SILKE PEDERSEN: ZUHAUSE IN DER WELT

„Was ist Heimat?“

Die Recherche zum Begriff „Heimat“ liefert keine einheitliche Definition. Darüber hinaus gibt es für den deutschen Begriff kein Pendant in englischer Sprache. Der Schweizer Autor Max Frisch sagte sogar einmal, das Wort „Heimat“ sei unübersetzbar. In der Tat ist er ein emotionaler Begriff, der Geborgenheit und Zugehörigkeit symbolisiert und für viele der Inbegriff von Herkunft ist oder des Ortes, wo das Elternhaus steht.

Für mich ist Heimat eine Variable. Ich bin in Norddeutschland geboren und aufgewachsen, mit einem Dänen verheiratet, habe mit ihm und unseren Kindern 17 Jahre in verschiedenen arabischen Ländern gelebt, darunter Bahrain, Saudi-Arabien und Katar.

Seit drei Jahren leben und arbeiten wir nun in Dänemark. So wohl ich mich in Dänemark auch fühle, befällt mich doch immer wieder das Gefühl von „Heimweh“ zu fast allen Orten, an denen wir gelebt haben. Ein „Heimweh“ aus den verschiedensten Gründen. Dennoch würde ich all diese Orte trotzdem nicht als Heimat bezeichnen. Wenn wir an diese Orte zurückkehren, ist es nur noch ein Besuch. Und das schließt tatsächlich auch die Orte ein, an denen ich aufgewachsen bin. Selbst hier fühle ich mich mittlerweile als Gast und nicht mehr wirklich dazugehörig.

Wie kann das sein?

Elizabeth Liang, eine Schauspielerin, die in sechs verschiedenen Ländern aufwuchs, Tochter von Eltern aus Guatemala und Amerika, mit Wurzeln in China, Spanien, Irland, Frankreich, Deutschland und England, sagte einmal: „Ich bin nicht von einem Ort, ich komme von Menschen.“ In ihrem faszinierenden Theaterstück „Alien Citizen“ erklärt sie, wie der Mann, in den sie sich verliebte, zu ihrer Heimat wurde. Nicht ein Platz, sondern Menschen und Gefühle sind ihre Heimat.

Fest steht: Reisen verbindet, aber es entfernt auch. Das mag zunächst ironisch klingen, denn die meisten Menschen reisen mit dem Ziel, sich mehr mit der Welt zu verbinden. Doch wer in Vollzeit lange genug um die Welt zieht (ich rede hier von Jahren) wird sich wahrscheinlich zu vielen Orten und Menschen eher distanziert als verbunden fühlen – so meine Erfahrung. Jeder Ort, an dem wir lebten, hat mich verändert, bzw. einen Eindruck hinterlassen. Ob es die Art ist, wie ich spreche oder Angewohnheiten, die ich mir angeeignet habe oder Ansichten und Ideen, die meine Perspektive veränderten. Macht mich das jetzt für immer zu einem Outsider? Immer ein wenig anders? Vielleicht.

Heimat ist für mich nicht länger ein Ort, sondern vielmehr ein Gefühl. Sich einzuleben in einer fremden Umgebung/Kultur ist wie das Erlernen einer neuen Sprache. Es gibt verschiedene Phasen. Wenn du erst einmal die Grundstruktur, die „Grammatik“ erlernt hast, dann hast du bereits eine wichtige Zwischenstufe erreicht. Doch bis du die Kultur „fließend“ verstehst, vergehen zum Teil einige Jahre. Erst dann fühlst du dich in ihr Zuhause.

Dazu gehört auch, sich immer wieder aufs Neue ein soziales Netzwerk aufzubauen und auszuloten, was man mit den Menschen in der neuen Umgebung gemeinsam hat und was einen von ihnen unterscheidet. Für meine Kinder ist der Heimatbegriff noch abstrakter als für mich: Mutter deutsch, Vater dänisch, aufgewachsen in fünf verschiedenen Ländern (den Großteil davon in der arabischen Welt), stets internationale Schulen mit 50+ Nationalitäten besucht.Unser Sohn lebt und studiert in Tallinn/Estland, unsere Tochter in Aalborg/Dänemark. Auf die Frage, was für sie Heimat ist, antworteten beide, dass dies ein abstrakter Begriff sei, zu dem sie überhaupt kein Verhältnis haben. Zuhause ist für sie, wo sie gerade sind und ihren Alltag leben. Aber eine Heimat, in die sie zurückkehren könnten, kennen sie nicht. Für beide gilt „zuhause ist überall, nirgends ist zuhause.“ Sie haben Beziehungen zu allen Kulturen aufgebaut, von denen sie umgeben waren und umgeben sind, ohne aber eine davon vollständig aufzunehmen. Obwohl Elemente von jeder dieser Kulturen in ihren Lebenserfahrungen assimiliert wurden, basiert das Zugehörigkeitsgefühl auf der Relation zu anderen Menschen mit gleichem oder ähnlichem Hintergrund und nicht auf EINER bestimmten Kultur oder einem bestimmten Land. Die Assimilation von verschiedenen Kulturen bringt mit sich, dass sich beide beinahe jeder neuen Umgebung problemlos anpassen können. Deshalb nennt man Menschen, mit einem Hintergrund wie dem meiner Kinder auch „kulturelle Chamäleons“.

Seit ihrer frühesten Kindheit haben sie gelernt, dass die Welt voller Unterschiede ist, dass Gemeinschaften auch mit anderen sozialen Normen funktionieren können und dass jede Kultur ihre eigenen inhärenten Wertvorstellungen hat. In einer Welt, mit einer stetig wachsenden Zahl von globalen Arbeitsnomaden müssen auch Städte und Gemeinden sich Gedanken machen, wie sie mit diesen temporären Mitbürgern umgehen wollen. Sie sind eine wichtige Ressource für die Wirtschaft und Industrie und sie wählen gezielt ihre Arbeitsplätze danach aus, wo sie für sich und ihre Familien die besten Rahmenbedingungen finden.

Die Stadt Esbjerg ist die am schnellsten wachsende Stadt in Dänemark. Um sich selbst attraktiv zu machen für Fachkräfte aus der ganzen Welt, hat man einen „Tilflytterservice“ (Newcomer Service) für Neubürger eingerichtet. Hier hilft man u. a. dem mitreisenden Partner bei der Jobsuche, berät bei der Wohnungssuche, sorgt für Plätze in Schulen und Kindergärten und organisiert Veranstaltungen und Ausflüge, bei denen Stadt, Land, Kultur und Leute nähergebracht werden. Die Neubürger können sich so sehr schnell sozialisieren. Es gibt Müttercafés, Jobcafés, internationale Spielgruppen für die Kinder, gemeinsame Kneipen-Touren und viele weitere Angebote. Die mitreisenden Partner bekommen ihren eigenen Sachbearbeiter für die Jobsuche. Dieser hilft nicht nur entsprechende Jobangebote zu finden, sondern auch bei der Bewerbung und trainiert sogar Bewerbungsgespräche mit den Probanden. In Esbjerg hat man verstanden, dass man gute Arbeitskräfte nur dann gewinnt, wenn sich alle in der Familie willkommen fühlen und schnell einleben können.

Und so haben wir – als kleine Familie – nun anstelle eines Heimatortes einen Freundeskreis, der genauso viele unterschiedliche Nationalitäten, Religionen und politische Ansichten hat, wie die Vereinten Nationen. Kleiner Fun-Fact zum Abschluss: Selbst der internationale Social-Media-Gigant Facebook hat noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt und gibt globalen Bürgern wie uns nicht die Möglichkeit, mehrere Heimatorte zu benennen.


SILKE PEDERSEN

wuchs im Elbe/Weser Dreieck in Niedersachsen auf. Aufgrund der beruflichen Laufbahn ihres dänischen Ehemanns lebte sie mit ihren Kindern in Deutschland, Dänemark, Bahrain, Saudi Arabien und Qatar. Während ihrer Zeit im Ausland arbeitete sie im arabischen Raum als Tour-Guide, als Sekretärin in einem englischen Social Club in Bahrain, als Bibliothekarin am britischen Konsulat in Jeddah, als Aquarobic Trainerin in Qatar und war Vorsitzende des School Advisory Committees an der Bahrain School, einer internationale Schule unter der Schirmherrschaft des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Seit 2017 lebt Silke Pedersen mit ihrer Familie in Dänemark.

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