polis 02/2016 Wisdom

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Wenn wir über das Lernen in unserer Gesellschaft diskutieren, denken wir an Pisa-Studien und Exzellenz-Initiativen, an Schulen und Universitäten. Verantwortlich hierfür sind die jeweiligen Ministerien und die Politik. Die Bildung gehört in die Schulen, die Ausbildung in die Betriebe und das Studium an die Hochschulen. Wir wissen, wer welche Bereiche und Ziele zu verantworten hat und wofür wir lernen müssen.

Die Richtigkeit dieser grundsätzlichen Ordnung, die uns einen Bildungsstatus sichert, den wir als große Qualität schätzen dürfen, muss nicht in Frage gestellt werden. Dennoch fühlt man sich das eine oder andere Mal motiviert, die Selbstverständlichkeit dieser Logik zu hinterfragen: Warum haben wir das Lernen institutionell an Orte und an bestimmte Lebenszeiten gebunden und an bestimmte Lehrkräfte gebunden? Und warum verbinden wir Lernen viel häufiger mit einer Pflicht, als mit Freude?

 

Wäre es nicht schöner, wenn wir die vielen Schichten unserer bildungspolitischen Debatten und Gewohnheiten einmal beiseite schieben könnten? Vielleicht würden wir dann überrascht feststellen, dass zwei wunderschöne Qualitäten unser ganzes Leben begleiten – Neugier und Sehnsucht. Sie sind Antrieb, immer wieder etwas Neues entdecken oder sich neues Wissen aneignen zu wollen.

Doch dieser Prozess findet nicht ausschließlich in unseren Bildungsinstitutionen statt sondern begleitet uns tagtäglich in den Räumen in denen wir uns bewegen: In der Stadt, auf dem Spielplatz, im öffentlichen Raum, auf den Straßen, in den Hinterhöfen, in der U-Bahn, an verlassenen Orten – das heißt überall dort wo unser Leben stattfindet.

Doch wir lernen nicht nur von den Räumen, in denen wir uns tagtäglich bewegen, sondern geben auch unser Wissen an diese Räume zurück.

Um unsere Neugier und unsere Sehnsucht zu stillen sind demnach nicht nur gute Bildungseinrichtungen bedeutsam, sondern auch das alltägliche Erlebnis und die Erfahrbarkeit von Städten und Gemeinden.

Denn wie schade wäre es, wenn jegliche Wissensvermittlung hinter verschlossen Türen stattfinden würde und ausschließlich zweckorientiert wäre? Wie schön wäre es hingegen, wenn unsere Bildungseinrichtungen baulich und kulturell öffentliche Orte wären, denen man die Freude an Neugier und Sehnsucht ablesen könnte. Vielleicht vermag in diesem Sinn sogar jede Architektur, die anspruchsvoll gestaltet ist, jeder Platz, der eine besondere Atmosphäre besitzt und jede Stadt, die im öffentlichen Raum ihre Geschichten erzählt, einen Beitrag zu leisten.

Dann wäre Weisheit für alle, die beständige Freude am „wissen wollen“ und die nicht enden wollende Sehnsucht nach einem erfüllten Leben.

 „You live you learn, You love you learn,
You cry you learn, You lose you learn
You bleed you learn, You scream you learn

Alanis Morisette

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