PÄDAGOGISCHE ARCHITEKTUR // VORGESCHALTETER PLANUNGSPROZESS IM SCHULBAU

Im Gespräch mit Barbara Pampe, Projektbereichsleiterin bei den Montag Stiftungen.

Pädagogik und Architektur sind Disziplinen, die meist getrennt voneinander betrachtet werden. Im Schulbau müssen sie zusammen gedacht werden. Was verstehen Sie/die Montag Stiftungen unter dem Begriff der pädagogischen Architektur?

Im Schulbau müssen diese beiden Begriffe unabdingbar zusammen gedacht werden. Unser Ziel ist es, gute pädagogische Konzepte zu realisieren, d. h. Kinder möglichst gut auf ihrem Bildungsweg zu begleiten – und Räume zu gestalten, die diese Konzepte ermöglichen. Wir möchten Räume, die Kinder inspirieren und in denen Lernen Spaß macht. Natürlich sollen sich auch die Lehrer in den entsprechenden Räumen wohlfühlen und gerne unterrichten. Wichtig ist, dass alle Räume ihre jeweilige(n) Nutzung(en) unterstützen. Leider wurde dieser Zugang aufgrund etablierter Musterraumprogramme lange nicht verfolgt.

Welche Gründe gibt es, Schulen architektonisch neu zu denken oder bestehende Schulhäuser zu verändern – warum brauchen wir andere Schulen und welchen Herausforderungen begegnet hier der qualitativ hochwertige zukunftsfähige Schulbau?

Die Frage ist heute noch einmal eine andere als noch vor fünf Jahren. In den Ballungszentren haben wir einen enormen Bevölkerungszuwachs. Folglich steigt auch der Bedarf an neuen Schulen. Köln plant, in den kommenden 15 Jahren rund 28 neue Schulen zu bauen. Das ist in anderen deutschen Metropolen ganz ähnlich. Wir müssen Schule aber auch neu denken, weil sich unsere Gesellschaft verändert hat. Unserer heutigen Wissensgesellschaft wird in unseren bisherigen Schulen bisher kaum Rechnung getragen. Die Digitalisierung hat nicht nur das Lernen verändert, sondern auch die Anforderungen, die Jugendlichen beim Berufseinstieg begegnen. Daneben müssen wir uns Gedanken zu Ganztagskonzepten machen und auf die UN-Diagnose reagieren, dass unser Bildungssystem benachteiligend gegenüber Kindern aus bildungsfernen Familien ist. Durch die Unterzeichnung der UN-Konvention sind wir überdies verpflichtet, uns auch dem Thema Inklusion anzunehmen, das sich natürlich auch auf die architektonische Struktur von Schulgebäuden bezieht. Diese Punkte beeinflussen und verändern Schule. Es gibt neue Qualitäten und Aktivitäten, die nun auch in der Schule stattfinden. Am Beispiel Ganztagsschule wird dies besonders deutlich: Früher gingen die Schülerinnen und Schüler von 8 bis 13 Uhr in die Schule. Heute verbringen Kinder und Jugendliche „den ganzen Tag“ in der Schule. Sie essen in der Schule, haben am Nachmittag noch Unterricht, können sich aber auch zurückziehen, spielen oder sich sportlich betätigen. Diese neuen Qualitäten müssen nun auch im Schulbau berücksichtigt werden.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von neuen „Raumtypologien“. Wie unterscheiden sich diese von alten Schul-Grundrissen?

In der klassischen Flur-Schule führt ein großer Flur zu den jeweiligen Klassenräumen. Die Schülerinnen und Schüler befinden sich für eine bestimmte Zeit in diesem Raum und verlassen ihn dann wieder über den Flur, um den nächsten Raum aufzusuchen. Wir hingegen möchten weg vom klassischen Klassenzimmer als „Instruktionsraum“. Ziel von Architektur ist es, Räume zu schaffen, die nicht nur für die dort stattfindenden Aktivitäten geeignet sind, sondern diese auch inspirieren und entfalten. Im Kontext Schule gilt es also zu untersuchen, welche Aktivitäten in der Schule stattfinden: Wie nutzen Schülerinnen und Schüler, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulische Räume? Gibt es vielleicht noch weitere Einrichtungen, die diese Räume ebenfalls nutzen, wie z. B. eine Musikschule? Konkret bedeutet dies, dass Schulräume in Abhängigkeit von Funktionen und Nutzungen geplant werden. Hierdurch entstehen andere Grundrisse und Raumtypologien.

Werden Schulen hierdurch zwangsläufig immer größer?

Nein. In vielen Fällen kann ein Raum für mehrere Nutzungen zur Verfügung stehen. An Standorten mit mehreren Schulen bieten sich auch gemeinschaftliche Nutzungen an, wie z. B. die von naturwissenschaftlichen Räumen oder einer großen Aula.

Die Idee zu überarbeiteten Raumtypologien ist nicht neu. Wieso zeichnet sich erst jetzt ein Umdenken ab, das auch bis in die öffentlichen Richtlinien hinein Umsetzung findet?

In den 70er Jahren basierten die Überlegungen auf Ideologien. Heute liegen uns sehr konkrete Forschungsergebnisse vor, wie z. B. aus der PISA-Studie oder aus der Lernforschung, die belegen, dass vielfältiges Lernen die Grundvoraussetzung für Lernerfolg ist. Diese Ergebnisse liefern auch Analysen aus der Hirnforschung und der Sozialpsychologie. Die ursprüngliche Ideologie ist heute also wissenschaftlich belegt und erhält hierdurch ihre Rechtfertigung.

Inwiefern können „offene Schulen“ zu zentralen Orten in Stadtteilen werden? 

Bildung ist immer zentrales Anliegen von Städten. Eltern achten darauf, dass im nahen Wohnumfeld gute Schulen verfügbar sind. Diese Schulen stehen als öffentliche Räume auch solchen Aktivitäten zur Verfügung, die nicht per se mit dem Schulalltag zu tun haben. So nutzen beispielsweise Vereine Turnhallen, oder der Schulhof steht auch nach Schulschluss als öffentlicher Platz für den gesamten Stadtteil zur Verfügung. Auch o. g. Beispiel der Musikschule, die Schulräume nutzt, wird vielerorts bereits verfolgt. Als Schulträger hat die Stadt hier die Chance, schulische Räume sinnvoll und effizient zu nutzen – und sie nicht schon um die Mittagszeit abzuschließen. Darüber hinaus sollte Schule als öffentliches Gebäude auch einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und in der Stadt einen zentralen Anlaufpunkt bilden, der von allen Bürgerinnen und Bürgern genutzt werden kann.

Spiegelt sich diese Offenheit auch in der Gebäudetypologie wider? 

Ja. Hierzu gibt es ganz unterschiedliche Beispiele. Es gibt die sogenannten Bildungslandschaften, wie z. B. in Köln in der Altstadt-Nord. Hier gibt es mehrere Bildungseinrichtungen in unmittelbarer Nähe zueinander. Die jüngeren Schülerinnen und Schüler haben einen abgeschlossenen Schulhof. Hingegen nutzen die Älteren den öffentlichen Park für ihre Pause. Hier mischen sich Stadt und Schule. Weitere Beispiele finden sich in den Niederlanden. Die sogenannten „Breede Schools“ sind kommunale Bildungslandschaften, die weitere Funktionen in der Schule ansiedeln, wie Kinderbetreuung, Jugendberatungsstellen oder sogar Physiotherapiepraxen. Hier bündeln sich viele Funktionen, die in dem Stadtteil zur Verfügung stehen. Die Hinzunahme von Funktionen eröffnet Schulen so auch die Möglichkeit, sich räumlich zu erweitern, ohne an finanzielle Grenzen zu stoßen.

Abgesehen von den Niederlanden – gibt es weitere Länder, die im Hinblick auf pädagogische Architektur eine Vorreiterrolle einnehmen?

Wir gucken uns sehr aufmerksam skandinavische Länder an, weil sie in den PISA-Studien besser abgeschnitten haben. Was machen diese Länder anders? Wie unterscheiden sich die Schulgebäude von denen in Deutschland? Maßgeblich zu beobachten ist, dass die Planungsprozesse (z. B. in den Niederlanden oder auch in Norwegen) ganz anders ablaufen und viele Länder andere Systematiken verfolgen. Die Planungen beginnen bereits sehr früh in einem Team, das Nutzungen und mögliche Räume bespricht.

Im Planungsprozess von Schulen sprechen die Montag Stiftungen von qualifizierter Projektentwicklung als Grundvoraussetzung. Sie nennen diesen Prozess „Phase Null“. Was ist darunter zu verstehen?

Der Begriff nimmt Bezug auf die Einteilung der Leistungsphasen nach der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Die dort vorgesehenen Leistungsphasen 1–9 schließen eine solche integrierte Planung im Vorfeld (noch) nicht ein. Die Phase Null zielt darauf, vor der eigentlichen Planung eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie ein Organisationsmodell für allgemeine Lernorte, die Fachbereiche, Ganztags-, Team- und Gemeinschaftsräume sowie die Freibereiche und wie das konkrete Flächenprogramm überhaupt aussehen können. In dieser Projektentwicklungsphase werden die wichtigsten Weichen für den Bau- und Planungsprozess gestellt und alle am Schulbau betroffenen Gruppen beteiligt, darunter Pädagogen, Architekten und die Verwaltung, d. h. Schulamt, Hochbauamt, Stadtplanung, die Schule selbst mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Eltern und Kindern.

Welche Vorteile können Sie aus der Einführung des Phase-Null-Prozesses beobachten?

Durch den vorgeschalteten Planungsprozess haben wir eine gute Basis für alle weiteren Planungen, weil genau festgelegt ist, was in Zukunft realisiert werden wird. Innerhalb der Verwaltung, d. h. zwischen Schul- und Hochbauamt, entsteht darüber hinaus eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die auch für den weiteren Planungsprozess sehr hilfreich ist. Die Beteiligung aller Nutzerinnen und Nutzer an der Phase Null hat den Vorteil, dass zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit der Einflussnahme am größten ist. So werden Zusatzkosten verhindert, die entstehen, wenn Änderungen nach Abschluss des Planverfahrens beschlossen werden.

Wie lange dauert der beschriebene Phase-Null-Prozess in der Regel? Gibt es hier Unterschiede zwischen Schultypen?

Das ist ganz unterschiedlich. Aus unseren Erfahrungen dauert der Prozess zwischen sechs und neun Monaten. Die Zeitspanne ist abhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen. In einem Prozess kam beispielsweise einmal die Frage des Denkmalschutzes auf. Solche Dinge können den Prozess unerwartet verlängern.

Wie erfolgt die Beauftragung der Montag Stiftungen, solche Planungsprozesse zu steuern? Gibt es von Ihrer Seite aus Ausschreibungen, auf die sich Schulen bewerben können oder werden Sie auch von Städten angesprochen?

Wir hatten kürzlich die zweite Ausschreibung in Form eines Wettbewerbs, für den sich Kommunen für die Finanzierung einer Phase Null bewerben konnten. Die Kommunen haben hierzu ein Projekt, das auch schon politisch beschlossen wurde, bei uns eingereicht, um es in Zusammenarbeit mit uns der Phase Null zu unterziehen. Diesen Wettbewerb haben wir bisher zweimal durchgeführt. Die ersten fünf Pilotprojekte sind bereits abgeschlossen. Die Gewinner des zweiten Wettbewerbs haben wir im Mai bekannt gegeben. Diese fünf neuen Projekte starten im Sommer bzw. Herbst 2016.

Was geschieht im Anschluss an die Phase Null? Begleiten Sie die Schulen auch in ihrem weiteren Entwicklungsprozess? 

Ziel ist es, in der Phase Null die Weichen für die Planungs- und Bauphase zu stellen. Entscheidend ist dabei auch, dass die erarbeiteten Erkenntnisse in die weiteren Planungsphasen einfließen und darauf aufgebaut wird. Über diese Schnittstellen gilt es, rechtzeitig nachzudenken, um den Informationsfluss bestmöglich zu garantieren. Die Ergebnisse der Phase Null bilden die Grundlage für die Ausschreibung der Architektenleistung, im Idealfall für einen Architekturwettbewerb. Es empfiehlt sich, das Schulbauberatungsteam sowie die Schule in den Auswahlprozess zu integrieren. Nach Fertigstellung des Schulbaus wird  uns auch die Frage des Betriebes interessieren: Wie wird die Schule die neuen Räumlichkeiten nutzen und weiterentwickeln? Braucht es Unterstützung in der Aneignung der Räume?

Gibt es Schwierigkeiten, die im Partizipationsprozess zwischen den unterschiedlichen Akteuren entstehen, bzw. ist es schwierig, die unterschiedlichen Ansprüche auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen?

Ja. Bei zwei grundsätzlich differenten Fachdisziplinen wie der Pädagogik und der Architektur ist das fast unumgänglich. Unterschiedliche Experten müssen über einen bestimmten Zeitraum miteinander arbeiten. Auch dieser Prozess will gelernt sein, weil er nicht dem Alltag entspricht. Im kleinen Rahmen gab es zwar immer Abstimmungen mit den Schulen, allerdings nicht in der Intensität, wie wir sie fordern. Die Herausforderungen beginnen bereits bei der gemeinsamen Sprache: Die Sprache der Architekten wird von den Pädagogen nicht immer verstanden – andersherum gilt dasselbe. Deswegen ist es wichtig, dass in jedem Team ein Pädagoge und ein Architekt sitzt, der den Prozess begleitet. Wichtig ist auch, dass wir bereits im Vorfeld definieren, wer welche Kompetenzen hat und wer wo gebraucht wird. Architekten müssen in die Lage versetzt werden und verstehen können, was in der Schule passiert. Umgekehrt dürfen Pädagogen nicht mit architekturspezifischen Begriffen überfordert werden. Hier eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu entwickeln, ist die Herausforderung.

Sofern Sie auf Ihre bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen blicken: Gibt es einen Prototyp der „guten Schule“ oder bestimmte Merkmale, die eine gute Schule ausmachen? 

Einen Prototyp gibt es nicht. Eine gute Schule charakterisiert sich durch ihr Zusammenspiel aus guter Pädagogik und einem gelungenen Schulbau sowie dem Kontext am jeweiligen Standort. In unserer Datenbank „Lernräume Aktuell“ zeigen wir Beispiele für gelungene pädagogische Architektur. Das ist nicht immer die ganze Schule – manchmal überzeugt an einer Schule eine bestimmte Lösung oder ein Detail. Gute Schulen sind immer offen für verschiedene Nutzungen – sie bieten der Pädagogik viele Optionen, die sie braucht, um der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch.

Das Interview führten Susanne Peick und Marie Sammet


Barbara Pampe 

(Dipl.-Ing. M. Eng. Architektin) ist seit 2014 Projektbereichsleiterin bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und verantwortet den Bereich pädagogische Architektur. Barbara Pampe studierte Architektur in Bordeaux, Weimar, Delft und Stuttgart. Sie leitete Projekte in Architekturbüros und war als freie Architektin tätig. Im Bereich Schulbau forschte und lehrte sie am Institut für Öffentliche Bauten und Entwerfen der Universität Stuttgart bei Prof. Arno Lederer. 2011–2014 hatte sie eine Professur  für Entwerfen und Gebäudelehre an der German University in Cairo inne. Barbara Pampe ist Mitgründerin von „baladilab“ sowie Verfasserin und Mitherausgeberin diverser Publikationen zum Thema Schulbau.

www.montag-stiftungen.de/jugend-und-gesellschaft

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.