HEINRICH HENDRIX: WERTE SCHÄTZEN UND NUTZEN

Der BDA vergibt alle drei Jahre die Auszeichnung guter Bauten. Im Zuge der Vorauswahl hat der BDA Rechter Niederrhein auch zwei Duisburger Projekte ausgezeichnet. Was sind denn Ihrer Meinung nach „gute Bauten“?

©Hardy Welsch

Das Gute an einem Gebäude zeichnet sich insbesondere auch durch die Zufriedenheit der Bauherren aus. Dabei kann es sich um Wohngebäude handeln, aber auch um ein Industriegebäude, das sich durch tolle Funktionen auszeichnet oder um ein Pfarrzentrum, das eine Gemeinde zufriedenstellt. Hinzu kommt natürlich noch ein besonderer Anspruch an die Architektur. Unsere Aufgabe als Architekten ist es, die Bedürfnisse hinsichtlich Form und Funktion entsprechend wahrzunehmen und auszubauen.

Gibt es solche „guten Bauten“ in Duisburg?

Das ist eine diffizile Frage. Es ist glaube ich nicht richtig dabei auf ein spezielles Gebäude einzugehen. Gute Bauten sind für mich solche, die sich in ihre Umgebung einfügen. Das macht Architektur aus: Den Bezug zu einer Stadt, zu den Nachbarn und zur Umgebung herzustellen. Erst wenn Architektur das gelingt, ist sie auch gut. Ein Gebäude, das zwar architektonisch einzigartig und toll geworden ist, aber die Umgebung nicht miteinbezieht, kann keine gute Architektur sein.

 

Baukultur in Duisburg – gibt es die und wenn ja, wo spiegelt die sich wider?

Kultur ist etwas, das über einen längeren Zeitraum entsteht. Um Baukultur zu pflegen muss ich auch wissen, wo ich herkomme. Diesen Umgang mit der Vergangenheit im Bezug auf die Gegenwart und die Zukunft vermisse ich in Duisburg ganz deutlich. Gebäude abzureißen ist sicherlich nicht der richtige Umgang mit der Vergangenheit und der Baukultur. Natürlich darf man nicht unterschätzen, dass in Planungsprozessen die Interessenlagen verschiedenster Akteure miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Dennoch fehlt mir ein Gesamtkonzept und eine Zielrichtung: Wo sieht Duisburg sich in Zukunft? Im Rahmen der Stadtentwicklungsstrategie 2027 gibt es dahingehend Konzepte und es wurde viel gute Arbeit geleistet, jedoch wird in Teilbereichen auch immer wieder von null angefangen und eigene Entwicklungen auf den Weg gebracht, statt auf vorhandene Potenziale zurückzugreifen. Hier muss auch ganz klar die Öffentlichkeit mit einbezogen werden.

Wie nehmen Sie als BDA Rechter Niederrhein Einfluss auf die Stadtentwicklung? Können Sie gegen solche Entwicklungen steuern?

© Hardy Welsch

Wir versuchen in Form von Veranstaltungen, die Öffentlichkeit zu erreichen und stehen zudem auch regelmäßig mit dem Stadtplanungsamt im Gespräch. Gerne würden wir die städtische Veranstaltungsreihe „Stadt im Dialog“, die aus Kostengründen leider eingestellt wurde, in neuer Form weiterführen. Hier bieten wir unsere Unterstützung an. Die Liebfrauenkirche bietet einen tollen Ort in der Stadt, wo ein solches Veranstaltungsformat stattfinden könnte, um auch das öffentliche Interesse auf sich zu ziehen und einen Bürgerdialog zu erreichen. Wir hoffen, dass wir als BDA Rechter Niederrhein in nächster Zeit solche und andere Projekte auf den Weg bringen können und die entsprechende Offenheit vom Stadtplanungsamt dazu erhalten.

Sie haben die Liebfrauenkirche bereits erwähnt – mit Programmen wie „Big Beautiful Buildings“ von Stadtbaukultur NRW erhalten Bauten aus den 60er, 70er und 80er Jahren eine neue Wertschätzung. Insbesondere Duisburg hat hier auch einige Schätze vorzuwiesen.  Denken Sie, dass es ein guter Schritt ist, diesen Bauwerken wieder mehr Bedeutung beizumessen?

Ich finde die Kampagne „Big Beautiful Buildings“ fantastisch, da sie genau das Thema trifft: Wie gehen wir mit der Vergangenheit um? Denn diese Vergangenheit betrifft uns und unsere Generation. Viele Städte im Ruhrgebiet wurden zu 98 Prozent im Innenstadtbereich zerstört. Der Wiederaufbau dieser Städte ist genau in dieser Zeit entstanden. Und es darf nicht geschehen, dass die Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, heute abgerissen wird. Eine ganze Generation ist mit dieser Architektur groß geworden und es ist unsere Aufgabe sie entsprechend wertzuschätzen. Ich habe mich daher stark dafür eingesetzt, dass der City-Wohnpark in Duisburg auch ein Teil der „Big Beautiful Buldings“ Kampagne wird. Das hat zwar zu großen Kontroversen geführt, aber auch genau die richtige Diskussion über den Umgang mit Nachkriegs- und Wiederaufbauarchitektur hervorgerufen.

Was ist für Sie das Besondere an dem City-Wohnpark?

©Hardy Welsch

Der City-Wohnpark ist ein typisches Beispiel für die Wiederaufbauarchitektur der 70er Jahre, mit der eine ganz neue Urbanität propagiert wurde. Masse war dabei an ganz wichtiges Thema. Bevor der City-Wohnpark entstanden ist, bildete eine große Brache eine regelrechte Zäsur zwischen der Innenstadt und dem Stadtteil Hochfeld. Um diese beiden Stadtteile zu beleben, sollten an der Stelle Menschen angesiedelt werden. Die Architektur ist nicht das, was wir heute als richtig empfinden, aber das Gebäude ist funktional in jeglicher Hinsicht. Seit eineinhalb Jahren werden einfache Maßnahmen im Wohnumfeld des City-Wohnparks vorgenommen, so dass dieser plötzlich eine ganz große positive Beachtung bekommen hat. Müllcontainer wurden sinnvoller aufgestellt, Wände weiß gestrichen, die Beleuchtung ausgetauscht. Die Maßnahmen wurden mit einer Gruppe von zwölf Langzeitarbeitslosen durchgeführt und auch die Bewohnerinnen und Bewohner mit eingebunden. Es ist ein Garten mit Hochbeeten entstanden und plötzlich eine nachbarschaftliche Kommunikation vorhanden, die es zuvor nie gegeben hat. Seitdem finden auch regelmäßig Feste im Wohnpark statt. Menschen, die seit 40 Jahren dort wohnen, möchten dort auch nicht mehr weg.

Der Stadtteil Hochfeld ist neben Marxloh als Problemstadtteil bekannt. Sie haben sich mit Ihrem Architekturbüro hier niedergelassen. Was hält Sie hier?

Die städtebauliche Struktur in Hochfeld ist intakt und richtig. Dass es Probleme gibt, damit kann und muss man leben. In einem Stadtteil wie Kreuzberg akzeptieren die Menschen Probleme möglicherweise eher, da sie sagen können, dass sie in Berlin leben. Für mich hat der Stadtteil Hochfeld eine große Qualität, die dadurch gemindert wird, dass die Stadt drum herum eigentlich nicht funktioniert. Die Bebauungsstruktur in Hochfeld ist gut. Die Gebäude besitzen das Potenzial, dort tolle Wohnungen entstehen zu lassen. Es gibt schöne Hinterhöfe. Diese Chance sollte ergriffen werden. Und dahingehend denke ich, dass es der falsche Weg ist alle Schrottimmobilien abzureißen. Mit dem Abriss dieser Gebäude, reiße ich auch ein Stück Baukultur und Wert, den die Stadt hat, ab.

In den nächsten Jahren werden einige städtebauliche Großprojekte in Duisburg auf den Weg gebracht. Was halten Sie davon? Es klingt als wäre es Ihnen lieber, wenn die Stadt sich auf den Baubestand konzentrieren würde?

Ich sehe auf jeden Fall ein großes Potenzial im Bestand und den Lücken und Freiräumen, die es dort zu nutzen gilt. Ich bin absolut gegen das städtebauliche Großprojekt 6-Seen-Wedau. Der BDA Rechter Niederrhein hat sich im Zuge der Offenlegung des Bebauungsplans auch entsprechend dagegen positioniert.

Was genau spricht für Sie gegen dieses Projekt?

© Hardy Welsch

Ich bin gegen die Entwicklung eines Bebauungsplanes, der über das Maß der baulichen Nutzung hinaus ausgereizt wird. Die bauliche Dichte, die dadurch entsteht ist enorm. Freiräume, die entstehen, sind dann keine Freiräume mehr, sondern notwendige Abstandsflächen. Die Verkehrsführung in diesem Plan entspricht der Stadt- und Verkehrsplanung der 70er Jahre und berücksichtigt auch den Radverkehr nicht ausreichend. Das Projekt 6-Seen-Wedau ist ein reines Investorenprojekt. Der Bebauungsplan ist derart klar gefasst, dass ich schon heute weiß, wie das Ganze in Zukunft aussehen wird – trotz der Tatsache, dass für Teilbereiche noch Wettbewerbe ausgelobt werden. Es besteht kein Spielraum.

Auch in Duisburg gibt es einen Beirat für Stadtgestaltung. Welchen Einfluss hat dieser? Und welche Bedeutung messen Sie solchen Beiräten zu?

Ich halte Gestaltungsbeiräte für ganz wichtig. Die Städte haben erkannt, dass das kein Einmischen in Hoheiten ist, sondern es darum geht beratend und nicht belehrend tätig zu sein. Ein Gestaltungsbeirat zeigt auf, wie Baukultur funktionieren kann. In Duisburg ist der Einfluss des Beirats nicht sehr groß. Er ist zwar aktiv und geht viele Projekte durch, aber es wäre schöner, wenn dies noch öffentlichkeitswirksamer erfolgen würde. Dies gilt auch für städtebauliche Wettbewerbe, die es in Duisburg so gut wie gar nicht gibt. Dabei ist dies ein wichtiges Instrument, um gute Architektur in einer Stadt sicherzustellen und auch die Bevölkerung von dieser zu überzeugen.

Glauben Sie, dass Duisburg mutiger werden muss, wenn es darum geht, zur eigenen Identität zu stehen, sie zu verarbeiten und nach außen zu tragen?

Auf jeden Fall. Dieses fehlende Selbstbewusstsein, dass sicherlich auch in der Geschichte begründet liegt, ist ein großes Manko der Stadt. Dabei gibt es hier in Duisburg viel Gutes – an Institutionen, Einrichtungen und Menschen, die für die Stadt stehen könnten. Leider ist die Außenwirkung aber eine ganz andere. Entwicklungen wie der Landschaftspark Duisburg Nord zeigen auch auf, wie ein adäquater Umgang mit der Vergangenheit gelingen kann. Der Übergang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist dort wirklich gut gelungen.

Im letzten Jahr fand unter dem Thema „Die Mischung macht’s“ eine Veranstaltung zur Zukunft für das Rheinquartier in Duisburg-Hochfeld statt. Wie wichtig ist Mischung?

Bei dem Thema geht es uns vor allem darum, dass Architekten nicht nur Neubauten realisieren, sondern auch den Bestand und die Geschichte weiterdenken müssen. Und das Berufsbild Architekt sollte dahingehen auch den Kollegen gegenüber geschärft werden. Viele Architekten konzentrieren sich ausschließlich auf das Bauen und wagen den Blick nach rechts und links nicht. Dabei ist genau das so wichtig. Dass Architektur immer in der Stadt stattfindet und nie für sich alleine steht. Wenn ich im Münsterland ein alleinstehendes Haus weiterentwickle, beeinflusse ich damit auch die Umgebung. Und wenn ich in der Stadt ein Haus umbaue, dann muss ich als Architektur auch meine Nachbarn und mein Gegenüber betrachten. Nur so gelingen gute Bauten.


Heinrich Hendrix

hat nach seinem Architekturstudium in Münster im Büro Wolters Partner Architekten BDA Stadtplaner in Coesfeld gearbeitet. Von 1998 bis 2000 war er Büroleiter des Büros cebraLP Communications and design in Birmingham, Michigan, USA, und 2010 als Projektleiter für ein Stadtentwicklungsprojekt in Winnipeg und Regina, Kanada, tätig. 2001 gründete er das Büro HENDRIX Architektur|Städtebau in Duisburg und ist mit Projekten in der Stadtentwicklung, Denkmalpflege und für Kirchenbauten tätig. Er ist Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft StadtLandNet – Netzwerk Architektur Städtebau Landschaftsplanung. Und seit 2014 Vorsitzender des BDA Rechter Niederrhein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.