DORIS GRONDKE: DIE ANSTEHENDEN GESTALTUNGSJAHRE ALS CHANCE BEGREIFEN

© Oliver Franke

Sie sind seit Juni vergangenen Jahres neue Stadträtin für Stadtentwicklung und Umwelt der Landeshauptstadt Kiel. Wie haben Sie die Stadt bislang erlebt?

Kiel ist eine Stadt mit einer enormen Wachstums- und Veränderungsdynamik, eine Stadt im Aufbruch. Das spiegelt sich in allen Bereichen der Stadt wider. Die Bevölkerung wächst Jahr für Jahr. Die Hochschulen haben einen exzellenten nationalen und internationalen Ruf und ziehen jedes Jahr neue Studierende an. Die Wirtschaft erlebt sowohl in den traditionellen Branchen als auch in der Wissenswirtschaft und bei den Gründungen von Start-Ups eine große Dynamik. Alles zusammen führt dazu, dass Kiel in den letzten Jahren eine große Sogwirkung nach innen und außen entwickelt hat. Ich erlebe Kiel als eine Stadt im Aufbruch, die sich zunehmend ihrer eigenen Stärken und Alleinstellungsmerkmale bewusst wird. Diese Jahre sind für mich Gestaltungsjahre, d.h. wir erleben ein besonderes Zeitfenster, das es ermöglicht, die Stadt konsequent weiter zu entwickeln. Diese Zeit will ich nutzen.

 

 

Kiel tritt nach außen eher mit einem gewissen Understatement auf. Wie wollen Sie dem entgegenwirken und die Außenwahrnehmung der Stadt stärken?

Dem will ich erst einmal gar nichts entgegensetzen, denn ein gewisses Understatement ist Teil der norddeutschen Mentalität, die ich sehr schätze. Die Kielerinnen und Kieler kennen die Qualitäten ihrer Stadt ganz genau. Diese Qualitäten könnten wir aber noch besser nach außen sichtbar machen. Deswegen arbeitet die Landeshauptstadt Kiel derzeit intensiv mit unterschiedlichen Partnern, d.h. Gründern, den Kielerinnen und Kielern, Hochschulen uvm. an einer neuen Strategie und Projekten zum Standortmarketing. Deswegen freue ich mich auch, dass die Landeshauptstadt Kiel dieses Jahr das erste Mal auf der polis Convention mit einem eigenen Stand vertreten sein wird, um von den unterschiedlichen Projekten und Zukunftsplänen zu berichten.

Das Magazin steht unter dem Schwerpunktthema „Neue Partnerschaften“. Was gab den Ausschlag dafür?

Stadt entsteht nicht von alleine am Schreibtisch, Stadt entsteht durch die, die an ihr mitarbeiten und sie gestalten. In Kiel entstehen neben lange gelebten Partnerschaften auch gerade viele neue Partnerschaften. Sie sind wichtiger Teil der Dynamik, die wir gerade in Kiel erleben. Diese Kraft möchte ich für die Stadtentwicklung noch viel intensiver nutzen, bestehende Partnerschaften intensivieren und neue Partnerschaften entwickeln. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Stadt insgesamt davon nur profitieren kann.

Worin zeigt sich das Neue in diesen Partnerschaften?

In Kiel haben etablierte und vertrauensvolle Partnerschaften zwischen unterschiedlichsten Partnern eine lange Tradition. Dies gibt uns Verlässlichkeit in der Stadtentwicklung. Neu ist, dass sich etablierte Partnerschaften für weitere Partner öffnen und junge Generationen zunehmend mitmischen. Mit dem Bewusstsein, dass es manchmal nur gemeinsam wirklich weit geht, werden Konkurrenten zu neuen Partnern. So haben sich bei der Wohnbauentwicklung der Kai City an der Hörn mehrere Wohnungsbauunternehmen mit unterschiedlichen Entwicklungsschwerpunkten zu einer strategischen Partnerschaft zusammengeschlossen.

Aber auch neue Themen führen zu neuen Partnerschaften: So bringt das Thema „Neue Mobilität“ drei Kieler Hochschulen, die Landeshauptstadt und die Wirtschaft in einer neuen Konstellation zusammen.

Manche Partnerschaften entwickeln jetzt nochmal ganz neue Qualitäten. Als Beispiel möchte ich die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in die Stadtentwicklung nennen. Kiel ist hier mit einer eigenen Leitlinie zur Bürgerbeteiligung schon Vorreiter. Auf diese Grundlage haben wir jetzt weitere neue Diskussions- und Gesprächsformate wie z.B. die „Kieler Perspektiven“ entwickelt, um Bürgerinnen und Bürger noch besser und als echte Partner in die Stadtentwicklung einzubeziehen.

Daher haben wir dieses Magazin zu Kiel zum Anlass genommen, Akteure miteinander ins Gespräch zu bringen und es nicht primär als Leistungsschau für bereits entwickelte und gebaute Ideen zu nutzen, sondern als Motor und Impulsgeber für neue Partnerschaften. Ohne all diese Partnerschaften blieben viele Potenziale der Stadtentwicklung unentdeckt und ungehoben. Das können und dürfen wir uns heute nicht mehr leisten.

Besonders wichtig ist Ihnen das Thema „Baukultur“. Warum?

Baukultur heißt für mich, gemeinsam an der Qualität der Stadt zu arbeiten. Baukultur beschränkt sich dabei nicht auf Architektur, sondern umfasst Stadt- und Regionalplanung, Landschaftsarchitektur, Denkmalschutz sowie die Kunst am Bau und im öffentlichen Raum. Sie kann nur entstehen und gelingen, wenn alle aktiv zusammenwirken und die gesamte Gesellschaft Verantwortung für ihre gebaute Umwelt übernimmt. Baukultur ist für mich daher selbstverständlicher Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Wie wollen Sie Baukultur eine öffentliche Plattform verschaffen?

Zunächst ist mir besonders wichtig, dass Baukultur nicht als elitärer Anspruch verstanden wird, sondern eine Kultur für alle ist. Bauen und Stadt betrifft jeden. Kiel erhebt die Beteiligung der Einwohnerschaft ja sogar in einer Leitlinie zum Programm. Deswegen engagiere ich mich mit den von mir ins Leben gerufenen „Kieler Perspektiven“ für eine öffentliche Diskussion zur Stadtentwicklung. Im Juli wollen wir zudem mit der Bundesstiftung Baukultur die erste Baukulturwerkstatt in Schleswig-Holstein veranstalten. Weil Baukultur Verbindlichkeit und verlässliche Strukturen benötigt, habe ich zudem vor, eine „Charta für Baukultur in Kiel“ zu entwickeln und ein Baukulturzentrum für Schleswig Holstein zu schaffen. Damit möchte ich dazu beitragen, dass Baukultur als wesentlicher Bestandteil erfolgreicher Stadtentwicklung nicht nur respektiert, sondern im täglichen Handeln gelebt wird.

Unter dem Titel „Neue Partnerschaften“ gliedert sich die Ausgabe in drei Themenbereiche: „Stadt & Wissen“, „Stadt & Wasser“, „Stadt & Stadtmacher“. Wieso genau diese Schwerpunkte? 

Weil genau diese Themen den Reiz und die Qualität der Großstadt Kiel ausmachen. Kiel profitiert von einer unglaublichen Lage am Meer, geprägt durch Weltoffenheit und eine wechselvolle Geschichte; von ihrer Bedeutung als Landeshauptstadt mit Sitz der Landesregierung, als Standort von Universitäten und Hochschulen und ihrer multikulturellen Prägung sowie der hohen Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt, die diese aktiv mitgestalten.

Inwieweit sind diese drei Schwerpunkte wichtige Potenziale für die Gestaltungsjahre Kiels?

Kiel ist in allen Lebensbereichen geprägt von der Förde. Sie ist das blaue Herz der Stadt und zieht sich weit in die Stadt hinein. Das bietet eine tolle Lagegunst für die Stadt. Das maritime und touristische Gewerbe profitiert davon in Form von Kreuzfahrtterminals bis zum Werftenstandort genauso wie die Öffentlichkeit von den zahlreichen Häfen für Wassersportler bis zu den langen Uferpromenaden, die an schönen Tagen das Wohnzimmer der Stadt sind. Durch diese einmalige Lage haben sich starke Wirtschaftsunternehmen und Institutionen angesiedelt, die Weltruf besitzen, wie z.B. das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, das nach Fertigstellung des Neubaus von Volker Staab im Jahr 2020 das größte Meeresforschungsinstitut Europas sein wird.

Daneben profitiert Kiel von einer sehr reichen Wissenslandschaft von der Christian-Albrechts-Universit.t über die Fachhochschule, der Wirtschaftsakademie bis hin zur traditionsreichen Muthesius Hochschule. L.ngst beschr.nken sich Lehre und Forschung nicht mehr alleine auf den Campus, sondern wirken in die Stadt hinein. So entstehen neue Wissensquartiere, in denen sich Wissensproduktion, neue Technologien und Start-Ups eng mit Stadtquartieren verzahnen. Hier nehme ich auf allen Seiten eine große Offenheit wahr, neue Modelle der Zusammenarbeit weiterzudenken.

Und schließlich möchte ich natürlich noch die Kielerinnen und Kieler selbst nennen. Kiel besitzt eine sehr lebendige und engagierte Stadtgesellschaft, die sich mit Leidenschaft für ihre Stadt einsetzt und diskutiert. Aus ihr heraus erwachsen viele neue Ideen. Das sind echte Stadtmacher, die nicht nur ihr Quartier, sondern die ganze Stadt prägen. Das betrifft die Entwicklung von Quartieren genauso wie engagierte Einzelprojekte. Ich nehme das wie einen neuen Gründergeist wahr, der durch die Stadt weht und diese Stadt so besonders macht.

Genau diese Bereiche haben wir daher als Schwerpunktthemen für dieses Magazin gewählt.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

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DORIS GRONDKE

Nach dem Schulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Parallel zu ihrer Tätigkeit als Intensivkrankenschwester folgte das Studium der Architektur + Stadtplanung an den Universitäten Hannover und Braunschweig. Nach erfolgreichem Studienabschluss arbeitete sie in verschiedenen Büros in Hannover und Kassel sowie bei ppp architekten + stadtplaner in Lübeck und Hamburg mit, bis sie ihr Amt als Stadtbaurätin in Buchholz in der Nordheide antrat. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Seit Juni 2017 ist Doris Grondke die Stadträtin für Stadtentwicklung und Umwelt der Landeshauptstadt Kiel.

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