BILDENDE STADT

Das Thema ‚Bildung‘ ist spätestens seit dem Jahr 2000 Gegenstand einer weiten gesellschaftlichen und politischen Diskussion: Das aus deutscher Sicht unbefriedigende Ergebnis der ersten PISA-Studie schärfte den Blick für die Thematik in einer Zeit, in der sich Bildung zu einer wichtigen Ressource der Wissensgesellschaft entwickelt hat. Gleichzeitig setzt sich zunehmend ein erweitertes Verständnis von Lernen durch: demnach findet Lernen an vielen Orten und in verschiedenen Situationen statt. Raum wird als „Dritter Pädagoge“ neben der Lerngruppe und der pädagogischen Bezugsperson gesehen. Räume beeinflussen Bildung(sprozesse) und Bildung(sprozesse) gestalten Räume. Damit sind in dieser erweiterten Vorstellung nicht nur gute Bildungseinrichtungen bedeutsam, sondern auch die alltägliche Erfahrung und Erfahrbarkeit von Städten und Gemeinden. Stadtplanung und Architektur können, wenn sie diese implizite Rolle räumlicher Gestaltung – und die hiermit verbundenen gestaltenden Akteure und Prozesse – einbeziehen, wesentlich zu Lernprozessen beitragen (oder sie andersrum erschweren). Dabei sind drei Handlungsbereiche bedeutsam: (1) Räume als Ort UND (2) Anlass von Bildung sowie (3) Planungs- und Gestaltungsprozesse als Lernprozesse.

Räume als Orte von Bildung: Bildungsbauten im Fokus

Der lokale Kontext der Nachbarschaft, des Dorfs, der Gesamtstadt etc. ist wesentlicher Ausgangspunkt für bildungsorientierte Stadt- und Ortsentwicklung. Mit ihren vielfältigen Nutzungen und Nutzern bieten sie Lernorte und ‑gelegenheiten. In ihnen eingelagert befinden sich Bildungseinrichtungen, die als zentrale Bezugspunkte eben diese Nachbarschaften, Städte und Gemeinden prägen. Wichtige Entscheidungen zu Standorten von Bildungseinrichtungen werden planerisch auf gesamtstädtischer und regionaler Ebene getroffen, mit ihnen werden die Entwicklung von Stadtquartieren und Ortschaften maßgeblich beeinflusst.

Zunehmend werden Bildungsbauten multifunktionaler und durch die Nachbarschaft mitgenutzt. Sie nehmen Angebote und Dienstleistungen für die Nachbarschaft auf, werden zu individuellen Freizeit- und Lernräumen wie auch zu nachbarschaftlichen Versammlungsorten. Die räumliche Nähe zu privaten Einrichtungen und Unternehmen bietet das Potenzial für wertvolle Synergien, u.a. durch gemeinsam genutzte Infrastrukturen (z. B. Aula, Bibliothek, Werkstätten, Mensa, Sportanlagen) geschaffen und fachlicher Austausch (z. B. durch Praktika oder Führungen) initiiert.

Architektonisch werden bereits exzellente Schulneubauten und ‑modernisierungen realisiert unter frühzeitiger und begleitender Beteiligung von Lehrern, Schülern und Eltern (und bisweilen der gesamten Nachbarschaft). Hier gibt es eine Praxis für pädagogische Architektur, die Messlatte für die Planung und Gestaltung in ganz Deutschland sein muss – auch in Zeiten, in denen in manchen Städten ein hoher und kurzfristiger Bedarf an Schulneubauten besteht.

Räume als Anlass für Bildung: den öffentlichen Raum in den Blick nehmen

Wenig im Blickfeld der Planer und Architekten ist bisher der öffentliche Raum (Straßen, Wege, Plätze etc.) als erweiterter und vernetzter Bildungsraum, in dem Bewohnerinnen und Bewohner ihr Wissen und ihre Begabungen weitergeben und selbst Unbekanntes erlernen können. Dabei sollte lebenslanges Lernen im Vordergrund stehen, anstatt einer ausschließlichen Fokussierung auf Kinder und Jugendliche. Öffentliche Räume für alle Nutzerinnern und Nutzer in diesem Sinne zu spannenden Erfahrungs- und anregungsreichen Erlebnisräumen werden. Gerade im Denken des öffentlichen Raums als Bildungsraum gilt es hierfür mehr als bisher eine sensible Balance zwischen angelegter Gestaltung und individueller Nutzbarkeit auszuloten, in der im Idealfall durch Umwidmung und Veränderung von Räumen eigene Handlungsräume geschaffen werden können. Letzteres ist ohne Zweifel mit der Aneignung und Erweiterung von Fähigkeiten und Handlungswissen der Nutzerinnen und Nutzer verbunden.

Zugleich eröffnet die Gestaltung von Übergängen zwischen öffentlichen und privaten Nutzungen – bauliche markiert durch Fassaden, Zäune, Mauern, Tore etc. – Gelegenheiten für Lernanlässe. Gerade bei Kindern und Jugendlichen haben Zu- und Übergänge eine besondere Bedeutung, da diese auch den Übertritt vom verregelten und durch Aufsichtspersonen kontrollierten (Schul-)Raum zur „unkontrollierten“ Nachbarschaft darstellen. Gezielt gestaltet können diese Übergänge Einblicke, Ausblicke und Kommunikationsanlässe bieten. Das gezielte Öffnen von Zäunen und Mauern rund um die Bildungsinstitutionen könnte das Zusammenwachsen von Bildungseinrichtungen und Nachbarschaften zu „wirklichen“ Bildungslandschaften befördern. Voraussetzung hierfür ist auch eine kritische Debatte um Anforderungen der Aufsichtspflicht und Versicherung.

Planung und Gestaltung als Lernprozess

Planungsverfahren stehen ebenfalls kaum im Fokus der Debatte über Bildungsräume, aber gerade hier können Nutzerinnen und Nutzer ihr Wissen und ihre Kompetenzen bei der Gestaltung von Bildungsräumen einbringen, sowie Mitsprache und Mitgestaltungsmöglichkeiten haben. Beteiligungsprozesse sind dann im Idealfall Bildungsprozesse, in denen Akteure mitgenommen und ggf. auch befähigt werden, diese Prozesse und deren Ergebnisse (unsere Umgebung) zu verstehen und sich in deren aktive Gestaltung einzubringen. Partizipation könnte zum spannenden Lernprozess werden und manch ein Lernprozess zu einem gelungenen Mehr an Partizipation führen.


Prof. Dr. Angela Million

geb. Uttke, ist seit 2011 Professorin des Fachgebietes Städtebau und Siedlungswesen am Institut für Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Berlin tätig und Partnerin im Planungsbüro STADTIDEE. Sie ist Gründungsmitglied von JAS – Jugend Architektur Stadt e. V., einem Verein für baukulturelle Bildung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.
Sie ist Mitherausgeberin der Sammelbände „Stadtbaustein Bildung“ (Hrsg. Coelen/Heinrich/Million 2015. Springer VS, Wiesbaden) und „Wenn Stadt Bildung mitdenkt dann…“ (Hrsg. Million/Bentlin/Heinrich 2016. Tempus Coporate, Hamburg.). Derzeit bearbeitet sie gemeinsam mit dem Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Coelen (Universität Siegen) das DFG-Forschungsprojekt „Lokale Bildungslandschaften und Stadtentwicklung. Schnittstellen und Verflechtungen“.

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