OLIVER FRESE UND PROF. JOHANNES BUSMANN: ALLE ZEICHEN AUF ZUKUNFT

© Berenika Oblonczyk

Herr Frese, Sie sind vor Kurzem mit der Messe Kind und Jugend gestartet, darauf folgte die Internationale Dental-Schau und schließlich die Anuga; die Koelnmesse ist also mitten in einem Re-Start nach der Corona-bedingten langen Pause. Herr Prof. Busmann, Sie haben im September erfolgreich die polis Convention umgesetzt. Daher die Frage an Sie beide: Wie beurteilen Sie die Zukunft von Live-Formaten? Welche Erfahrungen haben Sie mit hybriden Veranstaltungen gemacht?

Frese: Die Corona-Zeit hat gezeigt, dass die Digitalisierung auch nur begrenzte Möglichkeiten bietet. Begrenzt heißt: Es ist sehr effizient, sich im digitalen Raum zu treffen. Es ist sehr strukturiert und Gesprächsziele werden mit wenigen Umwegen erreicht; aber was definitiv fehlt, ist der persönliche Kontakt oder auch die Zufallsbegegnung, wie wir sie immer wieder auf unseren Messen erleben. Dass wir Menschen soziale Wesen sind, die persönliche Begegnungen aktiv suchen, haben die jetzt wieder angelaufenen Veranstaltungen eindrucksvoll gezeigt. Ich habe auf der Anuga so wirklich starke Emotionen erlebt. Es lag ein großes Glücksgefühl in der Luft, dass man nun endlich wieder Business von Angesicht zu Angesicht miteinander tätigen kann. Deswegen glauben wir auch ganz fest an die Zukunft von physischen Begegnungsstätten, von Live-Events. Dennoch ist klar: Auch Messen werden sich verändern. Wir bewegen uns gerade weg von reinen Ausstellungen und hin zu interaktiven Plattformen, bei denen der Event-Charakter und der Know-how-Transfer immer stärker in den Vordergrund rücken. Kongress, Inspiration, Networking – das alles wird immer wichtiger. Es gilt also, Räume zu schaffen, in denen Peers aufeinandertreffen. Zudem wird auch die Messehalle noch digitaler werden, das hat die Corona-Krise beschleunigt.

Busmann: Ich glaube, dass die persönliche Begegnung Vertrauen schafft und beim Kennenlernen zwischen Menschen Verbindlichkeit und Verlässlichkeit zugrundelegt. Die digitale Kommunikation dagegen erleichtert die Informationsvermittlung und die gezielte Unterstützung bei Arbeitsprozessen. Messen werden in Zukunft daher viel stärker darauf ausgerichtet sein, Orte der Vertrauensbildung zu sein und dafür ein Setting bereitzustellen, das inspirierend, anregend und atmosphärisch attraktiv ist.

Lassen Sie uns über Ihre gemeinsame, neue Messe, die polisMOBILITY, sprechen. Weshalb befassen Sie sich mit dem Thema Mobilität, und wie kam Ihre Kooperation zustande?

Frese: Das Kompetenzfeld Mobilität begleitet uns schon seit vielen Jahren. Wir haben mit der TIRE COLOGNE eine Produktmesse zum Thema Reifen im Programm, die INTERMOT ist die größte deutsche Zweiradmesse. In diesem Zuge haben wir gesehen, dass das Segment Mobilität eine große Marktdynamik aufweist und die Gesellschaft – im wahrsten Sinne – bewegt. Die Mobilität der Zukunft wird in den Städten der Zukunft entschieden, die ein vielfältiges Mobilitätsangebot aufweisen müssen, um lebenswert zu sein und den Folgen des Klimawandels standzuhalten. Aus diesem Kontext entstand das Bedürfnis, eine Veranstaltung ins Leben zu rufen, die eben genau diese Themen behandelt und zusammenbringt.

Busmann: Die größten Herausforderungen, denen sich gegenwärtig die globale Gesellschaft stellen muss, stehen mit dem Klimawandel in Verbindung. Die Potenziale der Digitalisierung, Energiewirtschaft und Mobilität als weltweit relevante Schlüsseltechnologien bieten uns die Chance, die Lebensbedingungen künftiger Generationen lebenswert zu gestalten. Dies ist Aufgabe und Verpflichtung zugleich. Die Entwicklung der Mobilität, also der Frage, wie ich mich künftig im Raum von A nach B bewege, wird hier ein entscheidender Impulsgeber sein. Aus anderer Perspektive diskutieren wir, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen und können. Die weltweite Urbanisierung nimmt zu und verändert die Lebensbedingungen in unseren Städten, im städtischen Umland, in den urbanen Regionen und Agglomerationsräumen. Insofern liegt es auf der Hand, die gegenwärtigen technologischen Impulse und die Grundlagen zur Entwicklung unserer Lebensräume zusammenzudenken. In der Stadt entscheidet sich die Mobilität von morgen, und die technischen Möglichkeiten einer künftigen Mobilität bedingen die Qualität einer lebenswerten Stadt. Daher können wir nur mit dem Blick auf die polis die zentralen Fragen einer neuen Mobilität lösen.

Worin liegt die grundsätzliche Herausforderung, die wir zu leisten haben?

Busmann: Die Idee der funktionsgetrennten Stadt hat seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wesentlich die Stadtentwicklung geprägt. Wohnen, Arbeiten, Versorgen räumlich zu trennen und Stadt zu gliedern, ist bestimmende Größe für unseren Alltag geworden. Der Siegeszug des Autos und damit der individuellen Mobilität definierte den Wiederaufbau der Städte nach dem Krieg. Die autogerechte Stadt ist das Bild, das den Raum prägte und mit dem wir groß geworden sind. Vor dem Hintergrund von Nachhaltigkeit, Klimaneutralität und Ressourcenschonung haben sich die Prämissen grundsätzlich geändert. Wie können wir unnötige Mobilität vermeiden? Wie schaffen wir lebenswerte Stadträume? Welche Formen der Mobilität unterstützen uns? Wie gelingt ein soziales Miteinander? Wie kann gewährleistet werden, dass jeder am städtischen Raum Anteil hat? Daher geht es seit Langem bei der Stadtentwicklung um eine Durchmischung von Funktionen, um eine sinnvolle Verdichtung und eine mobile Infrastruktur, die vielgestaltig, also multimodal, ist.

Vor allem aber müssen zwei Sektoren mitgedacht werden, die die Mobilität rasant verändern: Digitalisierung und Energie. Wie muss die Infrastruktur in der Stadt beschaffen sein, um Elektromobilität in der Breite zu ermöglichen? Wer stellt diese überhaupt bereit, wer hat die Verantwortung? Und wer bezahlt die Mobilitätswende? Dies sind entscheidende Fragen, die uns gemeinsam bewogen haben, in Deutschland ein Format zu schaffen, das der Komplexität und Interdisziplinarität einer künftigen Mobilität Rechnung trägt: hier in Köln, im Rheinland, in Nordrhein-Westfalen, im größten Agglomerationsraum Europas. Mit der polisMOBILITY wollen wir ein Format bereitstellen, das alle Beteiligten zusammenruft, um gemeinsam nach Lösungen für die Zukunft der Mobilität in den Städten von morgen zu suchen.

Das heißt, Sie möchten mit der polisMOBILITY eine Art Blaupause schaffen, die von Köln aus in die ganze Welt getragen werden kann? Wie kann dies gelingen? Wie ergänzen sich die Koelnmesse und Müller + Busmann dabei als Partner?

Frese: Eine unserer Kompetenzen oder Qualitäten ist unser internationaler Ansatz. Wir verfügen über ein starkes internationales Netzwerk: Das bedeutet etwa, dass wir die Möglichkeit haben, in über 100 Ländern dieser Welt die Märkte anzusprechen und dort Partner für die Veranstaltung einerseits und Besucher andererseits zu gewinnen. Darüber hinaus besitzen wir eine starke Kommunikationskraft, über die wir im positiven Sinne die Zielgruppen genau bedienen können, um die polisMOBILITY in den Markt hineinzutragen.

Zudem sind wir politisch, auch global, exzellent vernetzt und werden diese Veranstaltung dementsprechend in die relevanten Gremien hineinbringen, so auch gemeinsam mit Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Köln ist die viertgrößte Stadt in Deutschland und hat international spannende Partnerstädte, mit denen ein inhaltlicher thematischer Austausch möglich ist, der für unser gemeinsames Vorhaben grenzübergreifend Aufmerksamkeit schafft. Im Übrigen hat schon unsere Studie, die wir mit dem DLR gemeinsam erstellt haben, gezeigt, dass diese Themen von unterschiedlichen Städten mit ganz unterschiedlichen Lösungsansätzen angegangen werden – und der Bedarf, sich auszutauschen, immens ist. Mit diesem neuen Format möchten wir genau in diesen Austausch treten und die Themen sektorübergreifend adressieren, sichtbar machen und inhaltlich diskutieren.

Dazu bedarf es auch starker Expertise im Bereich der Stadtentwicklung. Und an dieser Stelle kommt Prof. Johannes Busmann ins Spiel.

Busmann: Tatsächlich ist es eine Arbeitsteilung, die man sich eigentlich idealisierter und optimierter hätte gar nicht vorstellen können. Mit unserem polis Magazin befassen wir uns seit 30 Jahren mit dem Thema Stadtentwicklung. Publizistisch, verlegerisch sowie über unsere führende Branchenveranstaltung polis Convention haben wir in diesem Punkte eine sehr breite öffentliche und private, unternehmerische Community, deren Diskussionen immer wieder in der Frage kulminieren: Was wird aus der Stadt von morgen werden und wie soll sie sich entwickeln?

Unser Part in dieser Kooperation sind daher die Differenzierung und Aufarbeitung der inhaltlichen Fragen des Themas Mobilität, sowohl für den Konferenzbereich als auch die redaktionelle Begleitung. Hier bringen wir unsere verlegerische Tätigkeit unter anderem auch mit Publikationsprodukten ein.

An diesen Punkten greift die Partnerschaft von beiden Richtungen exzellent ineinander. Und sie zielt darauf ab, mit der polisMOBILITY einen inspirierenden Begegnungsraum für die Akteure einer neuen Mobilität für die Stadt von morgen zu etablieren.

Das klingt nach mehr als einer reinen Mobilitätsmesse, denn an der Stelle könnte man natürlich zu Recht fragen: Warum noch eine? Es gibt schließlich diverse Mobilitätsveranstaltungen, deutschland- und europaweit. Sie möchten aber über den rein präsentierenden und auch den performativen Charakter hinaus eine inhaltliche Entwicklung des Themas leisten, und dies ganzheitlich. Sie nannten soeben das Stichwort Sektorkopplung. Wer ist denn Ihre Zielgruppe, welche Akteure möchten Sie ansprechen und was ist das Besondere der polisMOBILITY?

Busmann: Hinter dem Begriff Sektorkopplung verbergen sich zentrale Industriebranchen: Digitalisierung, Energiewirtschaft, der Bereich der Mobilitätsindustrie. Wir haben diese Sektoren früher nicht umsonst Sektoren genannt, also diese als einzelne Teile betrachtet. Wir merken aber zunehmend, dass diese Sektoralität kein Gewinn mehr ist, weil die Impulse für neue Technologien nur sektorübergreifend entstehen. Was wir mit der polisMOBILITY in den Mittelpunkt stellen, ist die Begegnung der Mobilität mit der Energiewirtschaft und ihren Akteuren, mit den Akteuren im Bereich der kommunalen Infrastruktur – wie etwa Stadtwerken – oder die Begegnung mit jungen Unternehmen, die sich aus der Perspektive der Digitalisierung – mit Apps etwa – mit dem Thema Mobilität beschäftigen und hier einen ganz anderen Zugang in die künftigen Angebote der Mobilität bringen. Diese sektorübergreifende Begegnung betrifft alle Zielgruppen. Sie ist gleichsam ein genetischer Code der polisMOBILITY.

Darüber hinaus werden die Privatwirtschaft und die öffentliche Hand mit ihren verschiedenen Verantwortungsbereichen in Politik, Verwaltung und Tochtergesellschaften, zunehmend ihre gegenseitigen Abhängigkeiten und Möglichkeiten erkennen. Dieses B2G-Verhältnis – also Business to Governance, private zu public – ist als zweiter DNA-Code der polisMOBILITY hinterlegt. Über die Einbindung in einen öffentlichen Dialog, in einen offenen Austausch mit der Stadtgesellschaft, also den „Citizens“, manifestiert sich das Zielgruppen-Verhältnis B2G2C.

Frese: Dieses komplexe Gefüge wird die polisMOBILITY verkehrsträgerunabhängig abbilden, mit einem 360-Grad-Blick und einer breiten Zielgruppenansprache. Die eine Perspektive ist, wie wir uns bewegen werden – ob mit dem Auto, auf vier oder zwei Rädern, auf der Schiene, in der Luft mit einer Seilbahn oder Booten auf dem Wasser. Die andere ist genau die Frage nach der Infrastruktur, auch der digitalen Infrastruktur zur Steuerung von verschiedenen Mobilitätsformen, und natürlich die Frage nach der Nutzung der Daten sowie der Vernetzung. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die polisMOBILITY keine reine Produktshow sein wird, sondern sich unsere Aussteller und Partner auf konkrete Lösungsansätze fokussieren und diese dem internationalen Publikum präsentieren werden.

Und wie ist bisher der Zuspruch seitens dieser unterschiedlichen Akteure und Zielgruppen?

Busmann: Wir haben einen sehr verlässlichen und sehr erfreulichen Zuspruch aus allen Zielgruppenbereichen erhalten, der uns signalisiert, dass eine solche Initiative als zentral wichtig eingeschätzt wird und man sich beteiligen wird. Darüber hinaus unterstützt die Stadt Köln die polisMOBILITY als kommunale Gastgeberin sehr stark. Wir sind zudem hocherfreut darüber, dass aus dem öffentlichen Bereich der Deutsche Städtetag uns in einer Schirmherrschaft begleitet. Wichtige Unterstützung erfahren wir zudem durch den Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der sich einbringen wird und erhoffen dies auch durch den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), mit dem wir im Gespräch sind. Auf Seiten der Industrie haben sich bereits das Branchen-Cluster automotiveland.nrw sowie der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) als wichtige Zulieferpartner der Industrie, auf Partnerschaften mit der polisMOBILITY verständigt.

Frese: Über die Stadt Köln ist es unser Anliegen, Lösungen für eine Mobilität von morgen in den Stadtraum zu tragen, um unterschiedliche Mobilitätsformen für die Besucher erfahrbar, und zur Veranstaltung im Mai nächsten Jahres auch die bereits vorhandenen Leuchtturmprojekte sichtbar zu machen.

Die Veranstaltung wird im kommenden Jahr erstmalig, um genau zu sein vom 18. bis 21. Mai 2022, stattfinden. Welche Perspektive wünschen Sie sich für das Format polisMOBILITY?

Frese: Ich wünsche mir, dass auf der polisMOBILITY präsentiert und diskutiert wird, wie tatsächlich die Mobilität der Zukunft in den Städten gestaltet werden und auch vor allen Dingen global umgesetzt werden kann.

Ich würde mir wünschen, dass Lösungen gezeigt werden, die heute schon sichtbar machen, wie es morgen sein kann und dass aus Köln heraus Impulse gesendet werden. Es wäre doch großartig, wenn eines Tages tatsächlich Ideen, die hier diskutiert worden sind, die vielleicht sogar auch hier geboren wurden, in den weltweiten Städten und Regionen zu Lösungen führen.

Busmann: Ich würde mich sehr freuen, wenn wir mit der polisMOBILITY Menschen zusammenbringen, die überrascht sind, aus wie vielen unterschiedlichen Perspektiven über Mobilität nachgedacht, geforscht und diese entwickelt wird. Diese Begegnung möchten wir in ein neues Format gießen, das zunehmend zu einem beispielhaften weltweiten Modell werden soll. Denn wir leben in Nordrhein-Westfalen mit Köln als ihrer Metropole, mit einer konzentrierten Industrielandschaft und einem starken Energiesektor im größten Agglomerationsraum Europas mit 18 Millionen Menschen und in unmittelbarer Nähe der niederländischen Metropolregion Randstad.

Es gibt im Grunde keinen referenzielleren Raum als diesen, um über Mobilitätsfragen der Zukunft nachzudenken und für diese technologische Lösungen zu entwickeln. Hier können wir lernen, die Menschen mitzunehmen und für den eingangs erwähnten Dialog zwischen Bürgergesellschaft und Industrie ein neues Fundament zu schaffen. Über diesen Referenzraum können wir eine Dichte von weltweiter Relevanz erzeugen.

Lassen Sie uns zum Abschluss einmal ganz persönlich einen Blick in die Zukunft wagen. Wie stellen Sie sich die lebenswerte Stadt von morgen vor?

Busmann: Ich will mich in meiner Stadt wohlfühlen, zu Hause fühlen und Heimat empfinden. Das alles kann ich dort, wo ich mich sicher, effizient und unkompliziert im öffentlichen Raum bewegen kann. Eine künftige Mobilität ist die, bei der ich nicht mehr darüber nachdenke, was sie kostet, wie viel Zeit ich benötige, welchen Umweltschaden sie verursacht, sondern die einfach verfügbar ist.

Frese: Ich stelle mir eine lebenswerte Stadt vor, in der es kein „Gegeneinander“ der unterschiedlichen Mobilitätsformen gibt, sondern ein „Miteinander“. Ein Verkehr, der – im wahrsten Sinne des Wortes – fließt. Der Verkehr steht nicht stundenlang an Ampeln und produziert Emissionen. Es ist ein Verkehrsfluss, in dem man nicht aufeinander schimpft. In der Stadt der Zukunft ist in meiner Vorstellung die Mobilität sektorübergreifend, emissionsfrei und lärmbefreit. Arbeiten, Einkaufen und Wohnen verschmelzen miteinander.

Vielen Dank für Ihre persönlichen Visionen und den Ausblick auf die polisMOBILITY.

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