DAS GLÜCK DER GUTEN STADT

Es gibt zwei Arten von Kreativität: Die Kreativität in der Entwicklung einer Idee und die Kreativität in der Realisierung einer Idee. Für die Weiterentwicklung unserer Städte reichen reine Willensbekundungen nicht aus – jedenfalls nicht, wenn man über die gewachsene europäische Stadt redet.

Willensbekundungen reichen auch nicht in der Betrachtung des Wohnungsbaus als Grundlage einer funktionierenden Stadt. Hier kann akademische und politische Diskussion in Verwaltungsvorschriften münden und den Rahmen vorgeben. Aber dieser regulatorische Rahmen kann nur langfristige, lineare Entwicklungen unserer Gesellschaft abbilden. Das Planungs- und Baurecht läuft dem Bedarf zunehmend hinterher. Je mehr also eine notwendige Öffnung und Flexibilität der Stadtplanung einsetzt, umso mehr bestimmen die privaten Entwickler das Gelingen guter Wohnquartiere. Das kann in der Regel von Vorteil sein, denn Kreativität und Innovation ist die Basis von langfristig ausgerichteten seriösen Entwicklern; Ideen sind wie in anderen Branchen der Garant für gute Renditen. Die Entwicklung neuer Ideen in der Immobilienwirtschaft ist eher eine evolutionäre: Man geht vom Bekannten und Bewährten aus und fügt eine Prise Veränderung hinzu, um sich einen „USP“ zu schaffen. Der Versuch ist im Wesentlichen der, in der Vermarktung – vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Angeboten – einen schnellen Verkauf zu realisieren. Wird diese kleine Veränderung des Gewohnten vom Markt goutiert, findet er Nachahmer und wird zum neuen Trend und damit zum Must-have der folgenden Projektentwicklungen. Das funktioniert natürlich nur, wenn der Markt genügend Angebote bereitstellt; ein Verkäufermarkt (hohe Nachfrage, wenig Angebote) lässt eher das Bemühen um gute Ideen bei der Projektentwicklung sinken.

Disruptive Entwicklungen sind eigentlich nur dann möglich, wenn die Trennung zwischen Immobilienwirtschaft und Markt aufgehoben wird; d. h., wenn eine Projektentwicklung durch den Nutzer erfolgt. Diese Bottom-up-Entwicklung eines Eigennutzers oder einer Baugemeinschaft etc. kann eigene, vom Markttrend losgelöste Konzepte zur Realisierung führen. Diese oft als Nischen-Lösungen bezeichneten Entwicklungen können aber sehr wohl die  Sehnsüchte des Zeitgeistes widerspiegeln und so den Markttrend wiederum beeinflussen. Zur Weiternutzung von bestehenden Strukturen sind diese Eigeninitiativen ein wichtiger Faktor einer vielfältigen Stadt. Die funktionale Umnutzung, Veränderung oder Aufstockung vorhandener Gebäude erfordert oft mehr Kreativität als Kapital, denn im Grunde ist oft baulich alles vorhanden – es bedarf bloß eines „richtigen“ Nutzers. Im Sinne einer Entwicklung kann also der Weg von unten nach oben gegangen werden: Nicht das Kapital erzeugt ein Gebäude für eine Rendite, sondern der Nutzer fügt dem Gebäude seine besondere Art der Funktion ein. Dieses ist oft ohne immobilienwirtschaftliche Kenntnisse im Bestand einfacher umzusetzen als im Neubau.

Wenn wir über den Wohnungsbau reden, dann ist eine klassische Immobilienprojektentwicklung auch immer eine Wette auf die Zukunft. Glaube ich, dass hier jemand diese Miete, diesen Preis bezahlt – möchte hier jemand wohnen? Es ist oft eine starke Idee, hinter der sich viele als Leitfaden einreihen können, die große Projekte möglich macht. Zudem wird solch eine Idee durch die unterschiedlichen Blickwinkel und Belange geschärft. Die im Vergleich zu anderen Branchen „langsame Architektur-Herstellung“ ist in der Regel ein Segen für die Kreativität; denn so wird die Ideenvielfalt auf ihren Kern geschliffen (die Spitzen und Kanten werden entfernt) und so eine zwar „reduziertere“ Variante realisiert, damit aber auch eine Dauerhaftigkeit gewährleistet, die die Architektur in der Stadt mitbringen sollte.

Die Idee, die einem Gebäude, einem Quartier innenwohnt, ist am Ende nichts Materielles oder Dingliches. Die Idee sollte im besten Falle eine Aktion sein, die beim Benutzer und Betrachter eine Reaktion hervorruft. Dieses kann sich über verschiedene Formen und Materialien manifestieren, ist aber wie die Bezeichnung „Kunst“ oder „Kultur“ etwas Abstraktes, das dem Realen innewohnt. Gute Gebäude und Quartiere haben diesen Mehrwert, den man Baukultur nennen kann. Er gibt der Immobilienentwicklung etwas hinzu, das deren berechenbaren Wert steigert. Wobei dieses nur der Nebeneffekt ist, denn Ziel jeder guten Architektur im Wohnungsbau sollte es sein, Möglichkeiten zur freien Entfaltung der menschlichen Grundbedürfnisse zu geben. Nach der „Erledigung“ der physischen Bedürfnisse von Schutz und Gesundheit durch die Moderne sind es nun im Wesentlichen die sozialen Bedürfnisse, die in der Nachmoderne ins Zentrum rücken: Die soziale Gerechtigkeit als Grundlage für ein gesellschaftliches Grundvertrauen und die Stärkung der sozialen Beziehungen in einer sich durch die digitale Revolution sich entfremdeten Gesellschaft sind die Kernpunkte der kreativen Arbeit auf der Stadtquartiers-Ebene. Die Vermittlung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit in ihren unterschiedlichen Abstufungen bedürfen einer Neudefinition. Die Auslotung schreitet im digitalen Bereich der sozialen Medien unaufhaltsam voran und sollte sich in der Stadt – in ihren positiven Aspekten –
widerspiegeln. Auch auf der Gebäudeebene ist es fraglich, ob die derzeitigen Wohnformen und das langfristige Mieten oder Kaufen für einen vordefinierten Zweck (1- oder 2-Personen-WHG, Familien-WHG etc.) der digitalen Generation entsprechen. Die Verlagerung wichtiger Tätigkeiten des täglichen Lebens in den digitalen Raum wird immer mehr Einfluss auf unsere Wohnbedürfnisse haben. Das Quartier und der öffentliche Raum werden im Gegenzug eine größere Bedeutung bekommen.

Nachbarschaft (wenn auch auf Zeit), Gemeinsamkeit (bei Bedarf), Natur spüren (sensuelles Erleben) und Eigeninitiative (freie Entfaltung) werden die gelungenen Quartiere prägen. Im Zusammenhang mit der erforderlichen Infrastruktur von Arbeit und Bildung hat die Stadt im Gegensatz zum ländlichen Raum es selber in der Hand, diese Qualitäten aus sich selbst heraus zu erzeugen.

Diese Qualität kann man nicht in Baukosten ermitteln, sie wird als positive Reaktion durch den Markt festgestellt: da ist es schön, da möchte ich wohnen! Dieser ideelle Wert wird dann als Zufriedenheit oder Glück bezeichnet – das zentrale Verlangen jedes Menschen.


Carsten Venus

geboren 1967 in Stuttgart ist Dipl.-Ing. Architekt und Geschäftsführer bei der blauraum Architekten GmbH in Hamburg, die er 2002 mitbegründete. Er studierte Architektur an der University of Washington in den USA sowie an der RWTH-Aachen. 2007 erhielt Carsten Venus einen Lehrauftrag an der Royal Academy of Fine Arts in Kopenhagen und lehrte 2010 an der HCU HafenCity Universität in Hamburg.

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