CHRISTIAN SOMMER: THINK BIG

Seit beinah 16 Jahren sind Sie in leitender Position im Feld der Mannheimer Gründungszentren tätig. Im Verlauf dieser Zeit ist das Thema „Startup“ viel stärker in den öffentlichen Diskurs getreten. Wie hat sich die Wahrnehmung für Existenzgründungen über die Jahre verändert?

 Am Anfang meiner Karriere ging es noch primär darum, jungen Unternehmern eine Möglichkeit zu geben, ihre eigene Existenz aufzubauen. Damals war die Existenzgründung klassischerweise ein Geschäft der Wirtschaftsförderung, bei dem vor allem Räume und Beratung zur Verfügung gestellt wurden. Wenn wir heute über Startups reden, sprechen wir über große Perspektiven. Alles dreht sich um Vernetzung und Interdisziplinarität. Das Ökosystem ist der richtige Begriff, um dieses Phänomen zu umschreiben. Zudem spiegelt es die zunehmende Komplexität wirtschaftspolitischer und gesellschaftlicher Prozesse. Digitale Trends durchdringen heute alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens. Vieles, was es vor zwanzig Jahren noch nicht gab, ist aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken. Ein Startup können wir schlichtweg nicht mehr eindimensional betrachten. Gegenwärtige Aufgaben sind es beispielsweise, die Nähe zwischen Arbeit und Wohnen sicherzustellen oder eine funktionierende Nachtökonomie zu betreiben, um die Stadt als Ganzes für Talente attraktiver zu machen. Unser Handlungsfeld ist mittlerweile viel integrierter als es vor vielen Jahren noch war und wir müssen eine Vielzahl von Perspektiven mitdenken. 

In welchem Maße ist das Startup-Ökosystem in dieser zunehmenden Komplexität noch aktiv zu beherrschen?

Es wäre naiv, zu glauben, das Ökosystem in allen Dimensionen zu überblicken, denn mit jeder Schnittstelle, die man schafft, entstehen drei neue. Man muss bestimmte Bereiche definieren, auf die man seine Arbeit konzentriert. Beispielsweise haben wir die internationale Zusammenarbeit mit anderen Ökosystemen als Notwendigkeit festgestellt, da die deutsche Deep-Tech- und High-Tech-Startup-Landschaft noch nicht unserem Bedarf genügt. Dafür haben wir einen starken Mittelstand, der aber in Digitalisierungsthemen zum Teil noch etwas rückständig ist. Wir versuchen also die Brücke zu den Ökosystemen in Moskau oder Tel Aviv zu schlagen, um deren großartige Ideen zu uns zu holen und dann Pilotprojekte mit Industrie und Mittelstand zu initiieren. Doch auch hier können wir uns natürlich nur auf kleinste Teilbereiche konzentrieren, in unserem Fall Industrie 4.0. Es geht es vor allem darum, etwas Neues zu beginnen und eine Dynamik zu entwickeln.

Manch Außenstehender würde diese internationale und visionäre Denkweise wohl nicht in Mannheim vermuten. War Mannheim als Startup-Standort schon vor der Schaffung des Ökosystems relevant oder wurde er es dadurch?

Das Ökosystem basiert in seinem Anfang auf einer strategischen Entscheidung unseres heutigen Oberbürgermeisters. Er erkannte früh, dass Mannheim sich aufgrund des Strukturwandels in den 80er und 90er Jahren vollkommen neu aufstellen musste. Er sah die Notwendigkeit, neue Impulse für die Stadt zu setzen und neue Narrative zu stricken, damit die Stadt anders wahrgenommen wird. Darüber wurden dann andere Themen auf die Tagesordnung gesetzt, die einen nachhaltigen Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft hatten. Er begann mit dem Thema Pop- und Rock-Musik und trug maßgeblich dazu bei, dass Mannheim UNESCO City of Music wurde. Das sorgte dafür, dass Mannheim in anderen Kontexten diskutiert wurde und nicht mehr lediglich als Stadt im Strukturwandel. Das wiederum trug zu einem neuen Selbstbewusstsein der Bürger und einer neue Wahrnehmung der Stadt bei. Darauf aufbauend haben wir weitere Themen angetrieben, zum Teil mit wichtigen Fördermitteln der EU. Unseren Weg haben wir von der Musik über die Kreativwirtschaft fortgeführt und waren immer unter den Ersten bei diesen Themen. In den 90er Jahren war das natürlich zum Teil unserer Not geschuldet, aber immer zugleich auch die Vision unseres Bürgermeisters, der diese Themen konsequent vorangetrieben und unterstützt hat.

Startup Mannheim ist – schon im Namen – sehr stark lokal verankert. Aus den Monolithen, die die Zentren möglicherweise zu Beginn einmal darstellten, strahlen heute wichtige Impulse in das Stadtgeschehen. Welche Vorteile bringt eine lokale Verortung vor allem auch hinsichtlich möglicher Synergien zwischen den Zentren?

Unser Konzept sieht in der Tat eine starke Verankerung im Quartier vor. Das Alte Volksbad beispielsweise hat sich zum Nukleus und Kristallisationspunkt der Kreativwirtschaft in der Neckarstadt-West entwickelt. Es wäre undenkbar, das Alte Volksbad aus der Neckarstadt-West heraus an einen anderen Ort zu transportieren.

Die angesprochene Schaffung von Synergie-Effekten stellt ein weiteres Kernanliegen für uns dar. Die Erkenntnis der letzten zwei Jahre ist, dass die Interdisziplinarität das Erfolgsgeheimnis und der Trend der Zukunft ist. In den vergangenen Jahren wurde oft recht monothematische Cluster gefördert, die in sich geschlossen waren. Heute versuchen wir Projekte zu identifizieren, bei denen verschiedene Zentren gemeinsam arbeiten können. Vor zwei Jahren etwa kamen Mitarbeiter zu mir und sagten, sie hätten eine Idee, wie man Musik und Medizintechnik zusammenbringen könnte. Das Ergebnis ist erstaunlich: In-Ear-Monitoring, also Kopfhörer, die bei Wachoperationen verwendet werden. Zusammen mit dem Fraunhofer Institut wurde dieses Projekt bereits sehr weit gebracht und die Technik wird künftig in den Operationssälen weltweit Einzug halten – davon bin ich überzeugt. Sie birgt viele Anwendungsmöglichkeiten für Logopäden, Operateure und auch Patienten, völlig andere Operationssituationen herzustellen. Diese Projekte, die aus Synergien der Zentren in Mannheim resultieren, versuchen wir derzeit massiv zu unterstützen, denn wir glauben fest daran, dass sie zukünftige Innovationen bestimmen werden.

Was ist Ihre Zwischenbilanz und welche kurz- und langfristigen Ziele verfolgen Sie?

Unsere Zwischenbilanz ist, dass wir uns auf einem guten Weg befinden, allerdings wissen wir, dass dieser noch sehr weit ist. Mittelfristig geht es darum, zukünftige Entwicklungen früh zu adaptieren und früh genug auf das richtige Pferd zu setzen. Im Konkreten ist für uns der Bereich Nachhaltigkeit und Interdisziplinarität noch ausbaufähig, da diese Themen in Zukunft immer wichtiger werden, aber auch Social Entrepreneurship. Mannheim hat nun ein Leitbild verfasst, das sich den Nachhaltigkeitszielen der UN anschließt, und es wird auch unsere Aufgabe sein, uns in diesem Thema einzubringen. Wir versuchen Nachhaltigkeit in Innovationsprozessen mitzudenken. Das Timing bei diesen Prozessen muss gut sein, denn ansonsten verliert man den Anschluss. Langfristig wollen wir Mannheim als Standort für junge Unternehmen fest in der bundesweiten Wahrnehmung etablieren.

Vielen Dank für das anregende Gespräch!

 


CHRISTIAN SOMMER

wurde 1966 in Mannheim geboren. Nach einigen Stationen im Bereich des Künstlermanagements fand er sich 2003 als Geschäftsführer des Musikparks Mannheim wieder. Über eine Tätigkeit als Geschäftsführer des MAFINEX Technologiezentrums, gelangte der Musikliebhaber zu den Mannheimer Gründerzentren und Startup Mannheim, das er seit 2011 leitet. Darüber hinaus engagiert sich Christian Sommer als Beiratsmitglied der Mannheimer Versicherung, der Popakadamie Baden-Württemberg, der Stadtmarketing Mannheim GmbH sowie als Mitglied des Vorstandes des BVIZ (Bundesverband der deutschen Gründungs- und Innovationszentren) und im Rotary Club „Mannheim Brücke“.

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