SPITZBERGEN: BEEINDRUCKENDES AUSSTELLUNGSZENTRUM FÜR GRÖßTES SAATGUTLAGER DER WELT

© Snøhetta and Plomp

Im norwegischen Spitzbergen befinden sich zwei ganz besondere Stätten: Zum einen seit 2007 das weltweit größte Saatgutlager Svalbard Global Seed Vault, zum anderen das von diesem Lager inspirierte Arctic World Archive, auch The Arc genannt. In letzterem befindet sich seit 2017 das „digitale Erbe“ der Welt.

Diese für die Nachwelt bestimmten, anmutenden Bauten sollen nun dem Diesseits in Form von ausgewählten Exponaten innerhalb eines Besucherzentrums zugänglich gemacht werden. Man will Interessierte an dieser besonderen Umgebung teilhaben lassen und eine einzigartige Erfahrung inmitten der arktischen Landschaft ermöglichen. 

Im Stollen eines ehemaligen Bergbaus befinden sich Saatkörner aus der ganzen Welt. 1400 solcher Anlagen gibt es rund um den Globus – und es werden immer mehr: Schon 4,5 Millionen Samenproben wurden weltweit gespeichert. Für den Speicher in Spitzbergen kommt Norwegen für alle Kosten auf. 

Die Lage im arktischen Spitzbergen bietet den beiden Anlagen einen klaren Vorteil: Durch die Verankerung im Permafrostboden müssen sie nicht künstlich gekühlt werden. Zudem verbraucht die Lagerung auf Mikrofilmen zusätzlich wenig Energie. 

Das Besucherzentrum des norwegischen Architekturbüros Snøhetta soll diese beiden Anlagen nun künftig auf besondere Weise vereinen.

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Die in diesen Tresoren aufbewahrten Inhalte reichen derzeit von der Kunstsammlung von Edvard Munch und den 1 500 Jahre alten Manuskripten des Vatikans bis hin zu Filmausschnitten des brasilianischen Fußballspielers Pelé und der größten Sammlung der Samen der Welt. Die Inhalte der Gewölbe sollen in dem Besucherzentrum bald durch Projektionen an den Wänden erlebt werden, die von Touchscreens, VR-Erlebnissen und anderen physischen und digitalen Ausstellungselementen gesteuert werden, die in enger Zusammenarbeit mit der Erzählagentur Tellart entwickelt wurden. 

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In der Mitte des Gebäudes liegt das Herzstück des Besucherzentrums: Ein klimatisiertes Auditorium, von den Architekten Ceremony Room genannt. Eine Besonderheit ist die Nachbildung eines großen Laubbaums in dem Auditorium, der die Vegetation widerspiegelt, die einst vor 56 Millionen Jahren auf Spitzbergen gewachsen ist, das damals dicht bewaldet war. Es wurden Blattfossilien von alten Bäumen (Metaseqoia und Ginkgo) und bekannteren Laubbäumen gefunden wurden, die mehr als 200 Millionen Jahre zurückreichen. Ulmen, Birken, Linden, Kastanien und viele andere Laubbäume wuchsen vor 56 Millionen Jahren in dem Gebiet, als die Temperatur um 5-8° Celsius höher war.

Bei der derzeitigen Rate der Kohlenstoffemissionen könnten die Temperaturen so weit ansteigen, dass auf Spitzbergen innerhalb von nur 150-200 Jahren wieder ein Wald wachsen könnte. Der Baum im Zeremonieraum ist sowohl ein Symbol der Vergangenheit als auch ein Aufruf zum Handeln – eine lebendige Ikone für die globale Erwärmung und unsere Verantwortung, die Arktis und die ganze Natur für zukünftige Generationen zu erhalten.

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Das Ziel von The Arc ist es zum einen, Besucher über die bestehenden Sammlungen und heutigen Konservierungsmöglichkeiten zu informieren, die existieren, um die weltweiten Nahrungsmittel und digitalen Ressourcen zu schützen. Zum Anderen ist es ein kluges Mittel, um die einzigartige Umgebung mit ihrer klimatischen Stabilität hervorzuheben und im gleichen Zuge darauf aufmerksam zu machen, dass es wichtig ist, diesen Status Quo auch für kommende Generationen zu erhalten. 

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Architektonisch wird das Besucherzentrum zwei kontrastreiche Gebäude – Eingangshalle und Ausstellungshaus – in Einklang bringen, indem es sie über eine verglaste Brücke verbindet, die einen atemberaubenden Blick auf die umliegende Schneelandschaft zulässt.

Das rechteckige Eingangsgebäude ist in eine Fassade aus angekohltem Holz und verdunkelt erscheinenden Fenstern gehüllt, die Innenräume wiederum sind mit freiliegenden Holzelementen ausgestattet. Auf dem Dach befinden sich Solarpaneele für die Aufnahme von Sonnenenergie, im Inneren Lobby, Café und Ticketbereich für die Besucher.

Im Gegensatz dazu wirkt das Ausstellungshaus wie ein weißer Monolith von einem anderen Planeten. Es hat eine ovale, organische Form und macht den Eindruck, aus dem Boden hervorgebohrt worden zu sein und die Schichtung der Erdoberfläche freizugeben. Wenn man sich im Inneren befindet, hat man tatsächlich keine Chance, die Außenwelt zu sehen – es mutet etwas wie ein überdimensionierter Bienenstock an.

© Snøhetta and Plomp

Über Touchscreens haben Besucher dort die Möglichkeit, Einblicke in die Sammlungen zu erhalten, es sind zudem Dauer- und Wechselausstellungen möglich. Das beschriebene Auditorium im Herzen des Gebäudes ist ein heller Holzraum, der wiederum einen Kontrast zu der kalten Fassade bildet. Dort werden digitale Projektionen zu sehen sein, Vorträge stattfinden und ein Raum zur Reflexion der beeindruckenden und unwirklichen Umgebung geboten.

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