SCHALENBAUTEN – VOM STRAND INSPIRIERT

Der Baumeister Ulrich Müther (1934 – 2007) schuf Prestigebauten des Sozialismus, eine federleichte DDR Architektur. Er setzte seiner Fantasie keine Grenzen und konstruierte verträumte Beton-Schalentragwerke. Besonders fasziniert wart er von Muscheln, die er an der Ostsee, seiner Heimat, fand.

Ulich Müther wurde 1934 in Binz auf Rügen als Sohn eines Architekten geboren. Da lag die Berufung eigentlich auf der Hand, doch weil bereits der Vater Unternehmer war, wurde Müther das Abitur verweigert. Er lernte deshalb zunächst Zimmermann, studierte anschließend Bauingenieurswesen in Neustrelitz und trat 1958 in das Familienunternehmen ein, das mittlerweile bereits verstaatlicht war.

Wenn er Zeit hatte, bastelte der junge Bauingenieur an seinen Dachkonstruktionen – die Materialien Beton, Stahl und Glas waren essentiell für ihn. Besonders der Betonschalenbau reizte Ulrich Müther. Er konzipierte damit elegant geschwungene Dächer, die beinahe schwebend, ja geradezu schwerelos wirken. Seine fantasievollen Bauten strahlen gleichzeitig Kraft und Leichtigkeit aus. Die Schalenbauweise hatte jedoch nicht nur ästhetische, sondern auch konstruktive Vorteile: Mit ihnen lassen sich große Spannweiten stützenfrei überspannen – eine reizvolle Mischung. So erhielt Müther ab den 1960er Jahren erste Aufträge. Es entstanden einige repräsentative Mehrzweckhallen, Gaststätten, Sakralbauten und Gaststätten – sogenannte „Gesellschaftsbauten.“ Dabei entwickelte Müther sein Markenzeichen: kühne Dachkonstruktionen, die später jedermann in der DDR kennen sollte. Der Bauingenieur faltete den Beton förmlich, er legte ihn aus oder hisste ihn wie Segel im Wind. Dabei inspirierte ihn stets seine Kindheit am Ostseestrand: Denn dort sammelte er Muscheln und war begeistert von ihrer dünnen und doch enorm belastbaren Schale. Ulrich Müthers Berufung war gefunden: Die Perfektionierung der Hyperschalenbauweise.

Bekannte DDR Bauten wie die Gaststätte „Seerose“ in Postdam stammen aus Müthers Hand (fertiggestellt 1983). Das Gebäude existiert auch heute noch unter dem Namen „Café Seerose“ und erinnert ganz deutlich an die Form einer Muschel. Auch der „Teepott“ in Warnemünde, ebenfalls eine Ausflugsgaststätte direkt am Ostseestrand, geht auf Ulrich Müther zurück (fertiggestellt 1968). Das Lokal bildete zusammen mit dem unweit entfernten Leuchtturm einen markanten städtebaulichen Blickpunkt. Heute ist das Gebäude denkmalgeschützt. Selbstverständlich durfte ein Entwurf für Müthers geliebten heimatlichen Strand in Binz auf Rügen nicht fehlen und so baute er mehrere Stationen für die Strandwache, also schlicht Rettungsstationen, von denen heute nur noch eine erhalten ist (fertiggestellt 1973).


Mehr Informationen zum Leben und Werk von Ulrich Müther gibt es auf der Webseite des Müther Archivs.

Fotos © Müther Archiv

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