern aktive Teilnehmer und Nutzer macht und erst im Prozess der Teilhabe und aktiven Mitbestimmung zur Vollendung kommt. Gleichzeitig findet eine radikale Annäherung und gegenseitige Durchdringung von bildender Kunst, Architektur und Design statt, und Theater und Performance nähern sich immer mehr an. Diese Entwicklungsprozesse schaffen Raum für Neuentwicklungen gerade im Bereich der Soziokultur.

Freiraum schaffen, auf breiter Basis aktivieren

Doch innovative Methoden im Bereich des Bürgerengagements brauchen den nötigen Freiraum. Es gibt manche Beispiele für Beteiligungsprozesse, die nicht wirklich in das Entwicklungsverfahren implementiert werden. Kaum etwas ist kontraproduktiver für das Vertrauen in die Politik als Bürgerbeteiligungen, deren Ergebnisse nicht substanziell wirksam werden, sondern in der Schublade verschwinden. Dennoch ist bürgerschaftliches Engagement aus der Entwicklung des gemeinsamen Lebensraums nicht mehr wegzudenken – und auch die Beispiele für wirklich ernst genommene, ergebnisoffene und mutige partizipative Entwicklungsprozesse sind zahlreich.

Wenn es darum geht, miteinander die Zukunft zu gestalten und den gemeinsamen Lebensraum zu verwandeln, kommen die gängigen Verfahren oft an entscheidende Grenzen. Meist treten in Beteiligungsprozessen engagierte Bürger(innen) mit ihren partikularen Interessen deutlich in Erscheinung, während eine breite Masse „großenteils Zufriedener“ passiv bleibt. Außerdem gibt es soziale Gruppen, deren Meinungen und Bedürfnisse im Gemeinwesen nicht oder zu wenig berücksichtigt werden. Diese verfügen meist nicht über die Möglichkeiten, sich ausreichend Gehör zu verschaffen. Für einen ausgewogenen demokratischen Beteiligungsprozess ist es jedoch entscheidend, dass die passive Mehrheit und die gesellschaftlich Benachteiligten ebenso aktiv werden.

Künstlerisches Handeln in Entwicklungsprozessen

An diesem Punkt sahen wir Handlungsbedarf im wahrsten Sinne des Wortes: Künstlerisches Handeln für die  Schlüsselstellen von Entwicklungsprozessen – dort, wo immer nur reden einfach nicht genug ist. Unter dem Motto pARTicipate! haben wir ein Programm von Kreativworkshops aus den Bereichen Fotografie und Video sowie bildnerischen Techniken, Performance und Theater entworfen. Im Blick hatten wir dabei sowohl Verfahren der Bürgerbeteiligung als auch kreative Prozesse im Rahmen der Quartiersentwicklung und der Jugend- und Sozialarbeit.

An folgenden Punkten werden pARTicipate!-Module interessant:

  • In der Startphase einer Bürgerbeteiligung sollen bestimmte Gruppen erreicht und zur Teilnahme angeregt werden.
  • In der Stadt- oder Quartiersentwicklung sind außergewöhnliche Visualisierungen von Ideen und die kreative Erarbeitung einer gemeinsamen Vision gefragt.
  • In Entwicklungsprozessen werden Phasen der Reflexion, der Neufokussierung und des kreativen Transfers notwendig.

pARTicipate! als Idee und Konzept entstand einerseits auf der Basis intensiver praktischer und theoretischer Auseinandersetzung mit künstlerischen Strategien. Andererseits floss sowohl Know-how aus der Organisationsentwicklung in die Gestaltung ein als auch eine genaue Untersuchung partizipatorischer Ansätze in direktdemokratischen Prozessen. Wir organisieren seit einiger Zeit Filmprojekte mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorrangig in ländlichen Regionen. Das pARTicipate!-Programm ist eine Fortführung dieser aktivierenden, an den Lebenswelten der Teilnehmer orientierten Workshops. Dabei arbeiten wir mit einem Netzwerk von pädagogisch erfahrenen Künstlern und Trainern.

Was aber heißt künstlerisches Handeln konkret? Wir meinen damit eine Form von Kreativarbeit, die künstlerisch inspiriert ist, sich aber durch Niederschwelligkeit und konkrete Praxis-orientierung auszeichnet. Künstlerisches Handeln – partizipativ, performativ, prospektiv – begründet, begleitet und befördert die Prozesse. Künstlerisches Handeln ist Wahrnehmen und Handeln, Reflexion und Transformation in permanenter Interaktion. Unsere Workshops sollen aus der direkten Implementierung in die konkreten Arbeitsprozesse wirksam werden. Es geht also nicht um ein dekoratives Rahmenprogramm, sondern um die unmittelbare Steigerung der kollektiven Kreativität, der visionären Reichweite und der strategischen Durchschlagskraft.

Die pARTicipate!-Workshops

Wir versuchen, in den pARTicipate!-Workshops außergewöhnliche Handlungs- und Erfahrungsräume zu kreieren, in denen die Themen auf andere Weise gegriffen werden. Die pARTicipate!-Bilderküche haben wir als Kunstwerkstatt konzipiert, die Bilder in die Stadt und auf die Straße bringt – also eine Verbindung von bildnerischem Arbeiten und Gestaltung des öffentlichen Raums. Hier entstehen die Bilder nicht nur mit Stift und Pinsel. Spraydose und Farbbeutel, Siebdruck und Edding können ebenso zum Einsatz kommen wie Photoshop, Instagram und Facebook. Gerade urbane Entwicklungsprozesse verlangen nach Visualisierung. Doch diese Visualisierungen sind zu schade, um nur auf Stellwänden, in Presseberichten und sonstigen Dokumentationen zu erscheinen. Mit unserer reichen Erfahrung im künstlerischen Umgang mit dem öffentlichen Raum erarbeiten wir gemeinsam starke Präsentationsideen im Freien.

Die pARTicipate!-Stadtbühne

Mit der pARTicipate!-Stadtbühne wollen wir den städtischen Raum auf ganz neue Weise greifbar machen – spielerisch und mit vollem Körpereinsatz. Stadtentwicklung und Planungsprozesse bedeuten Veränderungen im täglichen Leben. Diese in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen, ist nicht immer einfach. Dabei können performativ-theatrale Aktionen überraschende Eindrücke vermitteln. Menschen treten in unmittelbaren Dialog mit Stadtstrukturen, zeigen Problemstellen auf und visualisieren mögliche Veränderungen. So werden die Handlungsfelder urbaner Planungsprozesse spielerisch ausagiert und für die Beteiligungsverfahren ganz neu greifbar. Hier einige Themenbeispiele: Öffentliche Plätze werden zu Wohnungen auf Zeit; Neue Formen des Tanzes, urbane Choreographien; Get together – Performance trifft Blaskapelle (o.ä.); Rollenwechsel – „Seht her, das ist so typisch für Euch!“; Stadtpark(c)our(s) – Neue Wege gehen!; Flashmobs, Paraden und Demonstrationen.

Das pARTicipate! Filmcamp

Das pARTicipate! Filmcamp ist dafür gedacht, Ideen im Team zu entwickeln, packende Geschichten und Orte zu finden, starke Bilder zu kreieren, selbst in Erscheinung zu treten, Position zu beziehen – gemäß dem Motto: Wir gehören dazu – und wir haben viel zu erzählen! Urbane Leerstände verwandeln sich in Filmsets, das Wohnzimmer entpuppt sich als große Bühne, in einem einfachen Interview verschwimmen die Grenzen von Raum und Zeit, und gleich um die Ecke macht der Videoblog klar, wo es wirklich klemmt in der Stadt – und wo es hingehen kann, wenn auch die gehört werden, die sonst abseits bleiben.

Kooperation mit Kommunen 

In einer baden-württembergischen Gemeinde planen wir zusammen mit der kommunalen Jugendarbeit ein Filmcamp zum Thema „Willkommenskultur“, das in den Herbstferien 2016 stattfinden soll. Mit zwei weiteren Kommunen sind wir in vorbereitenden Gesprächen. Mit der einen arbeiten wir an Plänen für ein spartenübergreifendes Workshopprogramm im Rahmen einer Zukunftskonferenz für Kinder und Jugendliche. Die andere Kommune ist ebenfalls an einem interdisziplinären Kreativprogramm für Jugendliche interessiert, in dem der Blick auf die eigene Stadt unter diversen Perspektiven im Mittelpunkt stehen soll.


Thomas R. Huber

(Dr.phil) ist Kunst- und Kulturwissenschaftler, freier Kurator und Publizist. 2014 gründete er das Büro für Soziokultur als Kreativraum für partizipatorische Kulturprojekte.

Büro für Soziokultur
Rippergstraße 24
74523 Schwäbisch Hall
0791 49974901
kontakt@bfsk.org
www.bfsk.org

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