JÜRGEN BAHL: WANN ERWACHT DER „SLEEPING GIANT“?

„Hier ließen sich viele Geschichten erzählen, die ohne Hafen nicht möglich wären“ sagte Schimanski Erfinder Hajo Gies anlässlich der langen Filmnacht im Filmforum Duisburg im Oktober 2016 und zeigt zwei wesentliche Dinge meiner Heimatstadt auf: Der Hafen war und ist die Zukunft Duisburgs und einen besseren Marketingbotschafter als Horst Schimanski hätte man für diese unterschätzte und durch vielerlei Gegensätze geprägte Stadt des Ruhrgebiets gar nicht erfinden können.

Während vergleichbare Städte ihren „Claim“ gefunden haben befindet sich die 5.-Größte Stadt Nordrhein-Westfalens und die 15.-Größte Stadt Deutschlands nach wie vor in einer permanenten Findungsphase. Der wirtschaftliche Strukturwandel der Schwerindustrie verbunden mit dem intensiven Abbau von Industriearbeitsplätzen und die Ansiedlung weiterer neuer Zukunftskompetenzfelder sind die großen städtebaulichen Aufgaben Duisburgs. Andauernde negative Nachrichten wie das Loveparade Unglück, die missglückte Erweiterung des Museums Küppersmühle oder der Untersuchungsausschuss zum Landesarchiv erschweren es der Stadt jedoch zusätzlich diese Aufgabe stringent zu bewältigen. Die zahlreichen Personalwechsel in den Schnittstellen der Verwaltung haben die Kompetenz städtebauliche Zukunftsszenarien zu entwickeln zusätzlich geschwächt. Trotz dieser schwierigen Bedingungen gibt es aber auch in Duisburg Projekte, die eine zukunftsweisende Richtung einschlagen und die Bodenständigkeit dieser Stadt mit architektonischen Visionen in Einklang bringen und so einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, wie es immer das Ziel von Architektur sein sollte.

Drei städtebauliche Projektentwicklungen der letzten Jahre haben Duisburgs Kraft und Fähigkeit zu Erneuerung und Zukunftsvisionen aufleuchten lassen. Bei allen drei städtebaulichen Entwicklungen ist das Büro Foster + Partners aus London die treibende Kraft, die Identität und Zukunftsfähigkeit der Stadt zu stärken.

Der Innenhafen

Der Dienstleistungspark Duisburg-Innenhafen, ein IBA Projekt der 90er, ist sicherlich eines der städtebaulich und wirtschaftlich glanzvollsten Projekte Duisburgs. Foster + Partners und das Team Kaiser/THS/LEG brachten in den 90ern weltstädtisches Flair in das bis dahin mausgraue Hafenquartier. Das Eurogate sollte zum strahlenden Wahrzeichen des Innenhafens werden. Die Installation einer städtischen entscheidungsfähigen Entwicklungsgesellschaft mit wirtschaftlich und architektonisch qualifizierten Zielvorstellungen führte das Projekt zum Erfolg in der Immobilienwirtschaft. Das Eurogate, von der Wettbewerbs-Jury 1992 als „Schlüsselprojekt“ bezeichnet, konnte jedoch leider nie realisiert werden. Der Stadt gelang es nicht, die Möglichkeiten der Immobiliennutzung oder die Interessen der Investoren zeitgleich zu verbinden. Allerdings zeigt sich auch am Beispiel Innenhafen, dass man in Duisburg nicht aufgibt, selbst wenn ein Projekt nicht realisiert wird. Das Eurogate hat für den Innenhafen eine Katalysator-Funktion eingenommen und ist so ironischer Weise ohne eigenes Fundament zum Fundament des Innenhafens geworden. Mit Bahl Architekten sind wir an diesem Standort insgesamt mit sechs Projekten am Gesamterfolg des Innenhafens entscheidend beteiligt. Die Umnutzung des Speichers Allgemeine, das BHI, der Looper, das Hitachi Power Office, das LZPD 2 und das Icon-Gebäude Five Boats stehen für den Imagewandel Duisburgs und für eine Architektur, die den Mensch in seiner Arbeit und Freizeit in den Mittelpunkt rückt. Das Gebäude Five Boats ist so von vorne herein auf Teilhabe am öffentlichen Raum konzipiert, in dem es beispielsweise den Innenhafen Nachts in verschiedenen Farben erleuchtet und den Blick auf den Hafen demokratisiert, denn 80% der Büroflächen haben einen Blick aufs Wasser und sind nicht nur den Unternehmens-Entscheidern vorbehalten. Dieser architektonische Vergemeinschaftungsgedanke, steht bei all unseren Projekten im Mittelpunkt und reagiert in diesem Fall auch spezifisch auf die Identität dieser Stadt.

Der Masterplan Innenstadt

Der Aufbruch den die Entwicklung des Innenhafen Duisburgs gebracht hatte führte zur Beauftragung von Foster + Partners zur Entwicklung des „Masterplans Innenstadt Duisburg“. Dieser wurde im Februar 2007 vorgestellt und hatte die Revitalisierung der Innenstadt als zentrales Kernthema. Wiederum zeigte sich wie wichtig ein konkreter Masterplan mit klaren städtebaulichen Schwerpunkten zur Aktivierung der Potenziale der Innenstadt Duisburgs sind.

Die Duisburger Freiheit

Das Gelände des alten Güterbahnhofs im Zentrum von Duisburg soll zur Vorzeigefläche für den Wandel von der industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensstadt werden. Foster + Partners haben das Projekt Duisburger Freiheit um einen zentralen Park entwickelt. Durch dieses städtebauliche Projekt auf einer 35 ha großen Fläche können insbesondere umweltbezogene, ökonomische und architektonische Ziele im Sinne einer Nachhaltigkeit Entwicklung erreicht werden. Mit dieser Planung schien sich das Tor für einen erfolgreichen Strukturwandels Duisburgs und eine positive Wahrnehmung als Immobilienstandort mit Zukunft weiter zu öffnen.

Zwei Ereignisse im Jahr 2010 haben diese positiven Planungen jedoch grundlegend erschüttert. Zuerst erwirbt Kurt Krieger, Eigentümer von Möbel Höffner, von Aurelis das Gelände der „Duisburger Freiheit“ und auf dem alten Güterbahnhof Gelände passiert im Sommer die Loveparade Katastrophe. Durch diese Beiden Ereignisse verlor Duisburg nicht nur seinen damaligen Oberbürgermeister sondern auch langfristig die in der Verwaltung entscheidenden kompetenten Personen und gleicht so zur Zeit einem Schiff ohne Steuermann. Diese komplexe Situation als Chance zu begreifen ist somit gleichzeitig Aufgabe und Herausforderung.

Kaum eine andere Stadt im Ruhrgebiet verkörpert so sehr die Resilienzfähigkeit dieser Region, wie Duisburg. Genau wie Schimanski im Tatort lässt man sich hier aus Prinzip schon nicht unterkriegen, stattdessen versucht man das beste aus der vorhandenen Situation zu machen. Den Duisburgern, die Projekte wie den Innenhafen durch ihre Teilhabe zum Leben erwecken und zu neuer urbaner Bedeutung verhelfen, wäre an dieser Stelle deshalb zu wünschen, dass die Duisburger Bau-Entscheider sich in Zukunft mehr an Schimanski, dem Held dieser Stadt orientieren. Der „Rückerwerb“ der Duisburger Freiheit durch die GEBAG und das Projekt „6-Seen-Wedau“ zeigen, dass die Substanz von Duisburg, mit über 10% Wasserfläche und über 100 km Wasserfront, dem Duisport Hafen und der Verkerhsinfrastruktur zukunftsfähig sind.

Städtebau, Architektur und Bauprojekte in Duisburg sollten das ehrliche und zwischenmenschliche in Vordergrund rücken, das Ego zurück stellen und Projekte von Menschen für Menschen umsetzen die eine kulturelle Vision zelebrieren und nicht nur funktional sind. Denn das was Duisburg ausmacht, ist die Gemeinschaft, die immer in den Zechen und Fabriken, dem Hafen und den Theatern dieser Stadt spürbar war und der Pulsschlag dieser Stadt ist. Wenn es Duisburg schafft diesen Rhythmus nachhaltig in Einklang zu bringen, stehen die Chancen gut, dass ein schlafender Gigant zu neuem Leben erwacht.

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Dipl.-Ing. Jürgen Bahl

geb. 1959. Schloss 1987 sein Studium an der RWTH Aachen als Dipl.-Ing. Architekt ab. Seit 1989 ist er Mitglied der Architektenkammer NRW (AKNW), 1992 wurde in den Bund Deutscher Architekten berufen. Von 1995 bis 2015 war er Mitglied der Vertreterversammlung der AKNW und von 1996 bis 2015 Mitglied des Aufsichtsausschusses des Versorgungswerkes der AKNW. Seit 1990 ist er Partner bei Bahl + Partner Architekten BDA gewesen. 2011 wurde er schließlich alleiniger Inhaber von Bahl Architekten BDA.

 

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