LOUVRE: REGEN AUS LICHT IN ABU DHABI

Inmitten einer staubigen, kargen Wüstenlandschaft funkelt es jetzt. Schuld daran ist der neue Louvre in Abu Dhabi, der seit Anfang November seine Pforten für Besucher geöffnet hat. Über zehn Jahre hat es gedauert, den aufwendigen, spektakulären Bau, entworfen vom Pariser Stararchitekten Jean Nouvel, fertigzustellen. Während dieser Zeit stand das Projekt immer wieder stark in der Kritik. Vor allem aufgrund von Vorwürfen der Ausbeutung von Arbeitern aus Bangladesch und Indonesien, die unter unwürdigen Bedingungen und schlechter Bezahlung ihre Arbeit haben verrichten müssen.

Heute ist von diesen Umständen mit Blick auf das Museum, das sich makellos aus Wasser und Wüste erhebt, nichts mehr zu ahnen. Und immerhin: rund die Hälfte der Mitarbeiter besteht aus Bürgern der Emirate.

Dass nach der langen Zeit ein prunkvoller, auffälliger Bau entstanden ist, ist unbestreitbar: Eine 180 Meter lange Kuppel umspannt 55 Häuser und ein Dutzend Galerien, die mehr als 600 Kunstwerke beherbergen. Bis 2027 werden jährlich mehr als 300 Werke aus bekannten Museen Frankreichs wie dem Musée d’Orsay oder dem Schloss Versailles an das Pendant in Abu Dhabi geliehen – nach und nach soll sich aber die Sammlung eigener Werke immer weiter vergrößern. Im Moment befinden sich unter anderem hochklassige Arbeiten von Ai Weiwei, mit der „Fountain of Light“, Claude Monet, Vincent van Gogh oder auch Andy Warhol in einzelnen quaderförmigen Gebäuden.

Das gewölbte Stahldach, dessen gewebte Struktur an ein Korbgeflecht erinnert, ruht auf vier unsichtbaren Punkten. Es ist durchlässig für einzelne Lichtstrahlen, die mit dem Sonnenstand durch das Museum wandern und schützt die Besucher vor der brüllenden Hitze Abu Dhabis. Nachts steigt das Licht durch die Kuppel nach außen und strahlt in den Himmel, was von innen wie außen den Eindruck unzähliger heller Sterne erweckt.

Auch die Anreise ist schon eine außergewöhnliche: der Louvre ist gleichermaßen von See wie von Land zu erreichen. Noch liegt er recht einsam auf der künstlich erweiterten Insel Saadiyat. Vom Plan, dort ein ganzes Kulturviertel entstehen zu lassen, unter anderem mit Häusern wie dem Nationalmuseum oder dem Guggenheim Museum Abu Dhabi, ist noch nicht viel zu sehen.

Einmal angekommen, lädt eine weiße, unübersichtliche Struktur enger Gassen und freistehender Gebäude unter einem schattenspendenden Dach zum Erkunden ein. Zum Wasser hin geöffnet, bieten sich während dem Gang durch das Museum immer wieder Ausblicke auf Infinity Pools, Anlegestellen und den Containerhafen von Abu Dhabi.

Es ist ein Haus, das dort Gemeinsamkeiten sucht, wo Gegensätze zu finden sind: Neben den Werken aus Frankreich finden sich auch 235 Arbeiten aus der eigenen Sammlung des Museums, bestehend aus Artefakten und Kunstwerken, die auf mehr als 6.000 mdie gesamte Menschheitsgeschichte umspannen sollen: archäologische Funde, neoklassizistische Skulpturen und Werke moderner Kunst. Das Konzept will ganz klar die Vermischung der Kulturen und Weltreligionen aller Kontinente untermalen. Es zeigt immer wieder, dass sich die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt ähnlich entwickelt haben, für ihre Kunstwerke in den gleichen Epochen ähnliche Materialien verwendeten, sich mit den gleichen Themen beschäftigten. Die globale Vernetzung hat solche Entwicklungen weiter vorangetrieben, doch die schon lange bestehende Parallelität vieler Teile der Erdkugel wird im neuen Louvre illustriert. Das Museum entdeckt überall Gemeinsamkeiten, weil sich Glaube, Kampf und ein Bedürfnis nach Ästhetik in allen Kulturen finden. Somit lädt es den Besucher ein, egal woher er kommt, sich mit der Welt eins zu fühlen.

Auch in Paris wurde diese Eröffnung durch Projektionen von Bildern des neuen Louvre auf ihren Namensgeber gefeiert. Ob der aufwendige Bau, der Gesamtkosten von über 1,5 Milliarden Euro umfasste – unter anderem über 400 Millionen dafür, dass er 30 Jahre lang den Namen „Louvre“ tragen darf – wirklich so viele Besucher anlocken wird, wie erwartet, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

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Foto Credits © Mohamed Somji, Roland Halbe

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