PROF. DR. CHRISTOPH GRAFE: BREMEN – GESCHICHTE UND EIGENSINN

© Franky Verdickt

Wie kommt eine Stadt im 21. Jahrhundert an? Wenn es nach Daniel Libeskind geht, braucht es dafür eine Skyline, die Modernität und Fortschritt verkörpert. So muss man wohl das Projekt verstehen, das der Architekt, der sich im Gegensatz zu einem sicher nicht weniger renommierten Kollegen wie David Chipperfield mit dem Zusatz “Star” schmücken lässt, in Bremen aus dem Hut gezaubert hat. Braucht Bremen also ein 270-Millionen-Euro-Projekt – diese Zahl nennen die Auftraggeber, vielleicht als Köder für Öffentlichkeit und Politik – wenn die Stadt sich im Wettlauf der attraktiven Großstädte zumindest im Mittelfeld behaupten will?

Libeskind, das zeigen die enthusiastischen Reaktionen aus Politik und Wirtschaft, hat einen Nerv getroffen. Die Frage stellt sich damit: muss Bremen aus seinem Schönheitsschlaf geküsst werden, oder gar aus einer Lethargie befreit werden? Wenn man die Debatten in den regionalen Medien verfolgt, könnte man diesen Eindruck bekommen. Die Ankündigung einer unerhörten Vielzahl von Bauinitiativen vor allem für die Innenstadt, samt der historischen Altstadt, und die unter dem Namen Überseestadt firmierenden ehemaligen Hafengebiete, aber auch jene im landschaftlich attraktiven Norden der Stadt, werden ausnahmslos als Zeichen für einen neuen Aufbruch gewertet, der auf wundersame Weise mit der Neuordnung der Länderfinanzen ab 2020 abgestimmt ist, die eine Entspannung für die Situation der Freien Hansestadt bringen soll. Dass die finanzielle Neuordnung wohlmöglich neue Abhängigkeiten schafft, keineswegs aber eine Lösung der fehlenden Steuergerechtigkeit, stört wenige und scheint für die Stadtentwicklung ein Nebenthema. Gleichwohl: das etwas blinde Vertrauen auf die Solidarität anderer, anstelle des Einforderns einer gerechteren Verteilung der Steuereinkünfte mag in realpolitische Überlegungen passen, ein Zeichen von Selbstbewusstsein ist es eher nicht.

Und das könnte dann doch auch ein Problem für das Denken über die Zukunftsentwicklung der Gestaltung der Stadt bedeuten, die auf einer gewissen Unsicherheit in der Selbsteinschätzung beruhen würde. Wenn Christian Jacobs, dessen Familie mit ihrem finanziellen Engagement für die gleichnamige Universität und das innenstädtischen Balgequartier neue Maßstäbe eines stadtgesellschaftlich aktiven Unternehmertums setzt, darauf hinweist, dass Bremen die einzige ernstzunehmende Großstadt zwischen Hamburg und Amsterdam ist, kann er sich seiner Heimatstadt einer skeptischen Reaktion sicher sein. Dass eine Stadt von 570.000 Einwohnern, mit einer einzigartigen Tradition städtischer Autonomie (und deren baulichem Ausdruck, das zum UNESCO Welterbe gehört); dass eine solche Stadt sich gern auch als „Dorf mit Straßenbahn“ sieht – man mag es als Ausdruck hanseatischer Bescheidenheit sehen oder als norddeutschen Realismus, ein Zeichen von Ehrgeiz oder auch nur eine Widergabe der wirklichen Verhältnisse ist es nicht. Denn Bremen ist eben nicht nur die grünste und fahrradfreundlichste Stadt in der Kategorie der Großstädte mit über einer halben Million Einwohnern in der Bundesrepublik und, nebenbei, eine der zehn größten Industriestandorte. Es ist auch völlig unverwechselbar in seiner Lage am Fluss und in der weiten Ebene und wegen der Besonderheiten des architektonischen Erbes. Und übrigens auch wegen der Silhouette: die beiden Domtürme, die sich schon aus der Ferne gegen den norddeutschen Himmel abzeichnen.

Der Aufbruch, den Politiker und Bürger sich wünschen, braucht eine Vision. Um genau diese wird in Bremen gerade mit einer ganz neuen Leidenschaft gestritten, weil es um viel geht. Die von dem Unternehmer Kurt Zech initiierte Ideenmeisterschaft 2018 für die Entwicklung der Innenstadt kommt zu einer Zeit, in der das Nachkriegsmodell der City mit Großwarenhäusern in Bremen wie überall in den letzten Zügen liegt. Kann ein neues Einkaufszentrum die Metropolenfunktion der Stadt verstärken oder sollte eher das innerstädtische Wohnen stimuliert werden? Wie kann die Überseestadt mehr werden als ein monofunktionales Wohngebiet? Welche Optionen für die Verdichtung der Stadt gibt es und welche Konzepte für die Mobilität in einer Großstadtregion, die zusammen mit dem Umland fast eine Million Einwohner hat?

Mit diesen Fragen steht Bremen natürlich nicht alleine da, sie stellen sich in vielen europäischen Großstädten. Die Besonderheit in Bremen ergibt sich eher aus der nicht beantworteten Frage, welche Formen großstädtischer Entwicklung hier realistisch und passend sind. Denn die kleinteilige Stadtstruktur der Wohnquartiere mit ihren Bremer Reihenhäusern, die vielen Grünanlagen und die aufgelockerten Siedlungen der Nachkriegsjahrzehnte haben aus Bremen eine verstädterte Landschaft gemacht, für die punktgenaue und kontextuelle Verdichtungsstrategien entworfen werden müssen. Es gibt nämlich durchaus Entwicklungsbedarf auch außerhalb des Stadtzentrums. Nicht nur in den Großsiedlungen, deren Transformation in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von exemplarischen Projekten für Rückbau und Verdichtung angegangen wurde. Sondern auch in den augenscheinlich unproblematischen Quartieren mit überwiegend privatem Wohneigentum, für dessen notwendige Modernisierung die bekannten Steuerungssysteme nicht ausreichen. Hier bräuchte es ein neues Instrumentarium, das es Eigentümern ermöglicht, Wohnungen zu verbessern und einen Teil des dringend benötigten neuen Wohnraums in der wachsenden Stadt zu schaffen. Und auch von Ideen für öffentliche Freiräume, die zum Konzept einer „entspannten Urbanität“ gehören würden, die zu Bremen passt.

„Diese Stadt ist echt, und echt ist selten.“ Das schrieb Joachim Ringelnatz den Bremern in ihr Poesiebuch. Man würde sich wünschen, dass die Transformation, die zu einer wachsenden Stadt gehört, diese Echtheit zu Tage fördert. Und auch, dass sie das Vermögen zur Unterscheidung zwischen Pose und Substanz aktiviert, das eigentlich eine ur-bremische Tugend ist. Bremen, die Stadt des 21. Jahrhunderts, ist eine vielleicht eine andere, als Libeskind mit seinen gläsernen Turmbauten abbildet, aber sicher keine Chimäre: sie ist eine lebendige und facettenreiche Stadtlandschaft, durchmischt und mit sich selbst im Gleichgewicht, eigensinnig und offen für Neues – aber eben mit echtem Charakter.

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PROF. DR. CHRISTOPH GRAFE

ist Architekt, Kurator und Autor. Neben seiner Professur für Architekturgeschichte und -theorie an der Universität Wuppertal war er von 2011 bis 2017 Direktor des Flanders Architecture Institute in Antwerpen. Er hat Gastprofessuren an der Universität Hasselt (Belgien) und am Politecnico di Milano inne. Sein Buch People’s Palaces – Architecture, Culture and Democracy in Post- Western Europe wurde 2014 veröffentlicht. Er ist Redakteur von OASE und Verleger/Redakteur von Eselsohren, Mitglied des Redaktionsbeirats des Journal of Architecture (RIBA) und des Beirats des Baukunstarchivs Nordrhein-Westfalen. 2015 war er außerdem als Interims-Stadtplaner in Antwerpen tätig.

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