ULM ERPROBT SCHLAFKAPSELN FÜR OBDACHLOSE

Auch wenn der große Wintereinbruch hier und da noch auf sich warten lässt, so ist es rund um den Jahreswechsel doch ganz schön kalt draußen geworden. Wohl denen, die sich bei Minusgraden in ihr warmes Zuhause zurückziehen können und sich nicht zu den rund 650.000 Menschen zählen müssen, die in Deutschland wohnungslos sind. Das Leben auf der Straße ist ohnehin schon hart, in den Wintermonaten kommt schließlich noch die Angst vor dem Erfrierungstod hinzu. Nach Zählungen des Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe starben im Jahr 2018 mindestens zwölf Obdachlose an Unterkühlung. Entsprechende Notunterkünfte und Angebote der Wohnungslosenhilfe zum Erfrierungsschutz werden bundesweit von den jeweiligen Kommunen zur Verfügung gestellt. Auch die Stadt Ulm verfügt seit vielen Jahren über ein gemeinsames Konzept zum Erfrierungsschutz mit den Trägern der Wohnungslosenhilfe. Bis zum Frühjahr 2020 erprobt die Stadt nun ein ganz besonderes Pilotprojekt: Schlafkapseln für Obdachlose.

Befragung von Betroffenen und Mitarbeitern bei der Caritas in Ulm © Ulmer Nest (Widerstand & Söhne GmbH, Bootschaft GbR)

Die Idee für die sogenannten „Ulmer Nester“ entstand im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ in Zuge dessen die Stadt 2018 verschiedene Projekte auf der Wilhelmburg förderte. Verantwortlich für die Konzeption und Entwicklung des Projektes sind die von der Stadt beauftragten jungen Ulmer Unternehmen „Bootschaft“ und „Widerstand und Söhne“ sowie der Informatiker Florian Geiselhart. Die Ulmer Nester kommen als eine aufklappbare Holzkonstruktion mit Liegefläche im Inneren daher und sollen als Ergänzung zum bestehenden Erfrierungsschutz in der Stadt Ulm dienen. Die Notzuflucht in Form einer Schlafkapsel schützt die obdachlosen Menschen in besonders kalten Nächsten vor lebensbedrohlichen Temperaturen, Wind und Nässe. Die Schlafkapseln richten sich in erster Linie an Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht in regulären Obdachlosenunterkünften unterkommen können. Sei es aufgrund psychischer oder physischer Faktoren, weil kein Wohnsitz in der Stadt vorliegt, oder aber der vierbeinige Begleiter in die Unterkunft nicht mitgenommen werden darf.

Neben bewährten technischen Aspekten wie bspw. einer entsprechenden Wärmeisolation weist die Schlafkapsel auch innovative technische Lösungen auf, die die Sicherheit der Betroffenen sowie die Optimierung des Unterbringungsprozesses gewährleisten. Mit einer geschlossenen Applikation verbundene Sensoren innerhalb der Schlafkapseln geben Auskunft über bspw. den klimatischen Zustand der Notfallbehausung, über Rauchentwicklung oder aber darüber, ob diese derzeit belegt ist. Dank dieser unmittelbar gewonnen Informationen kann das zuständige Team direkt reagieren und sich dem Zustand der Unterkunft oder der betroffenen Person annehmen. Die Schlafkapseln werden also nicht sich selbst überlassen, sondern bestmöglich und effizient kontrolliert, sodass hier auch eine höhere Akzeptanz bei Betroffenen wie auch Anwohnern und Bürgern zu erwarten ist.

Zwei Prototypen des „Ulmer Nests“ befinden sich seit Ende Dezember 2019 auf dem Karlsplatz und dem Alten Friedhof in Ulm. Wenn sich die Schlafkapseln bewähren, dann werden sie in Zukunft sicherlich nicht nur in Ulm besonders bedürftige Obdachlose durch die kalten Monate begleiten.


Beitragsbild © picture alliance / dpa

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