WETTBEWERBE? WETTBEWERBE!

„Ein Buch kann man zuschlagen und weglegen. Musik kann man abschalten (…). An einem Haus … kann man nicht vorbeigehen, ohne es zu sehen. Architektur hat die größte sichtbare gesellschaftliche Wirkung.“ So hat der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau zum 1. Konvent der Baukultur im April 2003 umschrieben, wie umfassend Architektur den Alltag der Menschen prägt: emotional, ästhetisch, ökologisch, ökonomisch. Manfred Sack, ehemals Redakteur der ZEIT, sagt es etwa so: Bauen ist nie nur privat. Es ist immer auch öffentlich. Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt, wo wir wohnen und arbeiten, bestimmt die Qualität unseres und des Lebens zukünftiger Generationen, gibt Heimat ein räumliches Gefüge.

Diese wird nicht durch einzelne herausragende Bauwerke bestimmt, sondern entsteht erst durch das Zusammenspiel von Gebäuden, Nutzungen, Dichte, Straßen, Plätzen, Stadttechnik, Möblierung, Grünanlagen. Allein die bruchstückhafte Aufzählung der verschiedensten Elemente, die Stadt oder Dorf ausmachen, verweist auf die Vielzahl der Betroffenen und der Akteure, die an der Gestaltung mitwirken. Es sind eben nicht nur die Architekten, allen voran sind es die Bauherren, und es ist die Politik, die Verwaltung, die das öffentliche Interesse einzufordern haben, das auf Art. 14 Abs. 2 unseres Grundgesetzes fußt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Dabei geht es immer um Nützlichkeit, Brauchbarkeit, Wirtschaftlichkeit, um Schönheit – also um Nachhaltigkeit.

Wie gelingt es nun, all dies „unter einen Hut“ zu bekommen? Feststellen müssen wir: Es gibt wohl kaum die „beste Lösung“ für alle Facetten einer baulichen Aufgabe, zu komplex sind die Anforderungen, auch aufgrund der oft im Widerstreit stehenden Interessen. Es geht also eher darum, das „relative Optimum“ zu finden, und auch diejenigen am Entscheidertisch zu haben, die nicht direkt beteiligt sind: die Nutzer und die Öffentlichkeit. Weil Wettbewerbe dies gewährleisten, haben sie in Planung und Architektur eine große und lange Tradition. Nur die Kenntnis von Alternativen, nur der Diskurs von Fachwelt und Sachwaltern der anderen Interessen bietet die höchste Gewähr dafür, dieses „relative Optimum“ zu finden. Und darüber auch den am besten geeigneten Architekten.

Bereits seit dem Ende des 19. Jh. gibt es in Deutschland bewährte Regeln für die Durchführung von Planungswettbewerben, die das ‚fair play‘ – angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis, unabhängige Jury, lösungsbezogenes Urteil unabhängig vom Verfasser – zwischen den Beteiligten sichern. Ihre Prinzipien sind unverändert in der RPW 2013, der aktuellen Richtlinie, zu finden. Den Wettbewerb zu stärken ist Interesse des Berufsstandes der Architekten und Ingenieure und ihrer Kammern und Verbände. Und so wachen Letztere auch über die Einhaltung der Regeln, die zugleich für den öffentlichen Bauherrn immer auch im Kontext des Vergaberechts stehen. Seit 1992 gibt es eine einschneidende Zäsur:  Fortan müssen alle Dienstleister – und hierzu zählen auch die Architekten – gemäß der seitdem greifenden europäischen Vorgaben GATS-weit ohne Diskriminierung gleiche Chancen für den Zugang zu einem öffentlichen Auftrag und damit auch zu einem Wettbewerb erhalten, zumindest oberhalb eines bestimmten Auftragswerts. Somit sind die bis dahin durchaus üblichen sogenannten „regionalen Wettbewerbe“ nicht mehr zulässig. Auch nicht mehr zulässig – und im nachgetrauerten Früher gang und gäbe – sind Einladungswettbewerbe, zu deren Teilnahme die öffentliche Hand nur einige wenige Auserwählte direkt bestimmen konnte. Der private Bauherr hat nach wie vor das Recht dazu, wie auch insgesamt mehr Freiheiten.

Daran zeigt sich: Es gibt nicht den einen Wettbewerb. Diskussionen über die „richtige“ Ausgestaltung hat es seit jeher gegeben. Das liegt an den unterschiedlichen Interessen: Junge Architekten hoffen über einen Wettbewerbssieg auf Markteinstieg und nehmen dafür auch hohe Teilnehmerzahlen in Kauf; das setzt Wettbewerbe mit einfachen Zugangsbedingungen voraus. Bereits bekannte Büros möchten mit ihrer Erfahrung und ihren Referenzen punkten, um die Konkurrenz klein zu halten. Die Bauherren verfolgen ähnliche Absichten: Die Qualität des Entwurfes ist ihnen wichtig, aber auch die Kalkulierbarkeit des Verfahrens und die Qualifikation des Architekten für die Umsetzung des Entwurfs.

Die Bundesarchitektenkammer hat sich im Rahmen der Novelle des Vergaberechtes intensiv dafür eingesetzt, den Wettbewerb für den öffentlichen Bauherrn in der Regel verpflichtend zu machen – leider hat der Gesetzgeber diesen Vorschlag nicht übernommen. Wir haben den Stellenwert des Architektenwettbewerbs lediglich verbessern können. Bei der Alternative, dem reinen Verhandlungsverfahren, zählen nur vergangene Erfolge. Das steht dem Innovationsgedanken entgegen und erschwert den Zugang für den beruflichen Nachwuchs, der uns sehr am Herzen liegt. Wichtig ist mir als Vertreterin des Berufsstandes in allererster Linie, den Wettbewerb allen so schmackhaft wie möglich zu machen. Auch den privaten Bauherren. Wenn diese nicht selbst den – auch ökonomischen – Mehrwert des Wettbewerbs für sich erkennen, so möchten wir die Kommunen unterstützen, von ihrer Planungshoheit Gebrauch zu machen und von den privaten Bauherren die Durchführung des Wettbewerbs
zu verlangen.

Wichtig ist auch, dass wir mit den Bauherren den jeweils richtigen Weg der Ausgestaltung des Wettbewerbs finden, damit unsere Forderung nach dem Wettbewerb nicht zum Bumerang wird. Attraktiv muss er sein und bleiben. Zwei Schlüsselprobleme gilt es zu beachten: die Teilnehmerzahlen und das Auftragsversprechen. Scheut der Bauherr den offenen Wettbewerb und bevorzugt den Wettbewerb mit einer begrenzten Teilnehmerzahl, so müssen wir den Bauherrn überzeugen, die Zugangsvoraussetzungen so niedrig wie möglich zu halten, damit die Jungen und Kleinen sie erfüllen können. Hier können Losverfahren – allein oder zusätzlich – helfen. Dann haben Berufsanfänger und somit neue kreative Ideen eine Chance, und es wird der Verkrustung des Berufsstandes entgegengewirkt. Und das Auftragsversprechen: Beharren wir darauf, dass der Auftrag – in der Regel entsprechend der Empfehlung des Preisgerichts – an den ersten Preisträger zu vergeben ist (und das sollte natürlich immer das Ziel sein), so kann sich dies als Eigentor erweisen, denn Bauherren lassen sich nur ungern von vorneherein auf einen ihnen unbekannten Architekten festlegen. Die an den Wettbewerb anschließende Verhandlung mit allen Preisträgern ist der Preis, den wir für das Entgegenkommen zahlen müssen.

Die Mitwirkung der Kammern ist rechtlich auf den Wettbewerb begrenzt. Eine Direktbeauftragung steht dem privaten Bauherrn frei, für den öffentlichen gibt es das Verhandlungsverfahren – in beiden Fällen erfolgt die Beauftragung nicht auf Grundlage eines Entwurfes. Zwar können Bauherren in beiden Fällen Lösungsvorschläge einholen, wenn sie diese entsprechend vergüten. Allzu oft sehen wir uns ‚grauen Verfahren‘ ausgesetzt, bei denen das durch die RPW garantierte ‚fair play‘ nicht berücksichtigt ist. Hier sind alle gefragt und dazu aufgerufen, diese Verfahren zu boykottieren – zum Schutz der eigenen Interessen und der Interessen aller!

Der Berufsstand macht der Gesellschaft und den einzelnen Bauherren mit seiner Bereitschaft, sich dem Planungswettbewerb zu stellen, ein großartiges Angebot, bei dem er das Gros der Lasten trägt. Im Interesse der Baukultur, natürlich auch als Mittel der Akquisition. Bei nahezu jedem Wettbewerb gibt es nur Gewinner: die Gesellschaft, die Baukultur, der Bauherr – und schließlich auch die siegreichen Architekten. Die Kammern sind deshalb gefordert, den Weg zu ebnen und Barrieren zu vermeiden, die die Bauherren vor einem Architektenwettbewerb zurückschrecken lassen.


Barbara Ettinger-Brinckmann

arbeitete nach einem fünfjährigen Architekturstudium an der Universität Stuttgart von 1974 bis 1977 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Städtebaulichen Institut Stuttgart, als freie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der GhK Kassel und beim Amt für Denkmalpflege der Stadt Kassel. Darüber hinaus war sie Mitarbeiterin von Prof. Peter Jokusch im Büro für Bedarfsplanung/Arbeitsgruppe Nutzungsforschung (ANF) in Kassel. Seit 1980 ist sie als freiberufliche Architektin tätig. Inzwischen beschäftigt sie als Gesellschafterin der ANP Architektur- und Planungsgesellschaft mbH in Kassel ca. 20 festangestellte Mitarbeiter. Seit 1991 ist Frau Ettinger-Brinckmann Mitglied im BDA. Von 2000 bis 2014 war Frau Ettinger-Brinckmann zunächst als Vizepräsidentin und ab 2004 als Präsidentin der Architektenkammer Hessen tätig. Seit 2013 ist sie Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.

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