BAUT, ABER BAUT FÜR UNS // WIE FRANKFURT WACHSEN UND SICH TROTZDEM SEINE SEELE BEWAHREN WILL

Im Gespräch mit Mike Josef, Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt am Main

Herr Josef, Frankfurt hat ähnliche Probleme wie andere Metropolen auch: es gibt einen unglaublichen Sog in die City und damit auch unterschiedliche Positionierungen und Schwerpunkte der Akteure. In welche Richtung wollen Sie Akzente setzen?
Wir haben in Frankfurt tatsächlich eine Entwicklung, die vor 25 Jahren kaum jemand vorhergesehen hat. Damals ist man davon ausgegangen, dass die Bevölkerungszahl stagniert oder zurückgeht. Das hat sich jetzt seit gut zehn Jahren rasant verändert. Momentan ist es so, dass vor allem in den Metropolen Arbeit entsteht. Das führt in Frankfurt zu einem zusätzlichen Wachstum um 75.000 Menschen allein in den letzten fünf Jahren, die mit Wohnraum versorgt werden müssen. Und das in einer Stadt mit sehr begrenzten Flächen. Es wird für uns letztlich darum gehen, dieses Wachstum nachhaltig, ökologisch und sozial verträglich zu gestalten.

Diese Ausmittlung der Interessen ist nicht immer einfach. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht im Rhein-Main-Raum dar?
Ganz unterschiedlich. Mit Offenbach haben wir beispielsweise sehr gute Grundlagen für eine Zusammenarbeit und Vernetzung zu Themen der Stadtentwicklung gelegt. Lassen Sie mich aber auch offen sagen: Bei aller Zusammenarbeit mit der Region, die wir brauchen und ohne die wir uns nicht weiterentwickeln können, müssen wir wegkommen von der früheren Trennung zwischen Stadt und Land. Immer wichtiger wird die regionale Perspektive von Planung und Entwicklung. Wir müssen daher beide Teile – Stadt und Land – zusammendenken, wir können die Fragen nach gutem Wohnen, öffentlichen Freiflächen und Arbeit gar nicht mehr ohne die Zusammenarbeit mit der Region beantworten. Dabei gibt es sicherlich auch Grenzen. Jeder Bürgermeister fordert bei Gewerbeansiedlungen, dass die Arbeitsplätze bei ihm entstehen, die Gewerbesteuer soll bei ihm gezahlt werden. Da entsteht immer ein gewisser Wettbewerb. Diesen zu harmonisieren und eine Übereinkunft zu finden, das ist die Herausforderung. Aber ich glaube, in vielen Bereichen sind wir da bereits auf einem guten Weg.

Es gibt ja zunehmend die Diskussion über Verdichtung in urbanen Räumen. Wo sind die Grenzen?
Es ist wichtig Verdichtung und Qualität zusammen zu denken. Wenn wir von Urbanität reden, müssen wir auch von Dichte reden, denn das eine hängt stark mit dem anderen zusammen. Die jeweilige Grenze der Dichte leitet sich letztlich aus der städtebaulichen Umgebung ab, aus der Qualität des jeweiligen Ortes. Ich glaube, mit diesen Aspekten müssen wir uns noch mehr beschäftigen: Wie hoch bauen wir wo? Wie gehen wir mit öffentlichen Räumen und Freiflächen um? Welche Qualität hat der jeweilige Ort? Gerade in einer Gesellschaft, die sich immer stärker individualisiert, wird die Frage nach dem öffentlichen Raum wichtiger – er ist Anziehungs- und Begegnungsort. Gleichzeitig gilt es, das Thema Dichte mit innovativen Ansätzen, zum Beispiel in den Grundrissen zusammenzudenken oder auch gemeinschaftliches Wohnen zu schaffen. Das alles hat letztlich mit der Frage nach Dichte zu tun.

Versteht die Immobilienwirtschaft das und bringt sie ihren Teil ein? Sie könnte sich ja auch auf den Standpunkt stellen: Mein Beitrag ist der Hochbau.
Das ist an dieser Stelle zu wenig. Deswegen müssen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass vor allem die Durchmischung eine Chance für urbane Quartiere ist. Wir brauchen eine stärkere Diskussion darüber, dass Nachhaltigkeit nicht nur auf die Begriffe Ökonomie und Ökologie bezogen werden kann, sondern auch um kulturelle und insbesondere soziale Aspekte erweitert werden muss. Alles andere ist mir zu kurz gedacht. Stattdessen muss integriert gedacht werden, schließlich haben wir heute auch ganze andere Herausforderungen als noch vor einigen Jahren. Die Gesellschaft wird immer älter. Da müssen wir andere Angebote machen.

Heute ist es üblich, ein Shoppingcenter zu bauen und dazu als „Ausgleich“ noch einen Kindergarten oder Sozialwohnungen. Damit fraktioniert man im Grunde die Bedürfnisse und zerteilt sie, was wieder neue Probleme mit sich bringt.
Unsere Aufgabe ist es, das Thema Mischung in den Vordergrund zu stellen. Die Europäische Stadt lebt von kurzen Wegen, und sie lebt von sozialer Durchmischung. Wir müssen herausstellen, dass Mischung eine große Chance ist, Urbanität – also städtisches Lebensgefühl – zu stärken. Wenn also künftig zum Beispiel neue Einkaufsmöglichkeiten gebaut werden, dann sollen diese in ein lebendiges städtisches Umfeld eingebettet werden. Dazu gehört auch ein Kindergarten oder der Bau von Wohnungen für unterschiedliche Einkommensgruppen im direkten räumlichen Umfeld.

Die Immobilienwirtschaft hat da natürlich ihren eigenen Fokus. Gerade in den Großstädten findet vielerorts eine Sortierung von Quartieren statt, die dem, worüber wir hier sprechen, nicht wirklich zuträglich ist.
Deswegen wünsche ich mir an dieser Stelle auch mehr gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Schauen Sie sich andere Großstädte in Europa an, die diese Durchmischung in bestimmten Stadtteilen nicht geschafft haben. Paris oder London sind Beispiele – wir sehen, zu welchen sozialen Auseinandersetzungen es dort in benachteiligten Stadtteilen kommt. Deswegen: Lasst uns bauen! Wir schaffen als Stadt, als Kommune, als Land den Rahmen dafür. Aber lasst uns auch Akzeptanz für die Menschen finden, die froh sind, sich überhaupt eine Wohnung in Frankfurt leisten zu können. Für sie müssen wir auch Angebote schaffen, um nicht die gleichen sozialen Verwerfungen zu haben, wie in anderen Großstädten Europas. Dass diese Entwicklung durchaus möglich ist, zeigt sich in den Auseinandersetzungen, die wir hier vor Ort haben, mit Bürgerinitiativen, mit Bürgerinnen und Bürgern. Sie sagen: Baut, aber baut für uns. Und ich sage, dass wir für verschiedene Bedarfe bauen müssen. Es ist in Ordnung, wenn die Immobilienwirtschaft im Hochpreissegment baut. Das brauchen wir auch, weil es da eine Nachfrage gibt. Aber es gibt eben auch eine Nachfrage in den anderen Bereichen. Wir haben jetzt berechnet, dass 41 Prozent der Frankfurter Haushalte nach ihrem Einkommen berechtigt wären für den ersten Förderweg. Das ist die Mitte der Gesellschaft. Die Mitte der Gesellschaft hat in Frankfurt ein Anrecht auf Sozialwohnungen.

Dass Sie das so deutlich sagen, ist ungewöhnlich, denn die Frankfurter Erzähllogik ist ja häufig nur erfolgsorientiert.
Frankfurt ist auch Erfolg. Frankfurt ist eine Großstadt, die vieles bietet. Das Schöne an Frankfurt ist, dass man sich durch die Vielfalt und die Internationalität nie fremd fühlt. Wir haben das Glück, dass die Arbeitslosenquote hier sehr gering ist. Wir haben Arbeitsplätze, eine wunderschöne Hochschullandschaft. Wir haben aber, vor allem durch die Entwicklungen in den vergangenen zehn Jahren, bestimmte Bereiche, in denen das Einkommen, im Vergleich zur Mietentwicklung und zur Eigentumsentwicklung, abgehängt wird. Hier versuchen wir gegenzusteuern, damit keine Stadtteile entstehen, in denen nur bestimmte Bevölkerungsschichten leben.

Frankfurt hat in diesem Bereich eigentlich eine starke Tradition, durch die Ernst May-Siedlungen in den 20er-Jahren sogar einen sehr führenden Beitrag geleistet. Lässt sich an diesem Punkt die Immobilienwirtschaft einbinden, oder wird es doch am Ende auf eine genossenschaftliche Unterstützung ankommen, auf städtische Tochtergesellschaften?
Diesen Beitrag leisten sie jetzt schon. Wir versuchen über die Genossenschaften zu gehen, aber wir brauchen alle Formen der Immobilienentwicklung. Ich bin jetzt einige Wochen im Amt und habe in dieser Zeit immer wieder von der Wirtschaft gehört, was wir als Stadt an Rahmenbedingungen setzen müssen: schnellere Verfahren, mehr Transparenz, Flächen, damit gebaut werden kann. Diesen Bedarf sehen wir auch. Nur wenn ich die begrenzten städtischen Flächen freigebe und am Ende entsteht nur im Hochpreissegment Wohnraum: Wie soll ich dann den Bürgerinnen und Bürgern erklären, dass diese Entwicklung auch in ihrem Sinne ist? Um die Menschen einzubinden, muss ich auch der Immobilienwirtschaft deutlich machen, dass sie eine Verantwortung hat. Städte haben Identitäten, haben ihre eigene Seele. Bei der rasanten Dynamik in der Entwicklung müssen wir darauf achten, dass wir nicht irgendwann dieses Selbstverständnis der Städte aufgeben, nur weil wir immer höher, schneller und weiter wollen.

Frankfurt hat einen großen Anteil an Pendlern. Die erzwingen im Grunde auch infrastrukturelle Konsequenzen. Gibt es Entwicklungsachsen, die man in den kommenden Jahren stärken muss?
Also ich glaube die Situation der Frankfurter Pendler macht deutlich, wie sich die Lebenssituation der Menschen verändert hat. Vor einigen Jahrzehnten hat man noch dort gearbeitet, wo man gewohnt hat – und umgekehrt. Heute ist es so, dass man vielleicht in Frankfurt arbeitet aber in Nordhessen wohnt. Es gibt viele Kollegen, die kommen aus Kassel oder Fulda. Dem müssen wir auch durch neue Wohnformen gerecht werden, an dieser Stelle brauchen wir innovative Ansätze. Der zweite Punkt ist die Verkehrsinfrastruktur. Sie wächst nicht so stark mit, wie es beim Wohnen und beim Gewerbe der Fall ist. Deswegen müssen wir die Fragen klären, wie wir den ÖPNV ausbauen müssen, um dem Ganzen gerecht zu werden. Da geht es um die Finanzierung, aber auch um Zeit. Manche Projekte sind vor Jahrzehnten geplant worden und immer noch in der Umsetzungsphase. Da müssen wir schneller werden.

Ist das eine politische Auseinandersetzung, die wir jetzt wieder führen müssen? Es hat ja über viele Jahre eine fast dogmatische Haltung gegeben, Flächen zu versiegeln. Müssen wir hier nicht einen anderen Konsens finden?
Zur Stadtplanung gehört, einen grundsätzlichen Plan davon zu haben, wo man hin will. Um dem Wachstum der Stadt gerecht zu werden, müssen wir die Themen Innenentwicklung, Nachverdichtung und den Bau neuer Stadtteile zusammendenken. Und natürlich auch die Frage, wie wir Freiflächen weiterentwickeln können, wie wir Wachstum als Chance nutzen können, Strukturen zu stärken. Dazu erarbeiten wir derzeit ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept. Dieses Konzept wird mit Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diskutiert. Damit wollen wir die Grundlagen für einen gemeinsamen Konsens schaffen.

Ich möchte einmal auf das Wort Heimat eingehen. Was ist für Sie ein solcher Begriff, was für eine Qualität verbirgt sich dahinter?
Heimat ist für mich da, wo ich in Frieden mit meiner Familie leben kann, wo ich keine Sorgen und keine Ängste haben muss. Heimat ist für mich der Platz, an dem ich mich wohl fühle und an den ich gerne komme. In Frankfurt ist das Schöne an meiner Heimat, dass ich mich zurückziehen kann, aber auch das Urbane vorfinde. Ich bin jemand, der städtisches Leben braucht. Diese Urbanität gehört für mich zur Heimat. Dass ich zum Beispiel sonntags einfach einen Kaffee trinken gehen kann. Man will raus, man will in den Park, spazieren gehen. Auch das ist für mich Heimat und ein Stück Lebensqualität.

Es gibt ja seit langem instrumentelle Verfahren zur Bürgerbeteiligung, um qualifizierte Prozesse für die Stadtplanung und -entwicklung zu leisten. Wo sehen Sie das bürgerliche Verständnis und das bürgerliche Engagement?
Die Frankfurter bringen sich sehr intensiv in Stadtentwicklungsprozesse ein. Wir erfahren jetzt beim Integrierten Stadtentwicklungskonzept, dass sich unheimlich viele Menschen zurückmelden, mitreden und ihre Stadt gestalten wollen. Umgekehrt muss man bei allen Beteiligungsprozessen aufpassen, keine falschen Erwartungen zu wecken. Am Ende entscheiden gewählte Stadtparlamentarier, was umgesetzt wird. Aber aus der Bürgerschaft entstehen hoch interessante Ideen, weil da die unmittelbare Betroffenheit ist. Jemand, der sich mit seinem Stadtteil, mit seiner Siedlung identifiziert, der hat einen besonderen Blick auf die Frage, was dort entstehen könnte. Dieses Wissen sollten wir nutzen. Wir sind bereit, an der einen oder anderen Stelle auch mal zu sagen: Das haben wir vielleicht nicht bedacht, das haben wir falsch eingeschätzt. Klug ist, aus Fehlern zu lernen. Mein Wunsch ist, dass am Ende ein neues Quartier entsteht, das gut durchmischt ist, das urban ist, das ökologisch ist, das innovativ ist. Gerade Frankfurt als Experimentierlabor der Republik muss neue Ansätze finden, Trends setzen und auch den Mut aufbringen, neue Wege zu gehen. Wenn man es schafft, das gemeinsam zu entwickeln, ist eine Menge gewonnen. Für mich steht das Ergebnis im Vordergrund. Die Beteiligung ist ein Mittel, um gemeinsam zu einem guten Ergebnis zu kommen.

Was sehen Sie für sich als persönliche Herausforderungen?
Die erste Herausforderung ist, im Rahmen einer integrierten Entwicklung und durch eine frühe Einbindung der Bürgerinnen und Bürger aber auch der Politik Verfahren zu beschleunigen. Im Rahmen einer integrierten Stadtentwicklung müssen wir Arbeit, Wohnen, Kultur, die soziale Durchmischung, Ökologie, Umwelt, Freiraum, ÖPNV und Mobilität gemeinsam denken. Das ist die zweite Herausforderung. Die dritte wird sein, festzulegen, wie wir Bauland mit so einer begrenzten Fläche entwickeln, wie wir sie in Frankfurt zur Verfügung haben. Wie ist das Verhältnis von Innen- zu Außenentwicklung? Da versuchen wir, grundsätzlich einen Weg zu finden und etwa die Möglichkeiten eines neuen Stadtteils auszuloten, was ja durchaus in der Tradition Frankfurts liegt. Der vierte Punkt ist die Region selbst. Gemeinsam mit der Region müssen wir die Herausforderungen stemmen, die durch das Bevölkerungswachstum entstanden sind.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Das Interview führte Johannes Busmann

Bild Mike Josef © Stadt Frankfurt am Main

Bilder Skyline FFM, Hafenpark © Stadtplanungsamt Frankfurt

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